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Wolf Wondratschek zeichnet ein »Selbstbild mit russischem Klavier«

»Suvorin spielte. Er war ein Spieler.« (S. 108)

Was nach einem Gemäldetitel klingt und sofort entzückende Assoziationen hervorruft, Farben und Klänge in meinem Kopf entstehen lässt, ist die Geschichte des russischen Pianisten Suvorin. Oder zumindest das, woran er sich davon noch erinnern kann. Der Berufsmusiker, der seinen Lebensabend im Wiener Exil verbringt und schon lange nicht mehr spielt, erzählt einem fremden Zuhörer aus seinem Leben in Moskau und Leningrad, von Widerstand und Verzweiflung, seiner Liebe zur Kunst und dem Wesen der Zeit.

»Ein alter Russe in Wien, ein trockener Trinker, ein, wie er sich selbst einmal genannt hatte, trockener Pianist, in Sicht das nicht mehr ferne Ende eines Erdenlebens. Es schien ihn diese Sache aber im Moment nicht zu beschäftigen. Noch war er am Leben, wenn auch nicht mehr ganz im Takt mit ihm, fühlte die Wärme in seine Knochen eindringen und bis in die Füße hinunter in seinen Körper.« (S. 99f.)

 

Zusammen mit einer Werk-Ausgabe seiner Gedichte erscheint der neue Roman von Kultautor Wolf Wondratschek, der allein schon durch die enorme Vielfalt seines umfassenden Werkes auffällt. Ein beeindruckender Autor mit einer eben solchen Biografie, von dem man sagt, er sei kompromisslos und unausstehlich und der mich mit seiner fantastischen Vorleserstimme unhaltbar in den Bann gezogen hat. »Selbstbild mit russischem Klavier« begeistert mich von der ersten Seite an mit wunderbaren Metaphern, entzückenden poetischen Sätzen wie glänzenden Nuggets, die man immer wieder lesen will, mit der geballten Erfahrung eines alten Lebemannes und faszinierenden Gedanken über die Schönheit der Kunst, der Liebe und des Lebens. Ich lese diesen schmalen Roman von Anfang an ehrfürchtig, mit pathetischem Hall, wohlklingend und erbauend. Eine Lektüre, die geradezu zelebriert werden will und ganz sicher nichts für eine 10-minütige S-Bahnfahrt ist oder etwas ähnlich Banales.

»Was für eine schöne Sprache das Deutsche sein kann, wenn man es nicht brüllt. Lauschen! Was für ein Wort! Da ist alles drin, die einen Menschen ganz erfüllende Aufmerksamkeit, das Intime, man ist mit dem, was man hört, allein. Wie man Vögeln lauscht, dem Atem eines schlafenden Kindes.« (S. 89)

Mal in Stakkato-artigem Telegraphenstil, kurz, klar, präzise und prägnant, wie ein Fortissimo gespielt, dann fast lyrisch, in langen, umständlichen Sätzen und mit einem Hang zum Dialektischen, so oder so eine sehr dichte und an jeder Stelle überzeugende Sprache, ein Genuss!

Eine chaotische Symphonie

»Man weiß, wenn er etwas von sich gibt, nicht immer, wovon er redet. Zwischen den Sätzen können sich siebzig Jahre Lebenszeit nicht einfach in Luft auflösen. / Das Grauen der Geschichte war durch ihn hindurchgegangen. wie man überlebt, war sein Problem, nicht wie man glücklich wird. Erwarte deshalb, wenn du ihm Fragen stellst, keine Antworten. Zu vieles vermischt sich. Bestenfalls liefert er Bruchstücke einer Erzählung, die in seinem Kopf ohne Anfang und Ende eingeschlossen liegt.« (S. 44)

In dem Reigen aus Anekdoten, Gedanken, Szenen und Dialogen verschwimmen die Perspektiven zwischen Ich und Er, zwischen zuhörendem Erzähler und erzählendem Pianisten zusehends.

»Unbegreiflich, wie nutzlos ein Mensch werden kann, ein Mensch wie ich, der am Ende in eine Gedächtnislücke passt, ohne Schuhe, ohne Traum.« (S. 9)

Was der Text bietet, ist keine kohärente Geschichte, sondern Splitter, Sprünge, Gedankenfetzen und Eindrücke eines altersschwachen, angeschlagenen Erinnerers. Suvorin ist ein Mann, der verdrängt und vergisst, der schweigt und assoziiert, der verschwindet und sich in seinen Gedanken, seiner Geschichte verläuft und verliert, für den die Wahrheit keine wichtige oder länger gültige Kategorie darstellt. Die Treffen mit dem fremden Wiener, der für uns der Erzähler ist, ähneln eher Selbstgesprächen, an Antworten ist der Russe nicht länger interessiert.

