Alle Artikel mit dem Schlagwort: Drama

Helene Hegemann schaut auf Bungalows

»›Die Welt existiert nur dann, wenn sie auf der Kippe steht.‹« (S. 44) In »Bungalow« beschreibt Helene Hegemann die radikalen Selbstfindungsversuche der jungen Charlie, die zwangsläufig mit Selbstzerstörung und -verlust Hand in Hand gehen. Der Roman berührt durch seine beinahe zerstörerische Kraft, erzählt pessimistisch, schonungslos und bitterböse aus der Sicht der 17-jährigen Charlie von ihrer gestörten Kindheit. Denn ihr Leben als gebrandmarktes Kind durch die psychisch kranke, alkoholsüchtige Mutter ist geprägt von Angst und Scham gegenüber der überforderten Erziehungsberechtigten. Außerdem strotzt es vor Zerstörungswut, Panikattacken, voyeuristischen Streifzügen, Sexfantasien und Eskapaden bei einem nach Identifikation suchenden Schwanken zwischen den Extremen. Charlie wächst in einer tristen, immer apokalyptischer werdenden Welt auf und kämpft mit der Vernachlässigung und Gefährdung, die von ihrer unberechenbaren Mutter ausgeht. Verwahrlosung, Hungerleiden und Gewaltattacken – zu ihren ganz konkreten Ängsten fantasiert Charlie sich noch eine Hand voll fiktiver dazu. »Ich erkannte meine Mutter auch nicht wieder. Die Intensität meiner Ängste stieg proportional zur Abnahme ihrer Zurechnungsfähigkeit. Jede Nacht wurde zu einem Zustand ungezügelter Panik, ich halluzinierte Asteroideneinschläge und mit vergifteten Dolchen bewaffnete Einbrecher.« …

Julia von Lucadou »Die Hochhaus-springerin«

Alles nur zu unserem Besten?! »Die Hochhausspringerin«, Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018, ist ein psychologischer Roman und eine ergreifende, genau durchdachte Dystopie. Vorgeführt wird eine konsequente Tyrannei der Produktivität, eine Welt, in der sich alles um die Leistungserfüllung im Job dreht, und die gar nicht so weit entfernt scheint. Erzählt wird die Geschichte aus dem Observationsblick einer Psychologin, die ihre berühmte Patientin rund um die Uhr beschattet und in Echtzeit analysiert. Sie ist der Schatten hinter den Monitoren, die durch eingeweihte Mitspieler quasi-göttlich in das Leben der gefeierten Hochhausspringerin Riva eingreifen kann und diese wieder gefügig machen soll. Eine unkonventionelle, bahnbrechende Idee verspricht den Durchbruch in ihrem Therapiefall, doch dann droht ein Kontrollverlust nicht nur ein Leben in einer Abwärtsspirale aus den Fugen geraten zu lassen… Dancer of the Sky Nach einem ungewöhnlichen Einstieg in sehr filmischer Schreibweise, in dem wir Riva als Heroine des Himmels mit wehendem Cape in rasantem Sprung – der Star bei einem umjubelten Massenevent – kennenlernen, dann der krasse Bruch: Dieselbe Frau verlässt ihre Wohnung, die sie sich mit ihrem …

Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen? »›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹ ›Dein Vater ist tot?‹ ›Nicht der. Der andere.‹ ›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹ Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18) Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht. »Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede …

Jennifer Clement »Gun Love«

»Wusstest du, dass für jeden Menschen auf der Welt zwei Kugeln existieren?« (S. 152) Der neue Roman der amerikanischen Schriftstellerin Jennifer Clement spürt einer besonderen Mutter-Tochter-Beziehung irgendwo im Hinterland von Florida nach, die durch einen Mann und seine Pistolen gefährdet wird. Das Setting erinnert sehr an Sean Bakers Kinofilm »The Florida Project«. »Ich? Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man in einem Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen.« Die kleine Pearl lebt seit der Geburt mit ihrer Mutter in einem Auto am Rande eines Trailerparks in einer Wohnwagensiedlung. Auch wenn sie in prekären Verhältnissen aufwächst, mit der ständigen Angst an das Jugendamt verraten zu werden, lebt sie mit ihrer Mutter doch im Hier und Jetzt einer zauberhaft verträumten, heilen Welt. Im Inneren des Ford Mercury wirken andere Kräfte als in der irrsinnigen Welt da draußen voller Waffennarren, Gefahr, Gewalt und Hass. Die Erzählung ist besonders geprägt durch den traumwandlerischen Blick der beiden, durchzogen von Passagen aus Lovesongs und in einer …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …

I.J. Kay träumt sich »Nördlich der Mondberge«

Ein schneidend kalter Wind bahnt sich durch die Wohnung. Technobässe kommen von unten und lassen die frisch gestrichene Wand erzittern, auf der das Wort »Fotze« immer noch erkennbar ist. In der erschwindelten Resozialisierungswohnung fehlt jegliche Einrichtung und Strom gibt es auch keinen, da das Sozialhilfegeld auf sich warten lässt. Hier versucht Louise nach ihrer zehnjährigen Haftstrafe einen Neuanfang. Sie hat einen miesen Job in einer Donutfabrik bekommen, mit dem sie sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, um sich ein normales Leben aufzubauen. Doch schon bald wird sie feststellen müssen, dass sich im Leben nicht Tabula rasa machen lässt und dass ihre Vergangenheit sie immer wieder einholen wird. Das ist die Rahmengeschichte in »Nördlich der Mondberge«, dem Debutroman der zurückgezogen lebenden britischen Autorin I.J. Kay, über die der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. Nicht einmal ihr richtiger Name, denn I.J. Kay ist ein Pseudonym – frech dem Alphabet entnommen und genauso aussagekräftig wie ASDF oder XYZ. Louise, als Kind noch Lulu, hatte es nicht leicht. Ihre narzisstisch-neurotische Mutter Joan, die sich als verhinderte Bühnen-Diva …

Juli Zeh »Neujahr«

Eine Reise in die eigene Vergangenheit »Neujahr« ist nun schon das dritte Buch in Folge, welches die enorm produktive Juristen-Schriftstellerin im Jahresrhythmus veröffentlicht. Diesmal legt sie einen recht schmalen Band vor, der in zwei Teile zerfällt: Was als Gesellschaftsanalyse beginnt, kippt auf der Hälfte zum Thriller-artigen Horrortrip. Wir verfolgen den Urlaub einer jungen Familie mit zwei kleinen Kindern zwischen den Jahren auf Lanzarote. Ein nicht ganz unschuldiger Familienurlaub, der sich plötzlich transformiert, verdoppelt und zum Albtraum schlechthin wird. Auf der Vulkaninsel verschieben sich Gewissheiten, während wohl gehütete Geheimnisse ans Licht kommen. In dieser rauen und faszinierenden Umgebung wird der junge Familienvater Henning auf sich selbst zurückgeworfen und sieht sich gezwungen, sich seiner Unvollkommenheit, seiner Vergangenheit und seinen Ängsten zu stellen. »Der Reiseführer sagt, dass manche Menschen Lanzarote hassen, während andere es abgöttisch lieben. Henning weiß noch nicht, zu welcher Sorte er gehört.« (S. 14)   »Sein Lieblingswort ist ›funktionieren‹.« (S. 25) Henning hat sich vorgenommen, am Neujahrstag mal wieder was für sich zu machen. Bei einer schweißtreibenden Fahrradtour bezwingt der junge Vater nicht nur einen …

Tom Rachman: »Die Gesichter« des Bear Bavinsky

»›Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das klarstelle, Charles, aber dein Vater ist ein wahres Ungeheuer‹, sagt Marsden anerkennend.« (S. 119) Der neue Roman des britischen Autors Tom Rachman ist ein Künstlerroman, stark geknüpft an eine Familiengeschichte. Es geht um die Beziehung von Charles zu seinem Vater Bear, einem gefeierten Maler von Aktportraits. Es geht um das Leben im Schatten eines berühmten Mannes, das Streben nach Anerkennung, um den täglichen Kampf eines Künstlers, das Vatersein, die Suche nach der eigenen Bestimmung und Begabung und ganz nebenbei wird ein ungemein spannender Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt gewährt. Sehr nachdenklich stimmen einen die tragischen Bemühungen von Charles (auch Pinch genannt), der ein Leben lang versucht, seinem exzentrischen Vater gefallen zu wollen. Dieser ist selbst, wenn er liebevoll ist, noch egozentrisch, unempathisch, rücksichtslos, manipulativ und launisch. Bear Bavinsky ist ein Mann, der für seine Arbeit lebt, ein charmanter und leidenschaftlicher Lebemann mit ausschweifendem Privatleben, der immer wieder seinen jungen Modellen verfällt und insgesamt 17 Kinder und zahlreiche Ehen, teilweise sogar parallel, ins Leben ruft. …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»Der Platz an der Sonne« von Christian Torkler

Christian Torklers Romandebut »Der Platz an der Sonne« erweckt ein verblüffendes Gedankenexperiment zum Leben: Was wäre, wenn nicht wir die Privilegierten wären? Kurzerhand verkehrt der Roman die weltpolitischen Zustände ins Gegenteil und schreibt gleich eine komplett neue Historie. Josua Brenner ist 1978 in der Neuen Preußischen Republik geboren und entscheidet sich schweren Herzens aus dem von Korruption zerfressenen, wirtschaftlich und infrastrukturell am Boden liegenden Berlin ins reiche Afrika zu fliehen. Eine entbehrungsreiche und lebensgefährliche Odyssee, an deren Ende die Vertreibung aus dem Paradies steht, ein Mensch verurteilt zu einem Leben in der Illegalität. Diese so simple wie geniale Grundidee zwingt den Leser, die Opferperspektive des Flüchtlings für sich zu übernehmen, und das funktioniert glänzend, ist erschreckend und bringt eine ganz andere Form von Empathie hervor, als Geschichten von arabischen oder afrikanischen Flüchtlingen zu lesen, die sehr viel näher an der aktuellen Wirklichkeit sind. Dieser makabre Kommentar zur immer noch schreibend brisanten Flüchtlingsproblematik, soll nicht nur Mitleid erzeugen. Der Roman führt einem auf großartige Weise vor Augen, dass alles auch umgedreht sein könnte, dass nichts als …