Alle Artikel mit dem Schlagwort: Drama

Ein Recherchejournal über das
Begehren: »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger

Die europäische Lust auf das süße Leben »E. West, S. 67: ›2. Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.‹« (40) Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat es mit ihrem neuen Buch – ob es sich dabei in meinen Augen tatsächlich um einen Roman handelt, wird noch zu klären sein – auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft und war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der an Anna Stern für »das alles hier, jetzt« ging. Stilistisch ist »Aus der Zuckerfabrik« hoch bemerkenswert: Hier wird ein Text bewusst am Rande aller Gattungen angelegt, als Grenzgänger und Gattungskreuzer zwischen Recherchebericht, Journal und hochkomplexem Roman, der durch Erzählsituationen und Modi springt, seine Poetologie vielfach metareflektiert und eine schwer greifbare Erzählerin einsetzt, die sich immer wieder ins Spiel bringt und gleichzeitig diskreditiert und entzieht. Zu allem Überfluss ein Text über ein Thema, das so sehr assoziativ ausfranst, dass es allen Beteiligten …

Dahinplänkelnder Überlebenskampf: Yukio Mishima »Leben zu verkaufen«

Japanischer Thriller aus ironischer Distanz »Aber plötzlich war ihm der Gedanke an Selbstmord gekommen, so wie man auf die Idee kommt, ein Picknick zu machen, doch als er jetzt angestrengt nach einem Grund dafür suchte, fiel ihm nicht der geringste ein. Wahrscheinlich hatte er genau deswegen versucht, sich umzubringen.« (6) Hanio ist ein seltsamer Kerl. Mit seinen 27 Jahren hat er plötzlich keine Lust mehr zu Leben. Als ihn die Schlaftabletten dann aber lediglich ins Krankenhaus statt ins Jenseits befördern, wird er unfreiwillig in sein Leben zurückkatapultiert. Und er beschließt aus einer Laune heraus, etwas Verrücktes damit anzustellen. Er schaltet eine Anzeige, in der er sein Leben zum Verkauf anbietet. »Leben zu verkaufen. Verfügen Sie frei über mich. Ich bin männlich, 27 Jahre alt und kann Geheimnisse wahren. Keinerlei Unannehmlichkeiten.« (10) Und die Käufer kommen in Scharen. Alle wollen sie einen Spieler für knifflige Missionen, Bedingung: lebensgefährlich. Da Hanio dem Tod emotionslos gegenübersteht, ergreift er die Chance, Außergewöhnliches zu erleben. Er macht Bekanntschaft mit einer Ganovenbraut, einer Vampirin, einer mysteriösen Todeslexikon-Besitzerin und den Schlägertypen eines …

Candice Carty-Williams »Queenie«

Drama-Queen Vorweg sei angemerkt, dass ich auch mit »Bridget Jones« und »Sex and the City« nicht viel anfangen kann, mich aber die Themenschwere, die Preise und der überwältigende Kritikerstimmenchor angelockt haben. Und man schicke außerdem vorweg: Liebes Verlagswesen, warum müssen alle, ALLE, Bücher mit feministischen Themen eigentlich grundsätzlich in einer Farbskala von Bonbonrosa bis Pink aufgemacht werden? Coversehgewohnheiten hin oder her, diese Farbgenderei ist wirklich nicht erträglich…   Adichie meets »Bridget Jones«, die zu viel »Sex and the City« geschaut hat Die Autorin Candice Carty-Williams, der großartige Blurbs entgegensprudeln, greift selbst zu den Schlagworten »Chick Lit« und »Bridget Jones« für ihr Debüt. Ob sich das einlöst? Queenie ist um die Dreißig und arbeitet im Kulturressort einer Zeitungsredaktion in London, aber eigentlich lässt sie gerade alles ziemlich schleifen, dabei würde sie gern über politischere Sachen wie Black Lives Matter schreiben, was allerdings nicht gerade gefragt ist bei dem auflagenstarken Blatt. Seit der Trennung von Tom – eigentlich ist es nur eine »Pause«, Queenie wartet ungeduldig darauf, dass ihr weißer Boyfriend wieder zur Vernunft kommt – trifft …

Samanta Schweblin »Hundert Augen« – mehr »Black Mirror« als Orwell

Anonym durch fremde Leben spazieren In »Hundert Augen« nimmt uns die argentinische Autorin mit in eine alternative Welt, die stark von einer neuen technischen Erfindung geprägt ist: Kentukis sind niedliche Kuscheltiere in verschiedenen Formen, die sich auf Rollen bewegen können. Hinter ihren Augen ist eine Kamera installiert, die eine*n anonym bleibende*n User*in mit Bildmaterial aus der Umgebung des Kentukis versorgt und diese*r User*in kann über ein technisches Device den Kentuki steuern, der sich durch das Leben seiner*s Käufer*in bewegt. Es wird eine Verbindung zwischen zwei zufällig gematchten Menschen erschaffen: User*in und Käufer*in. So entstehen ganz ähnliche Netzwerke wie diejenigen, die auch unsere reale Gegenwart prägen. Und was noch frappierender ist: Es entstehen massenweise neue, anonyme Mitbürger (bzw. zweite Identitäten), für die keine klare Rechtslage existiert. Diese Kentuki-Spieler*innen haben keine eigenen Rechte, sie sind aber auch nicht strafmündig. Samanta Schweblin erzählt von der Technikfaszination und der Innovationslust des Menschen, aber auch davon, dass die Menschen nicht in der Lage sind, die Auswirkungen ihrer Technologien einzuschätzen und verantwortungsbewusst damit umzugehen. Sie erzählt episodisch von diesen Menschen, wobei …

