Alle Artikel mit dem Schlagwort: Reise

Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen? »›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹ ›Dein Vater ist tot?‹ ›Nicht der. Der andere.‹ ›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹ Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18) Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht. »Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede …

Juli Zeh »Neujahr«

Eine Reise in die eigene Vergangenheit »Neujahr« ist nun schon das dritte Buch in Folge, welches die enorm produktive Juristen-Schriftstellerin im Jahresrhythmus veröffentlicht. Diesmal legt sie einen recht schmalen Band vor, der in zwei Teile zerfällt: Was als Gesellschaftsanalyse beginnt, kippt auf der Hälfte zum Thriller-artigen Horrortrip. Wir verfolgen den Urlaub einer jungen Familie mit zwei kleinen Kindern zwischen den Jahren auf Lanzarote. Ein nicht ganz unschuldiger Familienurlaub, der sich plötzlich transformiert, verdoppelt und zum Albtraum schlechthin wird. Auf der Vulkaninsel verschieben sich Gewissheiten, während wohl gehütete Geheimnisse ans Licht kommen. In dieser rauen und faszinierenden Umgebung wird der junge Familienvater Henning auf sich selbst zurückgeworfen und sieht sich gezwungen, sich seiner Unvollkommenheit, seiner Vergangenheit und seinen Ängsten zu stellen. »Der Reiseführer sagt, dass manche Menschen Lanzarote hassen, während andere es abgöttisch lieben. Henning weiß noch nicht, zu welcher Sorte er gehört.« (S. 14)   »Sein Lieblingswort ist ›funktionieren‹.« (S. 25) Henning hat sich vorgenommen, am Neujahrstag mal wieder was für sich zu machen. Bei einer schweißtreibenden Fahrradtour bezwingt der junge Vater nicht nur einen …

»ANNA« von Niccolò Ammaniti

Der neue Roman vom Autor des Bestsellers »Ich habe keine Angst« ist ein dystopischer Abenteuerroman, in dem ein düsteres Sizilien von grausamen Kindern und Straßenhunden bevölkert wird. Der Römer Ammaniti führt uns eine Welt ohne Hoffnung und Gnade vor, in der das Altwerden in drastischer Weise mit dem Tod verknüpft ist. Wie wäre die Welt ganz ohne Erwachsene? Eine Welt der Kinder – was nach Utopia klingt, ist hier finsterer Überlebenskampf. Sizilien im Jahr 2020 ist eine verdorrte Aschewüste. Die Gegend ist ausgebrannt, Autowracks, geplünderte Geschäfte und verwüstete Wohnhäuser säumen die Straßen, es gibt keine Elektrizität oder fließendes Wasser, die Lebensmittel gehen zur Neige, die Insel ist von Stacheldraht in Quarantänezonen geteilt und mit unzähligen Leichen und Müll übersät. Die Straßen sind wie ausgestorben, allerdings haben sich äußerst grausame, hierarchisch organisierte Kindergangs gebildet, die die Insel beherrschen. Ammaniti gelingt es eine beängstigende wie bedrückende dichte Atmosphäre zu kreieren, die einen in den Bann zieht. Vier Jahre ist es her, dass die Epidemie ausbrach und alle Erwachsenen an einem belgischen Virus starben. Nach der Zeit der …