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Warum »Moonlight« nicht der beste Film des Jahres ist – eine Filmkritik

Der 2017 mit einem Oscar als »Bester Film« gekürte Film »Moonlight« bewegt die Massen. Barry Jenkins entwirft in diesem Streifen die Lebensgeschichte des Jungen Chiron, die auch seine eigene ist. Der Trailer verspricht ein berührendes Drama über Homosexualität in der afro-amerikanischen Drogenszene. Jedoch scheitert die Umsetzung. Wieso der Film meiner Meinung nach sein Potential nicht vollkommen ausgeschöpft und mich die Umsetzung eher enttäuscht hat, lest ihr hier.
(Für mich ist es definitiv nicht der beste Film des Jahres, auf dem Treppchen sehe ich dann doch eher »La La Land«. War die Oscarverwechslung an dieser Stelle vielleicht doch kein so großer Irrtum?)

 

Inhalt - kurz gesagt

i. Little 
Chiron ist ein kleiner Junge, der zur Schule geht und von allen nur Little genannt wird. Little ist das Gegenteil von allen anderen Jungen in seinem Alter – sehr ruhig, in sich gekehrt, verschlossen. Kein Wunder, denn er hat mit großen Problemen zu kämpfen. In der Schule muss er sich gegen seine Klassenkameraden verteidigen und zu Hause gegen seine drogensüchtige Mutter, die nur mit sich selbst und ihren Lovern beschäftigt ist. Einziger Lichtblick ist der in seinem Leben plötzlich auftauchende Juan, der sich um ihn kümmert und zusammen mit seiner Freundin Teresa zu einer Art Ersatzfamilie mutiert. Es herrscht kurz heile Welt, bis Little erfährt, dass Juan als Drogendealer auch seine Mutter als Kundin versorgt.

ii. Chiron          
Chiron ist mittlerweile zu einem jungen Mann herangewachsen, geht nun in die Oberstufe und wird immer noch von den gleichen Klassenkameraden gemobbt. Niemand nennt ihn mehr Little, die behütete Zeit als kleiner unschuldiger Junge ist endgültig vorbei. Nach dem Tod seines Ersatz-Papas Juan ist Chiron ganz auf sich gestellt. Er findet etwas Halt und Nähe bei seinem Kumpel Kevin, mit dem der sensible Chiron den einzigen sehr berührenden, intimen Moment des Filmes und zugleich seines Lebens erlebt. Er scheint Kev zu vertrauen, wird jedoch von ihm enttäuscht. Angestachelt von anderen Jungs schlägt Kevin Chiron, wenn auch nur widerwillig, in einem Kampf zu Boden. Als dieser sich das erste Mal wehrt und dem Verantwortlichen für die Prügelei einen Stuhl über den Kopf pfeffert, wird er von der Polizei verhaftet. Von da an scheint es bergab zu gehen – oder doch bergauf?

iii. Black
Chiron ist jetzt Mitte 20 und dick im Geschäft. Fette Karre, Goldzähne, kleinere Handlanger, die für ihn arbeiten – er ist ein erfolgreicher Drogendealer! Er wird Black genannt, was einen eindeutigen Cut zu seinem vorherigen, introvertiert geführten Leben zeigt. Der Kontakt zu seiner Mutter, die inzwischen in einer betreuten Einrichtung lebt, ist nur noch sporadisch. Als sich sein alter Freund Kev bei ihm meldet, merkt man, dass Chiron seinen weichen Kern unter einer harten Schale verborgen gehalten hat. Als er zu Kevin fährt, werden alte Erinnerungen wieder wach. In seiner Gegenwart wirkt er fast wieder wie der kleine Little, eingeschüchtert, zurückhaltend, unsicher. Der Film lässt das Ende der beiden offen und endet mit einer letzten Sequenz, in der die beiden nebeneinandersitzend, in Eintracht die Köpfe aneinanderlegen.

