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Matthias Nawrat »Der traurige Gast«

Der Mann ohne Namen

»Ich stand hier unten, die Türen des einfahrenden Zuges öffneten sich, ich stieg in die bunte Menge der nihilistischen Mörder und ihrer Opfer ein, ich setzte mich und dachte, dass es egal war – die Situation der Situationen wäre unumkehrbar.« (191)

Der polnisch-deutsche Autor Matthias Nawrat führt in »Der traurige Gast« – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 – einen namenlosen Protagonisten vor, der bis zum Schluss eher eine Art Hülle bleibt, die mit den Geschichten anderer gefüllt wird. Er ist zu Gast in den Leben anderer, bleibt aber lediglich ein Flaneur, ein Beobachter, der die Angebote, aktiv und tatsächlich Teil ihrer Leben zu werden, immer wieder ausschlägt. Warum es sich bei ihm um einen traurigen Gast handelt, obwohl sein Leben gut, unauffällig zu sein scheint, ist wohl auch dem Ich-Erzähler selbst nicht klar.

Der Protagonist bewegt sich in der polnischen Gemeinde Berlins und trifft im Laufe des Romans mehrere Fremde, die bereit sind, ihm ihre Geschichten anzuvertrauen. Dabei prägen ihn besonders die Gespräche mit der polnischen Architektin Dorota sowie mit dem Tankwart Dariusz – beide erzählen nicht nur aus ihrem Leben, sondern binden den Zuhörer auch an ihr Leid, denn sie vereint ein existenziell tragischer Grundton und ein Hang zum Selbstzerstörerischen. Diese Erzählstunden sind allerdings immer wieder auch absurde Situationen, in denen der traurige Gast nicht weiß, was ihn das alles eigentlich angeht und sich nur mit Mühe dazu durchringen kann, aus Höflichkeit zu bleiben und das sprichwörtliche ›offene Ohr‹ zu spielen.

»Ich spürte plötzlich eine Gegenwehr in mir. Ich wollte das alles gar nicht wissen. Aber sie schien es nicht zu bemerken.« (45)

Eingekeilt zwischen diesen zwei bedrückenden Lebensgeschichten wird noch ein Intermezzo platziert: Auf dem Breitscheidplatz an der Berliner Gedächtniskirche, nicht weit von seiner Wohnung, findet kurz vor Weihnachten ein Terroranschlag statt. Der Täter ist seitdem flüchtig, was dazu führt, dass der Ich-Erzähler die Stadt plötzlich mit anderen Augen wahrnimmt. Eine neue Aufmerksamkeit für Situationen und Menschen, auch ein Bestärken von Vorurteilen und Unsicherheiten, prägen seinen neuen Blick. Was sich in diesen Szenen andeutet, ist das sich anbahnende Bewustsein für die Zusammenhänge des großen Kreislaufs Kolonialismus – Rassismus – Terrorismus und wie er uns alle betrifft.

»Nichts in seinem Gesicht ließ erahnen, ob er gestern Abend mit einem Lkw zwölf Menschen auf einem Weihnachtsmarkt getötet hatte oder nicht. Die Unmöglichkeit, aus seinem Gesicht ein Für oder Wider herauszulesen, irritierte mich, noch bevor ich mich für meine Gedanken schämen konnte.« (186)

 

 

»Erstmal für immer.« (28)

Was ist es, das Nawrat hier zum Grundthema macht, wie schafft er Kohärenz? Geliefert wird eine Art Portrait unserer Zeit, wobei immer wieder die Gelegenheit genutzt wird, ganz zeitlos Grundlegendes zu hinterfragen.

»Alles hat mit allem zu tun, sagte Dariusz.« (236)

Der Ich-Erzähler geht wie ein Fremdkörper durch diese Großstadt, richtet den entfremdeten Blick eines Außerirdischen auf alles, was ihn umgibt, das plötzlich seltsam und nicht selbstverständlich erscheint. Er selbst wirkt zutiefst verunsichert und banal im Angesicht der großen intellektuellen und persönlichen Abhandlungen, die ihm seine Gesprächspartner liefern.

