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Eine »Doppelte Spur« führt
Ilija Trojanow in die Widersprüche von Politik, Geheimdiensten und OK

Der investigative Journalist, der vom Namen dem Autor Trojanow gleicht, wird gleichzeitig von zwei anonymen Whistleblowern kontaktiert – eine doppelte Spur aus dem russischen und amerikanischen Geheimdienstlager. Ein ganz großes Ding. Eine Manipulation? Ein gefährliches Spiel!

Aber warum gerade er? Und wie verpackt man hunderte komplizierter Dokumente hochkomplexen Inhaltes in eine plausible Erzählung, die die Welt angeht? Wie bekommt man das Chaos des politischen Alltags zu greifen?

»›Ich möchte hören, wie Sie die Lage einschätzen.‹
›Schlimmer noch.‹
›Schlimmer als Notstand?‹
›Kurz vor der Katastrophe.‹
›Welcher?‹« (24)

 

»Mir schwante Sisyphus.« (22)

Zusammen mit seinem russischstämmigen amerikanischen Journalistenkollegen Boris und der umwerfenden Dokumentarfilmerin Emi macht sich Ilija an diese unmögliche Aufgabe. Gemeinsam gehen sie den unzähligen, teilweise widersprüchlichen Spuren nach und landen mitten drin im tiefsten Sumpf aus Korruption, Unterschlagung und Veruntreuung, Schmier- und Schutzgeldbergen, Steuer- und Aktienbetrug, Geldwäsche, Kreditwucher und unzähligen anderen kreativen Wegen der Gier, wo es von Fake News, Wahlmanipulation, Waffen-, Menschen- und Drogenhandel, illegalem Glücksspiel, Kindesmissbrauch und Auftragsmorden nur so wimmelt – den vielfältigen Auswüchsen der Organisierten Kriminalität (OK). Die drei verheddern sich auf verhängnisvolle Weise im dichten Geflecht zahlreicher Verstrickungen zwischen Geheimdiensten, Politikern, Oligarchen und Magnaten, Mafia-Clans und Interpols Most Wanted-Kriminellen. In den Leaks häufen sich die Unternehmen mit beschränkter Haftung, gemeldet auf Steueroasen, offshore Joint Ventures und Briefkastenfirmen. Einer kreativer als die andere im Geschäft, Geld zu machen, wo keins ist.

»Die vorliegenden Dokumente sind narrativ neutral, ein jedes nimmt sich wichtig und vergeht zugleich in Nebensächlichkeit. Auf die Durchleuchtung oligarchischer Verhältnisse in Kasachstan folgt ein Memo über ukrainische Wahlkampfspenden, ein Bericht über das Banken(un)wesen in Zypern. Wie eine Landkarte, auf der jede Stadt und jedes Dorf, jeder Fluss und jeder Bach, jeder Gipfel und jedes Tal, jede Provinz und jede Region in gleich großen Lettern verzeichnet ist. Ich weiß nicht, wie oft ich mich in den endlos scheinenden Ebenen dieser Gleichförmigkeit verirrt habe.«

Schnell wird sich herausstellen, dass die Wahrheit eine Frage von Perspektive und den zahlungskräftigsten Argumenten ist und die Moral längst verkauft – die drei Journalist*innen drohen, in die Machenschaften der Einflussreichen hineingezogen zu werden…
Ein unsichtbarer Krieg tobt längst vor unseren Augen.

 

 

Kreml vs. Weißes Haus

Sind die amerikanische und sowjetische Weltmacht tatsächlich noch sich gegenüberstehende Erzfeinde, erbitterte Kontrahenten im Kampf zweier Wirtschaftssysteme? Oder gehört die Dynamik des Kalten Krieges längs der Vergangenheit an und den russischen und den US-Präsidenten verbinden heute ähnliche Interessen? Nur eines ist klar: Es ist kompliziert.

»Der amerikanische Präsident ist nicht nur korrupt, so wie viele andere auch, er verkörpert die Korrumpierung der Korruption.« (106)

Der amerikanische Präsident – ein in New York stadtbekannter Immobilienmakler, der Millionär von Manhattan, wird vom KGB schon in den 80er Jahren beobachtet und als lohnenswertes Ziel für zukünftige Aktionen eingestuft. Die Russen sammeln von Anfang an kompromittierendes Material, um ihn in der Hand zu haben, später wollen sie Einfluss ausüben, manipulieren. Aber besagter Immobilien-Millionär stellt sich als unberechenbar heraus, tut plötzlich unerwartete, unplausible, manchmal auch scheinbar dumme Dinge. Er ist verschwenderisch, geht gleich viermal insolvent. Viel Geld ist von Seiten der Russen geflossen. Es herrschte ein reger Server-Kontakt direkt vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Kurz darauf eine beispiellose Verunglimpfungs-Kampagne gegen die Gegenkandidatin. Eine deutsche Bank und ein Düngemittelbaron sollen auch die Finger im Spiel gehabt haben…  Jetzt beobachtet das FBI die russische Mafia nicht länger, »weil sie keine Bedrohung mehr für US-Interessen darstelle«, ergo: die beiden Staaten haben dieselben Interessen. So mutmaßen die beiden investigativen Kollegen über den amerikanischen Präsidenten:

»›Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit ein, dass er ein konspirativer Agent der Russen ist?‹
›Gegen null. Völlig ungeeignet dafür. Aber er kann Geheimnisse für sich behalten, das muss man ihm lassen.‹
›Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit ein, dass er ein nicht konspirativer Agent ist?‹
›Was soll das sein?‹
›Fallweise willig.‹
›Unwissend?‹
›Halbahnend.‹
›Unter Kontrolle?‹
›Vielleicht. Aber nicht unbedingt notwendig, sich überlappende Interessen reichen aus.‹
›Gegen hundert Prozent.‹« (105)

 

Geldaristokratie und Machtmissbrauch: Politik als strukturelle Gewalt

Trojanow liefert Schlüssellochblicke auf ein überwältigend weites Geflecht von struktureller, organisierter Kriminalität unter den Mächtigen dieser Welt. Und immer wieder lässt er seine Figuren zurücktreten, im Versuch ein zusammenhängendes Bild der Situation zu erfassen. Was haften bleibt, ist die Empörung, die sich ungefiltert auf die Leser*innen überträgt. Alles, was einem zu der Bauernweisheit ›Alles Verbrecher da oben!‹ einfällt, scheint mindestens wahr, wenn nicht gar zehnmal schlimmer zu sein. Die große Kunst der Politiker ist heute offensichtlich Informationsmanagement.

Der Roman erzählt von der Wende in Russland (eine heftige Privatisierungsparty – »die Große Vaterländische Plünderung«), von einem afrikanischen König namens Mansamusa (»er besaß so viel Gold, das Geldsystem in Kairo krachte zusammen, als er shoppen ging«), von Wasserstein, der Harvey Weinstein wirklich um Un-Längen in den Schatten stellt mit seiner Sexinsel, auf der Minderjährige zwangsprostituiert wurden, und von einem Tower im Herzen New Yorks, der nach dem Präsidenten benannt ist und den Kriminellsten und Gesuchtesten dieser Welt eine Bleibe bietet.

»Wie wurde auf diese hohe kriminelle Dichte im Turm des Präsidenten reagiert?
Überhaupt nicht.
Der Turm des Schreckens.« (63)

 

Facts, Fiction und Fake News: »Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich« (6)

Trojanow erzählt mitreißend wie ein Thriller und tiefblickend wie ein Wirtschaftsjournalist. Ein Drahtseilakt zwischen den Genres. Dabei verwebt er Realität, Fiktion und Vermutung so kunstvoll und eng miteinander, dass eine trennscharfe Unterscheidung unmöglich wird. Die Leserschaft wird zu einem Teil des Spiels aus Wissen, Spekulation und Manipulation, zum Komplizen der Big Player.

»Sie können unmöglich der Ansicht sein, dass es besser wäre, wenn die Macht nicht in staatlichen Institutionen, sondern bei der Mafia, der Oligarchie und den Financiers liegt. Demokratie oder Kleptokratie, das ist die Wahl, vor der wir stehen.« (26)

Dreh- und Angelpunkt der Erzählung sind die Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten 2016, um die sich mittlerweile Legenden ranken. Das erste berühmte Beispiel von Wahlbeeinflussung durch gezielte Fake News-Platzierung und einen hoch manipulativen Wahlkampf in den sozialen Netzwerken. Darüber, welche Nationen noch alles ihre Finger im Spiel hatten, kann nur gemutmaßt werden.

»Was für eine Demokratie? Wer die Instrumente von High Tech, Datenanalyse und Profiling beherrscht, kann jedes gewünschte Ergebnis herbeiführen.« (225)

Desinformationskampagnen, die das Fundament der Demokratie ins Wanken bringen können, sind eine riesige Bedrohung geworden, Terrorismus 2.0. Der Kampf um die Deutungshoheit ist blutig. Ihr Geburtsort sind die Click-Stalls:

»Ein Click-Stall war ein Raum, kaum größer als zwei fette Kühe, in dem die automatisierten Soldaten der informellen Kriegsführung aufgereiht waren und aus allen Bots & Bytes schossen. (…) Im Geräuschnebel solcher Click-Ställe stirbt die Freiheit einen anonymen Tod. Danach gibt es nur noch die Wahl zwischen verschiedenen Lügen.« (125)