Helena Adler »Die Infantin trägt den Scheitel links« – nichts für Angsthasen und Faultiere!

Sippe und Dorf – (k)ein Anti-Heimatroman Räubertochter, Höllenbrut, Satansbraut – so nennt man sie im Dorf. Sie selbst bevorzugt den Adelstitel »Infantin«. Und sie fackelt nicht lang: Schon im ersten Kapitel brennt die Sechsjährige das halbe Gut der Eltern nieder. Als Sprössling einer Familie, die seit Generationen Bauern sind, hält die österreichische Provinz wenig Idylle für die Protagonistin dieser morbiden und derben Erzählung bereit. Von den tyrannischen Zwillingsschwestern, dem Trinker-Vater und unter der strengen Regentschaft der Hofdrachen-Mutter fühlt sie sich unverstanden und nicht zugehörig, bevorzugt die Gesellschaft der Hoftiere. Vor den Augen der Infantin verwandeln sich die eigenen Familienmitglieder zu einem Rudel aus fleischfressenden Bestien. »Meine Mutter rastet nicht, habe ich immer geprahlt. Und wenn sie rastet, dann rastet sie aus.« (24) Mit erzählerischer Sprengkraft und satirisch überhöht schreibt Helena Adler von einer Familie, die so gar nicht alltäglich oder harmonisch ist und schickt ihre Figuren auf eine geradezu absurde Abwärtsspirale. Die Autorin setzt stets noch einen drauf, was in ihrer verqueren Logik bedeutet, dass es für alle steil abwärts geht. Eskapaden, Zerstörungswut, Psychiatrie, Gefängnis. …

Eine »Doppelte Spur« führt
Ilija Trojanow in die Widersprüche von Politik, Geheimdiensten und OK

Der investigative Journalist, der vom Namen dem Autor Trojanow gleicht, wird gleichzeitig von zwei anonymen Whistleblowern kontaktiert – eine doppelte Spur aus dem russischen und amerikanischen Geheimdienstlager. Ein ganz großes Ding. Eine Manipulation? Ein gefährliches Spiel! Aber warum gerade er? Und wie verpackt man hunderte komplizierter Dokumente hochkomplexen Inhaltes in eine plausible Erzählung, die die Welt angeht? Wie bekommt man das Chaos des politischen Alltags zu greifen? »›Ich möchte hören, wie Sie die Lage einschätzen.‹ ›Schlimmer noch.‹ ›Schlimmer als Notstand?‹ ›Kurz vor der Katastrophe.‹ ›Welcher?‹« (24)   »Mir schwante Sisyphus.« (22) Zusammen mit seinem russischstämmigen amerikanischen Journalistenkollegen Boris und der umwerfenden Dokumentarfilmerin Emi macht sich Ilija an diese unmögliche Aufgabe. Gemeinsam gehen sie den unzähligen, teilweise widersprüchlichen Spuren nach und landen mitten drin im tiefsten Sumpf aus Korruption, Unterschlagung und Veruntreuung, Schmier- und Schutzgeldbergen, Steuer- und Aktienbetrug, Geldwäsche, Kreditwucher und unzähligen anderen kreativen Wegen der Gier, wo es von Fake News, Wahlmanipulation, Waffen-, Menschen- und Drogenhandel, illegalem Glücksspiel, Kindesmissbrauch und Auftragsmorden nur so wimmelt – den vielfältigen Auswüchsen der Organisierten Kriminalität (OK). Die drei verheddern …

