Alle Artikel in: Literatur

Einer »Von dieser Welt«
– James Baldwin

James Baldwins stark autobiographisch gefärbter Roman erzählt mit unschlagbarer Wortkraft von den inneren und äußeren Auseinandersetzungen eines schwarzen Jungen, der nach seinem Platz in der Gesellschaft sucht, der auf dem Weg Gottes wandelt und ins straucheln gerät, weil es Sexualität versus Glauben heißt. Am Ende steht die Frage: Kann es eine Erlösung durch Gott geben? Wir begleiten John Grimes am Tag seines 14. Geburtstages, an dem er beschließt nicht in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Prediger zu werden. John wächst in einer sehr gläubigen Familie auf, die in Harlem lebt. Die Verbundenheit zu Gott ist groß in seiner Familie und auch John ist sehr fromm und gottesfürchtig. Sein Vater Gabriel ist Reverend in der ansässigen Kirche, und so barsch und abweisend wie er sich John gegenüber gibt, so sehr ist zu spüren, dass sein leiblicher Sohn Roy, sein Lieblingssohn ist. Roy säuft, treibt sich nachts mit zwielichtigen Gestalten rum, gerät in Messerstechereien und gibt einen scheiß auf Gott und vor allem auf das, was sein Vater tut und sagt. Während Gabriel mit Roy …

»Unfog Your Mind« empfiehlt Leander Greitemann gegen Mindfuck, Mindfog und Co.

Als Wolkenfänger gegen den Nebel vorgehen Ratgeber kommen uns äußerst selten in die Tüte… Dieses herrlich gestaltete Sachbuch vom selbsternannten „Live-Philosophen“ Leander Greitemann dagegen, hat uns neugierig gemacht. Wie umgehen mit dem Nebel in unseren Köpfen, der uns die Gedanken und Tage verhagelt? Achtsamkeit, Mindfulness – das ist was für Yoga-Tanten? Weit gefehlt. Denn in »Unfog Your Mind« erzählt Greitemann nicht nur äußerst humorig und zum Bersten – fast schon manisch – gefüllt mit Wortwitz und Sprachspielen von den Tiefschlägen, Sackgassen und Arschlochtagen im Leben, sondern gibt auch eine Menge Tipps, Life-Hacks, Lektüreanregungen und simpler Experimente zum Nachmachen und Besserwerden. »Haben oder Sein?«, das ist hier die Frage In 20 Kapiteln geht er verschiedenen Aspekten typischer Alltagsprobleme mit sich selbst und anderen nach, umkreist dabei aber immer wieder dieselben Kernaussagen seiner Philosophie: »Unfog Your Mind« ist ein Aufruf, in Zukunft etwas mutiger zu sein und Sachen anders, neu zu machen. Dabei gibt er gute Tipps an die Hand, wie man Angst, Zweifel und Wut, die einen daran hindern, überwinden kann. Oder wie er selbst es …

Émilie Gleason »Trubel mit Ted«

Ausgezeichnet als ›bestes Début‹ auf dem internationalen Comicfestival Angoulême 2019 kommt »Trubel mit Ted« als knallige, schrill bunte Erzählung daher – temporeich und sprunghaft erzählt, wirr, witzig, drastisch, krass. Hinter dem verspielten Titel verbirgt sich eigentlich eine wuchtige, taumelnde, eine düstere Geschichte, die belastet, verstört. Émilie Gleason erfasst Teds Welt in gestalterisch eigensinnigen, überdrehten Bildern: unbeherrschbare meterlange, wabbelige Gliedmaßen, riesenhafte Klumpfüße und Wursthände, Schultern, die den Kopf einzumauern drohen, der fliegende Gang des übergroßen Protagonisten Ted. So soll das Körpergefühl eines Autisten visualisiert werden, seine Bewegungen in einer Welt, in die er nicht zu passen scheint. Ted blickt auf winzige Spielzeughäuser und leere, blasse Konturen-Strichmännchen, die er einfach nicht versteht, er kämpft mit motorischen Schwierigkeiten, kann die Signale seines Körpers nicht deuten und hängt verzweifelt an seinen Routinen. Schnell kann eine Situation für ihn zum unlösbaren Rätsel werden und er in den Augen der anderen zum Sonderling. Arbeit, Familie, Sex, Ironie, Höflichkeit, Veränderung – nichts davon ist für Ted selbstverständlich oder einfach und kostet ihn enorme Anstrengung. Schon kleinste Abweichungen von seinem gewohnten Leben stürzen …

