Autor: Lena

Marie Darrieussecq »Unser Leben in den Wäldern«

»Das ist alles nicht gut. Überhaupt nicht gut.« (S. 7) Die französische Autorin Marie Darrieussecq entwirft in »Unser Leben in den Wäldern« eine eindrucksvolle Zukunftsdystopie, auch wenn ihre Motive und Einfälle sehr genretypisch und nicht besonders innovativ sind, kann sie stilistisch mit einer düsteren Atmosphäre und bedrückender Dringlichkeit überzeugen. Wir befinden uns in einer vielleicht gar nicht allzu fernen Zukunft, in der Roboter die meiste Arbeit übernehmen und dem Menschen existenziell Konkurrenz machen, in der Klone als Ersatzteillager im Dornröschenschlaf gehalten werden und es total normal ist, durch technische Implantate und smarte Vernetzungen ständig online zu sein. Mit diesen entscheidenden Schritten in Richtung Digitalisierung wird allerdings auch eine in der Drastik nie dagewesene, umfassende Überwachungspraxis ermöglicht und die Unterscheidung von Mensch und Maschine wird zunehmend schwieriger und letztendlich obsolet. Es ist eine Zukunft des Turbo-Kapitalismus, in der ohne Ausnahme alles nutzbar gemacht und ausgebeutet wird, in der die soziale Ungleichheit immer weiter wächst und Rückgang und Vergiftung der Natur bei gleichzeitigem Wuchern des Urbanen die Gesundheit alles Lebendigen bedroht. Das autoritäre politische System schreckt nach …

#FEMALE PLEASURE – ein Film, der begeistert

Diese Doku berührt, bewegt, klärt auf, packt und treibt uns vorwärts. Sowohl Dramaturgie, Musik, Montage wie Bilder überzeugen und reißen einen mit, bis man am liebsten aufstehen und die Faust – wie auf dem Filmplakat – in die Luft stoßen will. Der Film kommt mit der klaren Aussage: Es geht nicht darum, ein Geschlecht über das andere zu stellen, sondern unser aller Denken muss sich ändern. Ein Thema, das noch immer nicht an Relevanz und Brisanz verloren hat. Ein Film, den unbedingt auch möglichst viele Männer gucken sollten. Fünf Mal Unterdrückung und Kampf Die Doku erzählt die Geschichte von fünf Frauen aus unterschiedlichen Ecken der Welt, die den fünf großen Buchreligionen angehören. Doch egal welche Religion, sie alle legen ihre Heilige Schrift und Glauben so aus, dass sie den patriarchalen Machtanspruch legitimieren und festigen. Frauen werden systematisch als gefährlich, unrein, sündhaft und defizitär erklärt, sie werden kontrolliert, entmachtet und ihre Körper mit Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen belegt. So lernen wir Deborah Feldmann aus einer ultraorthodoxen jüdischen Community in New York kennen, die zwangsverheiratet wurde und schließlich …

Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen? »›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹ ›Dein Vater ist tot?‹ ›Nicht der. Der andere.‹ ›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹ Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18) Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht. »Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede …

Anja Kampmann »Wie hoch die Wasser steigen«

»Das Meer spuckte aus, was es nicht mehr brauchte.« (S. 45) Waclaw arbeitet seit zwölf Jahren auf verschiedenen Ölbohrplattformen auf hoher See, weit draußen im Niemandsland zwischen den Kontinenten. Seit zwölf Jahren hat er die Festlandwelt und dessen Bewohner hinter sich gelassen, wird diese immer bedeutungsloser und blasser. Sogar seine Mutter in diesem furchtbaren Heim und seine große Liebe Milena sind nichts als entfernte Erinnerungen. Doch als plötzlich sein bester Freund und Vertrauter Mátyás bei der Arbeit verunglückt, beginnt für Waclaw alles an Sinn zu verlieren. Er kehrt seinem Job den Rücken und irrt durch Europa auf der Suche nach Halt – zu müde, um ein neues Leben zu beginnen, aber auch in das alte lässt sich nicht zurückkehren. »Einige schafften es, nach ein paar Jahren aufzuhören. Sie legten, was sie verdient hatten, beiseite. Bauten Häuser – kehrten zurück in diese Welten, die über Jahre die Innenwände ihrer Spinde ausgekleidet hatten (…) Andere trieben ab. Ohne zu wissen, wohin die Strömung sie trug. Ohne zu wissen. In all dem war Mátyás einer der wenigen, der …

