Alle Artikel mit dem Schlagwort: feministisch

Theresa Lachner frönt dem »Lvstprinzip«

»Theresa Lachner hat eine entwaffnend offene Biografie ihres Begehrens geschrieben.« – Meredith Haaf In ihrer tagebuchartigen Sammlung von Blogeinträgen schreibt Theresa über sich. Über ihre Reisen als Bloggerin und Sexjournalistin, über private Erfahrungen mit Sex und Liebe, über Lust, Körperlichkeit, Selbstermächtigung und vor allem über Ehrlichkeit. Denn wenn wir es schaffen, sehr viel offener mit diesen Themen umzugehen, könnten wir alle freier, und vielleicht sogar glücklicher sein. Also fängt sie gleich mal damit an. »Freiheit ist das Recht, nicht zu lügen, hat Camus mal gesagt. Für mich ist Schreiben die beste Art, diese Freiheit auszuleben. Und deswegen liebe ich es auch, über Sex zu schreiben. Das ist nämlich ein Thema, das meiner Meinung nach noch extrem viel Wahrheit vertragen kann. (…) Genau das passiert nämlich, wenn man von seiner Freiheit, nicht zu lügen, Gebrauch macht: Ehrlichkeit multipliziert sich. Me too, me too, me too.« (9) »Ab jetzt bin ich offiziell gut genug. Und zwar aus Prinzip.« (202) Frauen scheinen irgendwie immer ›zu‹ oder ›nicht genug‹ irgendwas zu sein, aber wie fühlt man sich genau richtig? …

Julia Bernhard »Wie gut, dass wir
darüber geredet haben«

»Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.« – Peter Licht, Das Ende der Beschwerde Das vorangestellte Motto fasst gut zusammen, worum es in Julia Bernhards Debüt geht: »all die Leute« setzen der namenlosen Protagonistin und Illustrationsstudentin (»Frollein« genannt) ganz schön zu… Der Comic liefert eine lose Sammlung von kurzen Moment- und Bestandsaufnahmen. Lakonisch erzählte Episoden, alltägliche und aberwitzige Anekdoten aus einem chaotischen Leben und am Ende sitzt das Frollein immer allein auf ihrem Sofa, bis sie schließlich hineinkriecht und eins wird mit diesem besten Begleiter unter den Einrichtungsgegenständen. – Eine Hymne des Schlendrians und der gescheiterten Kommunikation, über die gnadenlosen Kommentator*innen eines Lebens und einen noch gnadenloseren diarrhöischen Mops. »Eigentlich sucht man doch nur jemanden, der nicht aus Mitleid weint, wenn man sich vor ihm auszieht.« (78)   Vom ganz alltäglichen Wahnsinn Julia Bernhard erzählt aus einem Leben, in dem es Allerlei gibt, womit sich eine (Single-) Frau, eine Almostthirty so herumschlagen muss: mit einer Oma, die wissen will, wann es mit der Familiengründung endlich losgeht (»Die Eier werden ja auch nicht …

Kristin Höller – Hier ist es »Schöner als überall«

Dieses Autorinnendebut ist die Coming-of-Age-Geschichte zweier Anfang Zwanziger, deren Lebensentwürfe und Freundschaft in eine Krise geraten und die nach Antworten suchen in ihrem Heimatort. »Es ist eine komische Gegend hier. Wir sind nicht auf dem Land, dafür ist zu viel Beton überall, wir sind nicht in der Stadt, denn hier ist ja nichts, wir sind irgendwo dazwischen, wo man nirgends hinkommt ohne Auto, eine Zwischengegend. Hier wohnen Menschen, die in der Stadt arbeiten und im Grünen leben wollen, aber weit genug rausgetraut haben sie sich nicht. So grün ist es nämlich gar nicht, dafür alles verkehrsberuhigt und flach, und man kann von überall aus sehr weit sehen.« (23) Auslöser ist ein Speer, genauer gesagt der bronzene Speer der Athene-Statue vom Münchner Königsplatz, der zur Trophäe einer übermütigen Partynacht wird, zum Beweis ihrer Jugend, Wildheit und Lebendigkeit. Doch allzu schnell merken die beiden Freunde Martin und Noah, dass das keine gute Idee war. Dass das Diebesgut verschwinden muss. Ohne Plan sitzen die zwei auf der Flucht in einem Miettransporter und finden sich schließlich an dem Ort …

