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Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76)

»Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin.

Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung.

»Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125)

Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, den Menschen anrichtet – beißend, fast zynisch, eine entlarvende Abrechnung mit den großen Mythen des Fortschrittsoptimismus und der Chancengleichheit. So erzählt die junge Autorin von Orientierungsverlust, dem Scheitern und postmodernem Klassenkampf.

»Die zwölf Millionen Einwohner reichten nicht mehr aus, um dieser Ballung großer Ballungsgebiete eine Seele einzuhauchen. Die Stadt war eine Filiale großer Konzerne von Staatenlosen, man lebte dort nicht anders als in jeder beliebigen Giga-Stadt der Welt.« (106)

Das Konzept ›eine große Liebe‹ ist tot

Alejandro ist ein Kolumbianer in Frankreich, so sehen ihn die Franzosen und das wird er auch nie abschütteln können. Er und Aurélie sind ein großes Liebespaar und dennoch soll es kein Happyend für die beiden geben.

»›Ich hing an ihr, wirklich, aber noch mehr hing ich an meinem Laster, dieser Sucht, überall wegzulaufen, auf der Suche nach wer weiß was, getrieben von einem dämlichen Stolz wahrscheinlich, durch das Gefühl, irgendwie überlegen zu sein.‹« (71)

Zusammen mit der Protagonistin Aurélie geht man einen emotionalen Weg von romantischer Verklärung über das Scheitern auf vielen Ebenen in die umfassende Desillusionierung und Müdigkeit. Marion Messinas Debüt ist ein Paukenschlag, ein Stich ins Herz – eiskalte Analyse, zornig, aber klarsichtig, ein gnadenloser, schwarzhumoriger Blick auf eine geopferte Generation und gleichzeitig eine so bittersüße, tragische Liebesgeschichte, dass es einen hinfort spült. Hier stimmt einfach alles!

»Irgendwann hatte sie es begriffen. Es ließ sich nicht mehr leugnen, sie wurde auf einem Altar von Dummheit und Verzicht geopfert.« (107)

 

Aus Neustart wird Fehlstart

Als ihre erste große Liebe mit Alejandro scheitert, weil er aus Grenoble wegzieht, um sich seiner Freiheit rückzuversichern, beschließt auch die 19-jährige Aurélie, dass es Zeit ist, ihre Heimat zu verlassen und einen Neustart zu erzwingen. Ihr in Grenoble begonnenes Jurastudium, das sie aus der Arbeiterklasse hinauskatapultieren sollte und das sie aus purer Langeweile, Enttäuschung und Überforderung fast vor die Wand gefahren hätte, soll nun in der kulturellen wie wirtschaftlichen Hauptstadt Frankreichs vollendet und die ihr ganzes Glück werden. Doch es kommt anders.

Beim Studium trifft Aurélie die vollkommene Nutzlosigkeit der Lehrinhalte, statt Esprit in philosophischen Cafés erwartet sie die Einsamkeit in der Banlieue, eine eigene Wohnung bekommt sie gar nicht erst. Ihre Abhängigkeit von einem Zuverdienst macht aus der jungen Frau ein Vorzimmermädchen zum Mindestlohn (»Bereitschafts-Hostess«), deren einzige Aufgabe das Nichtstun und Lächeln ist. Eine Hure der guten Erziehung mit sauberen Fingernägeln, die auf Abruf als Vertretung jeden Morgen in eine andere Empfangshalle geordert wird und da dem selbstsicheren Gang der Besserverdiener nachschaut. Einfach nichts will gelingen und sich zum Guten wenden, sie lebt zwischen Tür und Angel, bis sie Franck kennenlernt, der sie gegen die eigene Einsamkeit zu sich holt. Der einzige Freund, den sie hat, ist Pizzabote Benjamin – sie beide wollen bald zu Ende studieren und dann endlich ihrem Traum vom besseren Leben näherkommen, doch ihre Ausbeuterjobs halten sie auf Trab. Die Liebe scheint längst nur noch eine Farce zu sein zwischen Platonie und Prostitution. Aurélie droht sich immer mehr zu verlieren…

Weder Bohemien noch Prolet

»Aurélie fühlte sich gefangen zwischen einem zur Fron verpflichteten, respektvollen, unterwürfigen und ängstlichen Arbeitermilieu und einer stumpfsinnigen, kriminellen Mittelklasse, die es offenbar eilig hatte, den letzten Rest sozialer und geistiger Würde, die sie hätte weitergeben können, über Bord zu werfen. Eigentlich empfand sie für ihre Landsleute die gleiche mit Mitleid gemischte Verachtung wie Alejandro für die Kolumbianer.« (88)

Letzt endlich besitzen die Figuren dieses Romans weder die intellektuellen noch die finanziellen Mittel, um ihrem Milieu zu entfliehen. Für Alejandro hat sich die Einwanderung, die eine neue Chance sein sollte, als bürokratischer Härtetest plus Ressentiments herausgestellt – in Kolumbien gehörte seine Familie immerhin zur oberen Mittelschicht, dass ein Neuanfang in Übersee immer ein Anfang ganz unten ist, spiegelte sich nicht wider im Schwindel der Verheißung. Sie alle laufen gegen die Wände eines Systems, dass die Möglichkeit sich hochzuarbeiten ausschließt.

