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Friedemann Karig im »Dschungel« der Erinnerung

Zwei Teenager auf einer Klippe – den einen fasziniert der Abgrund und der Gedanke an den Sprung, der andere lernt das Fürchten vor diesem, seinem besten Freund.

»›Es gibt keine Höhenangst, Herr Doktor‹, erklärt er mir. Seine Arme flattern wie zwei Flügel durch die Luft. ›Es gibt nur Fallsucht. Das ist keine Furcht. Sondern Lust! Der Sog der Tiefe. Der Reiz des letzten Schrittes.‹« (12)

Was ihn daran reizt, ist der Mut. Zu wissen, dass man mutig genug für diesen letzten Schritt wäre. Der Mut, der dein Leben maximal zu vereinfachen vermag und Spaß erst möglich macht.

 

„Dschungel“ Autorenlesung zu Wasser © Sebastian Mowka

»›Eine Freundschaft wiegt nur so schwer wie die in ihr behüteten Geheimnisse.‹« (157)

Felix ist der aller beste und einzige Freund des namenlosen Protagonisten. Jemand, zu dem er aufguckt, den er nicht enttäuschen will. Jemand, der seiner eigenen Existenz erst einen Sinn gibt. Eine Freundschaft, die über ein natürliches Maß an Abhängigkeit weit hinaus geht. Ins Pathologische hineinreicht. Mittlerweile sind die beiden erwachsen und unser Protagonist entscheidet sich zum ersten Mal gegen Felix, als dieser ihn bittet, ihn auf eine aberwitzige Reise nach Kambodscha zu begleiten. Der vernünftige Ich-Erzähler entscheidet sich für Job, Freundin, Heimat, Sicherheit. Doch dann verschwindet Felix spurlos und unser Protagonist sieht sich gezwungen, ihm auf seinem Weg ins fremdartige Asien und bis in den Dschungel und das Vergessen zu folgen.

 

»Mit diesen Worten bin ich zu einem Faktor in der Gleichung namens Hoffnung geworden. Als Faktor trägt man Verantwortung. Man kann groß oder klein sein oder null. Man kann versagen. Man kann mitschuldig werden am Verschwinden. Man ist nicht mehr der, der man war. Man ist nicht der Suchende, man ist die Suche. Man hat sich am Verschwinden infiziert. Man verschwindet selbst.« (198f.)

 

Autor Friedemann Karig ist für seinen Debutroman „Dschungel“ selbst nach Kambodscha gereist
© Sebastian Mowka

 

Tourismus 2.0

Was der Roman bei all seiner Unterhaltsamkeit vergleichsweise düster verhandelt, ist die Form, die der Tourismus in unserer Millennial-Generation angenommen hat. In »Dschungel« wird das heutige Reisen als ein pervertierter Konsum von Erlebnissen dargestellt, nach denen sinnentleerte Individualisten auf der Jagd sind, um sich noch interessanter zu machen – der Wettlauf nach dem Besseren, der auf alle Lebensbereiche übergesprungen ist und ganze Industrien ad absurdum führt, Landstriche verwüstet und soziale Verbindungen zur Massenabfertigung werden lässt.

 

»›Weißt du, wie viele Menschen inzwischen im Jahr verreisen? (…) Über zwei Milliarden pro Jahr. Der ganze Planet brummt von unseren Bewegungen. Wir sind wieder zu Jägern und Sammlern geworden. Aber nicht, um zu überleben, sondern um zu erleben. Am liebsten in armen Ländern, wo man sich viel mehr leisten kann als zu Hause. Man reist sich reich. Und eine ganze Industrie kassiert. (…) Erst kommen die Abenteurer, dann die Hippies, dann die Backpacker. Ab da geht es nur noch bergab. Sobald du irgendwo mehr als drei Rücksäcke siehst, hau ab. Warte nicht, bis die Chinesen alles aufkaufen und mit Reisegruppen fluten. (…) Dieser Ort ist längst versaut, verbrannte Erde. So geht es überall. Malaysia soll noch okay sein. Venezuela war super, bis es zu gefährlich wurde. Vielleicht kommt als nächstes Nigeria oder Ecuador, who knows. Völlig egal. Die Namen ändern sich. Die Geschichte bleibt die gleiche. Ein Paradies nach dem anderen wird heimgesucht und in einen Abenteuerspielplatz für Westler verwandelt.‹« (124f.)

