Alle Artikel mit dem Schlagwort: Drama

Tom Rachman: »Die Gesichter« des Bear Bavinsky

»›Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das klarstelle, Charles, aber dein Vater ist ein wahres Ungeheuer‹, sagt Marsden anerkennend.« (S. 119) Der neue Roman des britischen Autors Tom Rachman ist ein Künstlerroman, stark geknüpft an eine Familiengeschichte. Es geht um die Beziehung von Charles zu seinem Vater Bear, einem gefeierten Maler von Aktportraits. Es geht um das Leben im Schatten eines berühmten Mannes, das Streben nach Anerkennung, um den täglichen Kampf eines Künstlers, das Vatersein, die Suche nach der eigenen Bestimmung und Begabung und ganz nebenbei wird ein ungemein spannender Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt gewährt. Sehr nachdenklich stimmen einen die tragischen Bemühungen von Charles (auch Pinch genannt), der ein Leben lang versucht, seinem exzentrischen Vater gefallen zu wollen. Dieser ist selbst, wenn er liebevoll ist, noch egozentrisch, unempathisch, rücksichtslos, manipulativ und launisch. Bear Bavinsky ist ein Mann, der für seine Arbeit lebt, ein charmanter und leidenschaftlicher Lebemann mit ausschweifendem Privatleben, der immer wieder seinen jungen Modellen verfällt und insgesamt 17 Kinder und zahlreiche Ehen, teilweise sogar parallel, ins Leben ruft. …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»Der Platz an der Sonne« von Christian Torkler

Christian Torklers Romandebut »Der Platz an der Sonne« erweckt ein verblüffendes Gedankenexperiment zum Leben: Was wäre, wenn nicht wir die Privilegierten wären? Kurzerhand verkehrt der Roman die weltpolitischen Zustände ins Gegenteil und schreibt gleich eine komplett neue Historie. Josua Brenner ist 1978 in der Neuen Preußischen Republik geboren und entscheidet sich schweren Herzens aus dem von Korruption zerfressenen, wirtschaftlich und infrastrukturell am Boden liegenden Berlin ins reiche Afrika zu fliehen. Eine entbehrungsreiche und lebensgefährliche Odyssee, an deren Ende die Vertreibung aus dem Paradies steht, ein Mensch verurteilt zu einem Leben in der Illegalität. Diese so simple wie geniale Grundidee zwingt den Leser, die Opferperspektive des Flüchtlings für sich zu übernehmen, und das funktioniert glänzend, ist erschreckend und bringt eine ganz andere Form von Empathie hervor, als Geschichten von arabischen oder afrikanischen Flüchtlingen zu lesen, die sehr viel näher an der aktuellen Wirklichkeit sind. Dieser makabre Kommentar zur immer noch schreibend brisanten Flüchtlingsproblematik, soll nicht nur Mitleid erzeugen. Der Roman führt einem auf großartige Weise vor Augen, dass alles auch umgedreht sein könnte, dass nichts als …

Maxim Biller öffnet »Sechs Koffer«

Familiengeheimnisse und Lebenslügen: großer Verrat im Hause Biller »Sechs Koffer«, der neue Roman des streitlustigen Polemikers und »Esra«-Skandalautors Maxim Biller, genießt bereits viel Aufmerksamkeit. Besprochen im »Literarischen Quartett« vom 10.08. und sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat es die Familiensaga geschafft, die vom Anfang der 60er Jahre bis in der Gegenwart reicht und trotzdem mit knapp 200 Seiten auskommt. Familie Biller ist gebeutelt von der Härte der Zeit, zerrissen und verstritten wegen einer folgenschweren Denunziation, drückendes Schweigen, halbe Wahrheiten und ganze Lügen prägen die zerrütteten Familienmitglieder. Die sich widersprechenden Behauptungen befeuern die Spekulationen des kleinen Ich-Erzählers, wer seinen Großvater Tate an den KGB verraten hat und so an seiner Hinrichtung Schuld trägt. Was nach Krimi klingt, ist eigentlich viel mehr eine tragische Familiengeschichte mit detektivischen Zügen, eingebettet in das grausige Portrait des Kalten Kriegs und der Zerrissenheit der Welt. Maxim Biller nimmt sich eines großen Stoffes an und umkreist einen historischen Verrat. Sechs Koffer, sechs Perspektiven Jedes Kapitel widmet der Autor einem anderen Familienmitglied, es werden mosaikartig einzelne Szenen und Erinnerungen verwoben, dabei …