Dafür verbindet Alejandro und Aurélie eine Liebe, die aus Ehrlichkeit erwächst, sich aus tabuloser Leidenschaft nährt, durch Neugierde belebt, aber nicht frei ist vom Schatten kultureller und sozialer Gräben. So ist auch diese Liebe letztlich zum Scheitern verurteilt, weil sie unausgewogen ist, ihr unterschiedliche Bedürfnisse zugrunde liegen, und dennoch folgt man ihnen gerne bis zum bitteren Ende, an dem folgende zynische Erkenntnis steht:

»Sie hatte ihre Rolle sehr korrekt gespielt. Sie hatte ihn von seiner überschüssigen Samenflüssigkeit befreit, an knappen Monatsenden gesättigt und beruhigt, wenn ihn die Angst vor dem Scheitern packte. Sie hatte ihm Zärtlichkeit gegeben, wenn er danach verlangte, gratis, ohne irgendeine Gegenleistung zu verlangen. Sie hatte das Spiel der new-age-Beziehung mit grenzenloser Hingabe und ohne jede Perspektive mitgemacht. Keine Verantwortung, keine Verpflichtung, ein an der Logik der Mobiltelefonie-Angebote orientiertes Sexualleben.« (72)

Beiden scheint es unmöglich, wirklich Fuß zu fassen, beide versuchen verzweifelt, sich von ihrer Herkunft zu befreien. Für Aurélie sollte es eine Flucht in die Liebe werden, für Alejandro eine in die Freiheit.

Diese Geschichte allein ist schon ein erhellender Genuss, den Marion Messina noch ergänzt mit eingestreuten Analysen von Kolumbien und Frankreich, von Städten, Paaren, Geschlechtern, Vorurteilen, Wirtschaften und Bildungssystemen. Sie räumt auf mit dem ur-französischen Wunschdenken der Egalität und portraitiert die Perspektiv-, Ziel-, Heimat- und Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation, die Anarchie des Immobilienmarkts. Von unten betrachtet sieht man die klaffenden Löcher im Sozialsystem – auch wenn es immer noch besser ist, in Europa arm zu sein als in einem Land der sogenannten zweiten oder dritten Welt.

 

»In einer Stadt mit zwölf Millionen Menschen war sie allein.« (96)

An einen Punkt der totalen Hoffnungslosigkeit angekommen, projiziert Aurélie alle unerfüllten Wünsche in ihre Sehnsucht, von einem Mann als Mensch, als Aurélie, begehrt zu werden, was ihr mittlerweile als Ding der Unmöglichkeit erscheint in ihrer, einer emotionslosen, sexgeilen, bindungsphobischen Generation. Ihre ganze Frustration kulminiert in einer feurigen, wutschnaubenden Abrechnung mit der Männerwelt, die in ihrer Drastik durchaus Spaß macht:

»Sie waren so gesättigt von Pornofilmen, besessen von Fun und Party. In der Frau sahen sie eine Ware, die ihren Verbraucherwünschen entsprechen musste, die wiederum von der Werbung mit retuschierten Körpern diktiert wurden. Die perfekte Frau war ein Pornostar, sie ließ sich auf alle Fantasien ein, die von der Pornoindustrie diktiert wurden, ohne sie infrage zu stellen. Sie wollen sie in den Arsch ficken, weil sie von einer Kleinmädchenmöse fantasieren, die durch die perverse Umkehr der Werte zum absoluten Symbol der vollendeten, wenn auch allein der Lust des Mannes dienenden Sexualität geworden war. (…) Die meisten Männer stießen sie ab. Sie erinnerte sich der lüsternen Blicke, die sie seit der Pubertät hatte ertragen müssen. (…) Männer sagten die netten Dinge nicht, weil sie liebten oder verliebt waren, sondern weil sie krank vor Verlangen waren, einen Körper zu penetrieren – auch das begriff sie jetzt. Die Liebe von Männern gab es bestimmt, aber sie müsste etwas sehr Flüchtiges, sehr Schwaches sein, da sie innerhalb einer einzigen Generation verschwunden war, seitdem die Männer nicht mehr von der Gesellschaft der Verpflichtung unterworfen wurden, eine Familie zu gründen und zu ernähren. (…) Für die Männer waren Frauen Wesen, die ihnen zur Verfügung standen, die kämpfen sollten, um begehrenswerter zu sein als ihre Geschlechtsgenossinnen. Im Gegensatz zur Tierwelt musste bei den Menschen nicht das Männchen darum kämpfen, das Weibchen zu erobern, damit es das Fortbestehen der Art sicherte. Dank dieser Umkehr konnte die Wirtschaft Rekordgewinne mit Waren und Dienstleistungen einfahren, die nur der ständigen Veränderung des weiblichen Körpers dienten…« (109ff.)

Marion Messina gelingt gleich mit ihrem Debüt ein so hinreißender wie mitreißender Roman. Leichtfüßig, witzig, hellsichtig und zärtlich, genauso wie zornig, vulgär, mutig und feministisch. Eine außergewöhnliche Lektüre.

 

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»Fehlstart« von Marion Messina, aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz, umfasst 168 Seiten, erschien am 27.01.2020 beim Hanser Verlag und kostet im festen Einband 18,00 €.

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