Alle Artikel mit dem Schlagwort: Geschichten

Matthias Nawrat »Der traurige Gast«

Der Mann ohne Namen »Ich stand hier unten, die Türen des einfahrenden Zuges öffneten sich, ich stieg in die bunte Menge der nihilistischen Mörder und ihrer Opfer ein, ich setzte mich und dachte, dass es egal war – die Situation der Situationen wäre unumkehrbar.« (191) Der polnisch-deutsche Autor Matthias Nawrat führt in »Der traurige Gast« – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 – einen namenlosen Protagonisten vor, der bis zum Schluss eher eine Art Hülle bleibt, die mit den Geschichten anderer gefüllt wird. Er ist zu Gast in den Leben anderer, bleibt aber lediglich ein Flaneur, ein Beobachter, der die Angebote, aktiv und tatsächlich Teil ihrer Leben zu werden, immer wieder ausschlägt. Warum es sich bei ihm um einen traurigen Gast handelt, obwohl sein Leben gut, unauffällig zu sein scheint, ist wohl auch dem Ich-Erzähler selbst nicht klar. Der Protagonist bewegt sich in der polnischen Gemeinde Berlins und trifft im Laufe des Romans mehrere Fremde, die bereit sind, ihm ihre Geschichten anzuvertrauen. Dabei prägen ihn besonders die Gespräche mit der polnischen Architektin Dorota …

Yannic Han Biao Federer »Und alles wie aus Pappmaché«

»Aber so ist es nicht gekommen, weil es anders gekommen ist« (S. 10) Dieser Debutroman erzählt von dem Versuch mehrerer junger Menschen, sich und einen Platz in der Welt zu finden und will dabei einiges über die Zeit erzählen, in der wir leben. Der junge Autor macht dabei eine Zeitspanne von 15 Jahren auf. Beginnend im Jahr 2001 in der Badischen Provinz reicht die Erzählung fast bis in die aktuellste Gegenwart und springt immer wieder zwischen den Figuren und in der Zeit. Schlaglichtartig werden Blicke auf die Menschen einer lose zusammenhängenden Gruppe gewährt, wobei durch massenhaft Realitätspartikel ordentlich 00er-Jahre-Nostalgie aufkommt. Dabei ist schwer zu sagen, worum es eigentlich geht. Der Roman gleicht eher einem atemlosen Geplapper ohne wirklichen Plot, das inhaltlich an Telenovelen erinnert. Es geht um Bettgeschichten, Drogen, Wahnsinn und jede Menge Tratsch. Die ursprünglichen Klassenkameraden haben sich irgendwann alle aus den Augen verloren, doch Ich-Erzähler Jian arbeitet sich daran ab, was ihre gemeinsame Geschichte sein könnte. Bis alle Erzählstränge in ein unfreiwilliges Klassentreffen auf einer Beerdigung münden… Der Text kokettiert mit einer sehr zerstreuten …

#FEMALE PLEASURE – ein Film, der begeistert

Diese Doku berührt, bewegt, klärt auf, packt und treibt uns vorwärts. Sowohl Dramaturgie, Musik, Montage wie Bilder überzeugen und reißen einen mit, bis man am liebsten aufstehen und die Faust – wie auf dem Filmplakat – in die Luft stoßen will. Der Film kommt mit der klaren Aussage: Es geht nicht darum, ein Geschlecht über das andere zu stellen, sondern unser aller Denken muss sich ändern. Ein Thema, das noch immer nicht an Relevanz und Brisanz verloren hat. Ein Film, den unbedingt auch möglichst viele Männer gucken sollten. Fünf Mal Unterdrückung und Kampf Die Doku erzählt die Geschichte von fünf Frauen aus unterschiedlichen Ecken der Welt, die den fünf großen Buchreligionen angehören. Doch egal welche Religion, sie alle legen ihre Heilige Schrift und Glauben so aus, dass sie den patriarchalen Machtanspruch legitimieren und festigen. Frauen werden systematisch als gefährlich, unrein, sündhaft und defizitär erklärt, sie werden kontrolliert, entmachtet und ihre Körper mit Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen belegt. So lernen wir Deborah Feldmann aus einer ultraorthodoxen jüdischen Community in New York kennen, die zwangsverheiratet wurde und schließlich …