Virginie Despentes‘ »King Kong Theorie«

»Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss.« (10) Schon 2006 schrieb die französische Erfolgsschriftstellerin ihren autobiografischen Essay »King Kong Theorie«, eine provokante Streitschrift über Geschlechterrollen, Sexismus und die Freiheit der Unangepasstheit, durchdekliniert an den Erfahrungen der Autorin als Vergewaltigungsopfer, Prostituierte und Pornofilmerin. Nun wurde ihr wütendes Statement neu übersetzt und findet sich zwar in einer Zeit der #Me-too-Debatte wieder, in der Themen der Geschlechterungleichheit und der sexuellen Übergriffe zwar öffentlich Gehör finden, sich im Alltag und den sozialen Strukturen praktisch aber noch immer nicht viel verändert hat. »Ich habe eine Möse mitten in der Fresse« (119) »Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein, finde ich viel spannender als alles andere.« (9) Virginie Despentes ist in diesem schmalen Heft vor allem laut, mutig und wütend. Sie schreibt gegen Zwänge und Vorverurteilung an, und das auf ihre Art: direkt, schonungslos, vulgär, sich selbst als »Proletin der Weiblichkeit« (10) begreifend, als …

Han Kang »Deine kalten Hände«

Nach »Menschenwerk« und »Die Vegetarierin« erscheint nun »Deine kalten Hände« von der international erfolgreichen südkoreanischen Autorin Han Kang – ein Künstlerroman über die Suche nach Wahrhaftigkeit, die fatalen gesellschaftlichen Folgen von Äußerlichkeiten und die grundsätzliche Einsamkeit der menschlichen Existenz. »Warum ist die Mitte meines Lebens so absolut hohl?« (S. 27) Der Bildhauer Jang Unhyong verschwindet eines Tages beinahe spurlos. Alles, was er zurücklässt, ist ein Tagebuch und eine Vielzahl von Gipsskulpturen, reale Abdrücke von Händen, Hüften, ganzen Körpern. Umrahmt werden diese Tagebuch-Notizen mit Szenen aus dem Leben der Schriftstellerin H., die die Aufzeichnungen des verschwundenen Künstlers für dessen kleine Schwester lesen soll, um bei der Suche und dem Verstehen zu helfen, doch eigentlich hat H. selber genug Probleme mit sich und ihrem Leben… Jang Unhyong ist ein unbekannter Bildhauer, einzelgängerisch, sonderbar und schweigsam kann er sich Menschen nur durch seine Kunst nähern. Schnell entwickelt er eine obsessive Leidenschaft für Lifecasting-Skulpturen – er nimmt Gipsabdrücke von menschlichen Modellen, anfangs bevorzugt von Händen, später auch von anderen Körperteilen oder, besonders wertvoll, von vollständigen Körpern. Die so entstehenden …

#FEMALE PLEASURE – ein Film, der begeistert

Diese Doku berührt, bewegt, klärt auf, packt und treibt uns vorwärts. Sowohl Dramaturgie, Musik, Montage wie Bilder überzeugen und reißen einen mit, bis man am liebsten aufstehen und die Faust – wie auf dem Filmplakat – in die Luft stoßen will. Der Film kommt mit der klaren Aussage: Es geht nicht darum, ein Geschlecht über das andere zu stellen, sondern unser aller Denken muss sich ändern. Ein Thema, das noch immer nicht an Relevanz und Brisanz verloren hat. Ein Film, den unbedingt auch möglichst viele Männer gucken sollten. Fünf Mal Unterdrückung und Kampf Die Doku erzählt die Geschichte von fünf Frauen aus unterschiedlichen Ecken der Welt, die den fünf großen Buchreligionen angehören. Doch egal welche Religion, sie alle legen ihre Heilige Schrift und Glauben so aus, dass sie den patriarchalen Machtanspruch legitimieren und festigen. Frauen werden systematisch als gefährlich, unrein, sündhaft und defizitär erklärt, sie werden kontrolliert, entmachtet und ihre Körper mit Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen belegt. So lernen wir Deborah Feldmann aus einer ultraorthodoxen jüdischen Community in New York kennen, die zwangsverheiratet wurde und schließlich …

Susan Sontag »The Doors und Dosto-
jewski. Das Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott«

