Alle Artikel mit dem Schlagwort: Sachbuch

Virginie Despentes‘ »King Kong Theorie«

»Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss.« (10) Schon 2006 schrieb die französische Erfolgsschriftstellerin ihren autobiografischen Essay »King Kong Theorie«, eine provokante Streitschrift über Geschlechterrollen, Sexismus und die Freiheit der Unangepasstheit, durchdekliniert an den Erfahrungen der Autorin als Vergewaltigungsopfer, Prostituierte und Pornofilmerin. Nun wurde ihr wütendes Statement neu übersetzt und findet sich zwar in einer Zeit der #Me-too-Debatte wieder, in der Themen der Geschlechterungleichheit und der sexuellen Übergriffe zwar öffentlich Gehör finden, sich im Alltag und den sozialen Strukturen praktisch aber noch immer nicht viel verändert hat. »Ich habe eine Möse mitten in der Fresse« (119) »Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein, finde ich viel spannender als alles andere.« (9) Virginie Despentes ist in diesem schmalen Heft vor allem laut, mutig und wütend. Sie schreibt gegen Zwänge und Vorverurteilung an, und das auf ihre Art: direkt, schonungslos, vulgär, sich selbst als »Proletin der Weiblichkeit« (10) begreifend, als …

Reni Eddo-Lodge »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche«

»Dieses Buch ist ein Versuch zu sprechen.« (S. 18) 3 Jahre nachdem die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge ihre Absage zum Gesprächsthema Rassismus via Blogeintrag gab, erschien 2017 ihr Buch »Why I’m no longer talking to white people about race«. Konträr zu ihrem eigentlichen Vorhaben, nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe und Rassismus diskutieren zu wollen, entwickelt sich ihr Buch zu einer Gesprächseinladung. Eine Lektüre über die frustrierende Erfahrung mit Colour-Blindness, White Privilege und einem strukturellen Rassismus, eine Lektüre, die die weiße Welt neu beleuchtet und vor allem eines ist: schmerzhaft. In Zeiten von Trump, Brexit und europaweitem Rechtsruck ist ein Austausch zu diesem Thema dringender denn je. Also sprechen wir! »Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Rassismus nicht aus dem Nichts entsteht, sondern dass er vielmehr in der britischen Gesellschaft verankert ist. Er steckt im Kern unserer staatlichen Strukturen. Er ist nichts Externes. Er ist Teil des Systems.« (S. 69) Renis Basis ist ein Exkurs zur Geschichte der Schwarzen bzw. People of Colour* in Großbritannien, um aufzuzeigen, dass Probleme von Migration, Integration und …

Susan Sontag »The Doors und Dosto-
jewski. Das Rolling-Stone-Interview mit Jonathan Cott«

»Zu leben ist ein aggressiver Akt.« (S. 62) Ring frei – oder besser Salon frei für eine große Denkerin! Susan Sontag, 1933 bis 2004, war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin, Publizistin und Regisseurin, die vor allem als Kritikerin der gesellschaftlichen Verhältnisse im Gedächtnis geblieben ist und sich für Menschenrechte einsetzte. »Unsere Gesellschaft ist auf Nihilismus gegründet – Fernsehen ist Nihilismus. Ich meine, Nihilismus ist keine moderne Erfindung irgendwelcher Avantgarde-Künstler. Es steht im Zentrum unserer Kultur.« (S. 59) 1978 traf sie sich zu einem mehrstündigen bzw. -tägigen Interview in ihren Domizilen in Paris und New York mit Jonathan Cott, einem redaktionellen Mitarbeiter des Rolling Stone, der sie als Dozentin während seines Studiums kennenlernte und den seitdem eine Freundschaft zu ihr verband. Die Idee der Gesprächsreihe »Kampa Salon« – eine interessante Schriftenreihe des Kampa Verlags mit grandiosen Covern – ist es, einen leichten Zugang zum gehaltvollen Werk großer DenkerInnen und Literaten zu ermöglichen. Das liegt im Gesprächsformat begründet, das locker, lebendig und abwechslungsreich ist und gut dafür geeignet, Komplexes herunterzubrechen und Überblicke zu gewähren. In diesem Fall allerdings …

Zeit für Stille: Erling Kagge – Stille, ein Wegweiser

In einer Zeit, in der es ständig und überall piept, vibriert, lärmt und summt, ob nun vom Handy oder vom Großstadttrubel und Verkehrslärm, was bedeutet da eigentlich Stille? Gibt es sie noch und wenn ja, wo? Fast erscheint es unmöglich sie in Städten wie Berlin oder Oslo zu finden, wo der Autor Erling Kagge lebt und arbeitet. Kagge hat ein Buch über jenes Thema veröffentlicht, für das wir viel zu unruhig sind, zu laut, uns selbst mental ablenkend mit Musik aus Kopfhörern, Whatsappchats und der notorischen Erreichbarkeit. Der Norweger, Städter, Verleger und Vater, bestieg den Mount Everest und wanderte zum Nord- und Südpol. Auf seinen Abenteuern fand er neben dem Weg zu seinen Zielen auch den Weg zu seiner eigenen Stille. Davon ist er überzeugt: Jeder hat sie. Jeder hat seine eigene Stille. In seinem Buch Stille – Ein Wegweiser gibt er dem Leser in 33 kleinen Essays Denkanstöße zur Wiederentdeckung der Stille. Das Buch beginnt mit einem Bild: Sunrise. Eine Einladung den Gedanken des Autors zu folgen und sich auf den Weg zur eigenen …