 

Einschätzung

Die dreiteilige Gliederung des Films hat mir sehr gefallen. Das hilft bei der Orientierung, schafft Struktur und lässt die Entwicklung des jungen Mannes nachvollziehbarer werden. Doch da wären wir schon beim ersten Knackpunkt angelangt:

Persönliche Entwicklung? Fehlanzeige!
Eine Entwicklung findet zwar äußerlich und auch im Umfeld statt, aber sein Lebensweg ist von Anfang an vorgegeben: aufgewachsen in einem problembehafteten Milieu, in dem Little nur Vernachlässigung erfährt, stehen seine Chancen recht schlecht jemals einen Weg hinaus zu finden. Auf mich wirkt es dennoch allzu klischeehaft und eben vorhersehbar, dass Chiron in die Fußstapfen seines “Vorbild-Ersatz-Vaters“ Juan tritt und ebenfalls Drogendealer wird. Dann auch noch in genau der gleichen Protzkarre durch die Gegend fährt, mit demselben Krönchen in der Windschutzscheibe. Wirklich nicht sehr originell…

Jedoch eine hier positive Überraschung: Die Reinkarnation des Juan ist nur Farce, denn am Ende zeigt sich, dass Chiron ist und bleibt was er von Anfang an war – ein schwuler, einsamer, trauriger und stiller Junge auf der Suche nach Zuneigung.

Starkes Thema – Schwache Umsetzung!
Die Geschichte eines schwulen schwarzen Afroamerikaners im Drogenbusiness zu erzählen ist sehr mutig und wichtig, daher ein gut gewähltes Thema. Allerdings wird die Homosexualität von Chiron verhältnismäßig wenig offen thematisiert. Sie spielt zwar eine zentrale Rolle im Film, jedoch werden nicht alle Möglichkeiten der Thematisierung genutzt.

Vielleicht ein Kunstgriff oder auch dem Umstand geschuldet, dass Black als geouteter Schwuler in der Drogenszene in Schwierigkeiten geraten könnte, aber gerade bei diesem essentiellen und wichtigen Thema, das, besondere Betonung: im Fokus des Films steht, finde ich diese gezeigte Zurückhaltung sehr schade. Schwule Afroamerikaner sind bisher leider immer noch eine Novität im amerikanischen Kino und das merkt man diesem Film fast an. Zu grob wird drüber hinweggegangen, nachlässig und vielleicht auch zu vorsichtig wird das Thema Homosexualität aufgearbeitet.

Fehlende Emotionalität
Enttäuscht war ich besonders von den losen Stücken, aus denen der Film hauptsächlich besteht. Viel zu Vieles wird nur implizit dargestellt und der Zuschauer wird genötigt, die fehlenden Teile der Geschichte durch seine Fantasie zu ergänzen.

Ich verlange von einem Film nicht, dass mir jeder Gedanke und jede Handlung auf dem Silbertablett präsentiert werden, aber ein Film muss es schaffen, das Unsichtbare durch wohlproportionierte Ahnungen, Gefühle und Schwingungen anzudeuten. Von »Moonlight« war ich im Endeffekt nur frustriert, weil ich als Zuschauer im Dunklen allein gelassen wurde.

Dargestellt werden Ausschnitte aus einzelnen Lebensphasen, ohne Informationen zu liefern bzgl. der Fragen: Wie? Und Warum? Wenn man nur einzelne Brocken vorgeworfen bekommt, ist es nicht verwunderlich, wenn keinerlei emotionale Bindung zu den Darstellern entsteht. Der Zuschauer wird mit vielen Andeutungen konfrontiert, die Bilder dazu fehlen. Ich denke z. B. an die Situation als Little erfährt, dass Juan mit Drogen dealt und auch an seine Mutter verkauft. Ohne jegliche Reaktion zu zeigen, steht Little vom Mittagstisch auf und verlässt das Zimmer. Ganz klar, dass er von seinem Freund enttäuscht ist, vielleicht spürt er auch Wut. Aber eine erwartete spätere Konfrontation, oder Aussprache, bleibt aus.
Ähnliches geschieht oder geschieht eben nicht als Black nach vielen Jahren Kevin wiedertrifft. Ob sie je über die Schlägerei in der Schulzeit gesprochen haben? Die Antwort ist vermutlich nein, aber ganz sicher weiß man es eben nicht. Nicht nur an dieser Stelle, sondern im gesamten Film wird ein viel zu großer Raum für Interpretationen geöffnet. Der Zuschauer wird einem Wirrwarr an Eindrücken ausgesetzt, die einen unbefriedigten Zustand hinterlassen.

