Alle Artikel mit dem Schlagwort: feministisch

Ein Recherchejournal über das
Begehren: »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger

Die europäische Lust auf das süße Leben »E. West, S. 67: ›2. Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.‹« (40) Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat es mit ihrem neuen Buch – ob es sich dabei in meinen Augen tatsächlich um einen Roman handelt, wird noch zu klären sein – auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft und war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der an Anna Stern für »das alles hier, jetzt« ging. Stilistisch ist »Aus der Zuckerfabrik« hoch bemerkenswert: Hier wird ein Text bewusst am Rande aller Gattungen angelegt, als Grenzgänger und Gattungskreuzer zwischen Recherchebericht, Journal und hochkomplexem Roman, der durch Erzählsituationen und Modi springt, seine Poetologie vielfach metareflektiert und eine schwer greifbare Erzählerin einsetzt, die sich immer wieder ins Spiel bringt und gleichzeitig diskreditiert und entzieht. Zu allem Überfluss ein Text über ein Thema, das so sehr assoziativ ausfranst, dass es allen Beteiligten …

Candice Carty-Williams »Queenie«

Drama-Queen Vorweg sei angemerkt, dass ich auch mit »Bridget Jones« und »Sex and the City« nicht viel anfangen kann, mich aber die Themenschwere, die Preise und der überwältigende Kritikerstimmenchor angelockt haben. Und man schicke außerdem vorweg: Liebes Verlagswesen, warum müssen alle, ALLE, Bücher mit feministischen Themen eigentlich grundsätzlich in einer Farbskala von Bonbonrosa bis Pink aufgemacht werden? Coversehgewohnheiten hin oder her, diese Farbgenderei ist wirklich nicht erträglich…   Adichie meets »Bridget Jones«, die zu viel »Sex and the City« geschaut hat Die Autorin Candice Carty-Williams, der großartige Blurbs entgegensprudeln, greift selbst zu den Schlagworten »Chick Lit« und »Bridget Jones« für ihr Debüt. Ob sich das einlöst? Queenie ist um die Dreißig und arbeitet im Kulturressort einer Zeitungsredaktion in London, aber eigentlich lässt sie gerade alles ziemlich schleifen, dabei würde sie gern über politischere Sachen wie Black Lives Matter schreiben, was allerdings nicht gerade gefragt ist bei dem auflagenstarken Blatt. Seit der Trennung von Tom – eigentlich ist es nur eine »Pause«, Queenie wartet ungeduldig darauf, dass ihr weißer Boyfriend wieder zur Vernunft kommt – trifft …

Liv Strömquist »Ich fühl’s nicht«

Die Liebe in Zeiten von Leistungsgesellschaft, Marktwert und Selbstoptimierung Wir Disney-Geschädigten Tinder-User*innen mit Angst vor Schmerz, Enttäuschung, Langeweile, vor WAS FESTEM, haben das DiCaprio-Syndrom, meint Liv Strömquist. Der gute Leo wechselt seine Freundinnen, allesamt Anfang 20-jährige Bikini-Models, wie seine Socken. Er fühlt nichts. »Leonardo DiCaprio ist irgendwie wie eine lauwarme Herdplatte, die das Wasser nie richtig zum Kochen bringt.« (10) An sich kann man natürlich kaum etwas dagegen einwenden, dass Autonomie, Freiheit und Wahlmöglichkeit gerade für Frauen seit den letzten hundert Jahren stark zugenommen haben. Niemand muss in der Regel mehr heiraten, um versorgt zu sein, niemand muss ungewollt schwanger werden und der Sozialstaat unterstützt Alleinerziehende. Aber wollen wir deshalb gleich ganz aufhören zu lieben?   »Wir sind alle DiCaprio« (12) Das Gefühl sich zu verlieben ist laut Soziolog*innen und Philosoph*innen in der heutigen Zeit sehr selten geworden. Warum ist das so? Strömquist bietet eine Reihe von Erklärungsversuchen. #1 – Der Spätkapitalismus hat uns zu gierigen, selbstbezogenen Narzisst*innen gemacht, die Menschen konsumieren, aber keine festen Bindungen mit Verantwortung eingehen wollen. Abwechslung, Abenteuer, Action ohne Gefühle …

Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76) »Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin. Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung. »Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125) Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, …

Moa Romanova erschafft ein »Identikid«

Die Graphic Novel »Identikid« ist Moa Romanovas autobiografisch geprägtes Debüt. Im augenfällig eigenwilligen Look präsentiert sie uns Moa, eine junge schwedische Künstlerin mitten im Leben, umsorgt, sozialisiert, talentiert und doch zerfressen von Panikattacken. Techno = Ecstasy = Psychose = uncool. Mit ihren Freundinnen geht sie auf Techno-Partys, drogenumnebelt lässt sich das Leben feiern. Doch jetzt versucht Moa sich in Abstinenz, straight edge, oder zumindest crooked edge, denn sie vermutet, dass das Spice schuld ist an ihren psychischen Problemen. Das rät ihr auch die Therapeutin. Aber leicht wird das nicht. Lethargisch lässt Moa ihre Wohnung vermüllen, das Geld wird knapp, ereignislose Tage drücken auf das Gemüt, genau wie die Sinnlosigkeit, die sie plötzlich von überall anstarrt. Wegen ihrer Wut- und Angstanfälle ist Moa seit Monaten krankgeschrieben, bekommt Medikamente – nimmt sie widerwillig – und verliert zunehmend die Geduld: Wie lange soll das noch so weitergehen? Was ist mit ihr? Und wann wird es endlich besser? Normalerweise telefoniert sie mit ihrer Mutter, wenn es ganz schlimm ist. Doch neulich hat Moa einen TV-Promi auf Tinder kennengelernt, der …

