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Liebeserklärung von Katja Oskamp: »Marzahn, mon amour«

»Heldinnen des Alltags« (91)

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an den oft belächelten Plattenbau-Kiez am östlichen Rand von Berlin, ein Buch über das Leben und Altern jenseits der Ringbahn; darüber, was unsere Füße über uns erzählen können – ein Buch, genauso lustig und tragisch und schräg wie das Leben.

Erzählt wird von Katja Oskamp, einer Schriftstellerin, deren Erfolg und Elan mit Mitte Vierzig verebben – das Leben gerät ins Stocken, wird fad, die Enttäuschungen häufen sich und etwas Neues ist nicht mehr in Sicht. Der Mann ist schwer krank, die Kinder aus dem Haus, und was eine solide und banale Midlife-Crisis sein könnte, nimmt sie als Gelegenheit. Was von außen nach Scheitern aussieht, ist für Katja Oskamp ein neues Leben und Quelle der Inspiration: Sie wird Fußpflegerin in einem kleinen Studio in Berlin-Marzahn, ein Arbeiterkiez voller Rentner:innen aus der ehemaligen DDR.

 

»Vielleicht stammt aus jener Zeit die Einsicht, dass das Leben ein Verlustgeschäft ist.« (88)

Hier kommen die Geschichten zu ihr, manchmal in Form von ritualisierten Gesprächen mit Stammkundinnen, die ihre Vergangenheiten mit sich herumtragen, manchmal in Form von Schweigen. Sie bekommt abgerackerte Füße zu sehen, verwahrloste, ungeliebte und charakterstarke – in jedem Fall aber ergänzen diese die lakonischen bis bissig vorgetragenen, sehr berlinerischen Geschichten ihrer Besitzer:innen. So wird auf poetische Art sichtbar, wie sich unsere Leben und historische Umstände in unsere Körper einschreiben. Ein Milieuporträt von unten aus betrachtet über einen Kiez, in dem sich noch heute wie in keinem anderen deutsche Geschichte manifestiert.

Pointiert und bündig wird in Episoden von verschiedenen Gästen erzählt, von ganz normalen Leuten, an einem kaum beachteten Ort, und auch von Begegnungen mit dem Tod. Voller Neugierde, Wohlwollen und Wärme blickt Katja Oskamp auf diese Menschen und schon beginnen sich schillernde Geschichten zu entspinnen: Da ist zum Beispiel Frau Blumeier in ihrem schnittigen Rentner-Elektrorollstuhl, der ehemalige SED-Funktionär Herr Pietsch, die toughe Frau Janusch und Flocke, die Maniküre-Kollegin mit den melancholischen Glitzerkrallen:

»Desinfizieren und Dekorieren – ich glaube zu verstehen, warum Flocke in diesen Dingen ganz groß ist. Flocke will es sauber haben, Flocke will es hübsch haben. Sie dekoriert ihre Wohnung, unser Studio und sich selbst. Sie dekoriert die Nägel ihrer Kundinnen, und man kann sie überladen und kitschig finden, diese bunten Glitzerkunstwerke, aber vielleicht konzentriert sich manchmal die Schönheit dieser Welt auf einem einzigen Fingernagel.« (72)

Die Art, wie Katja Oskamp von ihren Kund:innen schreibt, ist durchdrungen von Menschlichkeit, sie will hinter Fassaden und Klischees blicken, verstehen und versöhnen. Voller Humor und Wertschätzung und ganz ohne Berührungsängste gibt sie alten Menschen ihre Würde und Einzigartigkeit zurück und bringt uns gleichzeitig liebevoll eine Welt näher, von der wir uns im Alltag allzu vorschnell und naserümpfend abwenden. Ein himmlisches Buch, das in seiner Leichtigkeit zu anrührender Schwere kommt.

»Während ich mich aufschwinge zu einer Hymne über Marzahn und seine Bewohner, über diese Leute, die dort vor vierzig Jahren hingezogen sind und jetzt mit Rollator, Sauerstoffgerät und Mindestrente tapfer ihr Leben zu Ende bringen, die manchmal tagelang mit niemandem reden, die uns, wenn sie ins Studio kommen, ihre hungrigen Herzen ausschütten, jede Berührung dankbar aufsaugen und glücklich sind an diesem Ort, an dem sie nicht wie die Vollidioten der Nation behandelt werden.« (92)

 

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»Marzahn, mon amour« von Katja Oskamp umfasst 144 Seiten, erschien am 22.07.2019 bei Hanser Berlin und kostet im festen Einband 16,00 €.

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