Alle Artikel mit dem Schlagwort: Unterhaltung

»Ganz und garrr missraten« – Literaturkritik heute

Freunde der Literatur! Warum werden wir uns häufig nicht einig, wenn es um Bücher geht? Warum reißen uns einige Texte mit und andere berühren uns nicht? Und warum sieht der nächste das vielleicht schon wieder ganz anders? Es gibt das richtige Lesen und ein allgemeingültiges Urteil nicht, aber es gibt gute Gründe und überzeugende Argumente für bestimmte Lektüren. Warum Literaturkritik? Warum (kein) Wettbewerb? Weil wir ins Gespräch kommen müssen, über Bücher, brisante Themen und unsere Zeit. Die Literaturkritik kann helfen, sich auf dem Buchmarkt mit seinen rund 15.000 belletristischen Neuerscheinungen jährlich allein in Deutschland zu orientieren. Sie kann unseren Blick auf zu Unrecht Übersehenes lenken, Entdeckungen teilen, den Aufmerksamkeitsfokus der großen Medienhäuser korrigieren. Aber vor allem kann gute Literaturkritik die Lektüre auf eine höhere Ebene bringen, helfen, einen Text neu zu erschließen und besser zu verstehen. Und ganz nebenbei macht es einfach unverschämt viel Spaß, gemeinsam über gute Bücher zu diskutieren! Literaturkritik ist sinnvoll und wertvoll – auch oder gerade dann, wenn sie nicht von Berufskritikern geübt wird – in Räumen außerhalb des echolosen Feuilletons. …

Witzig! Das Känguru ist zurück:
Marc-Uwe Kling »Die Känguru-Apokryphen«

»›Viele sagen, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist, aber ich finde, man soll lieber dahin gehen, wo’s am schönsten ist.‹ Das Känguru« (S. 7) Und wie schön ist es in der WG mit einem kommunistischen Känguru! Der vierte Band der beliebten Känguru-Reihe ist weniger eine Fortsetzung, als eher eine Zugabe für treue Fans. Statt die Handlung der Vorgänger wieder aufzunehmen, werden einfach weitere Anekdoten und ulkige Dialoge beigesteuert, es handelt sich um nicht verwendete Kapitel aus der sprichwörtlichen Schublade, um Geschichten aus Anthologien und Live-Programmen. Der Schabernack beginnt hier schon in sämtlichen Paratexten. Es werden falsche Zitate als Motti vorangestellt, gefolgt von einem überflüssigen »Was bisher geschah« in Veräppelung traditioneller Seriennarrative und einem Vorgespräch über Titel und Sinn einer Fortsetzung. Und was hat es nun mit diesem kryptischen Titel auf sich, den sich eh keiner merken kann? Apokryphen sind religiöse Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, weil sie zu widersprüchlich oder ketzerisch waren, erklärt Kling – nun also auch Bonusmaterial zu den heiligen Känguru-Schriften, in diesem Fall kurze, bisher …

Provokant: »VOX« von Christina Dalcher

Im Amerika einer nahen Zukunft dürfen Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen, doch eine wird sich trauen, zu kämpfen, ihre Stimme zu erheben und das Gesetz zu brechen. Das Überraschungsdebüt aus den USA von Christina Dalcher ist eine dystopische Warnung, die wütend und nachdenklich macht. »MAKE AMERICA MORAL AGAIN!« (S. 181) Kaum vorstellbar: Die neue Regierung setzt für Frauen ein Limit von lediglich 100 Wörtern am Tag fest, wo man doch durchschnittlich 16.000 Wörter täglich von sich gibt. Mithilfe von Handgelenkszählern werden die Frauen und Mädchen überwacht und bei Überschreitung des Wortkontingents gibt es einen pädagogischen Stromschlag, der mit jedem Verstoß stärker wird. Und das gilt genauso für geschriebene Wörter und nonverbale Kommunikation, eine flächendeckende Kameraüberwachung auch im privaten Bereich soll die Einhaltung dieses steinzeitlichen Gesetzes sicherstellen, außerdem Mauern an den Außengrenzen des Landes. Diese systematische Entmündigung der weiblichen Bevölkerung wird auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, so sehen sie sich gezwungen, ihrer Jobs, Konten, Bücher, Handys, Pässe und Laptops zu entsagen, aber auch ihr Wahlrecht und andere Grundrechte werden ihnen genommen. Eine derartige Einschränkung der …

