Alle Artikel mit dem Schlagwort: Liebe

Helene Hegemann schaut auf Bungalows

»›Die Welt existiert nur dann, wenn sie auf der Kippe steht.‹« (S. 44) In »Bungalow« beschreibt Helene Hegemann die radikalen Selbstfindungsversuche der jungen Charlie, die zwangsläufig mit Selbstzerstörung und -verlust Hand in Hand gehen. Der Roman berührt durch seine beinahe zerstörerische Kraft, erzählt pessimistisch, schonungslos und bitterböse aus der Sicht der 17-jährigen Charlie von ihrer gestörten Kindheit. Denn ihr Leben als gebrandmarktes Kind durch die psychisch kranke, alkoholsüchtige Mutter ist geprägt von Angst und Scham gegenüber der überforderten Erziehungsberechtigten. Außerdem strotzt es vor Zerstörungswut, Panikattacken, voyeuristischen Streifzügen, Sexfantasien und Eskapaden bei einem nach Identifikation suchenden Schwanken zwischen den Extremen. Charlie wächst in einer tristen, immer apokalyptischer werdenden Welt auf und kämpft mit der Vernachlässigung und Gefährdung, die von ihrer unberechenbaren Mutter ausgeht. Verwahrlosung, Hungerleiden und Gewaltattacken – zu ihren ganz konkreten Ängsten fantasiert Charlie sich noch eine Hand voll fiktiver dazu. »Ich erkannte meine Mutter auch nicht wieder. Die Intensität meiner Ängste stieg proportional zur Abnahme ihrer Zurechnungsfähigkeit. Jede Nacht wurde zu einem Zustand ungezügelter Panik, ich halluzinierte Asteroideneinschläge und mit vergifteten Dolchen bewaffnete Einbrecher.« …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …

Christoph Heins »Verwirrnis«

Nach »Glückskind mit Vater« und »Trutz« ist nun der neue Christoph Hein da! Der mit zahlreichen Preisen dekorierte große Gegenwartsautor wird einmal mehr zum eindrucksvollen Chronisten deutscher Geschichte. »Verwirrnis« erzählt bewegend von der verbotenen Liebe zwischen zwei Jungen aus dem katholischen Heiligenstadt in Thüringen während der 1950er Jahre. Ein Gay-Roman, der Coming-of-Age-Geschichte, Zeitportrait der zwei deutschen Staaten und Milieustudie verbindet, der Fragen der Religiosität, Moral, der menschlichen Natur, Scham und der unentrinnbaren Folgen von Erziehung und Elternhaus in den Blick nimmt, aber der vor allem die Kraft und Ohnmacht der Liebe bebildert. Friedeward liebt Wolfgang Friedls Kindheit in den 30er und 40er Jahren wird überschattet von seinem strengen, konservativen Vater Pius, der körperliche Züchtigung für sowohl angemessen als auch notwendig in der Erziehung hält. Das Familienoberhaupt hat wenig übrig für Anerkennung oder Lob, seine Liebe lässt er seine Familie nicht spüren, sodass sie diese ganz in Frage stellen. Von seinen Kindern und sogar von seiner Frau Hedwig wird Oberlehrer Pius gefürchtet und schließlich auch gehasst. Der Siebenstriemer, eine mit Lederschlaufen versehene Peitsche, sorgt seit Generationen …