»Auch wenn, wie ich vermutete, nicht alles der Wahrheit entsprach, die Frage, wie er so seine Tage zubrachte, erübrigte sich. Ganz sicher bewegte er sich durch einen Irrgarten, den seiner Wohnung, den der Stadt, den seiner Wanderschaft durch ein Leben, das viele andere zur Kapitulation, wenn nicht in den Selbstmord getrieben hätte.« (S. 96)

Suvorin fasziniert und fesselt seine Zuhörer und Leser.

»So war das mit Suvorin. Mit ganz wenigen, sehr langsam gesprochenen Sätzen macht er Kinder erwachsen, aus einem Jungen wird ein Mann, aus dem Mädchen eine Frau, aus beiden etwas, das alle üblichen Mängel einer Liebesgeschichte aufweist.« (S. 107)

 

»Der Weg vom Staatskünstler zum Staatsfeind, müssen Sie wissen, war damals kurz.« (S. 87)

Als junger Mann war der russische Konzertpianist kein klassischer Widerstandskämpfer, eher ein etwas eigensinniger, menschenscheuer Kauz, der für die Musik lebt, eine regelrechte Abneigung gegen Publikum und Applaus hegt und die klassischen Komponisten wie engste Freunde verehrt. Zum Abweichler wird er dann aber doch, als er mit dem kulturpolitischen Kurs im sowjetischen System kollidiert und vollkommen furchtlos und trotzig den Aufstand probt, indem er nur noch moderne disharmonische Musik spielt.

»Bach sei, sagte er, der beste Verbündete des Menschen gegen die Verzweiflung, gegen die Ahnung, wie unermesslich groß seine Einsamkeit ist in der Unendlichkeit des Universums.« (S. 89)

»Um die Musik zu verstehen, das Wasser beobachten!« (S. 138)

Immer wieder kommt Suvorin von kleinen Anekdoten zu den ganz großen Themen, die uns alle beschäftigen. Er erzählt von seiner großen verstorbenen Liebe, vom gemeinsamen Sehnsuchtsort San Remo, von der Musik im Vergleich mit anderen Künsten, vom Wesen der Zeit, der Macht der Erinnerung, von Verzweiflung, Glück, Liebe, Leben und Tod.

»Manchmal denke ich, es ist schon eines Menschen ganzes Glück, es weder zu suchen noch es finden zu wollen.« (S. 35)

Der alte Russe erweist sich als ein lachender Mann der tiefen Traurigkeit. Als einer, der ein reiches Leben hatte und den Tod mit offenen Armen freudig erwartet, der aber auch gezeichnet ist, von großem Leid und Verlust und den grausamen Spuren des Alters.

»Tränen weinen wie Steine? Adieu, fettes Leben! Her mit der Heiterkeit der letzten Tage. Buddelt die Ewigkeit doch gleich mit ein in die Erde. (…) Am besten überlässt man sich der Einsicht, die einem nur die Verzweiflung eingibt, dass auch der Tod nicht mehr ist als eine unerklärlich endgültige Dummheit des Schicksals.« (S. 134)

»Sich von der Liebe alles ersehnen, ja, ihr aber eigentlich nichts zutrauen, schon gar nicht alles.« (S. 201)

Mit der Weisheit und Erinnerungsfülle eines alten Mannes, mit der neckischen Frivolität eines Jünglings und der naiven, staunenden Neugierde eines Kindes gleichermaßen ausgestattet, ist Suvorin eine faszinierende Figur und Gegenstand der Erzählung.

»Er scheint sich etwas bewahrt zu haben, was den meisten im Leben verlorengeht. Er ist wirklich hinter der Musik wie hinter einem Geheimnis her, auf der Suche nach dem reinen Ton der Wahrheit. Ihm gelingt es, den Zauber zu erschaffen, der nur entsteht, wenn Zunder und Zartheit sich vermischen.« (S. 199)

Der Roman macht uns vertraut mit einem Lebemann und Genussfreund, der keinem Menschen traut, der nicht trinkt, der allerdings nun im Alter entwurzelt, vereinsamt und gesundheitlich angeschlagen ist. Wir lernen einen Ex-Pianisten kennen, dem die medizinische Diagnose sämtliche Genüsse wie den Alkohol und das Rauchen verboten hat und der nun in Erinnerungen aufblüht.

»Da saß ein heimatloser alter Russe, dem so gut wie jedes Vergnügen von den Ärzten verboten worden war, dem sie Gymnastikstunden verschrieben und, in seinen Augen eine noch schlimmere Zumutung, das Schwimmen in einer Badeanstalt empfohlen hatten, und gönnte sich eine Erinnerung an das Leningrad seiner Jugend, an das von Dichtern geschaffene Unvergängliche, Verse einer in dunklen Farben schmelzenden Poesie, gefährlich schön und so, wie er sie aufsagte, selbst Musik.« (S. 63)

 Ein Gespräch wie ein Tanz!

