Alle Artikel mit dem Schlagwort: Belletristik

Die »Sieben Nächte« des
Simon Strauß

Kann das schon alles gewesen sein? Auf der Suche nach Mehr.. Das nur knapp 150 Seiten schlanke Debut des jungen FAZ-Feuilletonisten, ist leidenschaftlich und mutig, der Versuch eines Endzwanzigers, dem vorgezeichneten Weg noch ein letztes Mal zu entkommen und etwas zu wagen, bevor das Leben dann endgültig den öden Bahnen eines erwachsenen Erwerbstätigen folgt. Leider kann nicht gehalten werden, was der großartige Prolog, der einen zu jubelnden Zustimmungsrufen treibt, verspricht… »Schließt die Augen. Und zerbrecht das Glas…« (S. 23) S. ist fast dreißig und genau das macht ihm Angst. Auf keinen Fall möchte er plötzlich feststellen, dass seine Jugend unbemerkt endete und Tristesse und Routine des Erwachsenenlebens Einzug erhalten hat. Er fürchtet sich vor den großen Entscheidungen des Lebens, sehnt sich nach einer Reifeprüfung, um noch nicht erwachsen werden zu müssen. Sehnt sich danach, nochmal etwas Verrücktes zu tun, bevor es nur noch um die Karriereleiter geht. S. ist ein Sympathiesüchtiger, ein einsamer Konformist, ein privilegierter Schwächling, der seine letzte Chance zur Rebellion nutzen will. »Der einzige Kampf, der sich jetzt noch lohnt, ist der …

»Der Gott der kleinen Dinge« von Arundhati Roy –
ein tragisch-schönes Indienportrait

Das literarische Debut der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy erschien erstmals 1997 und ist die Geschichte über eine Liebe, die alle Grenzen der Vernunft und Konvention überschreitet und eine Familie zerstört. Roys mit dem Booker Prize ausgezeichneter, sprachlich sehr eigensinniger Roman avancierte zum Weltbestseller. »Dass es wirklich begann in den Tagen, als die Gesetze der Liebe erlassen wurden. Die Gesetze, die festlegten, wer wie geliebt werden sollte. Und wie sehr.« (S. 51) Erzählt wird eine tragisch verlaufende Familiengeschichte im Indien Ende der 1960er Jahre vor dem Hintergrund politischer Umbrüche. Ammu ist alleinerziehende Mutter von den sehr kreativen, eigenwilligen und deshalb umso liebenswerteren zweieiigen Zwillingen Estha und Rahel, aus deren Sicht zum größten Teil erzählt wird. Auch wenn die beiden Zwillinge »mit einer siamesischen Seele« erst acht sind, ahnen sie schon dass es die kleinen Dinge im Leben sind, auf die es ankommt, wohingegen die großen Dinge im Inneren lauern und die ganze Welt von einen Moment auf den nächsten von Grund auf verändern können. Sie werden Recht behalten. Sehr eindringlich und atmosphärisch dicht …

(K)ein Bestseller – »Elefant« von Martin Suter

Ein winzig kleiner Elefant, der auch noch rosa leuchtet – Warum nur begeistert das so viele Leser? Verzückt sind auch Wissenschaftler, Forscher und Tierärzte im Roman, die in einen Rausch aus Geldgier, Machthunger und fanatisches Streben nach Ruhm fallen, als sie vom rosa Tierchen erfahren. Zum Glück gibt es doch noch ein paar gutherzige Menschen, die der Gentechnik kritisch gegenüberstehen und Humanität walten lassen wollen. Eine Geschichte über den Wahn der heutigen Zeit, Unmögliches möglich zu machen.   Inhalt In Martin Suters 14. Roman »Elefant«, ist der Name Programm. Sabu Barisha, so wird das kleine Wesen getauft, wurde mittels Genmanipulation vom Genforscher Roux erschaffen. Er verspricht sich den ganzen großen Profit, doch bevor es dazu kommt, kann der Elefantenflüsterer Kaung das kleine rosa Wesen in Sicherheit bringen. Durch ein Missgeschick und vielleicht auch Schicksal landet das Tier beim Obdachlosen Schoch, der am Rande der Gesellschaft in einer Höhle lebt. Er ist fasziniert von der Fluoreszenz, hat jedoch auch Mitleid. Aus Sorge und teils Hilflosigkeit, bringt er Sabu zur Tierärztin Valerie, die sich rührend um beide kümmert …

