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Ein Recherchejournal über das
Begehren: »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger

Die europäische Lust auf das süße Leben

»E. West, S. 67: ›2. Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.‹« (40)

Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat es mit ihrem neuen Buch – ob es sich dabei in meinen Augen tatsächlich um einen Roman handelt, wird noch zu klären sein – auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft und war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der an Anna Stern für »das alles hier, jetzt« ging.

Stilistisch ist »Aus der Zuckerfabrik« hoch bemerkenswert: Hier wird ein Text bewusst am Rande aller Gattungen angelegt, als Grenzgänger und Gattungskreuzer zwischen Recherchebericht, Journal und hochkomplexem Roman, der durch Erzählsituationen und Modi springt, seine Poetologie vielfach metareflektiert und eine schwer greifbare Erzählerin einsetzt, die sich immer wieder ins Spiel bringt und gleichzeitig diskreditiert und entzieht. Zu allem Überfluss ein Text über ein Thema, das so sehr assoziativ ausfranst, dass es allen Beteiligten die Aufgabe aufdrängt, selbst zu entscheiden, zu benennen, zu umreißen. Ein sehr profunder, durchdachter und überraschender Text, der aber nicht erfüllt, was ich von einem Roman erwarte und verlange – und dabei sehr verkopft und eher anstrengend ist, nichtsdestoweniger beeindruckend.

 

Sweetness & Power

Die Erzählstimme, die sich häufig mit der Autorin gemein macht,  sieht sich selbst immer wieder genötigt, die Materie ihres Berichts zu bestimmen und hinterfragen und (er)weist sich selbst als unzuverlässig aus, begreift die Zusammenhänge dieser sich ihr förmlich aufdrängenden Themenkomplexe nicht wirklich. Sie steht den vielgestalten Ausdrucksformen und Folgen des menschlichen Verlangens in seinen extremen Ausprägungen gegenüber; es ist das Orgiastische, das Obsessive, die Gier, die diese Erzählerin in den Bann ziehen: Ausgehend vom Zucker, über Hunger, Glücksspiel, Trunkenheit und Völlerei, betrachtet sie Mystik, Sex, Liebe und Wahnsinn, das Frauenbild als politische Arena und geht dann zurück zu den großen Übersee-Expeditionen, zu Kolonisierung, Sklaverei und anhaltender Ausbeutung, zum Exotismus, Sehnsuchtsorten, Diskriminierung, Eroberung und Unterwerfung von Natur, Frauen und fremden Kulturen. Bis hierher sollte deutlich geworden sein, dass es sich um eine sehr persönliche und individuelle Auslegung des Begehrens handelt, assoziativ sprunghaft umkreist, und für die Leserschaft schnell keine klaren Verbindungen mehr ersichtlich werden oder weit hergeholt wirken.

»Im Gegenteil vermute ich, dass diese wiederkehrenden Besuche, meine neurotischen Pilgerfahrten ihren Grund in der Tatsache haben, das es sich um eine gewissermaßen unlösbare Szene handelt, um eine wenige Augenblicke dauernde Konvergenz unterschiedlichster Stränge der Geschichte – so als kollidierten unterschiedliche Gesteinsobjekte, Himmelskörper, die sich zuvor lange Zeit scheinbar losgelöst voneinander um die Sonne bewegten, und als sorgte ihr Aufprall für eine sekundenlange Erleuchtung der Dinge, des Gerölls und des Staubs.« (14)

Es lassen sich dennoch einige Knotenpunkte ausmachen, leitmotivische Ur-Szenen, die in leichten Variationen auftauchen und dem Text Struktur und Kohärenz verleihen: Da ist der schweizerische Lottokönig Werner Bruni, ein einfacher Klempner, der in den 70er Jahren 1,7 Mio. Franken gewonnen und wenige Jahre später wieder verloren hat. In einem vielfach aufgeladenen Moment wird sein Besitz, darunter besonders präsent zwei als Urlaubssouvenirs importierte afrikanische Skulpturen, 1986 am Thunersee nach der erlittenen Privatinsolvenz versteigert. Außerdem streift die Erzählerin mehrfach die Haitianische Revolution und kehrt im Traum und Erinnerung zahllose Male auf den Parkplatz ›New World Plaza‹ in Newark/New Jersey zurück, wo sie einst mit ihrer verflossenen Liebe F. war.
Diesen scheinbar willkürlich gewählten Ur-Szenen ist noch verhältnismäßig leicht ihre Relevanz im Themengeflecht abzupressen. So ist der Lottogewinner per se ein Ungehorsamer im kapitalistischen Spiel: Bruni ein Lohnarbeiter, der unterwandert die natürlichen Verhältnisse außer Kraft setzt und einen Sprung über den Graben macht, der das Proletariat (ab-)spaltet und gefügig macht. Der berühmt gewordene Lottokönig aber ist eine tragische Figur mit Symbolcharakter, verliert er doch durch seinen Glücksgewinn zunächst seine Freunde und später seinen Besitz, bringt ihm der im Kapitalismus fetischisierte und als einzig zulässiges Ziel propagierte Reichtum letztlich nur Unglück. Haiti ist das Herz der Zuckerproduktion, auf diesen Plantagen landeten die ersten afrikanischen Sklaven und hier beginnt die Geschichte des Süßmittels genau wie die Geschichte der rassistischen Ausbeutung. Und dann ist da noch der Parkplatz in Newark, der ein Stück der »Neuen Welt« darstellt, die Sehnsuchtsort und Produkt der europäischen Besetzer und Eroberer ist. Ein Parkplatz, der auch einen Moment einer persönlichen verflossenen Liebesgeschichte kennzeichnet.