Émilie Gleason »Trubel mit Ted«

Ausgezeichnet als ›bestes Début‹ auf dem internationalen Comicfestival Angoulême 2019 kommt »Trubel mit Ted« als knallige, schrill bunte Erzählung daher – temporeich und sprunghaft erzählt, wirr, witzig, drastisch, krass. Hinter dem verspielten Titel verbirgt sich eigentlich eine wuchtige, taumelnde, eine düstere Geschichte, die belastet, verstört. Émilie Gleason erfasst Teds Welt in gestalterisch eigensinnigen, überdrehten Bildern: unbeherrschbare meterlange, wabbelige Gliedmaßen, riesenhafte Klumpfüße und Wursthände, Schultern, die den Kopf einzumauern drohen, der fliegende Gang des übergroßen Protagonisten Ted. So soll das Körpergefühl eines Autisten visualisiert werden, seine Bewegungen in einer Welt, in die er nicht zu passen scheint. Ted blickt auf winzige Spielzeughäuser und leere, blasse Konturen-Strichmännchen, die er einfach nicht versteht, er kämpft mit motorischen Schwierigkeiten, kann die Signale seines Körpers nicht deuten und hängt verzweifelt an seinen Routinen. Schnell kann eine Situation für ihn zum unlösbaren Rätsel werden und er in den Augen der anderen zum Sonderling. Arbeit, Familie, Sex, Ironie, Höflichkeit, Veränderung – nichts davon ist für Ted selbstverständlich oder einfach und kostet ihn enorme Anstrengung. Schon kleinste Abweichungen von seinem gewohnten Leben stürzen …

»Je tiefer das Wasser« von Katya Apekina

Eine zerrüttete Familiengeschichte voller Obsession und Verblendung, gleichsam toxisch und schön, droht unter dem Gewicht von psychischer Krankheit und unheilvoller Erhöhung zu zerbrechen. Die amerikanische Debütantin mit russischen Wurzeln Katya Apekina zeigt in ihrem Coming-of-Age-Roman auf beklemmende Weise, wie durchlässig die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit, persönlicher Wahrheit und Wahn sein kann.   Als die 16-jährige Edith eines Tages ihre labile, manisch-depressive Mutter Marianne an einem Strick von der Decke baumeln sieht, ändert sich das Leben von ihr und ihrer kleinen Schwester Mae auf einen Schlag. Ihr zweiter Suizidversuch bringt Marianne in eine Nervenklinik und die beiden Schwestern zu ihrem Vater Dennis nach New York. Die beiden kennen den Casanova und Schriftstellerstar bisher nur aus den Erzählungen ihrer Mutter. Hier kann Mae, die unter der erdrückenden Vereinnahmung und den düsteren Stimmungen ihrer Mutter besonders gelitten hat, endlich aufblühen. Edith dagegen fühlt sich Marianne gegenüber verpflichtet und lehnt den neu gewonnen Vater kategorisch ab. Schnell werden die beiden in die dramatische Vergangenheit ihrer Künstler-Eltern hineingezogen, die unheilvoll und schillernd zugleich scheint, und sie mit der Frage …

Valerie Fritsch »Herzklappen von Johnson & Johnson«

»Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Schmerzes.« (Nabokov) Valerie Fritsch wartet mit zarter Sprache im schmalen Büchlein auf, hier wird sehr dicht erzählt, glühend, rührend, sprachlich überwältigend. In »Herzklappen von Johnson & Johnson« werden schlaglichtartig das Leben von vier Generationen einer Familie beleuchtet, zusammengehalten durch ein transgeneratives Trauma, die Kriegsschuld, die in den Nachkommen auf unterschiedliche Weise fortwirkt. Der Großvater, der den Anstoß für diese Verkettung liefert, muss als junger, verängstigter Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen und kommt dann als Kriegsgefangener in ein russisches Kohleschacht-Arbeitslager, wo er Lebenshunger, Zeitgefühl, Glaube und Hoffnung verliert: »Der Krieg war kein guter Ort, Mensch zu sein und Mensch zu bleiben. Und ein unmöglicher für einen Gott.« (43) »Er stand da am Bahnsteig im Kreis der Spätheimkehrer, ein paar Toterklärte, die noch nichts wussten von ihrem Tod, wie Gespenster in ihrer Mitte, und verstand die Welt nicht mehr, an die sich der Rest bereits wieder gewöhnt hatte, an den Frieden und den neuen Staat. Er war ein Relikt aus einer Zeit, an die man sich mit dem …

Ein Leben in »Serpentinen« – Bov Bjergs Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte

Wie ein guter Vater sein, wenn die ganze Familiengeschichte voll mit schlechten ist? Es ist die begierig ersehnte Fortsetzung von »Auerhaus«. 30 Jahre sind vergangen seit den Abenteuern dieser schrägen Wohngemeinschaft und Friedas plötzlichem Tod und mittlerweile ist Protagonist Höppner Hühnerknecht, wenn auch reichlich spät, selbst Vater geworden. Er geht bereits auf die 50 zu und holt so seinen Vater ein, der noch vor Erreichen der Lebensmitte Suizid begangen hatte. Nun nimmt Höppner seinen noch recht jungen, namenlos bleibenden Sohn mit auf einen Ausflug in seine Heimat – irgendwo in Baden-Württemberg. »Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde. Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?« (125) Es ist deprimierend: Der Hang zum Suizid liegt bereits in der Familie und beherrscht auch Höppners Gedanken und auch seinen besten Freund Frieder hatte damals eine Depression in den Tod getrieben. Nun, auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelnd, ist der alkoholkranke Höppner besessen von dem Gedanken, seinen Sohn und dann sich selbst umzubringen, …