Titel
Schreibe einen Kommentar

Virginie Despentes‘ »King Kong Theorie«

»Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss.« (10)

Schon 2006 schrieb die französische Erfolgsschriftstellerin ihren autobiografischen Essay »King Kong Theorie«, eine provokante Streitschrift über Geschlechterrollen, Sexismus und die Freiheit der Unangepasstheit, durchdekliniert an den Erfahrungen der Autorin als Vergewaltigungsopfer, Prostituierte und Pornofilmerin. Nun wurde ihr wütendes Statement neu übersetzt und findet sich zwar in einer Zeit der #Me-too-Debatte wieder, in der Themen der Geschlechterungleichheit und der sexuellen Übergriffe zwar öffentlich Gehör finden, sich im Alltag und den sozialen Strukturen praktisch aber noch immer nicht viel verändert hat.

»Ich habe eine Möse mitten in der Fresse« (119)

»Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein, finde ich viel spannender als alles andere.« (9)

Virginie Despentes ist in diesem schmalen Heft vor allem laut, mutig und wütend. Sie schreibt gegen Zwänge und Vorverurteilung an, und das auf ihre Art: direkt, schonungslos, vulgär, sich selbst als »Proletin der Weiblichkeit« (10) begreifend, als Sprachrohr für die unangenehmen Inhalte. Gleich zu Anfang stellt sie klar, in wessen Namen sie schreibt: für die Hässlichen, die schlecht Gefickten, die Hysterischen, die Durchgeknallten – und zählt sich selbst dazu. Sie schreibt für die, die nicht reinpassen in die alten Geschlechter- und Rollenmuster, wobei sie niemanden verurteilen will, der*die sich in den Konventionen wohl fühlt oder sein*ihr angeborenes Geschlecht entsprechend in Szene setzt. Für alle anderen – und zwar auch jenseits binärer Geschlechterkonstruktionen – will sie um den nötigen Freiraum kämpfen. So schreibt sie für Wut, Gewalt und Revolution gegen einengende und diskriminierende Strukturen, für das Laut- und Unangepasstsein. Sie fordert nichts weniger als eine umfassende Geschlechterrevolution, die auch eine Revolution der Männer beinhalten muss, gegen Männlichkeitswahn und weibliches Opferdasein.

»Wir gehen nicht auf das Unbekannte zu, das Geschlechterrevolution heißt, aber das, wohin wir uns zurückentwickeln, kennen wir genau: ein allmächtiger Staat, der uns infantilisiert (…).« (30)

It’s all about sex!

Für die Autorin führen all diese Themen in das eine Zentrum, das Sex heißt. Sex als Urwerkzeug der Kontrolle, als Schlüssel zur Unterdrückung, Stigmatisierung, Scham und Abhängigkeit oder auf der anderen Seite zur Selbstbestimmung, Freiheit und Erfüllung. Sie selbst identifiziert sich mit amerikanischen Pro-Sex-Feministinnen wie Norma Jane Almodovar, Carole Queen, Scarlot Harlot und Margot St. James; sie will den Sex nicht verdammen, auch wenn sie sein Gefahrenpotenzial sieht.

Bis sie Schriftstellerin und Filmemacherin wurde, ist Virginie Despentes über drei Stationen der extremen Weiblichkeit gegangen: Vergewaltigung, Prostitution und Pornografie – alle drei Sphären vereint eine ähnliche Stigmatisierung zwischen gefallenem Engel und dämonischer Hexe. Die Sexarbeiterin sei der Outlaw unserer modernen Welt, weil sie aus ihren Reizen Kapital und Unabhängigkeit schlage.

Die Frau im Fadenkreuz der Aufmerksamkeit: You’ve colonised me!

Die Streitschrift ist ein wütendes Pamphlet gegen weibliche Gefall- und Anpassungssucht – in Anbetracht des absurden Erwartungskatalogs an Frauen, dem die traditionelle Unvereinbarkeit von heiliger Mutter und Hure eingeschrieben ist, ohnehin ein vergebliches Unterfangen.