»Zu leben ist ein aggressiver Akt.« (S. 62) Ring frei – oder besser Salon frei für eine große Denkerin! Susan Sontag, 1933 bis 2004, war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin, die vor allem als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse im Gedächtnis geblieben ist und sich für Menschenrechte einsetzte. »Unsere Gesellschaft ist auf Nihilismus gegründet – Fernsehen ist Nihilismus. Ich meine, Nihilismus ist keine moderne Erfindung irgendwelcher Avantgarde-Künstler. Es steht im Zentrum unserer Kultur.« (S. 59) 1978 traf sie sich zu einem mehrstündigen bzw. -tägigen Interview in ihren Domizilen in Paris und New York mit Jonathan Cott, einem redaktionellen Mitarbeiter des Rolling Stone, der sie als Dozentin während seines Studiums kennenlernte und den seitdem eine Freundschaft zu ihr verband. Die Idee der Gesprächsreihe »Kampa Salon« – eine interessante Schriftenreihe des Kampa Verlags mit grandiosen Covern – ist es, einen leichten Zugang zum gehaltvollen Werk großer DenkerInnen und Literaten zu ermöglichen. Das liegt im Gesprächsformat begründet, das locker, lebendig und abwechslungsreich ist und gut dafür geeignet, Komplexes herunterzubrechen und Überblicke zu gewähren. In diesem Fall allerdings …

Virginie Despentes »Das Leben des Vernon Subutex 1«

International gefeiert: die provokante Pro-Sex-Feministin und französische Skandalautorin bzw. -filmemacherin von »Baise-moi – Fick mich«, »Apokalypse, Baby« und »King Kong Theorie«. In Frankreich ist ihre Vernon-Subutex-Trilogie bereits ein Riesenbestseller und Filmvorlage. Despentes liefert einen vielstimmigen politischen Gesellschaftsroman, der moderner Gewalt, Elend und Sehnsucht ein Gesicht verleiht – oder besser viele Gesichter. Der Mann mit dem abgespacten Namen Vernon Subutex ist ein insolventer Ex-Plattenladenbesitzer in Paris, ein Anhänger der analogen alten Welt, »Überlebender einer untergegangenen Industrie«. Mit Fünfzig ist für ihn in der heutigen Zeit kein Neuanfang mehr möglich, der Sozialstaat versagt und Vernon ist arbeitslos, pleite und nun auch noch obdachlos. Sein rasanter sozialer Abstieg kommt dem Leser wie Vernon selbst zunächst unwirklich vor. Das Figur gewordene Relikt aus vergangenen Zeiten wollte sich sein Scheitern nicht eingestehen und hat sich so an den Abgrund manövriert. Schaurig und erschreckend zeigt seine Geschichte, wie das Prekariat unbemerkt von allen in einer Parallelgesellschaft lebt. »Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, …

Provokant: »VOX« von Christina Dalcher

Im Amerika einer nahen Zukunft dürfen Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen, doch eine wird sich trauen, zu kämpfen, ihre Stimme zu erheben und das Gesetz zu brechen. Das Überraschungsdebüt aus den USA von Christina Dalcher ist eine dystopische Warnung, die wütend und nachdenklich macht. »MAKE AMERICA MORAL AGAIN!« (S. 181) Kaum vorstellbar: Die neue Regierung setzt für Frauen ein Limit von lediglich 100 Wörtern am Tag fest, wo man doch durchschnittlich 16.000 Wörter täglich von sich gibt. Mithilfe von Handgelenkszählern werden die Frauen und Mädchen überwacht und bei Überschreitung des Wortkontingents gibt es einen pädagogischen Stromschlag, der mit jedem Verstoß stärker wird. Und das gilt genauso für geschriebene Wörter und nonverbale Kommunikation, eine flächendeckende Kameraüberwachung auch im privaten Bereich soll die Einhaltung dieses steinzeitlichen Gesetzes sicherstellen, außerdem Mauern an den Außengrenzen des Landes. Diese systematische Entmündigung der weiblichen Bevölkerung wird auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, so sehen sie sich gezwungen, ihrer Jobs, Konten, Bücher, Handys, Pässe und Laptops zu entsagen, aber auch ihr Wahlrecht und andere Grundrechte werden ihnen genommen. Eine derartige Einschränkung der …