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Melissa Broder liebt »Fische«

Es wurde bereits in zwei Lager zerfallen über diesen Roman diskutiert, von absurd und schlecht bis witzig und klug ist jede Meinung vertreten, nicht selten sind beide Pole in einer einzelnen RezensentIn vereint. Für mich ist das Urteil eindeutig: Ich bin entsetzt.

Fische und Schwänze

In ihrer Gefall- und Bestätigungssucht macht mich die dysfunktionale Protagonistin Lucy regelrecht aggressiv, wohl auch, weil sie mich an einen kleinen, sehr ungeliebten Teil von mir selbst erinnert. Lucy braucht wahlweise Liebe, Sex und Aufmerksamkeit, um die große kosmische Leere, bedingt durch die Sinnlosigkeit unserer Existenz und die Angst vor dem Sterben, auszufüllen– oder wie Broder das so uncharmant formuliert: Löcher zu stopfen, am liebsten mit Schwänzen. Das Ganze kollidiert mit ihrer Beziehungsunfähigkeit und mündet in den ewig gleichen Konflikt, der einem mit der Zeit ganz schön auf die Eier, pardon auf die Möse geht (im Roman bevorzugte Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsteil), denn »Fische« ist durch und durch Frauenunterhaltung, ein trauriges und deprimierendes, aber mustergültiges Beispiel dieses aufdringlichen Genres.

Lucy neigt zu wahnhaftem und obsessivem Verhalten, zur Überforderung und Selbstmitleid. Nach einem suizidalen Ausflug mit Donuts muss sie eine Therapiegruppe besuchen, in der sich kleinere und größere, doch allesamt hoffnungslose Loser versammeln, die zwischen einsamer Jungfer und Nymphomanin schwanken und der LeserIn zusammen mit Lucy als Projektions- und Kontrastfolie dienen. Eine niedliche Läuterung und Genesung wird dem Leser nicht vergönnt, stattdessen schaut man beschämt zu, wie Lucy durch Tinder zu miesem, herabwürdigendem Sex kommt, sich in die Liebe und Leckkünste des Meermanns Theo und beinahe in den Freitod im Ozean hineinsteigert und im großen Finale schließlich den Hund ihrer Schwester vergiftet.

Der Plot ist dabei eigentlich zu vernachlässigen, es geht um Gefühlswirrungen, das Ringen mit Depressionen und schlechten Entscheidungen. Spätestens mit der Einführung Theos des ‚Schwimmers‘ gerät die Story vollkommen absurd. Zwar erinnert der anti-Disney Meermann zunächst an den Oscar-Gewinner »Shape of Water«, hier wird das Ganze allerdings irgendwie ins Lächerliche gezogen.

Melissa Broder scheint sich genüsslich auf die Sexbeschreibungen konzentrieren zu wollen, dabei formuliert sie sehr explizit und greift auf Porno-Vokabular zurück. Teilweise wirken diese erotischen Stellen grausig verunstaltet, auf eine stümperhafte Weise und zum Fremdschämen geschildert.

Die ewigen, immer gleichen Erklärungen und Einblicke in Lucys Psyche drehen sich wie ein Jahrmarktkarussell im Kreis und glänzen durch Amateur- und Klischeehaftigkeit. Holzschnittartige Hau-drauf-Psychologie aus dem Handbuch Einführung Eins – unglaubwürdig und lächerlich.

Im Ganzen ist der Roman sprachlich unausgereift, unrund und plump, in meinen Augen die eindeutige Diagnose: mies geschrieben!

Mit am meisten hat mich aber das in beinahe jeder Frauenfigur vorgeführte Frauenbild gestört. Ein grauenhaft veraltetes Rollenmodell der Anpassung, schwachen Opferhaltung und Hysterie, welches im Verlauf des Romans nicht überwunden wird. Lucy ist abergläubig und fehlgeleitet und zieht in diesen Unterhaltungs-Fischabfall auch noch die griechischen Mythen im Allgemeinen und Sappho im Speziellen mit hinein – einfach grausig und unpassend, für mich eine Verschandelung und Umdeutung der Altmeister!

Fazit: Finger weg!

Versucht man sich nicht von den plump-pornösen Sexschilderungen abschrecken zu lassen, so schafft es doch die Kombination aus stümperhaftem Pseudo-Psychogramm, absurden Fantasieelementen (doppelschwänziger Meermann), grausigem Schreibstil und schockierendem Frauenbild mir ein Übelkeitsgefühl zu bescheren. Melissa Broder verschont ihre LeserInnen nicht mit den Schilderungen von Menstruationsblut-Splatterorgien, Fischgestank oder Blasenentzündungen. Ein sehr eigenwilliger, schonungsloser, schriller, derber, schlimmer, abstoßender, klischeebeladener, verwirrender Roman jenseits der Grenze des guten Geschmacks! Immerhin das Cover ist ganz nett in seinem Retrostil.

»Fische« von Melissa Broder erschien am 11.05.2018 bei Ullstein, umfasst 352 Seiten und kostet im HC 21,00 €.

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