Robert Seethaler »Der Trafikant«

Robert Seethaler erzählt in »Der Trafikant« auf sehr zarte und verdichtete Weise von dem jungen Franz Huchel, seiner Liebe zu der Tänzerin Anezka und seiner Freundschaft zu Siegmund Freud im Wien Ende der 1930er Jahre. Ein schmaler wie ehrlicher Bericht aus düsteren Zeiten Mittelpunkt, Keimzelle und pulsierendes Herz dieser Geschichte ist die Trafik von Otto Trsnjek, ein kleiner Zeitungs- und Tabakladen in Wien nahe des Praters und der Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Professors Sigmund Freud. Der nicht einmal volljährige Franz Huchel verlässt im Spätsommer 1937 seine beschauliche Heimat, dem Salzkammergut am Attersee in Oberösterreich, um als Trafikanten-Lehrling in der Hauptstadt sein Glück zu suchen.   »Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.« (S. 199) Durch das tägliche Zeitunglesen und den kritischen Geist des alten, einbeinigen Trafikanten Otto erlangt der ungebildete Provinzbub immer mehr Wissen, Klugheit und Meinung zum politischen Weltgeschehen und Fragen von Anstand und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

»Es war einmal Indianerland« (Film) –
Coming-of-Age mal anders?!

»Und das bist du: der Lärm in deinem Kopf.« Mauser ist 17 und kommt aus einem Hochhausviertel am Stadtrand von Hamburg. Sein Leben wird geprägt von unverputzten Brutalismus-Platten-Fassaden, Gewalt, Kriminalität und Konkurrenz unter den Ghetto-Kids. Um dieser Großstadt-Tristesse zu entfliehen, macht Mauser das Boxen zu seiner Welt. Doch alles gerät schließlich aus den Fugen, als er sich auf einer Party im Schwimmbad in die so schöne wie aufregende Jackie verliebt. Doch was seine Welt so richtig zum Einstürzen bringt, ist, als Kondor, sein bester Freund aus dem Viertel, ihm den Krieg erklärt und zum Duell herausfordert – im Boxring selbstverständlich – und dann auch noch Mausers Vater Zöllner verschwindet, nachdem er im Streit seine Freundin erwürgt hat. Die große Suche führt ihn zusammen mit Edda, der sonderbaren Videotheks-Aushilfskraft, auf ein Musikfestival an der polnischen Grenze: Eine ungewöhnliche Kombination aus dem Versuch, seinen kriminellen, flüchtig gewordenen Vater zu stellen und einem großen, mit Glitter kandierten Drogenrausch als Reise auf den Wellen der Elektromusik ins innere Ich. Und schließlich muss Mauser sich entscheiden… »Denn diese Generation ist …

