Alle Artikel mit dem Schlagwort: Debüt

Émilie Gleason »Trubel mit Ted«

Ausgezeichnet als ›bestes Début‹ auf dem internationalen Comicfestival Angoulême 2019 kommt »Trubel mit Ted« als knallige, schrill bunte Erzählung daher – temporeich und sprunghaft erzählt, wirr, witzig, drastisch, krass. Hinter dem verspielten Titel verbirgt sich eigentlich eine wuchtige, taumelnde, eine düstere Geschichte, die belastet, verstört. Émilie Gleason erfasst Teds Welt in gestalterisch eigensinnigen, überdrehten Bildern: unbeherrschbare meterlange, wabbelige Gliedmaßen, riesenhafte Klumpfüße und Wursthände, Schultern, die den Kopf einzumauern drohen, der fliegende Gang des übergroßen Protagonisten Ted. So soll das Körpergefühl eines Autisten visualisiert werden, seine Bewegungen in einer Welt, in die er nicht zu passen scheint. Ted blickt auf winzige Spielzeughäuser und leere, blasse Konturen-Strichmännchen, die er einfach nicht versteht, er kämpft mit motorischen Schwierigkeiten, kann die Signale seines Körpers nicht deuten und hängt verzweifelt an seinen Routinen. Schnell kann eine Situation für ihn zum unlösbaren Rätsel werden und er in den Augen der anderen zum Sonderling. Arbeit, Familie, Sex, Ironie, Höflichkeit, Veränderung – nichts davon ist für Ted selbstverständlich oder einfach und kostet ihn enorme Anstrengung. Schon kleinste Abweichungen von seinem gewohnten Leben stürzen …

»Je tiefer das Wasser« von Katya Apekina

Eine zerrüttete Familiengeschichte voller Obsession und Verblendung, gleichsam toxisch und schön, droht unter dem Gewicht von psychischer Krankheit und unheilvoller Erhöhung zu zerbrechen. Die amerikanische Debütantin mit russischen Wurzeln Katya Apekina zeigt in ihrem Coming-of-Age-Roman auf beklemmende Weise, wie durchlässig die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit, persönlicher Wahrheit und Wahn sein kann.   Als die 16-jährige Edith eines Tages ihre labile, manisch-depressive Mutter Marianne an einem Strick von der Decke baumeln sieht, ändert sich das Leben von ihr und ihrer kleinen Schwester Mae auf einen Schlag. Ihr zweiter Suizidversuch bringt Marianne in eine Nervenklinik und die beiden Schwestern zu ihrem Vater Dennis nach New York. Die beiden kennen den Casanova und Schriftstellerstar bisher nur aus den Erzählungen ihrer Mutter. Hier kann Mae, die unter der erdrückenden Vereinnahmung und den düsteren Stimmungen ihrer Mutter besonders gelitten hat, endlich aufblühen. Edith dagegen fühlt sich Marianne gegenüber verpflichtet und lehnt den neu gewonnen Vater kategorisch ab. Schnell werden die beiden in die dramatische Vergangenheit ihrer Künstler-Eltern hineingezogen, die unheilvoll und schillernd zugleich scheint, und sie mit der Frage …

Cihan Acar »Hawaii«

»Willkommen in der Minderheit.« (9)   Vier Tage in Heilbronn. Der 21-jährige Ex-Fußballstar Kemal muss nach einem Unfall zurück in sein altes Leben im Problembezirk Hawaii, der mit dem Urlaubsparadies so gar nichts gemeinsam hat und wo die türkische Community mehr oder weniger unter sich bleibt. In ›Heilbronx‹ geht es rau zu, es handelt sich angeblich um die hässlichste Stadt Deutschlands – eine Kriegsversehrte, die neben der Fließbandarbeit bei Audi oder Knorr viel Betontristesse und Fremdenfeindlichkeit zu bieten hat. Kemal irrt vier Tage und Nächte durch die Straßen seiner Stadt und trifft auf alte Freunde und neue Feinde, steht auf Hochzeiten herum, geht ins Wettbüro und in den Stripclub, besucht seine Eltern und sucht nach einem Neuanfang, einer möglichen Zukunft – jetzt, wo es sich mit dem Fußball und dem Ruhm erledigt hat. Sein geliebter Jaguar steht kaputt in der Tiefgarage, Kemal kommt regelmäßig, um mit ihm zu reden und ihn zu besänftigen, aber er ist einfach zu pleite und kann die Reparatur nicht stemmen. Ist aber auch zu stolz, um Hilfe anzunehmen und für …

Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76) »Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin. Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung. »Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125) Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, …

Moa Romanova erschafft ein »Identikid«

Die Graphic Novel »Identikid« ist Moa Romanovas autobiografisch geprägtes Debüt. Im augenfällig eigenwilligen Look präsentiert sie uns Moa, eine junge schwedische Künstlerin mitten im Leben, umsorgt, sozialisiert, talentiert und doch zerfressen von Panikattacken. Techno = Ecstasy = Psychose = uncool. Mit ihren Freundinnen geht sie auf Techno-Partys, drogenumnebelt lässt sich das Leben feiern. Doch jetzt versucht Moa sich in Abstinenz, straight edge, oder zumindest crooked edge, denn sie vermutet, dass das Spice schuld ist an ihren psychischen Problemen. Das rät ihr auch die Therapeutin. Aber leicht wird das nicht. Lethargisch lässt Moa ihre Wohnung vermüllen, das Geld wird knapp, ereignislose Tage drücken auf das Gemüt, genau wie die Sinnlosigkeit, die sie plötzlich von überall anstarrt. Wegen ihrer Wut- und Angstanfälle ist Moa seit Monaten krankgeschrieben, bekommt Medikamente – nimmt sie widerwillig – und verliert zunehmend die Geduld: Wie lange soll das noch so weitergehen? Was ist mit ihr? Und wann wird es endlich besser? Normalerweise telefoniert sie mit ihrer Mutter, wenn es ganz schlimm ist. Doch neulich hat Moa einen TV-Promi auf Tinder kennengelernt, der …

Büke Schwarz entscheidet sich für »Jein«

»Kunst hat mit Moral nichts zu tun. Kunst hat mit Demokratie nichts zu tun. Kunst ist Kunst!« (208) Die Graphic Novel »Jein« ist Büke Schwarz‘ Debüt, hier erzählt sie von einer jungen deutsch-türkischen Künstlerin in Berlin, die in ihren Gemälden Geschichten erzählen möchte und sich sicher ist, dass ihr Werk nichts zu tun hat mit dem Heimatland ihrer Eltern. Doch das ändert sich mit dem viel diskutierten Verfassungsreferendum am 16. April 2017, bei dem 51 % der Türk*innen für evet, für Ja zu der Präsidentschaftsreform von Erdoğan gestimmt haben und ihm damit die Macht verliehen, Stück für Stück die Demokratie in der Türkei auszuhöhlen.   Die Ausstellung, die zum Gewinn der vier Kunststipendiat*innen zählt, zu denen auch Elâ gehört, trägt ebenfalls den Titel »Jein« und will so die Stellungnahme verweigern, was in der heutigen Zeit einer Provokation gleichkommt. Und trotz dieser Verweigerungsstrategie versteht sich die Protagonistin Elâ hier zum ersten Mal als politische Künstlerin, selbst wenn sie den Begriff an sich problematisch findet. Nicht zuletzt die Medien zwingen sie, sich zu den Entwicklungen in der …

Mit Tommy Orange »Dort dort«, wo die Indianer überlebt haben

»Die Menschen sind in der Geschichte gefangen, und die Geschichte in ihnen.« James Baldwin (157) In »Dort dort«, dem vielgelobten Debüt von Tommy Orange, kommt eine Vielzahl von Protagonist*innen zu Wort, die alle ein anderes Verhältnis zu ihren Native American-Wurzeln haben, alle jedoch mit dieser Identität hadern. »Und alles, was wir schon gesehen haben, ist voll von Klischees, die überhaupt erst der Grund dafür sind, dass sich keiner für die Geschichte der Natives interessiert, sie ist zu traurig, so traurig, dass sie nicht mal mehr unterhaltsam sein kann, aber vor allem sieht sie erbärmlich aus, wie sie bisher dargestellt wurde…« (46) Dagegen geht Orange, selbst Sohn einer weißen Mutter und eines Vaters vom Stamm der Cheyenne und Arapaho, in seinem Roman vor. Seine Geschichte meidet Klischees, indem er sie aufspaltet in zwölf sehr heterogene Stimmen. Sie ist nicht zu traurig und erstrecht nicht erbärmlich, sondern kraftvoll, klug, spannend und beklemmend. Es wird ein intensiver Kurzeinblick in zwölf vielfältige Leben gewährt, jedoch dominiert ein düsterer Grundton, der die Geschichten von Gewalt, Alkoholismus, Drogengeschäften und abwesenden Vätern …