 

Cover „Dschungel“ © Lena Stöneberg

Auf seiner Suche begegnet der Ich-Erzähler zahlreichen Klischee-Hipster-Backpackern in zahlreichen schäbigen Hostels mit zahlreichen Varianten der einen großen Sehnsucht. Sie alle sind auf der Suche nach dem besonderen Erlebnis. Nach sich selbst, nach irgendeinem Sinn, nach Abwechslung, etwas Exotik und in erster Linie Spaß. Dass sie dabei jede Menge Müll hinterlassen, die heimischen Strukturen zerstören, Treibhausgase in die Ozonschicht blasen und in ihrer Touri-Blase alkoholisiert Schwachsinn potenzieren, bemerken sie nicht einmal. Schon bald hat unser Ich-Erzähler gehörig die Schnauzte voll. Doch dann lernt er den Zauberkünstler Luca kennen, der ihn auf seiner Suche in die entlegeneren Winkel dieses geheimnisvollen Landes bringt. Bei einer Hippie-Aussteiger-Kommune auf einer namenlosen Insel scheint er Felix näher denn je gekommen zu sein.

»›Das Einzige was alle Menschen in den sogenannten westlichen Gesellschaften, in denen der Individualismus alle Gemeinsamkeiten aufgelöst hat, gemeinsam haben, ist die Gewissheit, dass sie ihr Leben ändern müssen. Und die Last der Freiheit, es auf Millionen Arten tun zu können.‹« (259)

 

 

Und nun?

Klug – manchmal auch etwas altklug, hier und da wird einem zu viel vorgekaut – wird im Text über die Gier unserer modernen Welt räsoniert, über unsere getriebene Generation, und Stück für Stück begibt sich die LeserIn hinein in diese Denke und ist am Ende fast bereit, selbst einen Ausweg aus dem Hamsterrad unserer täglichen Bestrebungen nehmen zu wollen.

»Wer wirklich etwas Einzigartiges erleben, sich abheben will, der muss aus dem Karussell ausbrechen, etwas riskieren. Alle anderen sind Lemminge.« (121)

Signierstunde während der Buchpremierenfeier © Sebastian Mowka

Durch Rückblenden springt der Roman zwischen der irrsinnigen Spurensuche in Kambodscha und der Kindheit dieser schicksalhaft verbundenen Freunde hin und her und erzeugt dabei gekonnt Spannung und Überraschungen durch Wendungen und Netflix-würdige Cliffhanger. Ein Abenteuerroman, der seinem Genre alle Ehre macht und der nach einer Verfilmung geradezu schreit. 

Eine unterhaltsame Erzählung, stark, packend, leichtfüßig, witzig, einfallsreich und bewegend, durch seine szenisch-atmosphärische Qualität und lebendige Figuren zugänglich und ebenso nachdenklich und reflektiert. So erfahren wir von der Geschichte eines schrecklichen Völkermords in den 70er Jahren, von dem die meisten noch nichts gehört haben dürften.

Auf seiner manischen Mission gibt der Protagonist vieles auf und zweifelt schließlich sein ganzes bisheriges Leben an. Dieser Reiseroman wagt sich an die ganz großen Fragen und schafft es, LeserInnen tatsächlich zu tangieren.

 

Wie weit sollte man für eine Freundschaft gehen? Was ist man bereit anzuzweifeln?

Zusammen mit den Hauptfiguren empfindet man Hoffnung und Verlust, ergründet man die Dichotomie aus Erinnerung und Vergessen auf sehr lesenswerte Weise – eines der Bücher, die mir dieses Jahr am meisten Spaß gemacht haben!

 

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»Dschungel« von Friedemann Karig umfasst 384 Seiten, erschien am 02.05.2019 bei Ullstein und kostet als Hardcover 22,00 €.

Cover „Dschungel“ © Lena Stöneberg

 

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