Filmexperiment: »Manifesto«

Aus seiner Film-Installation, die im Sommer 2015 im Berliner Hamburger Bahnhof als Ausstellung zu sehen war, hat der Künstler Julian Rosefeldt einen experimentellen Film mit Cate Blanchett in den Hauptrollen gemacht. »Art does not come from nowhere or anywhere« Blanchett verkörpert 13 verschiedene Archetypen, die aus verschiedensten Manifesten des 20. Jahrhunderts zitieren. Eine Hommage an verschiedene traditionelle Kunst- und Künstlermanifeste, die sich mit Film, Theater, Performance, Tanz, Architektur beschäftigen und in Form von Monologen, Reden, Vorträgen und Interviews hier thematisiert und rezitiert werden. Regisseur Rosefeldt hat einzelne Texte miteinander kombiniert und fusioniert, jedoch darauf gedacht, dass ihre eigentliche Aussage nicht verfälscht wird. Entstanden sind daraus wunderbare neue Meta-Manifeste.  »Kunst erfordert Wahrheit, nicht Wahrhaftigkeit« Zu hören sind u.a. Texte von Marx, Engels, Lars von Trier bis hin zu Jim Jarmusch. Rosefeldt hebt die einzelnen Manifesten aus ihrem kulturhistorischen Hintergrund und schafft es damit, die Schönheit der Texte, die Poetik einzelner Passagen und Gedanken, zu offenbaren und betonen. Manchmal sind es auch nur einzelne Sätze, die in ihrer Feinheit und mit ihrer Anmut eine Schlagkraft entwickeln, die …

Porto (Film) – ein zärtliches Drama

In die Kulisse der portugiesischen Hafenstadt Porto, geprägt von wunderschönen Gässchen mit mysteriösen, ja fast unheimlichen Charme, zeichnet Jim Jarmuch (ausführender Produzent) die Skizze einer Begegnung zweier junger Menschen, die sich gemeinsam in eine leidenschaftliche Affäre stürzen. In langsamen, ruhigen Bildern und mit schönen Klaviersonaten unterlegt, entwickelt sich eine stürmische und innige Beziehung zwischen dem schüchternen und etwas eigenwilligen Jack (Anton Yelchin) und der liebreizenden, aber sich selbst als verrückt bezeichnenden, Mati (Lucie Lucas). Sie kennen einander kaum, sind sich aber doch vertraut und erleben eine intensive und heftige Liebesnacht miteinander. Vielleicht ist es die Nacht ihres Lebens, denn als sie am nächsten Tag aufwachen, ist der schöne gemeinsame Moment vorbei.  Der gemeinsame Augenblick als auch die Blicke, Worte und Gesten der beiden sind intensiv und voller Zärtlichkeit. In sanften Bildern, lösen sich Gefühle los, die so stark wie ein Sturm einher fallen – Begierde, Liebe, Zweifel, Unsicherheit – und verschwinden allmählich in den dunklen Gassen der nächtlichen Stadt. Mit einer beeindruckenden Schlussszene endet der 79-minütige Streifen. Im Bett liegend, sehen sich Mati und Jack an. Gefühlte …

Warum »Moonlight« nicht der beste Film des Jahres ist – eine Filmkritik

Der 2017 mit einem Oscar als »Bester Film« gekürte Film »Moonlight« bewegt die Massen. Barry Jenkins entwirft in diesem Streifen die Lebensgeschichte des Jungen Chiron, die auch seine eigene ist. Der Trailer verspricht ein berührendes Drama über Homosexualität in der afro-amerikanischen Drogenszene. Jedoch scheitert die Umsetzung. Wieso der Film meiner Meinung nach sein Potential nicht vollkommen ausgeschöpft und mich die Umsetzung eher enttäuscht hat, lest ihr hier. (Für mich ist es definitiv nicht der beste Film des Jahres, auf dem Treppchen sehe ich dann doch eher »La La Land«. War die Oscarverwechslung an dieser Stelle vielleicht doch kein so großer Irrtum?)   Inhalt – kurz gesagt i. Little  Chiron ist ein kleiner Junge, der zur Schule geht und von allen nur Little genannt wird. Little ist das Gegenteil von allen anderen Jungen in seinem Alter – sehr ruhig, in sich gekehrt, verschlossen. Kein Wunder, denn er hat mit großen Problemen zu kämpfen. In der Schule muss er sich gegen seine Klassenkameraden verteidigen und zu Hause gegen seine drogensüchtige Mutter, die nur mit sich selbst und …