Alle Artikel mit dem Schlagwort: Freundschaft

I.J. Kay träumt sich »Nördlich der Mondberge«

Ein schneidend kalter Wind bahnt sich durch die Wohnung. Technobässe kommen von unten und lassen die frisch gestrichene Wand erzittern, auf der das Wort »Fotze« immer noch erkennbar ist. In der erschwindelten Resozialisierungswohnung fehlt jegliche Einrichtung und Strom gibt es auch keinen, da das Sozialhilfegeld auf sich warten lässt. Hier versucht Louise nach ihrer zehnjährigen Haftstrafe einen Neuanfang. Sie hat einen miesen Job in einer Donutfabrik bekommen, mit dem sie sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, um sich ein normales Leben aufzubauen. Doch schon bald wird sie feststellen müssen, dass sich im Leben nicht Tabula rasa machen lässt und dass ihre Vergangenheit sie immer wieder einholen wird. Das ist die Rahmengeschichte in »Nördlich der Mondberge«, dem Debutroman der zurückgezogen lebenden britischen Autorin I.J. Kay, über die der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. Nicht einmal ihr richtiger Name, denn I.J. Kay ist ein Pseudonym – frech dem Alphabet entnommen und genauso aussagekräftig wie ASDF oder XYZ. Louise, als Kind noch Lulu, hatte es nicht leicht. Ihre narzisstisch-neurotische Mutter Joan, die sich als verhinderte Bühnen-Diva …

Witzig! Das Känguru ist zurück:
Marc-Uwe Kling »Die Känguru-Apokryphen«

»›Viele sagen, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist, aber ich finde, man soll lieber dahin gehen, wo’s am schönsten ist.‹ Das Känguru« (S. 7) Und wie schön ist es in der WG mit einem kommunistischen Känguru! Der vierte Band der beliebten Känguru-Reihe ist weniger eine Fortsetzung, als eher eine Zugabe für treue Fans. Statt die Handlung der Vorgänger wieder aufzunehmen, werden einfach weitere Anekdoten und ulkige Dialoge beigesteuert, es handelt sich um nicht verwendete Kapitel aus der sprichwörtlichen Schublade, um Geschichten aus Anthologien und Live-Programmen. Der Schabernack beginnt hier schon in sämtlichen Paratexten. Es werden falsche Zitate als Motti vorangestellt, gefolgt von einem überflüssigen »Was bisher geschah« in Veräppelung traditioneller Seriennarrative und einem Vorgespräch über Titel und Sinn einer Fortsetzung. Und was hat es nun mit diesem kryptischen Titel auf sich, den sich eh keiner merken kann? Apokryphen sind religiöse Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, weil sie zu widersprüchlich oder ketzerisch waren, erklärt Kling – nun also auch Bonusmaterial zu den heiligen Känguru-Schriften, in diesem Fall kurze, bisher …

Virginie Despentes »Das Leben des Vernon Subutex 1«

International gefeiert: die provokante Pro-Sex-Feministin und französische Skandalautorin bzw. -filmemacherin von »Baise-moi – Fick mich«, »Apokalypse, Baby« und »King Kong Theorie«. In Frankreich ist ihre Vernon-Subutex-Trilogie bereits ein Riesenbestseller und Filmvorlage. Despentes liefert einen vielstimmigen politischen Gesellschaftsroman, der moderner Gewalt, Elend und Sehnsucht ein Gesicht verleiht – oder besser viele Gesichter. Der Mann mit dem abgespacten Namen Vernon Subutex ist ein insolventer Ex-Plattenladenbesitzer in Paris, ein Anhänger der analogen alten Welt, »Überlebender einer untergegangenen Industrie«. Mit Fünfzig ist für ihn in der heutigen Zeit kein Neuanfang mehr möglich, der Sozialstaat versagt und Vernon ist arbeitslos, pleite und nun auch noch obdachlos. Sein rasanter sozialer Abstieg kommt dem Leser wie Vernon selbst zunächst unwirklich vor. Das Figur gewordene Relikt aus vergangenen Zeiten wollte sich sein Scheitern nicht eingestehen und hat sich so an den Abgrund manövriert. Schaurig und erschreckend zeigt seine Geschichte, wie das Prekariat unbemerkt von allen in einer Parallelgesellschaft lebt. »Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»ANNA« von Niccolò Ammaniti

Der neue Roman vom Autor des Bestsellers »Ich habe keine Angst« ist ein dystopischer Abenteuerroman, in dem ein düsteres Sizilien von grausamen Kindern und Straßenhunden bevölkert wird. Der Römer Ammaniti führt uns eine Welt ohne Hoffnung und Gnade vor, in der das Altwerden in drastischer Weise mit dem Tod verknüpft ist. Wie wäre die Welt ganz ohne Erwachsene? Eine Welt der Kinder – was nach Utopia klingt, ist hier finsterer Überlebenskampf. Sizilien im Jahr 2020 ist eine verdorrte Aschewüste. Die Gegend ist ausgebrannt, Autowracks, geplünderte Geschäfte und verwüstete Wohnhäuser säumen die Straßen, es gibt keine Elektrizität oder fließendes Wasser, die Lebensmittel gehen zur Neige, die Insel ist von Stacheldraht in Quarantänezonen geteilt und mit unzähligen Leichen und Müll übersät. Die Straßen sind wie ausgestorben, allerdings haben sich äußerst grausame, hierarchisch organisierte Kindergangs gebildet, die die Insel beherrschen. Ammaniti gelingt es eine beängstigende wie bedrückende dichte Atmosphäre zu kreieren, die einen in den Bann zieht. Vier Jahre ist es her, dass die Epidemie ausbrach und alle Erwachsenen an einem belgischen Virus starben. Nach der Zeit der …

