Alle Artikel mit dem Schlagwort: Belletristik

Provokant: »VOX« von Christina Dalcher

Im Amerika einer nahen Zukunft dürfen Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen, doch eine wird sich trauen, zu kämpfen, ihre Stimme zu erheben und das Gesetz zu brechen. Das Überraschungsdebüt aus den USA von Christina Dalcher ist eine dystopische Warnung, die wütend und nachdenklich macht. »MAKE AMERICA MORAL AGAIN!« (S. 181) Kaum vorstellbar: Die neue Regierung setzt für Frauen ein Limit von lediglich 100 Wörtern am Tag fest, wo man doch durchschnittlich 16.000 Wörter täglich von sich gibt. Mithilfe von Handgelenkszählern werden die Frauen und Mädchen überwacht und bei Überschreitung des Wortkontingents gibt es einen pädagogischen Stromschlag, der mit jedem Verstoß stärker wird. Und das gilt genauso für geschriebene Wörter und nonverbale Kommunikation, eine flächendeckende Kameraüberwachung auch im privaten Bereich soll die Einhaltung dieses steinzeitlichen Gesetzes sicherstellen, außerdem Mauern an den Außengrenzen des Landes. Diese systematische Entmündigung der weiblichen Bevölkerung wird auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, so sehen sie sich gezwungen, ihrer Jobs, Konten, Bücher, Handys, Pässe und Laptops zu entsagen, aber auch ihr Wahlrecht und andere Grundrechte werden ihnen genommen. Eine derartige Einschränkung der …

»ANNA« von Niccolò Ammaniti

Der neue Roman vom Autor des Bestsellers »Ich habe keine Angst« ist ein dystopischer Abenteuerroman, in dem ein düsteres Sizilien von grausamen Kindern und Straßenhunden bevölkert wird. Der Römer Ammaniti führt uns eine Welt ohne Hoffnung und Gnade vor, in der das Altwerden in drastischer Weise mit dem Tod verknüpft ist. Wie wäre die Welt ganz ohne Erwachsene? Eine Welt der Kinder – was nach Utopia klingt, ist hier finsterer Überlebenskampf. Sizilien im Jahr 2020 ist eine verdorrte Aschewüste. Die Gegend ist ausgebrannt, Autowracks, geplünderte Geschäfte und verwüstete Wohnhäuser säumen die Straßen, es gibt keine Elektrizität oder fließendes Wasser, die Lebensmittel gehen zur Neige, die Insel ist von Stacheldraht in Quarantänezonen geteilt und mit unzähligen Leichen und Müll übersät. Die Straßen sind wie ausgestorben, allerdings haben sich äußerst grausame, hierarchisch organisierte Kindergangs gebildet, die die Insel beherrschen. Ammaniti gelingt es eine beängstigende wie bedrückende dichte Atmosphäre zu kreieren, die einen in den Bann zieht. Vier Jahre ist es her, dass die Epidemie ausbrach und alle Erwachsenen an einem belgischen Virus starben. Nach der Zeit der …

Robert Seethaler »Der Trafikant«

Robert Seethaler erzählt in »Der Trafikant« auf sehr zarte und verdichtete Weise von dem jungen Franz Huchel, seiner Liebe zu der Tänzerin Anezka und seiner Freundschaft zu Siegmund Freud im Wien Ende der 1930er Jahre. Ein schmaler wie ehrlicher Bericht aus düsteren Zeiten Mittelpunkt, Keimzelle und pulsierendes Herz dieser Geschichte ist die Trafik von Otto Trsnjek, ein kleiner Zeitungs- und Tabakladen in Wien nahe des Praters und der Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Professors Sigmund Freud. Der nicht einmal volljährige Franz Huchel verlässt im Spätsommer 1937 seine beschauliche Heimat, dem Salzkammergut am Attersee in Oberösterreich, um als Trafikanten-Lehrling in der Hauptstadt sein Glück zu suchen.   »Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.« (S. 199) Durch das tägliche Zeitunglesen und den kritischen Geist des alten, einbeinigen Trafikanten Otto erlangt der ungebildete Provinzbub immer mehr Wissen, Klugheit und Meinung zum politischen Weltgeschehen und Fragen von Anstand und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

»Hier ist es schön« weiß Annika Scheffel

»Hier ist es schön« ist Annika Scheffels dritter Roman und eine Verheißung auf ein Leben in einer intergalaktischen Anderswelt, die mal unerreichbar mal unentrinnbar erschient. »Das Mars One Projekt war die ursprüngliche Inspiration zu diesem Roman.« (Annika Scheffel) Die Welt ist nicht genug Irma Lewyn ist noch ein Teenager, als sie beschließt eine Heldin zu werden und die apokalyptische Züge tragende Erde inklusive aller Menschen, die bisher ihr Leben bestimmt haben, hinter sich zu lassen. Auf einem weit entfernten Planeten soll sie zusammen mit einem zweiten Auserwählten die Menschheit neu auferstehen lassen und so deren Fortbestand sichern. Denn die Welt hierzulande hat sich bereits in einen lebensfeindlichen Ort verwandelt, in karges, unfruchtbares Land, Verfall und Dunkelheit. Doch das ist es nicht, was Irma forttreibt, sie will das Außergewöhnliche, weit weg von durchschnittlichen Lebensentwürfen, von ganz irdischer Langeweile. Eine zynische, zum Massenspektakel inszenierte Casting-Show, die an Gladiatorenkämpe, an Big Brother auf Leben und Tod, an The Hunger Games erinnert, soll die Auserwählten, die zukünftigen Adam und Eva 2.0, für die gleichermaßen waghalsige wie feige Mission einer …

»Der Gott der kleinen Dinge« von Arundhati Roy –
ein tragisch-schönes Indienportrait

Das literarische Debut der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy erschien erstmals 1997 und ist die Geschichte über eine Liebe, die alle Grenzen der Vernunft und Konvention überschreitet und eine Familie zerstört. Roys mit dem Booker Prize ausgezeichneter, sprachlich sehr eigensinniger Roman avancierte zum Weltbestseller. »Dass es wirklich begann in den Tagen, als die Gesetze der Liebe erlassen wurden. Die Gesetze, die festlegten, wer wie geliebt werden sollte. Und wie sehr.« (S. 51) Erzählt wird eine tragisch verlaufende Familiengeschichte im Indien Ende der 1960er Jahre vor dem Hintergrund politischer Umbrüche. Ammu ist alleinerziehende Mutter von den sehr kreativen, eigenwilligen und deshalb umso liebenswerteren zweieiigen Zwillingen Estha und Rahel, aus deren Sicht zum größten Teil erzählt wird. Auch wenn die beiden Zwillinge »mit einer siamesischen Seele« erst acht sind, ahnen sie schon dass es die kleinen Dinge im Leben sind, auf die es ankommt, wohingegen die großen Dinge im Inneren lauern und die ganze Welt von einen Moment auf den nächsten von Grund auf verändern können. Sie werden Recht behalten. Sehr eindringlich und atmosphärisch dicht …