Alle Artikel mit dem Schlagwort: Liebe

»Je tiefer das Wasser« von Katya Apekina

Eine zerrüttete Familiengeschichte voller Obsession und Verblendung, gleichsam toxisch und schön, droht unter dem Gewicht von psychischer Krankheit und unheilvoller Erhöhung zu zerbrechen. Die amerikanische Debütantin mit russischen Wurzeln Katya Apekina zeigt in ihrem Coming-of-Age-Roman auf beklemmende Weise, wie durchlässig die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit, persönlicher Wahrheit und Wahn sein kann.   Als die 16-jährige Edith eines Tages ihre labile, manisch-depressive Mutter Marianne an einem Strick von der Decke baumeln sieht, ändert sich das Leben von ihr und ihrer kleinen Schwester Mae auf einen Schlag. Ihr zweiter Suizidversuch bringt Marianne in eine Nervenklinik und die beiden Schwestern zu ihrem Vater Dennis nach New York. Die beiden kennen den Casanova und Schriftstellerstar bisher nur aus den Erzählungen ihrer Mutter. Hier kann Mae, die unter der erdrückenden Vereinnahmung und den düsteren Stimmungen ihrer Mutter besonders gelitten hat, endlich aufblühen. Edith dagegen fühlt sich Marianne gegenüber verpflichtet und lehnt den neu gewonnen Vater kategorisch ab. Schnell werden die beiden in die dramatische Vergangenheit ihrer Künstler-Eltern hineingezogen, die unheilvoll und schillernd zugleich scheint, und sie mit der Frage …

Ein Leben in »Serpentinen« – Bov Bjergs Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte

Wie ein guter Vater sein, wenn die ganze Familiengeschichte voll mit schlechten ist? Es ist die begierig ersehnte Fortsetzung von »Auerhaus«. 30 Jahre sind vergangen seit den Abenteuern dieser schrägen Wohngemeinschaft und Friedas plötzlichem Tod und mittlerweile ist Protagonist Höppner Hühnerknecht, wenn auch reichlich spät, selbst Vater geworden. Er geht bereits auf die 50 zu und holt so seinen Vater ein, der noch vor Erreichen der Lebensmitte Suizid begangen hatte. Nun nimmt Höppner seinen noch recht jungen, namenlos bleibenden Sohn mit auf einen Ausflug in seine Heimat – irgendwo in Baden-Württemberg. »Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde. Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?« (125) Es ist deprimierend: Der Hang zum Suizid liegt bereits in der Familie und beherrscht auch Höppners Gedanken und auch seinen besten Freund Frieder hatte damals eine Depression in den Tod getrieben. Nun, auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelnd, ist der alkoholkranke Höppner besessen von dem Gedanken, seinen Sohn und dann sich selbst umzubringen, …

Liv Strömquist »Ich fühl’s nicht«

Die Liebe in Zeiten von Leistungsgesellschaft, Marktwert und Selbstoptimierung Wir Disney-Geschädigten Tinder-User*innen mit Angst vor Schmerz, Enttäuschung, Langeweile, vor WAS FESTEM, haben das DiCaprio-Syndrom, meint Liv Strömquist. Der gute Leo wechselt seine Freundinnen, allesamt Anfang 20-jährige Bikini-Models, wie seine Socken. Er fühlt nichts. »Leonardo DiCaprio ist irgendwie wie eine lauwarme Herdplatte, die das Wasser nie richtig zum Kochen bringt.« (10) An sich kann man natürlich kaum etwas dagegen einwenden, dass Autonomie, Freiheit und Wahlmöglichkeit gerade für Frauen seit den letzten hundert Jahren stark zugenommen haben. Niemand muss in der Regel mehr heiraten, um versorgt zu sein, niemand muss ungewollt schwanger werden und der Sozialstaat unterstützt Alleinerziehende. Aber wollen wir deshalb gleich ganz aufhören zu lieben?   »Wir sind alle DiCaprio« (12) Das Gefühl sich zu verlieben ist laut Soziolog*innen und Philosoph*innen in der heutigen Zeit sehr selten geworden. Warum ist das so? Strömquist bietet eine Reihe von Erklärungsversuchen. #1 – Der Spätkapitalismus hat uns zu gierigen, selbstbezogenen Narzisst*innen gemacht, die Menschen konsumieren, aber keine festen Bindungen mit Verantwortung eingehen wollen. Abwechslung, Abenteuer, Action ohne Gefühle …

Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76) »Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin. Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung. »Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125) Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, …

Steffen Schroeder »Mein Sommer mit Anja«

Eine herrliche, intensive, berührende Geschichte eines Sommers in den 80ern und einer besonderen ersten Liebe – Coming-of-Age vom Feinsten! Die Könige des Freibads Konni heißt eigentlich Konrad. Er ist vierzehn, lebt mit seiner Familie in München und ist der einzige Freund von Holger, der bei seiner Geburt mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde und deshalb eine leichte körperliche wie geistige Beeinträchtigung hat. Die anderen haben wahlweise Mitleid, Berührungsängste oder piesacken Holger. Dabei übersehen sie, dass Holger zwar eingeschränkt, aber nichts desto trotz die pure Lebensfreude und Ehrlichkeit ist und außerdem ein richtig guter Freund. Jetzt sind Sommerferien und die beiden verbringen ihre Tage im Freibad am Eisbach. Fürs Liederträllern als »Rentner-Jukebox« gibt es Pfandflaschen, die augenblicklich in Dolomiti-Eis umgewandelt werden. »Die Leute hatten eine gewisse Vorstellung von einem geistig Behinderten. Und Holger bot den Leuten bereitwillig genau das, was sie erwarteten. Er mochte vielleicht behindert sein, aber blöd war er nicht. Wenn wir über die Liegewiese liefen und ich ihm zuraunte: ›Spastblick!‹, zog er sofort den linken Mundwinkel eigenartig nach unten, rollte mit den Augen …

Lotta Elstad »Mittwoch also«

»Vielen Dank, aber ich bin eigentlich hier, um kurzen Prozess zu machen. « (7) Hedda ist Anfang dreißig und ungewollt schwanger. Eine schnelle Lösung muss her, sie will kurzen Prozess, doch sie hat ihre Rechnung nicht mit dem norwegischen Gesundheitssystem gemacht, dass eine Bedenkzeit von mehreren Tagen vor einer Abtreibung vorschreibt. Und die gehen ihr wirklich an die Nieren… Odyssee durch Europa Eigentlich wollte sie vor ihren Problemen fliehen. Weg von Lukas, ihrer Langzeitaffäre Slash großen Liebe, der dieses Mal seinen Standardsatz »Das ist das letzte Mal, dass wir das machen« tatsächlich ernst gemeint und sie verlassen hat. Obwohl – »Wie kann man etwas beenden, das gar nicht angefangen hat«? Und auch der Job als feste freie Journalistin ist von heute auf morgen futsch. Warum sie nicht erstmal mit ihrer besten Freundin Kika spricht, weiß Hedda selbst nicht so genau. Jedenfalls will Hedda nichts wie weg und bucht sich einen Last-Minute-Flug nach Griechenland, der in einem Beinaheabsturz in Sarajewo endet, ihre Koffer sind derweil schon in Athen angekommen. »Ein dubioser Billigflieger auf dem Weg von …

Kathrin Weßling »Nix passiert«

Wer bin ich ohne dich? Alex wurde von Jenny verlassen. Was sich in der akuten Liebeskummer-Phase anfühlt, wie ein Kettensägenmassaker an seinem Herzen, ist einfach der Anfang einer neuen Lebensphase. Wer kennt es nicht? Man aalt sich in Selbstmitleid, verloddert, verheult, Trash-TV, Stalking auf Social Media und man kann sich einfach nicht vorstellen, dass das Leben weitergehen wird. Jemals wieder Freude? Jemals wieder lieben? Alles ausgeschlossen. Man selbst der einzige Single auf der Welt, ein Freak, das Leben nicht im Griff. Alles, was man will, ist, dass NIX PASSIERT. Weil in einem gefühlsmäßig schon der dritte Weltkrieg tobt. Die Welt soll pausieren, damit man genug Zeit zum Leiden hat. Bis das irgendwann unerträglich wird, »bis man endlich kapiert: Es ist vorbei. Es ist nicht nur vorbei, sondern es wird auch vorbei sein, Futur zwei für immer« (211) und man alle Sachen seiner*s Ex wegschmeißt und endlich mal wieder duscht. »Du hast mir das Herz nicht gebrochen, nein, das wäre dir ja zu wenig, das ist ja nicht doll genug, nicht krass genug, da muss die …

Leif Randts Hipsterepos »Allegro Pastell«

Randts vierter Roman war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 und hat ein starkes Medienecho ausgelöst. Was sein Verlag als »Germany‘s next Lovestory« bewirbt, ist im Grunde eher das kaum erträgliche, sehr traurige Bild einer beziehungsunfähigen, konsumgeilen Generation von Egomanen, gekleidet in streckenweise ziemlich ermüdende Sätze. Tanja Arnheim und Jerome Daimler führen eine Fernbeziehung – sie Berlin, er Maintal bei Frankfurt –, die dennoch makellos wirkt. Sie bleiben über eine permanente Social-Media-Kommunikation verbunden, erzählen sich aus ihren Leben – lässig, witzig, nachdenklich. An den meisten Wochenenden besuchen sie sich, gehen ins Kino, auf Hauspartys, Essen oder machen ihre obligatorische Schweige-Teezeremonie auf Tanjas Balkon. In diesen Momenten kultivieren sie das, was Tanja „vorauseilende Wehmut“ nennt. Wichtig ist ihnen eine enge, stabile Bindung, aber bloß existenziell darf es nicht werden. Abhängigkeit ist so unsexy. Bei beiden stehen regelmäßig sexpositive Clubnächte und kontrollierter Drogenkonsum auf dem Freizeitplan, dem richtigen Lifestyle zuliebe. Beide sind sie hip, jung, erfolgreich und extrem stilsicher. Tanja genießt als die Autorin von »PanoptikumNeu«, ein Buch über eine sinnstiftende Virtual­Reality­Erfahrung, Kultstatus. Im Moment …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

Katja Lewina »Sie hat Bock«!

»Überraschung! Frauen wollen auch ficken.« (35) Katja Lewina ist Sex-Bloggerin, bisexuell und lebt in offener Ehe – vor allem aber schreibt sie sehr unterhaltsam über das Patriarchat, Sexismus und mögliche Lösungen. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem weiblichen Genital, Lust und Orgasmus, Schönheitsansprüchen, Rollenzuschreibungen, Single-, Fat-, Victim- und Slut-Shaming, Rape Culture, Prostitution, Porno und Unterwerfung, dem Ideal der Monogamie oder wie Laurie Penny es nennt »Alles mit Einem für immer«, #metoo, »Ja heißt Ja« und der Deutungshoheit über die Geschlechter. Dabei beweist sie nicht nur einen wachen Blick und eine fundierte Kenntnis der feministischen Literatur, sondern trumpft vor allem mit einem sehr persönlichen, energiegeladenen, frechen Sound auf. Auf angenehme Art flechtet sie zu jedem Unterthema eine Anekdote aus ihrer Vergangenheit ein und verleiht dem essayistischen Manifest so auch eine erzählerische Qualität. Wovon reden wir eigentlich? Bei der Benennung fängt das Schlamassel ja schon an. Für das weibliche Genital gibt es kein Wort, mit dem wir uns wirklich wohl fühlen würden. Muschi, Pussy, Mumu, Möse? Alles Käse. Eine Scheide, die dadurch definiert ist, ein Behältnis …