»Denn dem Ideal der weißen, verführerischen, aber nicht nuttigen, gut verheirateten, aber nicht unsichtbaren Frau, berufstätig, aber nicht zu erfolgreich, um ihren Mann nicht zu erdrücken, schlank, aber ohne Essstörung, undefinierbar jung bleibend, ohne sich von den Schönheitschirurgen entstellen zu lassen, glückliche Mutter, aber nicht aufgefressen von Windeln und Schulaufgaben, gute Hausfrau, aber kein altmodisches Muttchen, gebildet, aber weniger als ein Mann, dieser weißen, glücklichen Frau, die man uns ständig vor die Nase hält, der ähnlich zu sein wir uns bemühen sollen (…), der jedenfalls bin ich noch nie begegnet. Ich glaube, die gibt es gar nicht.« (13)

Dass Männer einen so umfangreichen Einfluss auf Frauen haben, Ansprüche geltend machen und sie selbst dazu bringen, das Spiel mit Begeisterung mitzuspielen, »die Attribute der ›Objekt‹-Frau« (22) zu übernehmen und an ihrem ›Marktwert‹ zu arbeiten, vergleicht Virginie Despentes mit den Mechanismen des Kolonialismus:

»Die Dichotomie Mutter – Hure wird den Frauen wie die Karte von Afrika mit dem Lineal auf den Leib geschrieben: ohne jede Rücksicht auf die Realität vor Ort, sondern ausschließlich nach den Interessen der Besatzer.« (84)

Doch warum konnte die erste feministische Welle des letzten Jahrhunderts so wenig ausrichten? Warum hat das neue Selbstverständnis der Frauen sich kaum auf die Bereiche Arbeit, Familie und Haushalt niedergeschlagen? Ist die Frau aufgrund der schieren biologischen Möglichkeit zum Kinderaustragen verdammt?

»Die feministische Revolution der 70er hat zu keinerlei Neuorganisation der Kinderbetreuung oder der Verantwortung für den Haushalt geführt. Unbezahlte Arbeit, also Frauenarbeit. (…) Wir haben den öffentlichen Raum weder auf dem Feld der Politik noch der Wirtschaft besetzt, ihn uns angeeignet. Wir haben keine Krippen geschaffen und keine anderen Einrichtungen zur Kinderbetreuung, die wir brauchten, wir haben auch keine industriellen Systeme der Haushaltsführung erfunden, die uns emanzipiert hätten. (…) Das Kollektiv ist im Männermodus geblieben.« (24f.)

Im Dienste des Militär

Wo kommt er her, der Machokult, der Männlichkeitswahn, und wem bringt er was? Gerne werden Orientierung, Identität und Sicherheit angeführt, wenn es um eine klare Geschlechterzuweisung geht, alles im Dienste der so gesunden und sinnvollen Kernfamilie. Geschlechterneutrale Erziehung, Transgender, Homosexualität, das stifte alles nur Chaos und löse wahrscheinlich auch noch psychische Krankheiten aus. Ist das so? Virginie Despentes macht den Militarismus als Grundlage für Rollenstereotype aus und zeigt, dass so alle Geschlechter durch eine Indienstnahme ihrer Körper durch den Staat betrogen werden.

»Heute hören wir Männer jammern, die feministische Emanzipation raube ihnen ihre Männlichkeit. Sie sehnen sich nach einem früheren Zustand zurück, als ihre Kraft in der Unterdrückung der Frauen wurzelte. Sie vergessen, dass dieser politische Vorteil immer einen Preis hatte: Die Körper der Frauen gehören den Männern nur dann, wenn die Körper der Männer in Friedenszeiten der Produktion und in Kriegszeiten dem Staat gehören. Die Beschlagnahmung der Frauenkörper findet gleichzeitig mit der Beschlagnahmung der Männerkörper statt. Die einzigen Gewinner sind dabei ein paar Herrschende.« (28)

Gerade in der Familienplanung und Kindererziehung bringt eine Gleichstellung der Geschlechter Vorteile mit sich, und zwar nicht nur was die Karrierechancen von Frauen anbelangt:

»Auch die Frauen hätten allen Grund, mehr über die Vorteile nachzudenken, die eine aktive Vaterschaft der Männer hätte (…). Der Blick des Vaters auf sein Kind wäre eine mächtige Revolution. Er kann vor allem den Töchtern zeigen, dass sie jenseits des Verführungsmarktes eine eigene Existenz haben (…). Er kann den Söhnen beibringen, dass die Macho-Tradition eine Falle, eine schwerwiegende Einschränkung der Emotionen im Dienste der Armee und des Staates ist. Die traditionelle Männlichkeit verstümmelt nämlich ebenso wie die Zuweisung zur Weiblichkeit.« (28f.)

Over-sexed and under-fucked

Ständig werden erotische Reize benutzt, um Menschen zu ködern und Aufmerksamkeit zu erregen – eine banale Technik, die im öffentlichen und medialen Bereich omnipräsent ist, da es sich hier um ohnehin sehr oberflächliche Räume handelt. Die reale Sexualität bleibt dabei allerdings problematisch, da sie verwehrt und gleichzeitig abgewertet wird. Das liegt auch an der Kriminalisierung von Sexarbeiter*innen.