»Mich packte das Grauen, wie viele Menschen es waren, die ich niemals kennenlernen würde und auch nicht kennenlernen wollte. Ich spürte für einen Moment den naturgegebenen Interessenkonflikt zwischen den Menschen auf dieser Erde, deren Begrenztheit sie notwendig in ein Konkurrenzverhältnis setzte. Gleichzeitig sahen die Leute in den Autos und in den Querstraßen ganz normal aus. Sie schienen keine feindlichen Absichten zu hegen.« (276)

Denn in den Erzählstunden kommt schließlich das Kleine und das Große, das Spezielle und das Allgemeine zusammen, die Selbst- wird um eine Weltbefragung ergänzt. Der Gast taumelt in den Gesprächen mit Dorota und Dariusz durch die großen Fragen der Menschheit: Historie, Archäologie, Kunst, Philosophie, Architektur, Mikrobiologie und Religion – diese intellektuelle Energie verwirrt ihn, steckt ihn aber auch schrittweise an. Alles scheint im Kern verbunden und relevant, wenn man die Welt und das (eigene) Leben zu fassen kriegen möchte.

»Die Zeit, so dachte ich in diesem Augenblick, ist zirkulär. Faltet sich, wenn ich will, über sich selbst, sodass mein jetziges Leben in Berührung kommt mit dem schon vergangenen und gleichzeitig die Unendlichkeit in Berührung kommt mit ihrer eigenen Unmöglichkeit, während wir auf diesem Planeten, in dieser Stadt, in diesem Weltjetzt durchs Weltall fliegen.« (96)

Dorota, die ihren Stadtteil nie verlässt und ihr Umfeld mit einem gummiartigen Kuchen quält, bringt ihm die architektonische Stadtgeschichte Berlins näher, die Hand in Hand mit der historischen geht. Sie beschäftigt sich mit der jüdischen Geschichte, mit Bevölkerungsbewegungen in heute polnischen und ukrainischen Gebieten, mit dem Poeten Arnold Słucki und nicht zuletzt mit dem Tod und der Entscheidung zur Zuversicht.

»Es könne in einem ein Schwindelgefühl erzeugen, sagte sie, das einen um einen festen Punkt in der eigenen Person schwanken lasse und einem plötzlich klarmache (…), dass es in einem selbst eine Art Wand gebe, hinter die man niemals schauen könne, weil dort nur leerer Raum sei.« (69)

Dariusz war mal Chirurg, dann bekam er Angstzustände, gefolgt von Alkoholproblemen, Einsamkeit und dem Scheitern der Beziehung zu seinem Sohn, der nach Bolivien ausgewandert ist und dort verschwand. Mit Dariusz arbeitet der Gast an einer Tankstelle und dieser gebrochene Mann redet mit Vorliebe über Mythologien, Vorstellungen von Hölle und Tod, Leid und Verantwortung, über die Sinnlosigkeit der Welt, die Gleichgültigkeit der Natur und den Zauber, sein eigenes Grab auszusuchen.

»Es blitzte manchmal in seinem Blick eine Art optimistischer Pessimismus auf, ein Amüsement über die Abgründe in dieser Welt, was mich mit einem tieferen Kern in mir verband und mich beruhigte.« (202)

 

 

Auf Was und Wie folgt das Große Warum

»Wie soll man also denken, dass der eigene Verlust etwas Besonderes ist. Wie kann man sich einbilden, man hätte das recht auf irgendeinen Trost. Ich mache mir keine Illusionen, das Leben ist nicht gerecht und erst recht nicht zu jemandem wie mir, der es nicht anders verdient.« (285)

Warum sind wir alle hier? Was steckt dahinter? Religion, Kultur, Krieg, Verlust – was hat das eigene kleine Leben für eine Bedeutung angesichts der Jahrtausende währenden Entwicklungsgeschichte und wie frei ist jeder einzelne? Diese unbeantwortbaren Fragen werden nie explizit gestellt oder verhandelt und liegen doch unter der gesamten Geschichte.

