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Provokant: »VOX« von Christina Dalcher

Im Amerika einer nahen Zukunft dürfen Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen, doch eine wird sich trauen, zu kämpfen, ihre Stimme zu erheben und das Gesetz zu brechen. Das Überraschungsdebüt aus den USA von Christina Dalcher ist eine dystopische Warnung, die wütend und nachdenklich macht.

»MAKE AMERICA MORAL AGAIN!« (S. 181)

Kaum vorstellbar: Die neue Regierung setzt für Frauen ein Limit von lediglich 100 Wörtern am Tag fest, wo man doch durchschnittlich 16.000 Wörter täglich von sich gibt. Mithilfe von Handgelenkszählern werden die Frauen und Mädchen überwacht und bei Überschreitung des Wortkontingents gibt es einen pädagogischen Stromschlag, der mit jedem Verstoß stärker wird. Und das gilt genauso für geschriebene Wörter und nonverbale Kommunikation, eine flächendeckende Kameraüberwachung auch im privaten Bereich soll die Einhaltung dieses steinzeitlichen Gesetzes sicherstellen, außerdem Mauern an den Außengrenzen des Landes. Diese systematische Entmündigung der weiblichen Bevölkerung wird auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, so sehen sie sich gezwungen, ihrer Jobs, Konten, Bücher, Handys, Pässe und Laptops zu entsagen, aber auch ihr Wahlrecht und andere Grundrechte werden ihnen genommen. Eine derartige Einschränkung der Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung kommt einem kleinen Tod gleich – sie werden mundtot gemacht. Die Betroffenen in dieser drastischen Geschichte entwickeln einen immer kategorischer werdenden, problematischen Hass, der sich gegen jede männliche Figur richtet. Der heraufbeschworene Rückschritt zu Verhältnissen wie aus den fünfziger Jahren geht von religiösen konservativen Männern aus, mit Unterstützung vom Militär und der Regierung.

Was würdest du tun, um frei zu bleiben?

Schon bald wird Jean aus ihrem Beruf als neurolinguistische Wissenschaftlerin entlassen und ihrer Tochter Sonia wird in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt.

Doch für alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

»Ich möchte kämpfen, aber ich weiß nicht, wie.« (S. 201)

Immer stärker wird Jeans Missfallen und ihr Drang, sich gegen die Ungerechtigkeit in ihrem Land aufzulehnen. Eine Gelegenheit bietet sich ihr schließlich, als die Regierung ihre Hilfe als Expertin braucht: Der Präsidentenbruder hat nach einem Skiunfall eine Sprachstörung erlitten, mit der er zwar noch flüssig reden kann, die Wörter aber ihre Bedeutung für ihn verloren haben und er nur noch unsinniges Kauderwelsch von sich gibt, und das als einer der wichtigsten Berater des Präsidenten. Jean lässt sich schweren Herzens auf einen Deal mit der Regierung ein: Sie wird an einem Heilmittel forschen und darf dafür im Gegenzug während dieser Zeit wieder ohne Limit sprechen.

»Ich habe jetzt Wörter, aber keine Ahnung, wie ich sie verwenden soll, wie ich es anstellen soll, das Leben meiner Tochter zu verbessern, wenn auch nur für eine kurze Weile.« (S. 108)

Jeans ältester Sohn Steven ist dabei ein Beispiel für die Formbarkeit der Jugend und wird tragischerweise schon bald zu einem ihrer größten Gegner. Durch die Schule indoktriniert und fanatisch fundamentalistisch, wird er zu einem Vorzeigemitglied der Reinen-Bewegung und bespitzelt und verrät seine Mitmenschen.

»Vielleicht ist es bei den Nazis in Deutschland genau so gelaufen, bei den Serben in Bosnien, den Hutus in Ruanda. Ich habe mir oft überlegt, wie sich Kinder in Monster verwandeln, wie sie lernen können, dass Töten richtig ist und Unterdrückung gerecht, wie sich in einer einzigen Generation die Welt auf ihrer Achse drehen und in einen Ort verwandeln kann, der nicht wiederzuerkennen ist.« (S. 141)

Die ganze Bannbreite ist in Jeans vier Kindern vertreten, so stellt die 6-jährige Sonia eines der größten Opfer des Systems dar. Sie ist unterentwickelt, äußerst verschreckt und introvertiert, beinahe stumm und steht somit für die enorm drohende Gefahr, dass Menschen ihre Sprachfähigkeit verlieren, wenn sie in den entscheidenden Entwicklungsjahren nicht gefördert wird.

