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Catherine Lacey: »Niemand
verschwindet einfach so«

Eine Reise ans andere Ende der Welt, eine Flucht vor der Vergangenheit, eine Begegnung mit der Finsternis im eigenen Herzen und dem wilden Biest, das in dir wohnt.

All das durchlebt die junge Elyria, als sie sich ein One-Way-Ticket nach Neuseeland kauft, ihren Rucksack schultert und ihren Ehemann in New York zurücklässt.
Sie flieht vor einem schrecklichen Ereignis aus der Vergangenheit, vor ihrem Mann, der ihr fremd geworden ist, vor ihrer Mutter, die ihr schon immer fremd war, und auch ein Stück vor sich selbst.

 


Als Elyrias Adoptivschwester sich von einem Gebäude in den Tod stürzte, verschwand nicht nur ein geliebter Mensch aus ihrem Leben, sondern auch etwas in Elyria. Ein wildes Biest zog ein, das seither dunkle Gedanken heraufbeschwört.
Einziger Lichtblick ist ein ehemaliger Professor von Elyria, in den sie sich irgendwie verliebt, weil er zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle ist. Sie heiratet ihn, doch die anfängliche Euphorie wird von Distanziertheit abgelöst. Sie erkennen einander immer weniger.

»Manchmal dachte ich daran, wie mein Mann lächelte, und der Gedanke an sein Lächeln brachte mich zum Lächeln, aber Stunden später dachte ich wieder an ihn und lächelte nicht – vielmehr dachte ich: Was lächelst du, Ehemann, da gibt es nichts zu lächeln, und das war eigentlich kein Gedanke, den ich haben wollte, aber ich hatte ihn nun mal gehabt« S.64f.

Wann sind sie sich fremd geworden sind, oder waren sie sich schon immer fremd? Sie weiß es nicht. Die Fremdheit zwischen beiden geht sogar so weit, dass Elyria ihren Mann nur noch ganz unpersönlich Ehemann nennt.

»Wie ist es passiert, dass wir irgendwann so unmöglich füreinander geworden sind? Wo ist dieses Unmögliche hergekommen, und warum konnten wir uns nicht davon loseisen, warum waren wir nie mehr zusammen, sondern nur in der Nähe des anderen allein?« S.187

Auf Umwegen lernt Elyria den Autor Werner kennen, der ihr das Gästezimmer auf seiner Farm in Neuseeland anbietet, wann immer sie es brauchen sollte. Und eines Tages ist es soweit, sie nimmt Reißaus vom Bekannten, das sich verändert hat – oder hat sie sich selbst verändert? Sie verlässt ihren Mann still und heimlich.
In langen Passagen wird ihr Weg zum vermeintlichen Ort ihrer Sehnsucht beschrieben. Diverse Mitfahrgelegenheiten bringen sie dorthin, etwa ein Schulbus, oder ein zwielichtiger Typ, der sie um eine kurze Scheinehe bittet, um seinen Kumpel mit der neuen heißen Braut zu überraschen.

Ein umherirren, ohne erkennbaren Grund
In Elyria steckt jede Menge Traurigkeit und Schwermut, jedoch führen ihre Abgeklärtheit und der skurrile Humor zu einer guten Balance, sodass man als Leser nicht auch noch in ein dunkles Loch fällt. Stellenweise ist der Roman sehr amüsant, trotz Verlust, Trauer und Depression.

»Ach, wie könnte ich nicht für dich anhalten?, sagte die erste Frau, die mich mitnahm. Wie könnte ich nicht anhalten? Keine Ahnung, sagte ich. Den Fuß auf dem Gas lassen?« S.11


»Ich war kein Mensch, sondern bloß ein Indiz dafür, dass es mich gab.« S.240

»Allein sein war das, was ich wollte; allein sein war nicht das, was ich wollte. Ich wollte nichts wollen; ich wollte alles wollen.« S.110

Die Flucht vor sich selbst
In literarischem Ton wird von Elyrias innerer Zerrissenheit erzählt. Elyria ist kein glücklicher Mensch, eine Gefangene ihrer selbst, ihrer eigenen Gedanken. Sie flüchtet sich in Einsamkeit und bemerkt gar nicht, dass sie dadurch noch unglücklicher wird. Werner erträgt die Traurigkeit irgendwann nicht mehr, die aus ihrem Inneren hervorscheint. Und so wird Elyria wieder hinausgeworfen in die Welt. Sie lässt sich treiben, auf der Suche nach dem Ort ohne Zweck, wo sie mit dem Alleinsein allein sein kann.
Während ihrer weiteren Reise schwebt sie in einem komaähnlichen Zwitterzustand zwischen Wachen und Schlafen. Ihre depressive Gedankenwelt beinhalten jedoch keine Suizidgedanken, viel mehr wird eine Gleichgültigkeit hervorgerufen. Eine Gefühllosigkeit und ein Desinteresse an der Welt, an allem Vergangenen und auch an sich selbst.  
Die zunächst dichte Atmosphäre ihrer Gedanken löst sich immer mehr auf, je mehr Elyria sich selbst verliert, desto schwammiger wird die Story. Sie franzt aus, weicht vom Erzählstrang ab, wirkt immer mehr wahl- und ziellos.

Elyria versucht immer wieder aus ihrem eigenen Leben zu verschwinden, doch vergebens – niemand verschwindet einfach so. Das einzige was möglich erscheint, ist einfach unterwegs zu sein. Für immer unterwegs sein, ohne anzukommen, nur gehen und gehen, weggehen, unterwegs sein und nie ankommen.

 

»Niemand verschwindet einfach so« von Catherine Lacey, Roman, 266 Seiten, 22€, erschienen im Aufbau Verlag am 18.08.2017.

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