Ein literarisches Meisterwerk! Berührendes Debüt »Heimkehren« von Yaa Gyasi

Wo liegt deine Heimat, wenn du überall ein Fremder bist? Dargestellt wird Schicksal einer ghanaischen Familie, deren Geschichte über 7 Generationen erzählt wird. Alles beginnt mit den Halbschwestern Effia und Esi, die im 18. Jahrhundert in Ghana aufwachsen. Die Familienverhältnisse könnten unterschiedlicher kaum sein – während Effia als Tochter des Fante-Stammes mit einem weißen Mann verheiratet wird und fortan in der Burg der britischen Kolonie lebt, weiß sie nichts von der Existenz ihrer Schwester Esi, die in ärmlichen Verhältnissen beim Asante-Stamm aufwuchs und gerade im Kerker der Burg gefangen gehalten und bald als Sklavin nach Amerika verkauft werden soll. Dies bildet den Auftakt der großen Erzählung, die nun im Wechsel in Ghana und Amerika spielt. Besonders schön finde ich, dass sich jedes Kapitel auf einen Charakter konzentriert, der dann im Fokus steht. Nach je 2 Kapiteln beginnt eine neue Generation. Die daraus entstandene ungewöhnliche, aber schöne Struktur, wirft den Leser in verschiedene Schicksale, Ereignisse und Lebensabschnitte der Protagonisten. Gyasi schafft es dabei auf bemerkenswerte Weise, die Geschichten der Einzelnen miteinander zu verweben und gleichzeitig jenes …

Lasst euch verzaubern: Jan Schomburg »Das Licht und die Geräusche«

Wie stellt man es an, das richtige Leben? Und was spricht gegen das Sterben? Der erste Roman des Filmregisseurs und Drehbuchautors Jan Schomburg (»Über uns das All«, »Vergiss mein Ich«, »Vor der Morgenröte«) ist ein zarter und fragender Blick auf die schwierigen Jahre der Pubertät. »›Und es ist doch komplett albern, dass man so an diesen paar lächerlichen Jahren hängt. Albern! Als würde noch irgendwas Weltbewegendes passieren, bis man dann irgendwann stirbt. Sag doch mal, ganz ehrlich jetzt: Du kannst doch auch nichts sagen, was jetzt wirklich dagegen spricht, außer dass man vielleicht Angst hat davor oder man sich eigentlich ganz wohl fühlt, wie man so lebt.‹« (S. 41) »Das Licht und die Geräusche« ist Johannas Antwort auf die Frage, was eigentlich für das Leben spricht. Johanna ist in ihren allerbesten Freund Boris verliebt. Das glaubt sie zumindest. Dass es dennoch zu keinem Kuss kommt, – und das, obwohl sie doch nur drei Zentimeter von einem entfernt war – liegt wohl an Ana-Clara, Boris‘ Freundin in Portugal. Boris ist neu an Johannas Schule und beeindruckt …