»Mit sechs müsste Sonia über eine Armee von zehntausend Lexemen verfügen, individuelle Soldaten, die sich versammeln, strammstehen und den Befehlen ihres kleinen, noch formbaren Gehirns gehorchen. Müsste, wenn Lesen, Schreiben und Rechnen nicht auf ein einziges Fach reduziert worden wären: simple Arithmetik. Schließlich wird von meiner Tochter erwartet, eines Tages einzukaufen und einen Haushalt zu führen, eine ergebene und pflichtbewusste Ehefrau zu sein. Dafür braucht man Mathematik, keine Rechtschreibung. Keine Literatur, keine Stimme.« (S. 17)

Die konservative christliche Linie, auf die alle gebracht werden sollen, stützt sich auch auf eine strenge Sexualpolitik: Sex vor oder außerhalb der Ehe und jegliche Geburtenkontrolle werden verboten und unbarmherzig geahndet, wobei natürlich auf eine bewährte Doppelmoral für die begünstigten Männer nicht verzichtet wird: ihnen stehen Privatclub-Bordelle zur Verfügung, über die Stillschweigen gewahrt wird. Für unverheiratete Frauen ergeben sich so lediglich zwei mögliche Lebensmodelle, um sich versorgen zu können: Vernunftheirat oder Prostitution, solange man die Arbeitslager für Systemgegner und Angehörige der LGBTQIA-Szene nicht als Option betrachtet. Ihnen gegenüber positioniert sich die neokonservative Bewegung der Reinen, deren Glaubensgrundsätze und Forderungen auf Orientierung und Sicherheit abzielen und so erstaunlich wie beängstigend schlüssig mithilfe von Bibelzitaten legitimiert werden.

»Monster werden niemals geboren. Sie werden gemacht, Stück für Stück und Glied für Glied, künstliche Kreationen Geisteskranker, die (…) glauben, sie wüssten es besser.« (S. 278)

 

 

»Einmal blinzeln für Ja, zweimal für Nein. Oder dreimal für UNREIN.« (S. 288f.)

Über den als Postboten getarnten Ingenieur Del und seine schwarze Farmersfrau kommt Jean schließlich mit der im Geheimen agierenden nationalen Widerstandsbewegung in Kontakt. Derweil ist Jean als wieder arbeitende Frau den Schikanierungen ihrer Kollegen ausgesetzt, was sie aber nicht von der Erkenntnis abhalten kann, dass bei ihrem Forschungsprojekt so einiges faul ist. Sie beginnt geheime Nachforschungen anzustellen und stößt auf grauenhafte Hinweise: Anscheinend war der Unfall des Präsidentenbruders nur ein inszenierter Köder und die Regierung arbeitet schon seit Monaten an einem Serum, das genau das Gegenteil von Jeans Arbeit zum Ziel hat, nämlich die Auslösung von Sprachverlusten, die im schlimmsten Fall als Biowaffe eingesetzt werden und ganze Kontinente ins Chaos stürzen könnte. Und das werden nicht die letzten schockierenden Enthüllungen bleiben…

»›Das Böse triumphiert, wenn gute Menschen nichts tun. So heißt es doch, oder?‹« (S. 246)

Schon bald radikalisiert sich der Widerstand, da auch die Maßnahmen der Schreckensherrscher drastischer werden und immer mehr Frauen Suizid(versuch)e begehen. Schließlich wird Jean diejenige sein, die es wagt, sich den grauenhaften Plan der Regierung zu eigen zu machen und das giftige Serum den Machthabern ihres Unrechtsstaats zu verabreichen. Eine gefährliche Mission, die sie gleich vor zwei unlösbar scheinende moralische Konflikte stellt.

»Seit zwei Minuten heiße ich nicht mehr Jean. Mein Name ist Diebin. Oder Verräterin.« (S. 254)

Wie weit würdest du gehen, um frei zu bleiben?

Darf man morden für das größere Wohl? Wer ist böse genug, dass er es verdient, Sprache und Leben zu lassen? Kann Jean aus dem Land fliehen, um sich und ihr ungeborenes Baby zu retten, aber gleichzeitig den Rest ihrer Familie zurück und im Stich lassen?

Die Erzählung watet leider mit verhältnismäßig einfachen Antworten und einem fetten Happy End auf. Es entpuppen sich doch deutlich mehr Figuren als gedacht als Verbündete, die Guten entkommen, die Bösen sterben, vom Weg Abgekommene werden geläutert, die Entscheidung zwischen Ehemann und Liebhaber wird Jean abgenommen, die Verhältnisse in Amerika normalisieren sich wieder und die Familie findet ihr Glück in Italien. Na, da bleibt kein Erzählstrang offen, die poetische Gerechtigkeit erfüllt, kein Auge trocken und Friede, Freude, ihr wisst schon.

