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Zeit für Stille: Erling Kagge – Stille, ein Wegweiser

In einer Zeit, in der es ständig und überall piept, vibriert, lärmt und summt, ob nun vom Handy oder vom Großstadttrubel und Verkehrslärm, was bedeutet da eigentlich Stille? Gibt es sie noch und wenn ja, wo? Fast erscheint es unmöglich sie in Städten wie Berlin oder Oslo zu finden, wo der Autor Erling Kagge lebt und arbeitet. Kagge hat ein Buch über jenes Thema veröffentlicht, für das wir viel zu unruhig sind, zu laut, uns selbst mental ablenkend mit Musik aus Kopfhörern, Whatsappchats und der notorischen Erreichbarkeit.

Der Norweger, Städter, Verleger und Vater, bestieg den Mount Everest und wanderte zum Nord- und Südpol. Auf seinen Abenteuern fand er neben dem Weg zu seinen Zielen auch den Weg zu seiner eigenen Stille. Davon ist er überzeugt: Jeder hat sie. Jeder hat seine eigene Stille. In seinem Buch Stille – Ein Wegweiser gibt er dem Leser in 33 kleinen Essays Denkanstöße zur Wiederentdeckung der Stille.

Das Buch beginnt mit einem Bild: Sunrise. Eine Einladung den Gedanken des Autors zu folgen und sich auf den Weg zur eigenen Stille zu machen, sie zu erforschen, sie zuzulassen. 

Um sich der Stille zu nähern stellt Erling Kagge die Beziehung von alltäglichen und gewöhnlichen Dingen zur Stille her, angefangen bei Tönen, Schreien, Musik, Geräuschen, Liebesbeziehungen endend mit Dichtkunst, Einsamkeit, Freude, Kunst, Gemälden, Gott. Beindruckt haben mich die vielen unterschiedlichen Beispiele, die Kagge heranzieht um über Stille zu sprechen. Gedanken von Literaten und Denkern wie Jon Fosse, Kierkegaard, Heidegger und Zitate von Seneca dürfen natürlich nicht fehlen, aber auch Popsongs wie von Depeche Mode (Enjoy the Silence), Kunstinstallationen, Experimente, Vorträgen, Ted-Talks und und und spiegeln eine unglaubliche Vielfalt von Ansatzpunkten in der Auseinandersetzung mit Stille wieder.

Es geht Kagge dabei immer um die Korrelation mit der Stille, primär jedoch um die eigene innere Stille. Wie kann ich sie erfahren? Wie wird sie beeinflusst? Er plädiert dafür, dass der Mensch nicht die Stille um sich suchen soll, sondern in sich selbst. Meint: die Ruhe in sich selbst suchen und finden. Klingt sehr spirituell? Ist es nicht. Kagge ist in seiner Argumentation sehr modern, findet viele interessante Aspekte und berichtet von beeindrucken Beispielen wo und wie uns die Stille tangiert bzw. tangieren kann.

Harvard Experiment und Marina Abramović

Fasziniert hat mich zum Beispiel ein Experiment, durchgeführt von Wissenschaftlern der Universitäten Virginia und Harvard. Ausgewählte Probanden sollten 15 Minuten lang auf einem Stuhl sitzen und nichts tun, in einem Raum ohne jegliche Ablenkung. Das einzige was den Teilnehmer ermöglicht wurde, war sich selbst Stromstöße zu geben. Sehr sehr schmerzhafte Stromstöße. Man mag jetzt denken wie simpel, einfach rumsitzen und warten, denn wer würde sich schon freiwillig und aus Langeweile selbst verletzten und weh tun? Jedoch war das Ergebnis schockierend, denn ungefähr die Hälfte der Teilnehmer verpasste sich mehrfach (!) elektrische Schläge. Ziehen wir den Schmerz dem Nichtstun vor? Es scheint so. Kagge schlussfolgert, die Beschäftigung mit uns selbst ist quälend.

Ein anderes Beispiel für die Auseinandersetzung mit Stille, die mich sehr beeindruckt hat, ist die Kunstperformance von Marina Abramović: The Artist is Present. Gezeigt wurde diese im Museum of Modern Art in New York 2010 bzw. ist noch zu sehen im gleichnamigen Dokumentarfilm. (An dieser Stelle eine dicke Empfehlung für den Film! Er ist wirklich sehr sehenswert und einfach unglaublich.)
Die Zeit visualisiert mithilfe ihres Körpers, saß Marina Abramović von Mitte März bis Ende Mai, insgesamt über 730 Stunden (!!), auf einem Stuhl und sah demjenigen, wer auch immer ihr gegenüber Platz nahm, in die Augen. Wortlos, ohne Regung. Viele der Besucher, die ihr gegenübersaßen, begannen zu weinen. So intensiv, berührend und durchdringend war die Erfahrung. Insgesamt besuchten 750.000 Besucher die Ausstellung. Erklärend zu ihrer Performance sagte Abramović, dass sie sich als Spiegel ihres Gegenübers sehe. Besonders einprägsam find ich folgenden Satz von ihr:

„The hardest thing to do is actually do something that is close to nothing.“   

Genau darum ging es im Harvard Experiment und darum geht es auch Kagge. Irgendwo am Rande des Beschäftigt sein liegt die Stille. Sie ist immer da und doch ist sie so schwer greifbar.

Jedes Kapitel legt seinen eigenen Schwerpunkt und doch fügen sich alle in ein wunderbares Porträt über die Stille zusammen. Einen Grundstein dieser Thematik bildet für Kagge dabei folgender Gedanke: Stille kann man nicht erklären, man muss sie erfahren. Kagge hat sie erfahren. Von seiner Wanderung zum Südpol schildert er:

„Je stiller es wurde, desto mehr hörte ich“ S.24

Er spricht von einem in sich selbst hineinhorchen, den Fokus auf sich selbst legen und zuhören. Stille als eine Bereicherung für uns.

Nach all den klugen Gedanken und man könnte fast sagen Argumenten für die Stille, gefällt mir Kagges 33. Punkt am besten: 

Auch Denis Scheck bemerkt anerkennend: „Stille ist eine Ressource, genauso kostbar wie Wasser.“ (Aus der Druckfrisch Sendung vom 28.01.2018)

Zum Ende bleibt nur dies: So wie das Buch begann, so findet es auch seinen Schluss: Sunset. 

 

»Stille – Ein Wegweiser« von Erling Kagge. Sachbuch. 144 Seiten. 14€. Erschienen im Suhrkamp Verlag am 11.09.2017.

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