»Je tiefer das Wasser« von Katya Apekina

Eine zerrüttete Familiengeschichte voller Obsession und Verblendung, gleichsam toxisch und schön, droht unter dem Gewicht von psychischer Krankheit und unheilvoller Erhöhung zu zerbrechen. Die amerikanische Debütantin mit russischen Wurzeln Katya Apekina zeigt in ihrem Coming-of-Age-Roman auf beklemmende Weise, wie durchlässig die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit, persönlicher Wahrheit und Wahn sein kann.   Als die 16-jährige Edith eines Tages ihre labile, manisch-depressive Mutter Marianne an einem Strick von der Decke baumeln sieht, ändert sich das Leben von ihr und ihrer kleinen Schwester Mae auf einen Schlag. Ihr zweiter Suizidversuch bringt Marianne in eine Nervenklinik und die beiden Schwestern zu ihrem Vater Dennis nach New York. Die beiden kennen den Casanova und Schriftstellerstar bisher nur aus den Erzählungen ihrer Mutter. Hier kann Mae, die unter der erdrückenden Vereinnahmung und den düsteren Stimmungen ihrer Mutter besonders gelitten hat, endlich aufblühen. Edith dagegen fühlt sich Marianne gegenüber verpflichtet und lehnt den neu gewonnen Vater kategorisch ab. Schnell werden die beiden in die dramatische Vergangenheit ihrer Künstler-Eltern hineingezogen, die unheilvoll und schillernd zugleich scheint, und sie mit der Frage …

Valerie Fritsch »Herzklappen von Johnson & Johnson«

»Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Schmerzes.« (Nabokov) Valerie Fritsch wartet mit zarter Sprache im schmalen Büchlein auf, hier wird sehr dicht erzählt, glühend, rührend, sprachlich überwältigend. In »Herzklappen von Johnson & Johnson« werden schlaglichtartig das Leben von vier Generationen einer Familie beleuchtet, zusammengehalten durch ein transgeneratives Trauma, die Kriegsschuld, die in den Nachkommen auf unterschiedliche Weise fortwirkt. Der Großvater, der den Anstoß für diese Verkettung liefert, muss als junger, verängstigter Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen und kommt dann als Kriegsgefangener in ein russisches Kohleschacht-Arbeitslager, wo er Lebenshunger, Zeitgefühl, Glaube und Hoffnung verliert: »Der Krieg war kein guter Ort, Mensch zu sein und Mensch zu bleiben. Und ein unmöglicher für einen Gott.« (43) »Er stand da am Bahnsteig im Kreis der Spätheimkehrer, ein paar Toterklärte, die noch nichts wussten von ihrem Tod, wie Gespenster in ihrer Mitte, und verstand die Welt nicht mehr, an die sich der Rest bereits wieder gewöhnt hatte, an den Frieden und den neuen Staat. Er war ein Relikt aus einer Zeit, an die man sich mit dem …

Ein Leben in »Serpentinen« – Bov Bjergs Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte

Wie ein guter Vater sein, wenn die ganze Familiengeschichte voll mit schlechten ist? Es ist die begierig ersehnte Fortsetzung von »Auerhaus«. 30 Jahre sind vergangen seit den Abenteuern dieser schrägen Wohngemeinschaft und Friedas plötzlichem Tod und mittlerweile ist Protagonist Höppner Hühnerknecht, wenn auch reichlich spät, selbst Vater geworden. Er geht bereits auf die 50 zu und holt so seinen Vater ein, der noch vor Erreichen der Lebensmitte Suizid begangen hatte. Nun nimmt Höppner seinen noch recht jungen, namenlos bleibenden Sohn mit auf einen Ausflug in seine Heimat – irgendwo in Baden-Württemberg. »Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde. Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?« (125) Es ist deprimierend: Der Hang zum Suizid liegt bereits in der Familie und beherrscht auch Höppners Gedanken und auch seinen besten Freund Frieder hatte damals eine Depression in den Tod getrieben. Nun, auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelnd, ist der alkoholkranke Höppner besessen von dem Gedanken, seinen Sohn und dann sich selbst umzubringen, …