Auch wenn die Grundsituation des Romans gesellig und mitteilsam ist, sind die Figuren im Grunde eher Freunde der Stille, des Alleinseins und des Zurückgenommenen. So ist der namenlose Erzähler die meiste Zeit über sehr blass, fast unsichtbar, ist als gebannter Zuhörer eher Sprachrohr und Medium für Suvorins Geschichte.

Stellenweise ist die Erzählung so kunstvoll, verspielt sprunghaft und komplex aufgebaut, dass man den Überblick zu verlieren droht, um wen es gerade geht, wer spricht, wann und wem erzählt wird. Das klingt problematisch, ist einem aber eigentlich gleichgültig, geht es doch nicht so sehr um einzelne Figuren, sondern um Inhalte, Gedanken, Geschichten. Als Leser begreift man intuitiv, dass man einfach eintauchen und sich mitreißen lassen soll.

»Ich wurde nicht recht schlau aus ihm, aus seinen Seufzern nicht, auch nicht aus seinem Lachen. Was war Schmerz, was Scherz?« (S. 70)

»Es ist das Denken, das uns sterblich macht.« (S. 227)

Gegen Ende des Romans verflechten sich noch weitere Gespräche oder die Schilderung dieser mit den Treffen zwischen Suvorin und dem Erzähler. Da lernen wir den namenlosen Wiener genauer kennen, hören etwas aus dem Leben und Sterben von Heinrich Schiff, Cellist und Freund Suvorins. Schließlich erscheint die Geigerin Schwarzberg aus Odessa und dann gerät ein Hundepensionär in den Blick der Erzählung. Sie alle sind eigensinnige, etwas verschrobene Kunstliebhaber, Bohemiens und Kinder ihrer Zeit – während man sich noch fragt, warum der Text beginnt, seinen Blick schweifen und seinen Fokus verschwimmen zu lassen, kann man beobachten, wie die Figuren sich gegenseitig überlagern. Suvorin schwindet allmählich hinter den anderen Figuren, wird immer blasser und verschwindet schließlich. Der Erzähler begibt sich derweil auf eine verzweifelte Suche nach ihm und muss sich am Ende fragen, ob der betagte Pianist nur ein Phantom war. Dass die Erzählung gegen Ende etwas ausfranst und ein wenig an Stärke einbüßt, verzeiht man dem Autor gern.

Fazit

»Die Zunge, wie ein Löffel gewölbt, empfängt den ersten Tropfen, saugt ihn auf, ein Glück, wie glücklich man dabei sein kann.« (S. 271)

Am Ende gewinnt man kein klares Bild der Figuren, ihrer Beziehung zueinander oder zu den Verhältnissen der Zeit. Der schmale und kurzweilige Roman reiht interessante Gedanken und schöne Sätze auf, die ich hier am liebsten alle zitieren würde. Es geht um den Genuss einer Tasse heißen Kaffees, eines guten Gesprächs oder dem lang ersehnten Zug an einer Zigarette, darum wie glücklich einen diese kleinen Freuden machen können, um gute Gesellschaft, Kunst und dass es nicht viel braucht, ein Leben zu erfüllen.

»Wenn mich Leute fragen, und wie oft haben sie das im Laufe meines Lebens gemacht, ob Musik und Alkohol etwas miteinander zu tun haben, empfehle ich Beethoven. (…) Beethoven beginnt mit dem Ende und kann damit dann nicht mehr aufhören.« (S. 95)

Wondratschek lässt seine Figuren lebendig werden, er erschafft einen authentischen Kauz, erzählt wie aus dem echtem Leben. Er ist ein »Seelenarchitekt«, führt eine verblüffende Gedankenschau vor und macht das auf eine Art, die einen für ihn und seinen Text absolut einnimmt.

 

Es steckt unfassbar viel Energie in den Gesprächen, der namenlose Erzähler wird zum aufmerksamen, gebannten Zuhörer, genau wie wir. In kleinen Anekdoten und wirren Gedanken geht es immer auch ums Ganze, das richtige Leben, die Freiheit und Wirkmacht der Kunst. Wondratschek, der talentierte Sprachspieler und Liebhaber der Kunst und der Wörter, schafft eine Hommage, die zum Weinen schön ist.

»Mein Herz liebt meine Dummheiten. Nicht alle, aber diese eine und ein paar andere, und verzeiht sie mir, wie ich hoffe. Noch immer schlägt es, ohne auszusetzen, seinen Takt.« (S. 15)

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»Selbstbild mit russischem Klavier« von Wolf Wondratschek umfasst 272 Seiten, erschien am 10.08.2018 bei Ullstein und kostet 22,00 € als Hardcover.

 

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