Monate: Juni 2017

Warum das #FerranteFever nicht
ansteckend ist: Eine Rezension

Der knapp 450 Seiten schwere Roman »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante ist im Literaturbetrieb eingeschlagen wie eine Bombe und der Auftakt einer vierteiligen Neapel-Saga. Bis Ende 2017 sollen alle Teile in Deutschland erscheinen. Elena Ferrante hat sich als Pseudonym einer anonymen italienischen Autorin entpuppt, hinter dem wahrscheinlich die Literaturübersetzerin Anita Raja steckt. Die Geschichte einer lebenslangen, ungewöhnlichen Frauenfreundschaft Im ersten Roman der Saga wird die Kindheit und frühe Jugend der beiden Freundinnen Elena Greco und Raffaella Cerullo, genannt Lila, erzählt. Die drei Folgeromane werden die Leben der beiden mehr oder weniger chronologisch weitererzählen. Elena ist die Ich-Erzählerin, aus deren Sicht der Leser die Welt der beiden Freundinnen im neapolitanischen Rione mitverfolgt. Eine geniale Freundin? Wir befinden uns im Neapel der 1950er Jahre. Die früheste Jugend der neapolitanischen Kinder, die in der gettoartigen Region des Rione aufwachsen und es nur schwer werden verlassen können, ist geprägt von bitterer Armut und der Gewalt innerhalb und zwischen den alteingesessenen Familien. Außerdem sind die Mädchen den ständigen Gemeinheiten und kleineren Gewalttaten der Jungenbanden ausgesetzt. Doch dominierend für die …

Die Erfindung des Hipsters im Amerika der 40er Jahre: »On the Road«

Ein Buch, das unterwegs gelesen werden muss! Jack Kerouac, einer der Hauptprotagonisten der wilden »Beat-Generation« und Mythos der amerikanischen Literaturgeschichte, schrieb »On the Road« 1951 in nur wenigen Speed-durchzechten Wochen. Dieser kraftvolle und experimentelle Roman war seiner Zeit voraus und galt lange als unpublizierbar und auch, wenn er klar in seiner Entstehungszeit verhaftet ist, bleiben seine zentralen Themen zeitlos und er verliert bis heute nicht im Mindesten an Faszinationskraft. Die »Beat-Generation« auf der Suche nach Heimat, Familie und Gott Erzählt wird die stark autobiografisch geprägte Geschichte des ungewöhnlichen Freundespaars Jack und Neal in den Jahren 1947 bis `49. Die beiden sind Querköpfe, Rastlose, Suchende, Gammler, Schnorrer, Existenzialisten, Romantiker, Künstler. Sie und ihre Gleichgesinnten werden zu den ersten »Hipstern«, einer kritischen, jugendlichen Gegenbewegung zur konservativen und prüden amerikanischen Gesellschaft. In den erzählten drei Jahren führt es die beiden einzeln, gemeinsam und mit Freunden mindestens fünf Mal quer durch die Vereinigten Staaten. Ob sie nun trampen, als Eisenbahnbremser mitreisen, in geklauten und geliehenen Autos davon brausen; immer geht es um das Unterwegssein. Die Straße ist den beiden …

Warum »Moonlight« nicht der beste Film des Jahres ist – eine Filmkritik

Der 2017 mit einem Oscar als »Bester Film« gekürte Film »Moonlight« bewegt die Massen. Barry Jenkins entwirft in diesem Streifen die Lebensgeschichte des Jungen Chiron, die auch seine eigene ist. Der Trailer verspricht ein berührendes Drama über Homosexualität in der afro-amerikanischen Drogenszene. Jedoch scheitert die Umsetzung. Wieso der Film meiner Meinung nach sein Potential nicht vollkommen ausgeschöpft und mich die Umsetzung eher enttäuscht hat, lest ihr hier. (Für mich ist es definitiv nicht der beste Film des Jahres, auf dem Treppchen sehe ich dann doch eher »La La Land«. War die Oscarverwechslung an dieser Stelle vielleicht doch kein so großer Irrtum?)   Inhalt – kurz gesagt i. Little  Chiron ist ein kleiner Junge, der zur Schule geht und von allen nur Little genannt wird. Little ist das Gegenteil von allen anderen Jungen in seinem Alter – sehr ruhig, in sich gekehrt, verschlossen. Kein Wunder, denn er hat mit großen Problemen zu kämpfen. In der Schule muss er sich gegen seine Klassenkameraden verteidigen und zu Hause gegen seine drogensüchtige Mutter, die nur mit sich selbst und …

Humor als Schlüssel zum Leben: »Toni Erdmann« eine Film-Kritik

Maren Ade gelingt ein außergewöhnlicher Streifen, eine Tragikomödie, die ihresgleichen sucht und dem deutschen Film zu ganz neuen Höhen verhilft – einer der besten Filme seit langem! »Toni Erdmann« ist die Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung. In jeder Hinsicht ungewöhnlich und herzerwärmend! Der Musiklehrer Winfried Conradi und seine Tochter Ines haben sich entfremdet. Sie ist nun eine erfolgreiche Unternehmensberaterin in der rumänischen Hauptstadt Bukarest und ihr Lebensstil ist Welten entfernt vom gemächlichen Leben des zum derben Witz und skurrilem Ulk neigenden Vaters mit seinem gealterten Hund Willi. Winfried ist eine durchaus tragisch angelegte Figur. Die Familie kehrt ihm den Rücken, weil sie mit seiner Art, das Leben zu nehmen und seinem gewöhnungsbedürftigen Humor nicht umgehen können und er vereinsamt zunehmend. Er passt einfach nicht rein in die Runde Wein trinkender, durchgestylten Hobby-Jäger und die adretten, gutbürgerlichen Zahntechniker. Und erst recht passt er nicht zu seiner Tochter Ines, die jetsettende Karrierefrau, die in der Unternehmensberatung die „unpopulären Entscheidungen“ trifft, um noch weiter nach oben zu kommen. Doch Vater Conradi lässt es darauf ankommen! Nach dem plötzlichen Tod seines …

Elena Ferrante
»Die Geschichte eines neuen Namens«

»Die Geschichte eines neuen Namens« ist nach »Meine geniale Freundin« der zweite Band der neapolitanischen Saga um die beiden Freundinnen Elena und Lila. Können angelegte Potenziale nun besser ausgeschöpft und Schwächen ausgebügelt werden? Bei dem neuen, oder besser verlorenen, Namen, auf den der Buchtitel anspielt, handelt es sich um Lilas Nachnamen. Von der kleinen wilden Cerullo darf nach ihrer Hochzeit nichts mehr in Signora Carracci übrigbleiben. Der neue Nachname steht für ihre verlorene Identität und Eigenständigkeit, denn nun soll sie so sein, wie der Unternehmer Stefano Carracci sich seine Frau vorstellt. Als klar wird, dass Stefano hinter dem Rücken seiner Verlobten mit den Solaras in Kontakt stand und Geschäfte mit ihnen gemacht, ja sogar Lilas heiligen Schuhprototypen verkauft hat, kommen in Elena die schlimmsten Flucht- und Gewaltfantasien auf. Ihr Hass auf den Rione und seine eigene Politik aus krummen Geschäften und Verstrickungen schweißt sie zwangsläufig mit Lila zusammen. Eine gemeinsame Flucht aus diesem dunklen Loch ihrer Kindheit ist die einzige richtige Reaktion. Oder? »Ja, ich spürte, dass ich mir das wünschte, ich wollte, dass das …