»Wenn man die Huren nicht unter anständigen Bedingungen arbeiten lässt, zielt man natürlich auf die Frauen, aber so kontrolliert man auch die männliche Sexualität. Eine kleine Nummer zu schieben, wenn man dazu Lust hat, soll nicht zu leicht und angenehm sein. Die Sexualität der Männer muss ein Problem bleiben. Auch hier eine Zwickmühle: Alle Bilder in der Stadt schüren das Begehren, aber seine Befriedigung muss problematisch bleiben und Schuldgefühle auslösen.« (82f.)

Warum aber wird realer Sex in der öffentlichen Sphäre so vehement tabuisiert? Warum ist es so wichtig, sexuelle Angelegenheiten ins Private zurückzudrängen – ein Mechanismus, der es beinahe unmöglich macht, über sexuelle Vorlieben, Fantasien und Praktiken zu sprechen – auch in privatester Zweisamkeit?

»Was mich feucht macht, ist meine Privatsache, denn das Bild, das ich sonst von mir abgeben würde, wäre inkompatibel mit meiner Alltagsidentität.« (94)

»Dann gebt uns das Recht, die Vergewaltigung zu riskieren.« (46)

Die männliche Sexualität wird systematisch dämonisiert. Sie sei gefährlich, geradezu unkontrollierbar. Wenn ein Mann will, könne ihn nichts mehr aufhalten, auch seine eigene Moral nicht. Mythos, meint Virginie Despentes, bzw. ein sozial etablierter Umstand, geschürt durch die Verurteilung von Prostitution. Problematisch seien aber nicht nur unersättliche Männer, die ein »Nein« als Herausforderung betrachten, sondern auch die Wehrlosigkeit, das Opferdasein der Frauen. Statt Mädchen von Anfang an zu Schwäche, Scham und Zurückhaltung zu erziehen und sie in die private Sphäre zu verbannen, weil der öffentliche Raum zu gefährlich sei, sollte man ihnen lieber dieselben Rechte gewähren und zur Tätigkeit ermutigen und anleiten: »Gewalt ist keine Lösung. Doch an dem Tag, wo die Männer Angst haben müssen, dass ihr Schwanz mit einem Cutter zerfetzt wird, wenn sie versuchen, einer Frau Gewalt anzutun, werden sie plötzlich ihre ›männlichen‹ Triebe besser beherrschen können und verstehen, was ›nein‹ bedeutet.« (48f.) Doch: »Aber vielleicht ist es ja gar nicht wünschenswert, das weibliche Geschlecht für gewaltsames Eindringen unerreichbar zu machen. Eine Frau muss offen bleiben und ängstlich. Wie sonst sollte sich Männlichkeit definieren?« (51)

»Die Sexualität von Frauen ist dazu prädestiniert, Lust lieber an der eigenen Ohnmacht, das heißt der Überlegenheit des anderen, also wider Willen, zu empfinden, als wie eine Schlampe, die auf Sex steht. (…) Es gibt eine weibliche Empfänglichkeit für den Masochismus, sie kommt weder von unseren Hormonen noch aus der Steinzeit, sondern von einem bestimmten kulturellen System, und sie beeinträchtigt unsere Fähigkeit, unsere Unabhängigkeit zu nutzen. Sie verschafft nicht nur Erregung und Lust, sondern auch ein Handicap: Von dem angezogen zu sein, was uns zerstört, hält uns stets davon ab, Macht zu übernehmen.« (55)

Eine aktive, selbstbestimmte weibliche Sexualität, Great Consent und ein aufgeklärtes, offenes Gespräch müssen her, um den weiblichen Sex zu revolutionieren und eine weibliche Potenz – wie sie auch Svenja Flaßpöhler in ihrer Streitschrift »Die potente Frau« fordert – zu ermöglichen.

Schlampe, Hure, Fotze, Nutte – die schlimmsten Schimpfwörter bezeichnen in quasi allen Sprachen das weibliche Geschlechtsteil bzw. die weibliche Sexarbeiterin. Etwas, wofür uns die richtigen Worte fehlen und wo lieber weggeschaut wird.

»Wenn du Leuten erzählst, dass du als Hure gearbeitet hast, ziehen sie gern ungläubige Gesichter, aber das ist, wie bei der Vergewaltigung, weitgehend Scheinheiligkeit. Wenn eine statistische Erhebung möglich wäre, wäre man verblüfft über die tatsächliche Zahl der Mädchen, die schon Sex an Unbekannte verkauft haben. Scheinheilig auch, weil in unserer Kultur die Grenze zwischen Verführung und Prostitution fließend ist und das im Grunde jeder weiß.« (72)

Starre Überzeugungen, nach denen eine Frau an Wert verliert, wenn sie häufig Sex hat oder Prostituierte grundsätzlich gedemütigte, schmutzige Opfer sind, gehören endlich über Bord geworfen.