Warum das #FerranteFever nicht
ansteckend ist: Eine Rezension

Der knapp 450 Seiten schwere Roman »Meine geniale Freundin« von Elena Ferrante ist im Literaturbetrieb eingeschlagen wie eine Bombe und der Auftakt einer vierteiligen Neapel-Saga. Bis Ende 2017 sollen alle Teile in Deutschland erscheinen. Elena Ferrante hat sich als Pseudonym einer anonymen italienischen Autorin entpuppt, hinter dem wahrscheinlich die Literaturübersetzerin Anita Raja steckt. Die Geschichte einer lebenslangen, ungewöhnlichen Frauenfreundschaft Im ersten Roman der Saga wird die Kindheit und frühe Jugend der beiden Freundinnen Elena Greco und Raffaella Cerullo, genannt Lila, erzählt. Die drei Folgeromane werden die Leben der beiden mehr oder weniger chronologisch weitererzählen. Elena ist die Ich-Erzählerin, aus deren Sicht der Leser die Welt der beiden Freundinnen im neapolitanischen Rione mitverfolgt. Eine geniale Freundin? Wir befinden uns im Neapel der 1950er Jahre. Die früheste Jugend der neapolitanischen Kinder, die in der gettoartigen Region des Rione aufwachsen und es nur schwer werden verlassen können, ist geprägt von bitterer Armut und der Gewalt innerhalb und zwischen den alteingesessenen Familien. Außerdem sind die Mädchen den ständigen Gemeinheiten und kleineren Gewalttaten der Jungenbanden ausgesetzt. Doch dominierend für die …

Die Erfindung des Hipsters im Amerika der 40er Jahre: »On the Road«

Ein Buch, das unterwegs gelesen werden muss! Jack Kerouac, einer der Hauptprotagonisten der wilden »Beat-Generation« und Mythos der amerikanischen Literaturgeschichte, schrieb »On the Road« 1951 in nur wenigen Speed-durchzechten Wochen. Dieser kraftvolle und experimentelle Roman war seiner Zeit voraus und galt lange als unpublizierbar und auch, wenn er klar in seiner Entstehungszeit verhaftet ist, bleiben seine zentralen Themen zeitlos und er verliert bis heute nicht im Mindesten an Faszinationskraft. Die »Beat-Generation« auf der Suche nach Heimat, Familie und Gott Erzählt wird die stark autobiografisch geprägte Geschichte des ungewöhnlichen Freundespaars Jack und Neal in den Jahren 1947 bis `49. Die beiden sind Querköpfe, Rastlose, Suchende, Gammler, Schnorrer, Existenzialisten, Romantiker, Künstler. Sie und ihre Gleichgesinnten werden zu den ersten »Hipstern«, einer kritischen, jugendlichen Gegenbewegung zur konservativen und prüden amerikanischen Gesellschaft. In den erzählten drei Jahren führt es die beiden einzeln, gemeinsam und mit Freunden mindestens fünf Mal quer durch die Vereinigten Staaten. Ob sie nun trampen, als Eisenbahnbremser mitreisen, in geklauten und geliehenen Autos davon brausen; immer geht es um das Unterwegssein. Die Straße ist den beiden …

Elena Ferrante
»Die Geschichte eines neuen Namens«

»Die Geschichte eines neuen Namens« ist nach »Meine geniale Freundin« der zweite Band der neapolitanischen Saga um die beiden Freundinnen Elena und Lila. Können angelegte Potenziale nun besser ausgeschöpft und Schwächen ausgebügelt werden? Bei dem neuen, oder besser verlorenen, Namen, auf den der Buchtitel anspielt, handelt es sich um Lilas Nachnamen. Von der kleinen wilden Cerullo darf nach ihrer Hochzeit nichts mehr in Signora Carracci übrigbleiben. Der neue Nachname steht für ihre verlorene Identität und Eigenständigkeit, denn nun soll sie so sein, wie der Unternehmer Stefano Carracci sich seine Frau vorstellt. Als klar wird, dass Stefano hinter dem Rücken seiner Verlobten mit den Solaras in Kontakt stand und Geschäfte mit ihnen gemacht, ja sogar Lilas heiligen Schuhprototypen verkauft hat, kommen in Elena die schlimmsten Flucht- und Gewaltfantasien auf. Ihr Hass auf den Rione und seine eigene Politik aus krummen Geschäften und Verstrickungen schweißt sie zwangsläufig mit Lila zusammen. Eine gemeinsame Flucht aus diesem dunklen Loch ihrer Kindheit ist die einzige richtige Reaktion. Oder? »Ja, ich spürte, dass ich mir das wünschte, ich wollte, dass das …