Liv Strömquist »Ich fühl’s nicht«

Die Liebe in Zeiten von Leistungsgesellschaft, Marktwert und Selbstoptimierung Wir Disney-Geschädigten Tinder-User*innen mit Angst vor Schmerz, Enttäuschung, Langeweile, vor WAS FESTEM, haben das DiCaprio-Syndrom, meint Liv Strömquist. Der gute Leo wechselt seine Freundinnen, allesamt Anfang 20-jährige Bikini-Models, wie seine Socken. Er fühlt nichts. »Leonardo DiCaprio ist irgendwie wie eine lauwarme Herdplatte, die das Wasser nie richtig zum Kochen bringt.« (10) An sich kann man natürlich kaum etwas dagegen einwenden, dass Autonomie, Freiheit und Wahlmöglichkeit gerade für Frauen seit den letzten hundert Jahren stark zugenommen haben. Niemand muss in der Regel mehr heiraten, um versorgt zu sein, niemand muss ungewollt schwanger werden und der Sozialstaat unterstützt Alleinerziehende. Aber wollen wir deshalb gleich ganz aufhören zu lieben?   »Wir sind alle DiCaprio« (12) Das Gefühl sich zu verlieben ist laut Soziolog*innen und Philosoph*innen in der heutigen Zeit sehr selten geworden. Warum ist das so? Strömquist bietet eine Reihe von Erklärungsversuchen. #1 – Der Spätkapitalismus hat uns zu gierigen, selbstbezogenen Narzisst*innen gemacht, die Menschen konsumieren, aber keine festen Bindungen mit Verantwortung eingehen wollen. Abwechslung, Abenteuer, Action ohne Gefühle …

Cihan Acar »Hawaii«

»Willkommen in der Minderheit.« (9)   Vier Tage in Heilbronn. Der 21-jährige Ex-Fußballstar Kemal muss nach einem Unfall zurück in sein altes Leben im Problembezirk Hawaii, der mit dem Urlaubsparadies so gar nichts gemeinsam hat und wo die türkische Community mehr oder weniger unter sich bleibt. In ›Heilbronx‹ geht es rau zu, es handelt sich angeblich um die hässlichste Stadt Deutschlands – eine Kriegsversehrte, die neben der Fließbandarbeit bei Audi oder Knorr viel Betontristesse und Fremdenfeindlichkeit zu bieten hat. Kemal irrt vier Tage und Nächte durch die Straßen seiner Stadt und trifft auf alte Freunde und neue Feinde, steht auf Hochzeiten herum, geht ins Wettbüro und in den Stripclub, besucht seine Eltern und sucht nach einem Neuanfang, einer möglichen Zukunft – jetzt, wo es sich mit dem Fußball und dem Ruhm erledigt hat. Sein geliebter Jaguar steht kaputt in der Tiefgarage, Kemal kommt regelmäßig, um mit ihm zu reden und ihn zu besänftigen, aber er ist einfach zu pleite und kann die Reparatur nicht stemmen. Ist aber auch zu stolz, um Hilfe anzunehmen und für …

Jessica Andrews »Und jetzt bin ich hier«

»An den Rändern franse ich aus, langsam aber sicher.« (187) Lucy will ihrer Herkunft, der Kleinstadt in Nordostengland, dem Alltag aus der Working Class, dem provinziellen Dialekt, den Eskapaden ihrer getrennten Eltern entkommen, sich endlich freistrampeln. Und wo ginge das besser als in der Kapitale, im brummenden, geschäftigen London. Voller Faszination und mit viel Hunger auf Dreck und Spaß und Drama stürzt sie sich hinein in das neue Leben – studiert Literatur, kellnert in einer Kneipe, tanzt die Nächte durch und geht auf im Strom der Hauptstädter. Doch dann holt Lucy ihr altes Leben wieder ein und besonders ihr alkoholkranker Vater sorgt für einige Unruhe. Mehr und mehr fordert der Großstadtalltag seinen Tribut und als alles auf der Kippe steht und zu zerbrechen droht, ergreift Lucy die Chance und flüchtet sich in die Ruhe und Weite Irlands, in das alte Cottage ihres verstorbenen Großvaters. »Ich hatte mir eine Zukunft mit Leinenbeuteln und Zimmerpflanzen ausgemalt. Ich glaubte, das sei das Leben, das ich mir wünschen sollte. Jede Nacht arbeitete ich in einer Bar und versuchte herauszufinden, …

Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76) »Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin. Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung. »Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125) Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, …