Robert Seethaler »Der Trafikant«

Robert Seethaler erzählt in »Der Trafikant« auf sehr zarte und verdichtete Weise von dem jungen Franz Huchel, seiner Liebe zu der Tänzerin Anezka und seiner Freundschaft zu Siegmund Freud im Wien Ende der 1930er Jahre. Ein schmaler wie ehrlicher Bericht aus düsteren Zeiten Mittelpunkt, Keimzelle und pulsierendes Herz dieser Geschichte ist die Trafik von Otto Trsnjek, ein kleiner Zeitungs- und Tabakladen in Wien nahe des Praters und der Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Professors Sigmund Freud. Der nicht einmal volljährige Franz Huchel verlässt im Spätsommer 1937 seine beschauliche Heimat, dem Salzkammergut am Attersee in Oberösterreich, um als Trafikanten-Lehrling in der Hauptstadt sein Glück zu suchen.   »Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.« (S. 199) Durch das tägliche Zeitunglesen und den kritischen Geist des alten, einbeinigen Trafikanten Otto erlangt der ungebildete Provinzbub immer mehr Wissen, Klugheit und Meinung zum politischen Weltgeschehen und Fragen von Anstand und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

»Olga« von Bernhard Schlink

In seinem neusten Roman erzählt Bernhard Schlink die Lebensgeschichte von Olga Rinke – einer Frau, die im Leben kämpfen muss. Sie wächst um 1850 in ärmlichen Verhältnissen auf, muss sich ihre Rechte als Frau und ihren Traum als Lehrerin zu arbeiten hart erkämpfen und doch ein Leben lang die Beziehung zu ihrem geliebten Herbert verheimlichen, da dieser als Erbe eines reichen Gutsherrn sich nicht mit einem Mädchen aus dem Dorf abgeben soll. Ihr Leben ist gezeichnet von etlichen Schicksalsschlägen, Verlusten und Entbehrungen. Trotz alledem gibt sie nicht auf, hofft, liebt, leidet und führt doch immer das selbstbestimmte, unabhängige und freie Leben einer starken Frau. Der Roman verhandelt große deutsche Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. Neben Olgas Schicksal, dass eng mit Herberts verwoben ist, wird von der Bildung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika berichtet, in der Herbert als Soldat Teil war, vom ersten und zweiten Weltkrieg, von Kamtschatka u.a. fernen Ländern in die Herbert Reisen unternimmt, von seiner Expedition in die Arktis, vom Leben nach dem 2. Weltkrieg, von Studentenunruhen in den 50ern… und immer mittendrin – Olga. Dieses …

»Es war einmal Indianerland« (Film) –
Coming-of-Age mal anders?!

»Und das bist du: der Lärm in deinem Kopf.« Mauser ist 17 und kommt aus einem Hochhausviertel am Stadtrand von Hamburg. Sein Leben wird geprägt von unverputzten Brutalismus-Platten-Fassaden, Gewalt, Kriminalität und Konkurrenz unter den Ghetto-Kids. Um dieser Großstadt-Tristesse zu entfliehen, macht Mauser das Boxen zu seiner Welt. Doch alles gerät schließlich aus den Fugen, als er sich auf einer Party im Schwimmbad in die so schöne wie aufregende Jackie verliebt. Doch was seine Welt so richtig zum Einstürzen bringt, ist, als Kondor, sein bester Freund aus dem Viertel, ihm den Krieg erklärt und zum Duell herausfordert – im Boxring selbstverständlich – und dann auch noch Mausers Vater Zöllner verschwindet, nachdem er im Streit seine Freundin erwürgt hat. Die große Suche führt ihn zusammen mit Edda, der sonderbaren Videotheks-Aushilfskraft, auf ein Musikfestival an der polnischen Grenze: Eine ungewöhnliche Kombination aus dem Versuch, seinen kriminellen, flüchtig gewordenen Vater zu stellen und einem großen, mit Glitter kandierten Drogenrausch als Reise auf den Wellen der Elektromusik ins innere Ich. Und schließlich muss Mauser sich entscheiden… »Denn diese Generation ist …

Ein echter Glücksgriff:
»Auerhaus« von Bov Bjerg

Bov Bjerg alias Rolf Böttcher ist ein deutscher Schriftsteller und Kabarettist und mit »Auerhaus« gelingt ihm ein tragikomischer Roman, der unter die Haut geht. Erschienen ist sein zweiter Roman 2017 bei Aufbau Taschenbuch. Was will man mit seinem Leben anfangen und wie stellt man es an, glücklich zu sein? Ende der 80er Jahre gründen sechs Freunde eine WG in einem alten Bauernhaus auf dem Land. Das »Auerhaus« ist zugleich Schauplatz, Trainingszentrum, Begegnungsstätte, Labor und Geburtsort verrückter Ideen, tiefer Gespräche und einer Menge Unfug und Lebensmut. Das Leben im »Auerhaus« soll ein Schonraum sein, ein Refugium, doch die sechs Mitbewohner müssen schneller als ihnen lieb ist feststellen, dass das richtige Leben sich nicht aussperren lässt… Sechs Freunde sollt ihr sein Nach Frieders Selbstmordversuch ist es sein bester Freund, der vornamenlose Höppner Hühnerknecht, aus dessen Sicht die Geschichte auch erzählt ist, der versucht, ihn zu verstehen und wieder glücklich zu machen. Die Idee ist, eine WG aus sechs Freunden zu gründen, die nach Frieders Entlassung aus der Geschlossenen zusammen in dem Haus seines gestorbenen Großvaters auf ihn …