»Auf dem Weg nach Plaisir« (142)

Dorothee Elmiger erschafft Bilder, die sich gegenseitig hervorrufen und ein größeres Ganzes aufscheinen lassen, das einem aber immer wieder zu entgleiten droht. So auch der Protagonistin, die eine »Zucker«-Mappe hat, in der sie alle Rechercheergebnisse sammelt, die ihr irgendwie im Zusammenhang mit der Ausgangslage zu stehen scheinen – diesen kann sie sich selbst aber kaum noch erklären.

»Wie ich mit meinen Aufzeichnungen in Verzug geraten bin, weil ich, ehrlich gesagt, auch die Nase voll habe davon, alles mitzuschreiben, kann ich alle möglichen Dinge nicht mehr an ihrer eigentlichen Stelle unterbringen,
z. B. dass ich vor vier Tagen noch an einem Bahnsteig am Bahnhof von Lyon-Part-Dieu stand, zufällig: Es war ein Samstagvormittag, danach fuhren wir weiter durch das Department Ain nach Genf, wo wir Orangensaft und Milchkaffee tranken (…)« (190)

»Aus der Zuckerfabrik« stützt sich tatsächlich auf einen großen Recherchefundus, der sich im Anhang nachvollziehen lässt – 255 Anmerkungen und Quellennachweise, die durch die Kontinente und Jahrhunderte führen. In überwiegend essayistischer Manier werden im Text große Denker und unwichtige Privatpersonen zusammengebracht, Bezüge entstehen hier u.a. über Ellen West, Teresa von Ávila, Adam Smith, Karl Marx, Pierre Bourdieu, Marie Luise Kraschnitz, Joseph Roth, Heinrich von Kleist und Max Frisch. Es werden ganze Zitatesammlungen aus Klassikern der Literatur und Standard-Theoriewerken bis hin zu sehr kleinteiligen Nachforschungen präsentiert, die Sachbuch-gerecht wiedergegeben werden. Es bilden sich Assoziationsketten, unter die sich zunehmend traumhafte Passagen mischen, »im Halbschlaf seltsame Rekapitulationen« und fließende Übergänge von schwer bestimmbaren Erzählsituationen und Darstellungsmodi. Das Essayistische kippt dann immer wieder auch und wird literarisch oder sogar sehr poetisch.

 

»Die Verwirrung, die das Schreiben stiftet, statt für Klärung zu sorgen« (85)

» – Ist aber die Behauptung falsch, dass du einfach nicht imstande bist, das zu tun, was man gemeinhin unter ›Erzählen‹ versteht?
– Nein, das ist richtig.
– Was hindert dich daran?« (89)

Sprunghaft werden unverbundene Passagen aneinandergereiht, in einem sachlichen Berichtton, der zum Teil in einen stark elliptischen Aufzählungs- und Notizenstil verfällt. Darunter finden sich auch Passagen, die in ihrer vagen, situativen Interview-Dialogstruktur an Olivia Wenzels »1000 Serpentinen Angst« erinnern. Stellenweise wuchert der Text düster und geheimnisvoll und verselbstständigt sich geradezu. Dann gibt es wiederum kursivierte Teile, bei denen es sich um Versatzstücke anderer fiktiver Fiktion und Tagebuchmaterial handeln könnte. Immer wieder wird man Zeuge beim Versuch der Erzählerin, um Kontrolle zu ringen, sich einzumischen, zu rechtfertigen und zu reflektieren – und das teilweise mit augenzwinkerndem Humor. Die arrangierende Erzählerin platziert sich mit Vorliebe als anwesendes Ich, während sie eben jenen Kniff entschuldigt und bedauert. Dabei scheint sie als Protagonistin nur schemenhaft hinter ihren Recherchen hindurch und anonymisiert die wenigen erwähnten Bezugspersonen noch zusätzlich.