Susan Sontag »The Doors und Dosto-
jewski. Das Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott«

»Zu leben ist ein aggressiver Akt.« (S. 62) Ring frei – oder besser Salon frei für eine große Denkerin! Susan Sontag, 1933 bis 2004, war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin, die vor allem als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse im Gedächtnis geblieben ist und sich für Menschenrechte einsetzte. »Unsere Gesellschaft ist auf Nihilismus gegründet – Fernsehen ist Nihilismus. Ich meine, Nihilismus ist keine moderne Erfindung irgendwelcher Avantgarde-Künstler. Es steht im Zentrum unserer Kultur.« (S. 59) 1978 traf sie sich zu einem mehrstündigen bzw. -tägigen Interview in ihren Domizilen in Paris und New York mit Jonathan Cott, einem redaktionellen Mitarbeiter des Rolling Stone, der sie als Dozentin während seines Studiums kennenlernte und den seitdem eine Freundschaft zu ihr verband. Die Idee der Gesprächsreihe »Kampa Salon« – eine interessante Schriftenreihe des Kampa Verlags mit grandiosen Covern – ist es, einen leichten Zugang zum gehaltvollen Werk großer DenkerInnen und Literaten zu ermöglichen. Das liegt im Gesprächsformat begründet, das locker, lebendig und abwechslungsreich ist und gut dafür geeignet, Komplexes herunterzubrechen und Überblicke zu gewähren. In diesem Fall allerdings …

Helene Hegemann schaut auf Bungalows

»›Die Welt existiert nur dann, wenn sie auf der Kippe steht.‹« (S. 44) In »Bungalow« beschreibt Helene Hegemann die radikalen Selbstfindungsversuche der jungen Charlie, die zwangsläufig mit Selbstzerstörung und -verlust Hand in Hand gehen. Der Roman berührt durch seine beinahe zerstörerische Kraft, erzählt pessimistisch, schonungslos und bitterböse aus der Sicht der 17-jährigen Charlie von ihrer gestörten Kindheit. Denn ihr Leben als gebrandmarktes Kind durch die psychisch kranke, alkoholsüchtige Mutter ist geprägt von Angst und Scham gegenüber der überforderten Erziehungsberechtigten. Außerdem strotzt es vor Zerstörungswut, Panikattacken, voyeuristischen Streifzügen, Sexfantasien und Eskapaden bei einem nach Identifikation suchenden Schwanken zwischen den Extremen. Charlie wächst in einer tristen, immer apokalyptischer werdenden Welt auf und kämpft mit der Vernachlässigung und Gefährdung, die von ihrer unberechenbaren Mutter ausgeht. Verwahrlosung, Hungerleiden und Gewaltattacken – zu ihren ganz konkreten Ängsten fantasiert Charlie sich noch eine Hand voll fiktiver dazu. »Ich erkannte meine Mutter auch nicht wieder. Die Intensität meiner Ängste stieg proportional zur Abnahme ihrer Zurechnungsfähigkeit. Jede Nacht wurde zu einem Zustand ungezügelter Panik, ich halluzinierte Asteroideneinschläge und mit vergifteten Dolchen bewaffnete Einbrecher.« …