»Die Prostitution war eine entscheidende Etappe, mich nach der Vergewaltigung wieder aufzubauen. Ein Unternehmen, mich Geldschein für Geldschein für das zu entschädigen, was man mir mit Gewalt gestohlen hatte. (…) Dieses Geschlecht gehörte nur mir, verlor durch seine Nutzung nicht an Wert und konnte rentabel sein.« (74)

Dass die Autorin Prostitution und Verführung engführt, ist eine starke Provokation, schließlich gelten die weiblichen Reize seit jeher als die mächtigste Waffe der Frau und Prostitution als deren schändlichste, erniedrigendste und verzweifeltste Tätigkeit. Bezahlter Sex als ganz normale Lohnarbeit? Verkaufen wir uns in anderen Jobs nicht auch aus mehr oder weniger sinnvollen Beweggründen?

»Ich unterscheide immer noch nicht deutlich zwischen Prostitution und legaler bezahlter Arbeit, zwischen Prostitution und weiblicher Verführung, zwischen bezahltem Sex und eigennützigem Sex (…). Auch wenn sie ihren Preis nicht offen nannten, habe ich nach meinem Eindruck seither viele Huren kennengelernt. Viele Frauen, die Profit aus dem Sex zu schlagen wissen, obwohl er sie nicht interessiert.« (77f.)

 

»DIE ANTWORT AUF SCHLECHTE PORNOS SIND NICHT KEINE PORNOS, SONDERN BESSERE PORNOS!« (89, Annie Sprinkle)

Pornografie und Prostitution werden konsequent tabuisiert und kriminalisiert, anstatt die Menschen aufzuklären und die Arbeitsbedingungen zu regeln und zu verbessern. So werden sie in die unkontrollierbare Schattenwelt verdrängt. Aber warum geht man so vehement gegen diese Domänen vor? Weil die Frauen hier eine männliche Sexualität haben, ist Virginie Despentes‘ Antwort. In ihren Augen sind Pornos auch nur Genrefilme und man kann im besten Fall noch einiges von ihnen lernen.

»Man verlangt zu oft vom Porno, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein. Als wäre er kein Kino mehr. Man wirft zum Beispiel den Schauspielerinnen vor, ihre Lust nur zu spielen. Aber gerade dafür sind sie da, dafür werden sie bezahlt, das haben sie gelernt. Man verlangt auch nicht von Britney Spears, dass sie jeden Abend Lust hat zu tanzen, wenn sie auf der Bühne steht.« (95)

Ihr Appell: Schaut Pornos, entdeckt eure Lust, setzt euch mit eurem Körper und euren eigenen Bedürfnissen, Fantasien und Wünschen auseinander! »Welchen Kontakt stellen wir zu uns selbst her, wenn unser eigenes Geschlecht systematisch von einem anderen annektiert wird?«

Sie fordert einen demokratisierten Zugang und offenen Umgang mit Sexualität. Bis heute sei das der Kaste der Reichen vorbehalten, »die historisch ein Recht auf den Skandal hat und sich nicht an die Regeln halten muss, die für das Volk gelten.« (110)

 

Die King Kong Theorie

»King Kong funktioniert hier als Metapher für eine Sexualität vor der Unterscheidung der Geschlechter, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts politisch vollzogen wurde.«  (114)

Die feministische Schriftstellerin sieht die Geschlechterneutralität als Antwort auf die von ihr skizzierten Probleme. Ein Konzept, mit dem sie in der für sie identitätsstiftenden Punkrock-Szene in Berührung gekommen ist. Den Punks gehe es darum, Konflikte zu suchen und Tabus zu brechen. Der Punkrock als »eine Übung im Aufbrechen der etablierten Codes«, »weil man sich körperlich von den Kriterien der klassischen Schönheit entfernt« (117). »Das ganze Konzept des Punks ist, nicht zu tun, was man dir sagt.« (118)

»Ich bin nicht sanft, ich bin nicht liebenswert, ich bin kein Bürgerdämchen. Ich habe Hormonwallungen, die mich aggressiv machen. Käme ich nicht vom Punkrock, würde ich mich schämen für das, was ich bin. Unfähig, mich anzupassen. Aber ich komme vom Punkrock und bin stolz, dass ich es nicht besonders gut hinkriege.« (134)