Viele Fragen, keine Antworten
Der Tod von Juan, dem Mann, der im 1. Teil so wichtig für Little ist, wird auch nur in einem Nebensatz erwähnt. Unklar bleibt dabei, wie, wann, warum er starb. Man fühlt sich regelrecht vor den Kopf gestoßen, da der Trailer des Films vermittelte, dass es hauptsächlich um die Beziehung der beiden gehen soll. Klarer Irrtum und einfach nur enttäuschend, weil die Beziehung der beiden doch so wichtig und prägend für Chirons Leben ist. Sehr schade, dass der Zuschauer nicht mehr von Juan erfahren darf.

Juans Verhalten fand ich an sich auch nicht ganz nachvollziehbar. Im 1. Teil fordert Juan den kleinen Little ohne viel Federlesen auf ihm zu folgen. Er hat ihn in einem verlassenen Haus aufgelesen, in dem sich Little vor anderen Kindern versteckt hatte. Juan kauft ihm etwas zu essen und nimmt ihn schlussendlich mit zu sich nach Hause. Woher kommt dieses große Vertrauen in einen wildfremden Jungen? Steckt dahinter etwa ein Vater-Sohn-Komplex, weil Juan keine eigenen Kinder hat? Spürt er die Einsamkeit des Jungen und fühlt sich an seine eigene Kindheit erinnert? Er zeigt sich Little gegenüber sehr aufgeschlossen. Warum hat er keine eigenen Kinder, könnte man sich fragen. Wir erfahren es nicht, Juans Vergangenheit bleibt im Dunkeln.

Trotz der bewegenden Thematik schafft der Film es leider nur selten, den Zuschauer emotional zu berühren. Als der Film nach 111 Minuten zu Ende war, hatte ich das Gefühl, dass er noch eine gute Stunde gebraucht hätte. Die Episoden aus Chirons Leben sind zu bruchstückhaft und nur oberflächlich angeschnitten, sodass keine Chance besteht, richtig einzutauchen und eine Verbindung zu den Charakteren zu entwickeln.

Zärtliches Verhältnis
Der einzige Lichtblick, den der Film auf emotionaler Ebene bietet, zeigt sich, als Chiron und Kevin allein am Strand einen sehr intimen Moment genießen. Sie sind des Nachts am Strand, reden über das Leben, ihre Ängste und Tränen, rauchen dabei einen Joint und kommen sich schließlich näher. Das war die einzige Situation im Film, die wirklich Gefühl und Emotion transportiert hat und das lag an der schauspielerischen Leistung, die hier herausragend war. Bei dieser Szene hatte ich Gänsehaut und war gefesselt von den Blicken der beiden Schauspieler. Das Knistern zwischen ihnen war fast sichtbar und das hat diese Szene unglaublich stark werden lassen. Der Zuschauer spürt die ehrliche Stimmung zwischen den beiden sowie auch ihre Masken, die in diesem Moment von ihnen abfallen. Die langen und ruhigen Kameraeinstellungen harmonieren hier wunderbar mit dem eingefangenen Licht und den darstellerischen Leistungen von Ashton Sanders und André Holland.

 

Fazit

»Moonlight«, ein Film mit Potenzial und großen Ambitionen, der leider nur ein durchschnittliches Ergebnis abliefert. Der Film bleibt an den wichtigen Stellen zu schwammig und findet keine Sprache für die heftigen Themen.  Anstatt emotionale Tiefe zu zeigen, agiert der Film schablonenhaft und man bekommt unweigerlich das Gefühl aufgezwungen, dass hier die Geschichte eines „kleinen armen schwarzen schwulen Jungen“ mit drogensüchtiger Mutter erzählt wird. Mitleidspunkte gibt es an dieser Stelle, aber das war´s dann auch. Ein Leben voller Probleme – eine Geschichte voller Potenzial, aber anstatt hier anzusetzen, konkret zu werden, das Anderssein, die Homosexualität zu thematisieren, genau zu benennen, die Traurigkeit und Komplexität in Chirons Situation zu zeigen, werden hier Klischees heraufbeschworen, die es schon viel zu oft im Kino gab. Eine enttäuschende Umsetzung, die einzig und allein durch die fabelhafte Leistung der Schauspieler sowie der erstklassigen Filmmusik überlebt. Alles, was der Zuschauer hier geboten bekommt, sind leere und unzufrieden stellende Handlungen mit ein bisschen Mondlicht.

»Moonlight«. Von Barry Jenkins, USA 2016. Mit Mahershala Ali, Alex R. Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, André Holland, Janelle Monáe u.v.a.

 

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