Melissa Broder liebt »Fische«

Es wurde bereits in zwei Lager zerfallen über diesen Roman diskutiert, von absurd und schlecht bis witzig und klug ist jede Meinung vertreten, nicht selten sind beide Pole in einer einzelnen RezensentIn vereint. Für mich ist das Urteil eindeutig: Ich bin entsetzt. Fische und Schwänze In ihrer Gefall- und Bestätigungssucht macht mich die dysfunktionale Protagonistin Lucy regelrecht aggressiv, wohl auch, weil sie mich an einen kleinen, sehr ungeliebten Teil von mir selbst erinnert. Lucy braucht wahlweise Liebe, Sex und Aufmerksamkeit, um die große kosmische Leere, bedingt durch die Sinnlosigkeit unserer Existenz und die Angst vor dem Sterben, auszufüllen– oder wie Broder das so uncharmant formuliert: Löcher zu stopfen, am liebsten mit Schwänzen. Das Ganze kollidiert mit ihrer Beziehungsunfähigkeit und mündet in den ewig gleichen Konflikt, der einem mit der Zeit ganz schön auf die Eier, pardon auf die Möse geht (im Roman bevorzugte Bezeichnung für das weibliche Geschlechtsteil), denn »Fische« ist durch und durch Frauenunterhaltung, ein trauriges und deprimierendes, aber mustergültiges Beispiel dieses aufdringlichen Genres. Lucy neigt zu wahnhaftem und obsessivem Verhalten, zur Überforderung und …

Michel Decar zieht durch »Tausend deutsche Diskotheken«

»das ist ja eine einzige Komödie.« (S. 236) »Tausend deutsche Diskotheken« ist der Debutroman des Dramatikers und Hörspielregisseurs Michel Decars und kann als Parodie einer Detektivgeschichte verstanden werden. Im Vordergrund dieser rasanten und abgefahrenen Geschichte stehen allerdings weniger kriminologische Plotwendungen als vielmehr eine ausgeprägte dichte Atmosphäre und Zeitkolorit. Der Autor ist ganz verliebt in das Jahrzehnt der 80er, die Hochzeit der Diskotheken, und lässt das wilde Lebensgefühl einer Generation wieder aufleben. »Die Maschine lief auf vollen Touren, lief wie geschmiert, war geil unterwegs. Überhaupt waren alle geil unterwegs, griffen scharf an, legten hart nach, so einige hier waren fett im Geschäft, waren sich der Sache sicher. Die Armbanduhren zeigten drei, vier, fünf Uhr. Nach Hause gehen war keine Option, nach Hause gingen jetzt nur die ganz schlappen Typen. Die Lichtanlage gewitterte über die Tanzfläche, zeigte Jäger und Beute, wies den Weg zueinander, Schlaglichter im Dunkeln. An Aufhören war gar nicht zu denken, an Lockerlassen auch nicht, jetzt wurden Konzepte umgesetzt, Erwartungshaltungen erfüllt, jetzt wurden die dicken Tränen vergossen, die dicken Träume beerdigt, hunderttausend Schwangerschaften abgebrochen. …

»Es war einmal Indianerland« (Film) –
Coming-of-Age mal anders?!