»Ich fragte mich, ob ich sentimental war. Ob das sogenannte Geheimnis des Lebens nicht am Ende so profan war wie diese Kreuzung da unten. Ob all die alten Kulturen – die Ägypter und Juden und Assyrer und Hindus und Azteken und Christen nicht maßlos übertrieben hatten mit ihren Steintreppen und Pyramiden, mit ihren Grabbeigaben und Menschenopfern, mit ihren Domen und Totenprozessionen und Friedhöfen.« (280)

Der Roman weist außerdem einen quasi-dokumentarischen Charakter auf, wenn er das Heute einer Stadt umreißt, die sich rasend schnell und unaufhörlich verändert und mit ihr auch ihre Bewohner – trotzdem scheint es sich nicht um einen typischen Berlin-Roman zu handeln.

Was »Der traurige Gast« außerdem vorführt, ist das Erzählen an sich. Diese umwerfende Imaginationstechnik, die uns alle Hürden überwinden lassen kann. Nawrat präsentiert ein Erzähl-Buch, das mit Meta-Kommentaren spielt und zwischen erster und dritter Person changiert, wenn der traurige Gast erzählt, wie andere ihm ihre Geschichten erzählen.

»Überhaupt ist mir alles egal, für mich sind alle Leute normale Leute. Ich weiß natürlich ein gutes Essen zu schätzen, und ich habe schon alles erlebt in meinem Leben, ich wurde von reichen Leuten eingeladen, ich wohnte ohne Geld in Madrid auf der Straße. Das kennst du sicher auch alles.
Ehrlich gesagt nicht, sagte ich.
Aber du kannst es dir vorstellen, sagte er.« (165)

 

Fazit

Der Ich-Erzähler in »Der traurige Gast« zieht es wie magisch an, dass Menschen sich ihm öffnen und ins Erzählen geraten, er selbst bleibt dabei allerdings nur ein Schatten, ein namenloser Gast und melancholischer Flaneur, der blinde Fleck dieser Erzählung.

Besonders zwei Menschen sollen für ihn von Bedeutung werden, eine Architektin und ein Tankwart, beide leben sehr isoliert, allein und zurückgezogen und sind von einer melancholischen Grundhaltung bestimmt. Da diese beiden sich mit Hocheifer mit Geschichte, Philosophie und Mythen beschäftigen, werden hochtrabende Überlegungen lapidar in die Geschichte eingestreut – nicht selten entsteht das Gefühl, dass der Roman hier zu viel will. Mit recht pessimistischem Touch wird über das Wesen der Welt, die großen Zusammenhänge, den Sinn und das Ende spekuliert.

Sprachlich schlicht, lakonisch bis poetisch und wissenschaftlich erzählt Nawrat von losen, nebeneinanderstehenden Strängen und Episoden. Einen Sog konnte die Geschichte für mich so nicht entwickeln.

»Ihr Blick schien mir die ewige Gleichgültigkeit der Natur gegenüber allem Menschlichen zu reproduzieren, die absolute Abwesenheit von Form. Ich sah das alles, sah in den Abgrund der Indifferenz, obwohl ich von der Individualität und Einmaligkeit eines jeden Menschen überzeugt bin. Ich sah in ihrem Blick ein unendlich in die Vergangenheit hinabreichende Verwandtschaft, vor der das blanke Nichts gewesen war.« (288)

 

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»Der traurige Gast«von Matthias Nawrat umfasst 304 Seiten, erschien am 22.01.2019 bei Rowohlt und kostet im Hardcover 22,00 €.

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