Nichts weniger als der Untergang der Wahrheit wird hier diagnostiziert:

»›Und was tritt an die Stelle von Information‹?
›Geschäftemacherei, vermute ich. Der letzte noch nicht ausgebeutete Rohstoff, die Wahrheit, wird auch verscherbelt. Eines Tages wird nur noch Werbung kostenlos sein.‹
›Genau so. Wie sicher ist das Viertel, in dem Sie leben? Zahlen Sie uns eine monatliche Flatrate, und wir teilen es Ihnen mit. Wo wird der nächste Tornado einschlagen? Werden Sie Mitglied in unserem exklusiven meteorologischen Club und Sie werden es als Erster erfahren.‹
›Die Privatisierung der Wahrheit.‹
›Die Privatisierung verlässlicher Information. Information, die der Staat bislang geliefert hat.‹« (89)

 

 

»Im neunten Kreis der Hölle«

Dass die Trennung zwischen Staat und Privatwirtschaft längst hinfällig geworden ist, ist die traurige Wahrheit dieses Buches. Die Wirtschaftskriminalität als das weitverbreitetste und lukrativste Verbrechen dieser Zeit lacht uns höhnisch ins Gesicht.

»Wir sind nur einen Dezimalpunkt vom völligen Scheitern entfernt. Weniger als ein Prozent der illegalen Finanzströme weltweit wird geahndet. Obwohl Wirtschaftskriminelle mehr Schaden verursachen als alle Dealer und Diebe zusammengenommen. (…) Für die Strafverfolgung werden kaum Bundesmittel zur Verfügung gestellt. Wer heutzutage als Geldwäscher erwischt wird, ist entweder unfassbar dumm oder hat unglaublich viel Pech.« (137)

Und auch unser Rechtssystem muss versagen, da der neoliberale Turbokapitalismus in der Lage ist, jede Struktur auszuhöhlen:

»Das bestätigt meine gut abgehangenen Vorurteile. Der Rechtsstaat ist ein Ansporn, möglichst viel zu stehlen, denn mit dem gestohlenen Geld kannst du dir die besten, also die am besten vernetzten Anwälte leisten, die jedes Schlupfloch kennen, jede Verdunklungsstrategie.« (99)

 

»Moral sollte Sie nicht davon abhalten, das Richtige zu tun.« (13)

Es ist eine deprimierende Lektüre, eben weil das Buch so gut gemacht ist. Trojanow spielt mit der Empörung seiner Leserschaft, auch wenn häufig mit distanzierend zynischen Bemerkungen und ironisch mit Formulierungen wie aus Actionfilmen gearbeitet wird. Darunter liegt die dröge Trockenheit der Recherchearbeit, der die Figuren anchgehen, die in Zeiten von Big Data und Datenrafferei absurde Ausmaße annimmt und an dessen Ende eine grausige Vermutung steht:

»Was, wenn der Skandal die Norm ist, wenn ich nicht eine einmalige Übertretung zu dokumentieren hatte, sondern die parasitär befallenen Eingeweide einer gierigen Welt.« (85)

So entwickelt dieser Roman eine fatalistische Tonalität, zum Ende hin bedrücken schlimme Ahnungen und das Gefühl der Machtlosigkeit einem das Gemüt und die Schultern. Klar ist:

»Öffentlich wird nur, was ihnen nicht gefährlich werden kann. Alles andere liegt sicher im Safe.« (211)

Nicht nur, dass die Protagonisten in den Blick der Geheimdienste und in Gefahr geraten, auch die Zumutung, der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen, zermürbt sie:

»An manchen Tagen wache ich auf mit einem bitteren Geschmack des Widerwillens im Mund und einem einzigen sehnsüchtigen Wunsch: Desertieren.« (194)

Und schließlich steht die niederschmetternde Schlussfolgerung:

»Es ist doch egal, wer die Welt untergräbt, solange wir nicht verhindern können, dass sie untergraben wird.«

Also was? Aufgeben?

Niemals! Trotz tonnenschwerem Thema ist Trojanows Roman witzig, wortverspielt und anspielungsreich, eine aufschlussreiche, ja bestürzende Geschichte. Eine Mischung aus Leak, Thriller und Polit-Roman. Hoch unterhaltsame, spritzige, temporeiche, kluge Dialoge tragen eine lähmende, deprimierende Message. Und eine kleine, süße Liebesgeschichte gibt’s obendrauf.

Ein Wahnsinnsbuch! Der Wahnsinn in einem Buch.

 

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»Doppelte Spur« von Ilija Trojanow umfasst 240 Seiten, erschien am 29.07.2020 bei S. Fischer und die festgebundene Ausgabe kostet 22,00 €.

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