Hülle und Fülle: »Das Gedicht & sein Double«

Von Oberflächen und Innenwelten »Das Gedicht & sein Double« ist ein ganz besonderer Fund: Als Portraitfotoband und Gedichtanthologie in einem bildet dieses Formathybrid die Breite und Heterogenität der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ab. Alte, Junge, Etablierte und noch eher Unbekannte kommen gleichermaßen zu Wort, erhalten ein Gesicht und verleihen zugleich der lyrischen Gattung ein solches. Prominenteste Namen dürften da Jan Wagner, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Lutz Seiler, Anne Dorn und Özlem Özgül Dündar sein. Ein Großteil der Gedichte entstand exklusiv für diesen Band. 100 Dichterinnen und Dichter werden durch Dirk Skibas sinnliche Schwarz-Weiß-Portraits als Charaktere ins Bild gesetzt – fotografiert mit Sinn für Details und Augenblicke, aber auch metaphorischer Bedeutungstiefe. Ein Großteil der Autoren lässt sich direkt in die Augen blicken, wobei man stets etwas anderes in ihnen zu erkennen glaubt, und schaut die Leser gleichzeitig unverwandt an. »ich / gerinne nicht zu text.« (Aus: Carolin Callies »kleine grammatologie«) Zu der fotografischen Portraitsammlung gesellt sich jeweils eine poetische Reaktion bzw. textuelle Selbsterkundung des abgebildeten Künstlers. Beide Spielarten des Portraits kokettieren so und stehen in Wechselwirkung miteinander. Beide …

Witzig! Das Känguru ist zurück:
Marc-Uwe Kling »Die Känguru-Apokryphen«

»›Viele sagen, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist, aber ich finde, man soll lieber dahin gehen, wo’s am schönsten ist.‹ Das Känguru« (S. 7) Und wie schön ist es in der WG mit einem kommunistischen Känguru! Der vierte Band der beliebten Känguru-Reihe ist weniger eine Fortsetzung, als eher eine Zugabe für treue Fans. Statt die Handlung der Vorgänger wieder aufzunehmen, werden einfach weitere Anekdoten und ulkige Dialoge beigesteuert, es handelt sich um nicht verwendete Kapitel aus der sprichwörtlichen Schublade, um Geschichten aus Anthologien und Live-Programmen. Der Schabernack beginnt hier schon in sämtlichen Paratexten. Es werden falsche Zitate als Motti vorangestellt, gefolgt von einem überflüssigen »Was bisher geschah« in Veräppelung traditioneller Seriennarrative und einem Vorgespräch über Titel und Sinn einer Fortsetzung. Und was hat es nun mit diesem kryptischen Titel auf sich, den sich eh keiner merken kann? Apokryphen sind religiöse Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, weil sie zu widersprüchlich oder ketzerisch waren, erklärt Kling – nun also auch Bonusmaterial zu den heiligen Känguru-Schriften, in diesem Fall kurze, bisher …

»Die Wahrheit über das Lügen«
von Benedict Wells

Der umfeierte deutsche Autor Benedict Wells liefert nach seinem großen Erfolg mit »Vom Ende der Einsamkeit« endlich wieder neuen Lesestoff! Zehn Geschichten aus zehn Jahren erzählt er in seinem Buch »Die Wahrheit über das Lügen«, welches heute im Diogenes Verlag erscheint. Ein Sammelsurium von ausschweifenden Ideen, am Rande stehenden Einfällen, bisher noch unbeleuchtete Gassen im großen Labyrinth einer anderen Geschichte. Der Geschichtenband als Ort für alles Übriggebliebene. Die 10 Geschichten sind thematisch sehr vielfältig – von lebensverändernden Situationen wie einer mysteriösen Wanderung oder dem Kuss einer Muse, hin zu einem absurden Ping Pong Spiel auf Leben und Tod, endend bei autobiographischen Erinnerungen an die Zeit im Grundschulheim, liefert das Buch eine bunte Palette aus knalligen und skurrilen, aber auch dunkelfarbigen, traurigen Erzählungen. Überzeugen konnten jedoch nicht alle Geschichten: zu unoriginell, verkitscht oder abstrus kommen sie daher. Teilweise sind sie viel zu kurz, wodurch die Geschichte nicht rund und einfach unfertig wirken.   Zu den schöneren Geschichten gehören zwei, die dem Kosmos rund um Wells’ »Vom Ende der Einsamkeit« entspringen. »Die Nacht der Bücher« ist eine …