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Kristin Höller – Hier ist es »Schöner als überall«

Dieses Autorinnendebut ist die Coming-of-Age-Geschichte zweier Anfang Zwanziger, deren Lebensentwürfe und Freundschaft in eine Krise geraten und die nach Antworten suchen in ihrem Heimatort.

»Es ist eine komische Gegend hier. Wir sind nicht auf dem Land, dafür ist zu viel Beton überall, wir sind nicht in der Stadt, denn hier ist ja nichts, wir sind irgendwo dazwischen, wo man nirgends hinkommt ohne Auto, eine Zwischengegend. Hier wohnen Menschen, die in der Stadt arbeiten und im Grünen leben wollen, aber weit genug rausgetraut haben sie sich nicht. So grün ist es nämlich gar nicht, dafür alles verkehrsberuhigt und flach, und man kann von überall aus sehr weit sehen.« (23)

Auslöser ist ein Speer, genauer gesagt der bronzene Speer der Athene-Statue vom Münchner Königsplatz, der zur Trophäe einer übermütigen Partynacht wird, zum Beweis ihrer Jugend, Wildheit und Lebendigkeit. Doch allzu schnell merken die beiden Freunde Martin und Noah, dass das keine gute Idee war. Dass das Diebesgut verschwinden muss. Ohne Plan sitzen die zwei auf der Flucht in einem Miettransporter und finden sich schließlich an dem Ort ihrer Kindheit wieder. Hier verkriechen sie sich in das Gefühl von damals, als alles noch so klar und einfach war, bevor man etwas aus seinem Leben machen musste und als alles noch möglich schien – damals mit den Jungs am Baggersee oder mit Mugo auf dem Dach des Regionalbahnhofs, auf Streifzügen durch die Fenchelfelder und Spielstraßen… Auch Mugo ist hierher zurückgekehrt und jobbt während der Nachtschichten an der Tankstelle – ausgerechnet die kluge Mugo, die Martin damals mit ihrer Wut auf die gutbürgerliche Provinz und die Ignoranz der Erwachsenen angesteckt hatte.

Doch nach und nach scheint Martin alles zu entgleiten. Auf sich selbst zurückgeworfen, muss er sich und sein Verhältnis zu Vergangenheit und Herkunft überdenken.

 

»Es ist noch zu früh für Nostalgie« (26)

Wer kennt das nicht? Martin ist Anfang Zwanzig und noch nicht lange zum Studieren von zu Hause ausgezogen. Zum ersten Mal auf eigenen Beinen stehen und sich seine Zukunft erschaffen. Doch so richtig bereit dafür, ist er nicht und manchmal sogar ziemlich einsam. Als er nun nach Hause kommt, stellt er erschrocken fest, dass sich hier nichts verändert hat, alles noch gleich aussieht. Zwar beginnt er genüsslich in Erinnerungen zu schwelgen, wird aber auch zunehmend darauf gestoßen, dass er selbst nicht mehr dorthin gehört. Immer wieder beleuchtet Höller gekonnt die Kluft zwischen dem, was wir denken, und dem, was wir sagen.

»Alles hier sieht aus wie eine Kulisse, wie die Attrappe einer Provinz, hergerichtet für einen Kinofilm über wütende Jugendliche.« (78f.) Aber nichts ist so wie in den Filmen. Kein Pathos, keine Romantik und erst recht kein Happy End. Der Roman bietet eine perfekte Projektionsfläche, eine Allerorts-Provinz mit einem Jedermanns-Protagonisten und Jedermanns-Problemen, die jede*n Leser*in auf sich und die eigene Kindheit zurückwirft. Schöner als überall, das ist für jede*n woanders und doch geht es allen erstaunlich ähnlich damit.

»Manchmal glaube ich, meine Eltern leben im kleinsten Haus, im kleinsten Ort, im kleinsten Universum überhaupt.« (91)

So schreibt sie über Wurzeln, heimelige Gefühle und das Nachhausekommen eines erst probeweise auf eigenen Füßen Stehenden, über das Revidieren von alten Freundschaften und Jugendlieben, über große Pläne, Sackgassen, Erwartungsdruck und Verwundbarkeit, und letztlich die Erkenntnis, dass die Wahrheit irgendwo im Dazwischen liegt und der Trick ist, es mit sich selbst aushalten zu können. Dabei wirft der Text einen sowohl kritischen wie liebevollen Blick auf Familie und Vorstadt-Gartenzwerg-Milieus.