Dass diejenigen Frauen, die es in der Wirtschaft weit gebracht haben, als positive Beispiele und Vorbilder zu betrachten sind, lehnt die Autorin ab. Im Gegenteil:

»Die Frauen, die man öffentlich reden hört, wissen, wie sie mit den Männern umgehen müssen. (…) Die Frauen im Machtapparat sind die Verbündeten der Männer, diejenigen unter uns, die am besten den Rücken krumm machen und unter der Dominanz lächeln können.« (125)

Dabei ist Virginie Despentes klar, dass es noch ein weiter Weg ist, bis zur selbstbewussten Weiblichkeit, die nach ihren eigenen Regeln spielt und nicht versucht, möglichst gut im männlichen System zu funktionieren. Zynisch konstatiert sie:

»Nach mehreren Jahren guter, anständiger und ehrlicher Recherche bin ich dann doch zu dem Schluss gekommen, dass Weiblichkeit Hurerei ist. Die Kunst der Servilität. Man kann es auch Verführung nennen und etwas Glamouröses daraus machen. Es ist nur selten ein Spitzensport. In der Masse ist es nur die Gewohnheit, sich als Unterlegene zu verhalten.« (129)

Ihr Ideal des geschlechtsneutralen oder zumindest die konventionellen Geschlechtercodes und Schönheitsideale verweigernden Punks soll aber keine Verurteilung des Frauseins darstellen. Worum es geht, ist die Freiheit, selbst zu entscheiden, wer und wie man sein will.

»Ich sage nicht, dass es von vornherein ein schlimmer Zwang ist, eine Frau zu sein. Manche machen es wunderbar. Demütigend ist nur die Verpflichtung, es zu sein.« (131)

Fazit: Fickt euch alle!

Virginie Despentes macht, was sie will. Der Umstand, dass sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht und an den konventionellen Zielen der Frau kein Interesse hat, ist ein Glück, denn sonst hätte sie nicht dieses augenöffnende, wütende Pamphlet gegen die Beschränkung des Menschen schreiben können, dieses Plädoyer für das Recht auf Selbstbestimmung und für ein – notfalls aggressives – Eintreten für sich selbst.

»Alles, was ich an meinem Leben mag, alles, was mich gerettet hat, verdanke ich meiner Männlichkeit. Ich schreibe hier also als Frau, die nicht dazu taugt, die männliche Aufmerksamkeit zu erregen, das männliche Verlangen zu befriedigen und sich mit einem Platz im Schatten zu begnügen.« (11)

Schonungslos und laut schreibt sie von ihren eigenen Erfahrungen als Vergewaltigte, als Prostituierte und Pornoregisseurin und schließt auf allgemeine Probleme der gängigen Geschlechterrollen. Plädiert wird in der »King Kong Theorie« für männliche Frauen, für weibliche Männer und alles nach jeder denkbaren Fasson dazwischen. Denn der Schlüssel zu einer besseren Welt, die Überwindung der klassischen binären Geschlechtermodelle, soll nicht gleichbedeutend sein mit der Abschaffung der Extrema, sondern will zwischen den beiden Polen einfach alles zulassen und tolerieren.

»Dass nämlich die Frauen Kerle sind wie alle anderen, und die Männer Huren und Mütter, alle im selben Durcheinander.« (145)

Diese Theorien und Bestandsaufnahmen verfasst Virginie Despentes in recht aggressiver Weise. Ihre Wut und Vulgarität steht ihr leider an mancher Stelle im Weg, Argumente und Aussagen klar zu formulieren und so ist es nicht immer leicht, ihren Ausführungen zu folgen. Streckenweise schreibt sie etwas wirr, sprunghaft, elliptisch und anspielungsreich und wirft steile Argumente mit einer Überzeugung und Selbstverständlichkeit ein, die nicht jeden überzeugen wird.

Abstrahiert man von ihren Ausführungen zur Prostitution und Pornografie und bleibt bei ihren gendertheoretischen Aussagen, ist ihre Streitschrift nicht sehr innovativ – zumindest vom heutigen Standpunkt aus – dennoch bildet ihr im eigenen Erleb(t)en wurzelnder Text eine besonders kraftvolle Stimme in diesem Diskurs. Eine berührende und aufwühlende Lektüre, die deutlich macht, dass wir unsere Stimme finden müssen und uns nicht einfach zufrieden geben dürfen. Der Weg in die befreite Selbstbestimmung ist noch lang.

 

Anzeige:

»King Kong Theorie« von Virginie Despentes, aus dem Französischen neu übersetzt von Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer, umfasst 160 Seiten, erschien am 07.09.2018 bei Kiepenheuer & Witsch und kostet als Taschenbuch 10,00 €.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.