»ANNA« von Niccolò Ammaniti

Der neue Roman vom Autor des Bestsellers »Ich habe keine Angst« ist ein dystopischer Abenteuerroman, in dem ein düsteres Sizilien von grausamen Kindern und Straßenhunden bevölkert wird. Der Römer Ammaniti führt uns eine Welt ohne Hoffnung und Gnade vor, in der das Altwerden in drastischer Weise mit dem Tod verknüpft ist. Wie wäre die Welt ganz ohne Erwachsene? Eine Welt der Kinder – was nach Utopia klingt, ist hier finsterer Überlebenskampf. Sizilien im Jahr 2020 ist eine verdorrte Aschewüste. Die Gegend ist ausgebrannt, Autowracks, geplünderte Geschäfte und verwüstete Wohnhäuser säumen die Straßen, es gibt keine Elektrizität oder fließendes Wasser, die Lebensmittel gehen zur Neige, die Insel ist von Stacheldraht in Quarantänezonen geteilt und mit unzähligen Leichen und Müll übersät. Die Straßen sind wie ausgestorben, allerdings haben sich äußerst grausame, hierarchisch organisierte Kindergangs gebildet, die die Insel beherrschen. Ammaniti gelingt es eine beängstigende wie bedrückende dichte Atmosphäre zu kreieren, die einen in den Bann zieht. Vier Jahre ist es her, dass die Epidemie ausbrach und alle Erwachsenen an einem belgischen Virus starben. Nach der Zeit der …

Melissa Broder liebt »Fische«

Es wurde bereits in zwei Lager zerfallen über diesen Roman diskutiert, von absurd und schlecht bis witzig und klug ist jede Meinung vertreten, nicht selten sind beide Pole in einer einzelnen RezensentIn vereint. Für mich ist das Urteil eindeutig: Ich bin entsetzt. Fische und Schwänze In ihrer Gefall- und Bestätigungssucht macht mich die dysfunktionale Protagonistin Lucy regelrecht aggressiv, wohl auch, weil sie mich an einen kleinen, sehr ungeliebten Teil von mir selbst erinnert. Lucy braucht wahlweise Liebe, Sex und Aufmerksamkeit, um die große kosmische Leere, bedingt durch die Sinnlosigkeit unserer Existenz und die Angst vor dem Sterben, auszufüllen– oder wie Broder das so uncharmant formuliert: Löcher zu stopfen, am liebsten mit Schwänzen. Das Ganze kollidiert mit ihrer Beziehungsunfähigkeit und mündet in den ewig gleichen Konflikt, der einem mit der Zeit ganz schön auf die Eier, pardon auf die Möse geht (im Roman bevorzugte Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsteil), denn »Fische« ist durch und durch Frauenunterhaltung, ein trauriges und deprimierendes, aber mustergültiges Beispiel dieses aufdringlichen Genres. Lucy neigt zu wahnhaftem und obsessivem Verhalten, zur Überforderung und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

»Olga« von Bernhard Schlink

In seinem neusten Roman erzählt Bernhard Schlink die Lebensgeschichte von Olga Rinke – einer Frau, die im Leben kämpfen muss. Sie wächst um 1850 in ärmlichen Verhältnissen auf, muss sich ihre Rechte als Frau und ihren Traum als Lehrerin zu arbeiten hart erkämpfen und doch ein Leben lang die Beziehung zu ihrem geliebten Herbert verheimlichen, da dieser als Erbe eines reichen Gutsherrn sich nicht mit einem Mädchen aus dem Dorf abgeben soll. Ihr Leben ist gezeichnet von etlichen Schicksalsschlägen, Verlusten und Entbehrungen. Trotz alledem gibt sie nicht auf, hofft, liebt, leidet und führt doch immer das selbstbestimmte, unabhängige und freie Leben einer starken Frau. Der Roman verhandelt große deutsche Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. Neben Olgas Schicksal, dass eng mit Herberts verwoben ist, wird von der Bildung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika berichtet, in der Herbert als Soldat Teil war, vom ersten und zweiten Weltkrieg, von Kamtschatka u.a. fernen Ländern in die Herbert Reisen unternimmt, von seiner Expedition in die Arktis, vom Leben nach dem 2. Weltkrieg, von Studentenunruhen in den 50ern… und immer mittendrin – Olga. Dieses …

»Es war einmal Indianerland« (Film) –
Coming-of-Age mal anders?!

»Und das bist du: der Lärm in deinem Kopf.« Mauser ist 17 und kommt aus einem Hochhausviertel am Stadtrand von Hamburg. Sein Leben wird geprägt von unverputzten Brutalismus-Platten-Fassaden, Gewalt, Kriminalität und Konkurrenz unter den Ghetto-Kids. Um dieser Großstadt-Tristesse zu entfliehen, macht Mauser das Boxen zu seiner Welt. Doch alles gerät schließlich aus den Fugen, als er sich auf einer Party im Schwimmbad in die so schöne wie aufregende Jackie verliebt. Doch was seine Welt so richtig zum Einstürzen bringt, ist, als Kondor, sein bester Freund aus dem Viertel, ihm den Krieg erklärt und zum Duell herausfordert – im Boxring selbstverständlich – und dann auch noch Mausers Vater Zöllner verschwindet, nachdem er im Streit seine Freundin erwürgt hat. Die große Suche führt ihn zusammen mit Edda, der sonderbaren Videotheks-Aushilfskraft, auf ein Musikfestival an der polnischen Grenze: Eine ungewöhnliche Kombination aus dem Versuch, seinen kriminellen, flüchtig gewordenen Vater zu stellen und einem großen, mit Glitter kandierten Drogenrausch als Reise auf den Wellen der Elektromusik ins innere Ich. Und schließlich muss Mauser sich entscheiden… »Denn diese Generation ist …

Rückblick Frankfurter Buchmesse 2017

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2017 Dieses Jahr hatte ich das Glück, zur größten Buchmesse der Welt fahren zu können – zur Frankfurter Buchmesse vom 11. bis 15. Oktober! Mehr als 7.000 Aussteller aus über 100 Ländern präsentieren hier jedes Jahr ihre aktuellsten Bücher, das neuste vom Neuen und organisieren viele spannende Veranstaltungen! Es war das erste Mal für mich auf dieser Messe. Die Buchmesse in Leipzig ist schon zum Pflichtprogramm im Frühjahr geworden, aber Frankfurt sprengt mit seiner Größe und seiner Fülle, alle Rahmen und Erwartungen! Man begibt sich in ein Land aus Büchern, trifft auf so viele tolle buchaffine Menschen und kann eintauchen in die Buchbranche und Verlagswelt. Hier möchte ich euch ein paar Impressionen von den Buchmessetagen Freitag und Samstag zeigen. Als Studentin gilt man auch als Fachbesucher und erhält schon unter der Woche Zutritt zur Messe. Ich hatte mir nicht viele Veranstaltungen rausgesucht, die ich besuchen wollte. Mein Ziel war es eher, mich treiben zu lassen und zu schauen was sich ergibt. So war ich viel am Stand des Verlages, bei …

»Der Gott der kleinen Dinge« von Arundhati Roy –
ein tragisch-schönes Indienportrait

Das literarische Debut der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy erschien erstmals 1997 und ist die Geschichte über eine Liebe, die alle Grenzen der Vernunft und Konvention überschreitet und eine Familie zerstört. Roys mit dem Booker Prize ausgezeichneter, sprachlich sehr eigensinniger Roman avancierte zum Weltbestseller. »Dass es wirklich begann in den Tagen, als die Gesetze der Liebe erlassen wurden. Die Gesetze, die festlegten, wer wie geliebt werden sollte. Und wie sehr.« (S. 51) Erzählt wird eine tragisch verlaufende Familiengeschichte im Indien Ende der 1960er Jahre vor dem Hintergrund politischer Umbrüche. Ammu ist alleinerziehende Mutter von den sehr kreativen, eigenwilligen und deshalb umso liebenswerteren zweieiigen Zwillingen Estha und Rahel, aus deren Sicht zum größten Teil erzählt wird. Auch wenn die beiden Zwillinge »mit einer siamesischen Seele« erst acht sind, ahnen sie schon dass es die kleinen Dinge im Leben sind, auf die es ankommt, wohingegen die großen Dinge im Inneren lauern und die ganze Welt von einen Moment auf den nächsten von Grund auf verändern können. Sie werden Recht behalten. Sehr eindringlich und atmosphärisch dicht …