Julia von Lucadou »Die Hochhaus-springerin«

Alles nur zu unserem Besten?! »Die Hochhausspringerin«, Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018, ist ein psychologischer Roman und eine ergreifende, genau durchdachte Dystopie. Vorgeführt wird eine konsequente Tyrannei der Produktivität, eine Welt, in der sich alles um die Leistungserfüllung im Job dreht, und die gar nicht so weit entfernt scheint. Erzählt wird die Geschichte aus dem Observationsblick einer Psychologin, die ihre berühmte Patientin rund um die Uhr beschattet und in Echtzeit analysiert. Sie ist der Schatten hinter den Monitoren, die durch eingeweihte Mitspieler quasi-göttlich in das Leben der gefeierten Hochhausspringerin Riva eingreifen kann und diese wieder gefügig machen soll. Eine unkonventionelle, bahnbrechende Idee verspricht den Durchbruch in ihrem Therapiefall, doch dann droht ein Kontrollverlust nicht nur ein Leben in einer Abwärtsspirale aus den Fugen geraten zu lassen… Dancer of the Sky Nach einem ungewöhnlichen Einstieg in sehr filmischer Schreibweise, in dem wir Riva als Heroine des Himmels mit wehendem Cape in rasantem Sprung – der Star bei einem umjubelten Massenevent – kennenlernen, dann der krasse Bruch: Dieselbe Frau verlässt ihre Wohnung, die sie sich mit ihrem …

Hülle und Fülle: »Das Gedicht & sein Double«

Von Oberflächen und Innenwelten »Das Gedicht & sein Double« ist ein ganz besonderer Fund: Als Portraitfotoband und Gedichtanthologie in einem bildet dieses Formathybrid die Breite und Heterogenität der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ab. Alte, Junge, Etablierte und noch eher Unbekannte kommen gleichermaßen zu Wort, erhalten ein Gesicht und verleihen zugleich der lyrischen Gattung ein solches. Prominenteste Namen dürften da Jan Wagner, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Lutz Seiler, Anne Dorn und Özlem Özgül Dündar sein. Ein Großteil der Gedichte entstand exklusiv für diesen Band. 100 Dichterinnen und Dichter werden durch Dirk Skibas sinnliche Schwarz-Weiß-Portraits als Charaktere ins Bild gesetzt – fotografiert mit Sinn für Details und Augenblicke, aber auch metaphorischer Bedeutungstiefe. Ein Großteil der Autoren lässt sich direkt in die Augen blicken, wobei man stets etwas anderes in ihnen zu erkennen glaubt, und schaut die Leser gleichzeitig unverwandt an. »ich / gerinne nicht zu text.« (Aus: Carolin Callies »kleine grammatologie«) Zu der fotografischen Portraitsammlung gesellt sich jeweils eine poetische Reaktion bzw. textuelle Selbsterkundung des abgebildeten Künstlers. Beide Spielarten des Portraits kokettieren so und stehen in Wechselwirkung miteinander. Beide …

Jennifer Clement »Gun Love«

»Wusstest du, dass für jeden Menschen auf der Welt zwei Kugeln existieren?« (S. 152) Der neue Roman der amerikanischen Schriftstellerin Jennifer Clement spürt einer besonderen Mutter-Tochter-Beziehung irgendwo im Hinterland von Florida nach, die durch einen Mann und seine Pistolen gefährdet wird. Das Setting erinnert sehr an Sean Bakers Kinofilm »The Florida Project«. »Ich? Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man in einem Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen.« Die kleine Pearl lebt seit der Geburt mit ihrer Mutter in einem Auto am Rande eines Trailerparks in einer Wohnwagensiedlung. Auch wenn sie in prekären Verhältnissen aufwächst, mit der ständigen Angst an das Jugendamt verraten zu werden, lebt sie mit ihrer Mutter doch im Hier und Jetzt einer zauberhaft verträumten, heilen Welt. Im Inneren des Ford Mercury wirken andere Kräfte als in der irrsinnigen Welt da draußen voller Waffennarren, Gefahr, Gewalt und Hass. Die Erzählung ist besonders geprägt durch den traumwandlerischen Blick der beiden, durchzogen von Passagen aus Lovesongs und in einer …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …