Alle Artikel mit dem Schlagwort: Liebe

Matthias Brandt »Blackbird«

In einer namenlosen Kleinstadt in den 70ern, zu Zeiten von Wehrpflicht, David Bowie und dem weißen Album der Beatles, gerät das Leben des 15-jährigen Morten, genannt Motte, durch gleich mehrere große Erschütterungen aus den Fugen. Ernsthaft jetzt?! Egal. Mir reicht das hier jetzt auch. Bei Mottes bestem Freund Bogi – eigentlich Manfred Schnellstieg, das sagt aber keiner, nicht mal seine Eltern – wurde eine Krankheit entdeckt, die ganz unwirklich klingt: ein Non-Hodgkin-Lymphom, was soll das sein? Was Motte weiß, ist, dass Bogi jetzt für längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss, dass er für alles, was Spaß macht, zu schwach ist und dass er plötzlich nicht mehr weiß, wie er mit seinem Freund reden soll. Ihr letztes richtiges Gespräch vor dem ganzen Krankenhaus-Behandlungs-Albtraum ging übers Fürze-Anzünden, ein Thema, über das Bogi eine Menge weiß, aber das jetzt kaum mehr angemessen scheint. »Jetzt hat sich gerade alles verändert, dachte ich. Ne, dachte ich nicht. Keine Ahnung, was ich wirklich dachte. Vielleicht fragte ich mich auch nur, ob auf dem Sitzsack immer noch mein Abdruck zu sehen war.« …

Jackie Thomaes »Brüder« auf der Shortlist

Von Wahlbrüdern, Halbbrüdern und Stammesbrüdern, Brüdern im Geiste oder auf dem Papier, Bros, Komplizen und Vorbildern Ein ernsthafter Anwärter auf den Deutschen Buchpreis war Jackie Thomaes Roman wohl eher nicht. Die Geschichte um die zwei Halbbrüder Mick und Gabriel kommt ganz sympathisch daher, eine mal mehr mal weniger unterhaltsame Familiengeschichte, zwei große Lieben, unterm Strich keine phänomenale Idee. Der Text bringt uns zwei sehr unterschiedliche Brüder näher, gewährt flüchtige Blicke auf das (post-)geteilte Deutschland, thematisiert ein Leben als ‘gemischtrassige‘ Person of Colour ohne Kenntnis des eigenen senegalesischen Vaters und dessen Kultur, beleuchtet dabei verschiedene Facetten das Themas Hautfarbe – doch auch darum geht es nicht primär. Thomaes Roman entwirft recht detailreich zwei Individualeben, nicht einmal Schicksale, und lässt diese zwei dramaturgischen Fäden sich dann nicht einmal kreuzen. »Ja, die Jahre flossen ineinander. Doch das hieß nicht, dass dieses Fließen nicht auch seine Schönheit hatte. Eine irrlichternde, nichtkonservierbare Schönheit der Kategorie: Muss man dabei gewesen sein.« (7) »Brüder« kommt sehr plauderig daher, ist stellenweise auch komisch – darauf setzt die Autorin bei Lesungen auch klar ihren …

André Aciman »Fünf Lieben lang«

Der in Ägypten geborene Weltbürger André Aciman hat seit dem Welterfolg der großartig verfilmten und Oscar-prämierten Coming-of-Age-Geschichte »Call me by your name« eine riesige Fangemeinde. Sein neuer Roman »Fünf Lieben lang« ist eine Feier der Begierde. Lust und Leidenschaft, unabhängig von Alter oder geschlechtlicher Identität, die Unbeständigkeit und Illoyalität von Verlangen und die Rätselhaftigkeit des eigenen Ichs betrachtet Aciman hier episodisch und hält die Spannung der unerfüllten Sinnlichkeit für den Leser bis zum Schluss aufrecht. »Wie der Donner nach dem Blitz ist mein wahres Ich oft meilenweit entfernt. Bisweilen donnert es nicht einmal. Es blitzt, und dann ist es still. Wenn ich dich sehe, blitzt es, und dann ist es still.« (175) Jedoch führt der deutsche Buchtitel etwas in die Irre, da es sich weniger um einen Roman über fünf Liebesgeschichten im Leben des Protagonisten Paul handelt, sondern eher um fünf Leidenschaften, fünf Geschichten des Begehrens und Verzehrens. Diese erzählt Aciman als begabter Sensualist ohne dabei je einem machohaften Ton nachzugeben, sondern im Gegenteil über die Maßen zärtlich, sensibel und verunsichert. »Wir lieben nur einmal …

Theresa Lachner frönt dem »Lvstprinzip«

»Theresa Lachner hat eine entwaffnend offene Biografie ihres Begehrens geschrieben.« – Meredith Haaf In ihrer tagebuchartigen Sammlung von Blogeinträgen schreibt Theresa über sich. Über ihre Reisen als Bloggerin und Sexjournalistin, über private Erfahrungen mit Sex und Liebe, über Lust, Körperlichkeit, Selbstermächtigung und vor allem über Ehrlichkeit. Denn wenn wir es schaffen, sehr viel offener mit diesen Themen umzugehen, könnten wir alle freier, und vielleicht sogar glücklicher sein. Also fängt sie gleich mal damit an. »Freiheit ist das Recht, nicht zu lügen, hat Camus mal gesagt. Für mich ist Schreiben die beste Art, diese Freiheit auszuleben. Und deswegen liebe ich es auch, über Sex zu schreiben. Das ist nämlich ein Thema, das meiner Meinung nach noch extrem viel Wahrheit vertragen kann. (…) Genau das passiert nämlich, wenn man von seiner Freiheit, nicht zu lügen, Gebrauch macht: Ehrlichkeit multipliziert sich. Me too, me too, me too.« (9) »Ab jetzt bin ich offiziell gut genug. Und zwar aus Prinzip.« (202) Frauen scheinen irgendwie immer ›zu‹ oder ›nicht genug‹ irgendwas zu sein, aber wie fühlt man sich genau richtig? …

Julia Bernhard »Wie gut, dass wir
darüber geredet haben«

»Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.« – Peter Licht, Das Ende der Beschwerde Das vorangestellte Motto fasst gut zusammen, worum es in Julia Bernhards Debüt geht: »all die Leute« setzen der namenlosen Protagonistin und Illustrationsstudentin (»Frollein« genannt) ganz schön zu… Der Comic liefert eine lose Sammlung von kurzen Moment- und Bestandsaufnahmen. Lakonisch erzählte Episoden, alltägliche und aberwitzige Anekdoten aus einem chaotischen Leben und am Ende sitzt das Frollein immer allein auf ihrem Sofa, bis sie schließlich hineinkriecht und eins wird mit diesem besten Begleiter unter den Einrichtungsgegenständen. – Eine Hymne des Schlendrians und der gescheiterten Kommunikation, über die gnadenlosen Kommentator*innen eines Lebens und einen noch gnadenloseren diarrhöischen Mops. »Eigentlich sucht man doch nur jemanden, der nicht aus Mitleid weint, wenn man sich vor ihm auszieht.« (78)   Vom ganz alltäglichen Wahnsinn Julia Bernhard erzählt aus einem Leben, in dem es Allerlei gibt, womit sich eine (Single-) Frau, eine Almostthirty so herumschlagen muss: mit einer Oma, die wissen will, wann es mit der Familiengründung endlich losgeht (»Die Eier werden ja auch nicht …

Kristin Höller – Hier ist es »Schöner als überall«

Dieses Autorinnendebut ist die Coming-of-Age-Geschichte zweier Anfang Zwanziger, deren Lebensentwürfe und Freundschaft in eine Krise geraten und die nach Antworten suchen in ihrem Heimatort. »Es ist eine komische Gegend hier. Wir sind nicht auf dem Land, dafür ist zu viel Beton überall, wir sind nicht in der Stadt, denn hier ist ja nichts, wir sind irgendwo dazwischen, wo man nirgends hinkommt ohne Auto, eine Zwischengegend. Hier wohnen Menschen, die in der Stadt arbeiten und im Grünen leben wollen, aber weit genug rausgetraut haben sie sich nicht. So grün ist es nämlich gar nicht, dafür alles verkehrsberuhigt und flach, und man kann von überall aus sehr weit sehen.« (23) Auslöser ist ein Speer, genauer gesagt der bronzene Speer der Athene-Statue vom Münchner Königsplatz, der zur Trophäe einer übermütigen Partynacht wird, zum Beweis ihrer Jugend, Wildheit und Lebendigkeit. Doch allzu schnell merken die beiden Freunde Martin und Noah, dass das keine gute Idee war. Dass das Diebesgut verschwinden muss. Ohne Plan sitzen die zwei auf der Flucht in einem Miettransporter und finden sich schließlich an dem Ort …

Karen Duve »Fräulein Nettes kurzer Sommer«

Ein Biopic der anderen Art Es wurde schon vieles gesagt über diesen preisgekrönten Historienroman, der beweist, dass Karen Duve wirklich jedes Genre beherrscht. Sie wagt sich an niemand geringeres als Annette von Droste-Hülshoff, flächendeckende Schullektüre seit Jahrzehnten. Im Mittelpunkt dieses Biopics der gerade einmal Anfang zwanzigjährigen Dichterin steht eine unerhörte Begebenheit, wie sie für Novellen konstitutiv sind, nur das sich diese zu einem 600 Seiten schweren Roman auswächst, der fünf Jahre aus dem Leben der Nette beleuchtet und bei dem jede einzelne Seite vom großen Spaß der Autorin am Schreiben kündet. Diese zentrale Tragödie, die am Ende niemanden unbeschadet hervorgehen lässt, ist eingebettet in ein detailreiches und gnadenlos enthüllendes Sittengemälde, eine historisch genaue Epochenschau. »Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln. Nur wenige Hinweise sind vorhanden.« (Vorwort, 7) Sehr gewissenhaft recherchiert Duve – sie vergleicht sich selbst mit einer Profilerin – aus einer schier unglaublichen Fülle an Archivmaterial, Briefen, Tagebüchern, Familienchroniken; im Anhang des Romans werden etwa 200 Referenztexte der Sekundärliteratur aufgelistet. Diese Recherche-Akkuratesse setzt sie gekonnt um, sodass …

Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios«

Nach seinem gefeierten Gedichtband »Nachthimmel mit Austrittswunden« erscheint nun das Romandebut des vietnamesisch-amerikanischen Dichters Ocean Vuong – ein Text, der genau wie sein Autor zwischen Prosa und Lyrik schwankt und eine kraftvolle Geschichte von Krieg und Gewalt, Flucht, Ausgrenzung, Liebe und Tod erzählt, und vom Versagen des ›Amerikanischen Traums‹. »Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.« (182) Dieser wohl autofiktionale Text nimmt die Gestalt eines Briefes an die Mutter an, eine Nagelstudioarbeiterin in Connecticut, die weder Englisch noch überhaupt Lesen kann. »Ich traue mich nur deshalb, dir zu erzählen, was jetzt kommt, weil die Chancen, dass dieser Brief dich findet, gering sind – nur der Umstand, dass es dir nicht möglich ist, all das zu lesen, macht es mir möglich, es zu erzählen.« (113) Seine Großmutter Lan, die damals vor ihrem ersten Mann weggelaufen war, hatte sich als Bauernmädchen in Vietnam während des Kriegs in einen US-Soldaten verliebt – die gesamte Familiengeschichte des Protagonisten wurzelt also im Krieg, ist die Saat der Gewalt. Aufgewachsen ist der Ich-Erzähler, …

Peter Stamm tritt an gegen »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt«

Das allseits beliebte Spielchen des ›Was-wäre-wenn‹ »Es ist, wie wenn ein Stück von verschiedenen Regisseuren inszeniert wird. Die Bilder sind andere, sogar der Text kann geändert oder gekürzt werden, aber die Handlung nimmt ihren unabwendbaren Lauf.« (81) Peter Stamm führt uns in dem mit dem Schweizer Buchpreis 2018 ausgezeichneten Roman »Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt« ein absurdes Phänomen vor: Sein Protagonist scheint nicht nur einen Doppelgänger zu haben, der seinem jüngeren Ich auf das Haar gleicht, sondern auch sein bisheriges Leben nachlebt. Christoph ist Schriftsteller, oder versucht einer zu sein; immerhin ein erfolgreiches Buch hat er geschrieben, über die Trennung von seiner großen Liebe Lena. »Ich bin Schriftsteller, sagte ich, oder besser, ich war Schriftsteller. Ich habe nur ein Buch veröffentlicht, und das ist fünfzehn Jahre her. Mein Freund ist Schriftsteller, sagte sie, oder möchte es gerne sein. Ich weiß, sagte ich, deshalb will ich Ihnen meine Geschichte erzählen.« (15) Der größte Schock seines Lebens war die Begegnung mit seinem Doppelgänger Chris in Barcelona – oder ist der tatsächlich sein jüngeres Ich? Eine seltsame Überschneidung …

Virginie Despentes‘ »King Kong Theorie«

»Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss.« (10) Schon 2006 schrieb die französische Erfolgsschriftstellerin ihren autobiografischen Essay »King Kong Theorie«, eine provokante Streitschrift über Geschlechterrollen, Sexismus und die Freiheit der Unangepasstheit, durchdekliniert an den Erfahrungen der Autorin als Vergewaltigungsopfer, Prostituierte und Pornofilmerin. Nun wurde ihr wütendes Statement neu übersetzt und findet sich zwar in einer Zeit der #Me-too-Debatte wieder, in der Themen der Geschlechterungleichheit und der sexuellen Übergriffe zwar öffentlich Gehör finden, sich im Alltag und den sozialen Strukturen praktisch aber noch immer nicht viel verändert hat. »Ich habe eine Möse mitten in der Fresse« (119) »Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein, finde ich viel spannender als alles andere.« (9) Virginie Despentes ist in diesem schmalen Heft vor allem laut, mutig und wütend. Sie schreibt gegen Zwänge und Vorverurteilung an, und das auf ihre Art: direkt, schonungslos, vulgär, sich selbst als »Proletin der Weiblichkeit« (10) begreifend, als …