Andrew Ridker »Die Altruisten«

Der Tod von Francine Alter nach einer Brustkrebserkrankung bringt das Leben ihrer Familie ziemlich ins Wanken. Immerhin war sie es gewesen, die die exzentrischen Persönlichkeiten zusammengehalten und den Hausfrieden gewahrt hatte. Tochter Maggie verrennt sich zusehends in ihre idealistischen Vorsätze, bricht ihr Studium ab, arbeitet gemeinnützig und unterbezahlt und versagt sich übermäßigen Konsum, was sie bis in eine Essstörung gepaart mit ironischerweise kleptomanischen Zügen treibt. Ihr älterer Bruder Ethan kündigt kurzerhand seinen Job als Unternehmensberater und badet in seiner aufkeimenden Depression, nachdem er sein gesamtes Geld verprasst und sich den Alkohol zum Vertrauten gemacht hat. »Francine hatte selbstlos ihr berufliches Weiterkommen für die Erhaltung ihrer Familie geopfert – für die sie als Vermittlerin, Schlichterin und Friedenswahrerin fungiert hatte. Sie war für Maggie zugleich Vorbild und abschreckendes Beispiel. Eine Fallstudie darüber, was von Frauen erwartet wurde und was sie aufgeben mussten, um dem gerecht zu werden.« (72) »Zwischen Selbstverachtung und Selbstsucht war es nur ein schmaler Grat.« (51) Doch besonders hart trifft es Francines Ehemann Arthur. Ein Versager wie er im Buche steht. Jahr für Jahr …

Angela Lehner »Vater unser«

»Die Irrenanstalt als Naherholungsgebiet« (36) »Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano ist auch nicht viel anders.« (25) Was hat Eva Gruber angestellt, dass sie von der Polizei in die Irrenanstalt gebracht wird? Angela Lehners Debüt, das den Österreichischen Buchpreis 2019 gewinnt, erzählt vom Irrweg einer Familie aus der Sicht der Tochter – eine Geistesgestörte, die man in sein Herz schließt und der man bis zum Schluss nicht ganz trauen kann. »Womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen ist, als mit Plastikboden?« (25) Hat Eva tatsächlich, wie sie sagt, eine ganze Kindergartenklasse erschossen? Der Gedanke drängt sich auf, dass sie ihre Krankengeschichte frisiert, um in das Wiener Spital für psychisch Kranke aufgenommen zu werden, in dem auch ihr kleiner Bruder Bernhard wegen seiner Essstörung und Angstzustände lebt. Und was ist zwischen den beiden Geschwistern vorgefallen, dass Bernhard ihre Fürsorge und Nähe als Bedrohung betrachtet? »Bernhard ist der einzige Mensch, dessen Furcht für …

Anika Decker & Katja Riemann »Wir von der anderen Seite«

Als Rahel, selbstständige Drehbuchautorin, auf der Intensivstation erwacht, hat sich alles geändert – sie sieht aus wie Mister Burns von »Den Simpsons«, abgemagert, mit gelblicher Haut, gebeugt und schwach – doch zum Glück hat sie ihren Humor nicht verloren. Und trotzdem lässt sich dieses Erlebnis nicht einfach vergessen. Wie soll man weitermachen, wenn Körper und Geist nur langsam gesunden und das alte Leben erschreckend weit weg scheint? Kann eine Liebe dieser Belastung standhalten? Anika Decker ist erfolgreiche Drehbuchautorin, bekannt geworden ist sie gleich mit ihrem Drehbuchdebüt »Keinohrhasen«. Ihr erster Roman umkreist nun in autobiografischer Anlehnung das Schicksal der jungen Rahel, deren Nierenstein an Weihnachten zu einer Blutvergiftung mit anschließendem Mulitorganversagen führte. Der einzige medizinische Ausweg: künstliches Koma. Drei Monate wird sie im Krankenhaus bleiben müssen, so stark geschwächt, dass Klo- und Spaziergänge zu epochalen Anstrengungen werden. Doch auch in der anschließenden Reha und der Rückkehr nach Hause wird es nicht einfacher. »Wir von der anderen Seite« erzählt von ihrem Versuch ins alte Leben zurückzukehren. Anika Decker schreibt schreiend komisch und herzzerreißend traurig vom schweren Weg …