Lotta Elstad »Mittwoch also«

»Vielen Dank, aber ich bin eigentlich hier, um kurzen Prozess zu machen. « (7) Hedda ist Anfang dreißig und ungewollt schwanger. Eine schnelle Lösung muss her, sie will kurzen Prozess, doch sie hat ihre Rechnung nicht mit dem norwegischen Gesundheitssystem gemacht, dass eine Bedenkzeit von mehreren Tagen vor einer Abtreibung vorschreibt. Und die gehen ihr wirklich an die Nieren… Odyssee durch Europa Eigentlich wollte sie vor ihren Problemen fliehen. Weg von Lukas, ihrer Langzeitaffäre Slash großen Liebe, der dieses Mal seinen Standardsatz »Das ist das letzte Mal, dass wir das machen« tatsächlich ernst gemeint und sie verlassen hat. Obwohl – »Wie kann man etwas beenden, das gar nicht angefangen hat«? Und auch der Job als feste freie Journalistin ist von heute auf morgen futsch. Warum sie nicht erstmal mit ihrer besten Freundin Kika spricht, weiß Hedda selbst nicht so genau. Jedenfalls will Hedda nichts wie weg und bucht sich einen Last-Minute-Flug nach Griechenland, der in einem Beinaheabsturz in Sarajewo endet, ihre Koffer sind derweil schon in Athen angekommen. »Ein dubioser Billigflieger auf dem Weg von …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

»Flexen. Flâneusen* schreiben Städte«

»Das Wort Flâneuserie gibt es nicht, in keinem Wörterbuch. Mich aber gibt es.« Diese Anthologie, herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Ronya Othmann, Mia Göhring und Lea Sauer, erzählt davon, was Frauen* erleben, wenn sie in Städten unterwegs sind. Oder warum sie es nicht sind. Neben denen der Herausgeberinnen versammelt der Band Beiträge von 26 weiteren Autor*innen, darunter etablierte Namen wie Bettina Wilpert, Svenja Gräfen und Anke Stelling. Flexen, das klingt nach Heimwerkern und schwerem Handwerk. Das klingt hart, nach Schweiß und brechendem Widerstand und das klingt vor allem männlich. Nun hat das Wort Flexen neben der landläufig bekanntesten noch eine Reihe weiterer Bedeutungen: biegen, Sex haben, das Variieren der Geschwindigkeit beim Rap, die Muskeln anspannen, seine Muskeln zur Schau stellen und die Flâneuserie. Und damit sind wir schon mittendrin. »Flexen« hat es sich zur Aufgabe gemacht, der starken literarischen Tradition des männlichen Flaneurs aus westlicher, weiß-männlicher Feder etwas entgegenzusetzen. Flexen, das ist aktiv. Ein neues Wort, ein nützliches. »Braucht es dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, …

Katja Lewina »Sie hat Bock«!

»Überraschung! Frauen wollen auch ficken.« (35) Katja Lewina ist Sex-Bloggerin, bisexuell und lebt in offener Ehe – vor allem aber schreibt sie sehr unterhaltsam über das Patriarchat, Sexismus und mögliche Lösungen. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem weiblichen Genital, Lust und Orgasmus, Schönheitsansprüchen, Rollenzuschreibungen, Single-, Fat-, Victim- und Slut-Shaming, Rape Culture, Prostitution, Porno und Unterwerfung, dem Ideal der Monogamie oder wie Laurie Penny es nennt »Alles mit Einem für immer«, #metoo, »Ja heißt Ja« und der Deutungshoheit über die Geschlechter. Dabei beweist sie nicht nur einen wachen Blick und eine fundierte Kenntnis der feministischen Literatur, sondern trumpft vor allem mit einem sehr persönlichen, energiegeladenen, frechen Sound auf. Auf angenehme Art flechtet sie zu jedem Unterthema eine Anekdote aus ihrer Vergangenheit ein und verleiht dem essayistischen Manifest so auch eine erzählerische Qualität. Wovon reden wir eigentlich? Bei der Benennung fängt das Schlamassel ja schon an. Für das weibliche Genital gibt es kein Wort, mit dem wir uns wirklich wohl fühlen würden. Muschi, Pussy, Mumu, Möse? Alles Käse. Eine Scheide, die dadurch definiert ist, ein Behältnis …

Betörend und unerhört: »Queen July« von Philipp Stadelmaier

Die älteste Geschichte der Welt Wir befinden uns in Paris und es ist unerträglich heiß. July rekelt sich Tag für Tag im kühlen Badewasser und kippt den weißen Burgunder mehr als das sie an ihm nippt. Zu ihren Füßen sitzt Aziza, eine Freundin, die den Liebeskummer kultiviert und in Scheherazade-Manier ihre Lebensgeschichte erzählt. Was sie erzählt, ist eigentlich nichts weiter als das Grundnarrativ schlechthin, a story of boy meets girl, oder nicht ganz, vielmehr ist Aziza hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, zwei möglichen Leben. Es ist ein Bro-Talk unter modernen Frauen mit leicht erotischen Zügen – frech, frei heraus, mal abgeklärt, mal verletzlich – und doch kommen die großen Fragen des Wie-leben auf den Plan. Die beiden weisen einen afrikanisch-arabischen ethnischen Hintergrund auf und haben zahlreiche Erfahrungen mit Entwicklungshilfe, Migration, Integration, Kolonialismus, Rassismus und Terrorismus gemacht. Aziza, die Verwandtschaft in Dschibuti, Kamerun, Tel Aviv und Dakar hat, selbst aber in Paris großgeworden ist, hat nach ihrem Medizinstudium lange Zeit in einem Krankenhaus in Dschibuti gearbeitet. Dschibuti Stadt wurde zu ihrem Babel, zu ihrem Babylon, …