Alle Artikel mit dem Schlagwort: deutscher Autor

Wolf Wondratschek zeichnet ein »Selbstbild mit russischem Klavier«

»Suvorin spielte. Er war ein Spieler.« (S. 108) Was nach einem Gemäldetitel klingt und sofort entzückende Assoziationen hervorruft, Farben und Klänge in meinem Kopf entstehen lässt, ist die Geschichte des russischen Pianisten Suvorin. Oder zumindest das, woran er sich davon noch erinnern kann. Der Berufsmusiker, der seinen Lebensabend im Wiener Exil verbringt und schon lange nicht mehr spielt, erzählt einem fremden Zuhörer aus seinem Leben in Moskau und Leningrad, von Widerstand und Verzweiflung, seiner Liebe zur Kunst und dem Wesen der Zeit. »Ein alter Russe in Wien, ein trockener Trinker, ein, wie er sich selbst einmal genannt hatte, trockener Pianist, in Sicht das nicht mehr ferne Ende eines Erdenlebens. Es schien ihn diese Sache aber im Moment nicht zu beschäftigen. Noch war er am Leben, wenn auch nicht mehr ganz im Takt mit ihm, fühlte die Wärme in seine Knochen eindringen und bis in die Füße hinunter in seinen Körper.« (S. 99f.)   Zusammen mit einer Werk-Ausgabe seiner Gedichte erscheint der neue Roman von Kultautor Wolf Wondratschek, der allein schon durch die enorme Vielfalt seines …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»Die Wahrheit über das Lügen«
von Benedict Wells

Der umfeierte deutsche Autor Benedict Wells liefert nach seinem großen Erfolg mit »Vom Ende der Einsamkeit« endlich wieder neuen Lesestoff! Zehn Geschichten aus zehn Jahren erzählt er in seinem Buch »Die Wahrheit über das Lügen«, welches heute im Diogenes Verlag erscheint. Ein Sammelsurium von ausschweifenden Ideen, am Rande stehenden Einfällen, bisher noch unbeleuchtete Gassen im großen Labyrinth einer anderen Geschichte. Der Geschichtenband als Ort für alles Übriggebliebene. Die 10 Geschichten sind thematisch sehr vielfältig – von lebensverändernden Situationen wie einer mysteriösen Wanderung oder dem Kuss einer Muse, hin zu einem absurden Ping Pong Spiel auf Leben und Tod, endend bei autobiographischen Erinnerungen an die Zeit im Grundschulheim, liefert das Buch eine bunte Palette aus knalligen und skurrilen, aber auch dunkelfarbigen, traurigen Erzählungen. Überzeugen konnten jedoch nicht alle Geschichten: zu unoriginell, verkitscht oder abstrus kommen sie daher. Teilweise sind sie viel zu kurz, wodurch die Geschichte nicht rund und einfach unfertig wirken.   Zu den schöneren Geschichten gehören zwei, die dem Kosmos rund um Wells’ »Vom Ende der Einsamkeit« entspringen. »Die Nacht der Bücher« ist eine …