Einschätzung

»VOX« ist ein spannender Pageturner mit typischen Thriller-Elementen: Die Geschichte wird bevölkert von Widerständlern, Doppelagenten, Endgegnern und Mentoren, es werden Verschwörungen angezettelt, Weltherrschaftspläne geschmiedet und ein klassischer Wettlauf gegen die Zeit entspinnt sich in sich steigernden Eskalationsstufen. Diese feministisch-politische Dystopie ist rasant, verstörend, provokant und klug, sie ist eine Warnung, spielt aber immer wieder auch mit humoristischen Elementen. Natürlich sind die dargestellten Entwicklungen in dieser fiktiven Zukunft sehr überspitzt, aber Christina Dalcher hält so gekonnt den sprichwörtlichen Finger in die Wunde und zeigt auf, wie es im schlimmsten Fall wird, wie es werden könnte, wenn man sich nicht früh genug gegen solche Tendenzen auflehnt und seine Blase verlässt. »VOX« ist ein Weckruf, die Aufforderung mündig, aktiv und potent zu werden, indem man denselben Weg zurücklegt, den auch Jean machen muss, um sich zu wehren. Und zwar, indem sie sich den ‚Jackie-Konjunktiv‘ zur Handlungsmaxime macht: »Was würde Jackie tun?«

Die Figuren wirkten auf mich größtenteils eher eindimensional, simpel und plakativ in ihrer kontrastiven Anlage. So weist der Schreibstil – im Allgemeinen recht gut gelungen – immer mal wieder Schwächen auf und gerät etwas zu repetitiv-redundant, zu floskelhaft oder zu explizit ohne Dinge vage und der Vorstellung des Lesers zu überlassen. Der Fokus der Autorin lag hier wohl mehr auf der Figuren- und Plotentwicklung und dem Spannungsaufbau. An einigen Stellen wird auch unzuverlässig erzählt, was wie ein ironisches Spiel eingesetzt wird und wahlweise Tagträume oder Horrorszenarios entwickelt werden, wobei die Ich-Erzählerin das dann immer gleich wieder auflöst und richtigstellt.

Der Autorin gelingt es, die zwei Hauptthemen Sprache und Unterdrückung klug auszuleuchten. Sie führt vor, wie Sprache die Menschlichkeit und Persönlichkeit, das ganze Denken und Ausdrucksvermögen einer Person bedingt und wie unglaublich folgenreich eine Verarmung derselben sein könnte. Und sie stellt aus, wie Unterdrückungsherrschaften groß werden, wie eine Interessengruppe scheinbar unaufhaltbar werden kann und wie schnell sich Grundlegendes verändert, wenn die Mehrheit nicht wachsam ist und kritisch eine Opposition bietet.

»Man kann nicht gegen etwas protestieren, das man nicht kommen sieht. (…) Ich lernte, sobald ein Plan vorhanden ist, kann alles über Nacht passieren.« (S. 40)

Dalcher legt ihrer Protagonistin Jean in den Mund, wie außerordentlich wichtig es ist, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, ihnen ihre Bedeutungsdimension und Macht, ihr semantisches Gewicht zurückzugeben, denn Ermächtigung geschieht bereits durch Benennung.

»Es. Immer dieses Es.« »Ich nehme mir vor, dieses Wort nie wieder zu benutzen.« (S. 242, 199)

 

Fazit: Die Macht der Wörter

»VOX« ist ein provokanter, spannender, rasanter, verstörender, wütend machender, kluger Dystopieroman, der manchmal zu sehr auf seine Thriller-Wirkung bedacht ist, unlogisch fixe Wendungen und ein zu simples Ende parat hält. Sprachlich ist er zwar überwiegend solide, aber dann doch hier und da zu explizit, repetitiv und funktional gebaut, um auf ganzer Linie überzeugen zu können. Und auch wenn ich nicht restlos begeistert bin, so bin ich doch heilfroh und dankbar für einen solchen Roman, über den hoffentlich keiner schweigen wird!

»VOX« ist ein Muss für Fans feministischer Dystopien wie Margaret Atwoods »Der Report der Magd«! Er ist ein Fest der Sprache, denn wie Christopher Nolans Film »Inception« eindrucksvoll vorführt: Wörter, ja schon ein einziger Gedanke, sind resistenter als jeder Virus:

»In Wirklichkeit gibt es kein Perpetuum mobile; jede Energie wird am Ende absorbiert, verwandelt sich in eine andere Form, verändert den Zustand. Aber diese Wörter, die ich rauslasen will, werden niemals absorbiert werden. Jede Silbe, jedes Morphem, jeder einzelne Laut wird bis in alle Ewigkeit in diesem Haus herumspringen und überall abprallen. Wir werden sie mit uns herumtragen (…).« (S. 303f.)

»VOX« von Christina Dalcher umfasst 400 Seiten, erscheint am 15.08.2018 bei S. Fischer und kostet gebunden 20,00 €.

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