»Im Körper ist es genauso warm wie draußen, es ist, als wüsste man nicht, wo die eigene Haut aufhört. Wir sitzen am Ufer und ziehen unsere Oberteile aus. Ich denke manchmal, dass man das am besten ganz oft macht, wenn man noch jung ist, dann kann man später einen dicken Bauch bekommen ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben.« (38)

 

 

»Das Problem ist ja: Es wird alles immer komplizierter, je länger man drüber nachdenkt.« (93)

Mit Wortwitz, Wärme und einem Hang zu kleinteiligen Beobachtungen schreibt Kristin Höller, mit einem Herz für schillernde Details und dem ständigen Bemühen, selbst für absurde emotionale Regungen Worte zu finden. So betrachtet sie unaufgeregt scheinbar Alltägliches und findet dafür eine faszinierende, sehr eigene Sprache. Kurzweilig, temporeich, leichtfüßig und sensibel für subtile Situationen wird die Geschichte ideenreich in eine originelle Sprache und Bilder gegossen.

»Hier ist etwas passiert, vor vier oder fünf Jahren, genau in diesem Zimmer, auf dieser Couch, das könnte man als Kuss beschreiben, der erste überhaupt, und es wäre nicht falsch, aber es wäre eben auch ganz und gar unzureichend, weil es sich nach viel mehr angefühlt hat. Es hat sich größer angefühlt, nach Bedeutung und Kollision, (…).« (102)

Stellenweise wirkt der Debütroman allerdings etwas zu konstruiert oder theatralisch. Manchmal lässt sich der Text dazu hinreißen, zu explizit auszuerzählen und zu erklären oder sich in einen fast schon wahnhaften Gebrauch von Metaphern hineinzusteigern, was man aber nicht zwangsläufig der Autorin anlasten muss, sondern auch in der Eigenlogik der Hauptfigur begründet sehen kann, einem sprachlosen, naiven Protagonisten, der um Erklärungen ringt.

Martin ist ein Schwacher, ein Taumelnder, Zweifelnder, ein hyper-sensibler Protagonist, der sich solange an andere starke Figuren wie seinen Schauspielerfreund Noah oder die Feministin Mugo klammert, bis er zurückgewiesen, auf sich zurückgeworfen wird. Ein Protagonist, der sich dauer unverstanden fühlt und mit der Zeit etwas anstrengend werden kann. Mugo dagegen bildet den faszinierenden Mittelpunkt der Geschichte: Sie hat Strahlkraft, Power, Klugheit, Witz, Wut, Trotz und eine verheerende Kraft, die Martin umhaut. Mugo ist schlagfertig und argumentationsstark in ihrer links-feministischen Rebellion – sie ist die Hoffnung, eine Figur, der man sich verbunden fühlt und die den Ausweg neben den Hausmütterchen symbolisiert, wenn sie auch selbst in eine Krise gerät mit ihrem Rebellentum.

»Es gibt Wörter, die nehmen Frauen ihre Bedeutung weg, Wörter wie zickig, schnippisch, hysterisch; bei Männern heißt das immer einfach nur Wut, und das klingt nach einem ehrlichen, starken Gefühl.« (117)

 

Fazit: »der Trick ist, keine Angst zu haben.« (213)

»Schöner als überall« erzählt vom Ende einer Freundschaft und der ersten Liebe, vom Erwachsenwerden und von Heimatgefühlen und ist dabei voller Wärme und versöhnlich.

Auch wenn der Roman einige Längen hat und sich hier und da dem Pathetischen und dem repetitiv Deskriptiven hingibt, bleibt er doch ein eindrucksvolles Debut, eine berührende Geschichte, die uns alle an uns selbst erinnert und durch seinen innovativen, coolen Sound besticht.

»Auch die Vorstellung, dass jeder einmal ein Kind war, dass jeder einmal Eltern hatte, die vielleicht geweint haben bei der Geburt vor Rührung, jeder Soldat, jeder Präsident, jeder Hausmeister – das gibt mir so ein ganz vages Gefühl für die Widersprüche, für all die doppelten Böden unter uns und die Gewissheit, dass alles irgendwie zusammenhängt auf eine Weise, die ich mir nicht so richtig erklären kann.« (94)

 

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»Schöner als überall« von Kristin Höller umfasst 219 Seiten, erschein am 12.08.2019 bei Suhrkamp und kostet als gebundenes Paperback 18,00 €.

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