» – Du hast vorhin gesagt, diese Anekdote könne Aufschluss geben.
– Natürlich, ja, ich denke, das liegt auf der Hand. Du weißt ja, dass ich es nie für geraten gehalten habe, meine eigene Person unmittelbar im Text vorkommen zu lassen, das sagt mir auch jetzt nicht zu, aber da stehe ich dann ja doch mit dem Schinkenbrot. Und es ist im Prinzip auch egal, ob es dieses Brot nun tatsächlich gab oder nicht und so weiter, ehrlich gesagt, hat sich die ganze Geschichte ja so gar nie ereignet, aber in Gedanken passiert das jedenfalls sehr häufig, dass ich irgendwo stehe und das Gefühl habe, ich halte so eine Stulle in der Hand in den unpassendsten Augenblicken (…).« (96)

Viele Abschnitte belässt die Autorin einfach auf Französisch, was den sperrigen Text zusätzlich voraussetzungsreich macht, dennoch geht ihm die Kraft nicht verloren, seine Leserschaft zu aktivieren und vielleicht sogar zu eigenen Nachforschungen anzustoßen: übersetzen, nachschlagen, weiter recherchieren und sich so das eher lose Themen-Geflecht anzueignen und weiterzuspinnen. So beginnen die Leser*innen sich genau wie die Erzählerin in die thematischen Zusammenhänge einzugraben. Der Zucker und die dazugehörigen Plantagen werden zur schier unüberschaubar großen Metapher, die changierende übertragene Bedeutungsräume aufmacht.

Auf diese Weise zwingt der Text einen, den Gegenstand für sich selbst zu durchdenken: Für mich persönlich geht es im Kern um Lebens- und Machthunger, wie er im Großen die Geschichte der Menschheit und Individualbiografien im Kleinen bestimmt. Der Zucker ist dabei in erster Linie weißes Gold, begehrtes Exportprodukt von den Plantagen in karibischen Kolonien, wo er unter schlimmsten Bedingungen entsteht und Leid verursacht, um schließlich in die reiche westliche Welt exportiert zu werden und dort das Verlangen nach Extravaganz und Überlegenheit der Weißen zu stillen und Wohlstandsbäuche zu formen. Zucker ist Genussmittel und Sucht, er steht für Überfluss und Lust und sitzt im Herzen des Kapitalismus, der vom Glauben angetrieben wird, so viel Geld wie möglich raffen zu müssen, um möglichst glücklich zu werden. Nicht nur der Lottokönig Bruni führt die Fatalität dieses Glaubenssatzes vor Augen.

»Du meinst, dass im Glücksspiel vielleicht das ins Utopische gewendete Hoffen auf Emanzipation, auf Freiheit zum Ausdruck kommt. Der Utopist im Casino, so was.« (128)

 

›Nach wahren Begebenheiten‹

»Aus der Zuckerfabrik« ist ein Text, der vorgibt, »Recherchebericht« zu sein, eine Nachforschung allerdings, die unzuverlässig und gewollt undurchsichtig wiedergegeben wird, deren Themen unentwirrbar miteinander verwoben wurden, sich überlagern oder auseinanderfallen. Gleichzeitig gibt der Bericht an, zwar ungewollt, aber dennoch nicht von der »Einmischung des Biografischen« frei zu sein. Dabei überwiegt ein pessimistischer Grundton: Seinem Begehren zu folgen endet in den allermeisten Fällen nicht gut und kann sogar großes Leid nach sich ziehen.

Was Dorothee Elmiger liefert, ist der Versuch eines »Geometrals« aller möglichen Perspektiven, ein Thema »von nirgendwoher gesehen«. Die Recherchearbeit erweist sich für die Erzählerin als unentrinnbares Gestrüpp, das ihr unüberschaubar über den Kopf gewachsen ist und sie nicht mehr loslässt, ja nicht unbeschadet lässt. Es gibt keine Welt mehr außerhalb, alles drängt sich ihr auf und scheint Zeichen und Zusammenhang zu sein.

»Aus der Zuckerfabrik« ist ein großartig aufgemachtes Buches, eine stimmige Gestaltungsschönheit, die von Utopist*innen und Orgiast*innen erzählt, von der Gier der Entdecker, Eroberer und Spieler, von der »Hingabe der Revolutionäre und Märtyrerinnen«, von Ekstase und Wahn, von Gewinner*innen und Verlierer*innen und allem dazwischen.

»Du bist aus Zucker, du bist zart.« (116)

Elmiger erdichtet und verwebt Träume, Biografien und Befragungen und stellt sublime Beobachtungen von der Komplexität der Welt an.

 

» – Man könnte ja auch sagen, das ist eine völlige Überfrachtung, eigentlich eine Zumutung.« (91)

Der Text weigert sich, eine essayistisch kohärente Bearbeitung des Zucker-Gier-Begehren-Komplexes zu liefern, er sperrt sich in jeder Hinsicht davor, einfach zu sein. Sein Werkstatt-Charakter ist ein ausgefeilter literarischer Kunstgriff. Geliefert wird eine hochkomplexe stilistische Spielerei: der ständige Gattungsbruch und experimentelle Provokation, ja, eine Zumutung. Die aber sehr aufregend, klug und beobachtungsstark ist und tatsächlich neue Perspektiven und Zusammenhänge auf den Tisch bringt. Etwas ganz und gar Unvorhersehbares, nie Dagewesenes – lest und entscheidet selbst!

»Wenn du tatsächlich meinst, es müsse noch weitererzählt werden: Gut, in Ordnung. Aber wenn du glaubst, es gebe ein Ende, dann täuschst du dich.« (245)

 

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»Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger umfasst 272 Seiten, erschien am 17.08.2020 bei Hanser und kostet im festen Einband 23,00 €.

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