»Und das bist du: der Lärm in deinem Kopf.« Mauser ist 17 und kommt aus einem Hochhausviertel am Stadtrand von Hamburg. Sein Leben wird geprägt von unverputzten Brutalismus-Platten-Fassaden, Gewalt, Kriminalität und Konkurrenz unter den Ghetto-Kids. Um dieser Großstadt-Tristesse zu entfliehen, macht Mauser das Boxen zu seiner Welt. Doch alles gerät schließlich aus den Fugen, als er sich auf einer Party im Schwimmbad in die so schöne wie aufregende Jackie verliebt. Doch was seine Welt so richtig zum Einstürzen bringt, ist, als Kondor, sein bester Freund aus dem Viertel, ihm den Krieg erklärt und zum Duell herausfordert – im Boxring selbstverständlich – und dann auch noch Mausers Vater Zöllner verschwindet, nachdem er im Streit seine Freundin erwürgt hat. Die große Suche führt ihn zusammen mit Edda, der sonderbaren Videotheks-Aushilfskraft, auf ein Musikfestival an der polnischen Grenze: Eine ungewöhnliche Kombination aus dem Versuch, seinen kriminellen, flüchtig gewordenen Vater zu stellen und einem großen, mit Glitter kandierten Drogenrausch als Reise auf den Wellen der Elektromusik ins innere Ich. Und schließlich muss Mauser sich entscheiden… »Denn diese Generation ist …

Ist das Kunst oder kann das weg?! – »Wiener Straße« von Sven Regener

In »Wiener Straße« belebt der Musikerautor Sven Regener zum fünften Mal den literarischen Kosmos rund um »Herr Lehmann«, sein Erfolgsdebut aus dem Jahr 2001. Wie schon bei den Vorgängerromanen wird wieder ein verspielter, dialoglastiger Berlin-Roman geliefert. Dieser schaffte es sogar auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2017!   »Wie bin ich hier nur reingeraten?!« Das fragt sich Erwin, Besitzer der Kneipe »Café Einfall«, welche das Herz des fast schon kammerspielartig angelegten Romans bildet. Regener bevölkert seine im West-Berlin des Jahres 1980 angesiedelte Romanwelt ausschließlich mit Spinnern und Freaks, mit sympathischen Losern, die gleichzeitig Künstler und Gelegenheitskellner sind. Neben artistischer Spontanperformance, Vernissage und ZDF-Kulturbeitragsdreh wollen sie nämlich alle unbedingt bei Erwin an der Bar arbeiten, welcher mittlerweile dabei ist, eine eigene Familie zu gründen und sesshaft zu werden. Und die neue Wohnung renovieren, auch wenn niemand recht Ahnung von so etwas hat. Oder Geld dafür. Und dann gibt es da noch die Konkurrenz durch die »ArschArt«-Künstlergruppe, die den alten Intimfriseurladen gleich neben dem »Einfall« kauft und sich nur zu gerne etwaigen Fäkaltermini in Kunst und …

(K)ein Bestseller – »Elefant« von Martin Suter

Ein winzig kleiner Elefant, der auch noch rosa leuchtet – Warum nur begeistert das so viele Leser? Verzückt sind auch Wissenschaftler, Forscher und Tierärzte im Roman, die in einen Rausch aus Geldgier, Machthunger und fanatisches Streben nach Ruhm fallen, als sie vom rosa Tierchen erfahren. Zum Glück gibt es doch noch ein paar gutherzige Menschen, die der Gentechnik kritisch gegenüberstehen und Humanität walten lassen wollen. Eine Geschichte über den Wahn der heutigen Zeit, Unmögliches möglich zu machen.   Inhalt In Martin Suters 14. Roman »Elefant«, ist der Name Programm. Sabu Barisha, so wird das kleine Wesen getauft, wurde mittels Genmanipulation vom Genforscher Roux erschaffen. Er verspricht sich den ganzen großen Profit, doch bevor es dazu kommt, kann der Elefantenflüsterer Kaung das kleine rosa Wesen in Sicherheit bringen. Durch ein Missgeschick und vielleicht auch Schicksal landet das Tier beim Obdachlosen Schoch, der am Rande der Gesellschaft in einer Höhle lebt. Er ist fasziniert von der Fluoreszenz, hat jedoch auch Mitleid. Aus Sorge und teils Hilflosigkeit, bringt er Sabu zur Tierärztin Valerie, die sich rührend um beide kümmert …