Literatur
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Lorenz Just steht »Am Rand der Dächer«

Auf den Straßen der Kindheit

Dieser Kindheitsroman spielt im Berlin der 90er Jahre bis zur 2000er-Wende und kippt dann in ein Pubertätstagebuch der Langeweile. Sein größtes Manko ist ein atmosphärisches Zeitkolorit, auf das man vergeblich wartet. So ist es nur eine im luftleeren Raum schwebende kleine Geschichte, die sich gar nicht erst um Handlung bemüht. Doch auch den Figuren kommt man nicht nahe genug, da der Autor gebührlich Abstand hält und sich hinter einer Erzählerfigur aus der Zukunft versteckt, die sich nicht recht erinnern und auch nicht mehr nachfühlen kann, wie es war, klein zu sein.

»Wahrscheinlich, dachte ich, sollten wir mehr miteinander sprechen. Mit Sicherheit haben wir ja auch viel mehr miteinander gesprochen, waren in Wahrheit doch ununterbrochen miteinander ins Gespräch verwickelt. Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen. Aber wer kann schon Gespräche in Erinnerung behalten? Deswegen schweigen wir heute so viel, wenn ich über uns schreibe. Wortkarge Kinder, die sich wie in einem Wildwestfilm durch ihr kaputtes Viertel bewegen.« (168)

 

Kids in the City

Andrej hat einen Bruder Anton und einen besten Freund Simon, zusammen stromern sie durch Berlin Mitte, die Oranienburger und die Kleine Hamburger Straße bis runter zum »Mombi« an der Museumsinsel – eine wortkarge männliche Subjektive. Als Kind verknallt er sich in Lilly, Tochter der amerikanischen Hippie-Besetzer, als Teenager in seine Klassenkameradin Annika, die dann eine Essstörung entwickelt, was aber nicht weiter thematisiert wird.

»An diesem Nachmittag waren sie auf einmal da, die neuen Nachbarn, erschienen wie aus dem Nichts. Außerirdische, deren Heimatplanet im Streben lag, halluzinierten wir.« (55)

Die Kleine Hamburger Nr. 5 ist das utopische Refugium der amerikanischen Besetzer – Kommunen-Künstler –, für die Kinder ist es wie ein Abenteuerspielplatz, ein fantastisches Labyrinth mit skurrilen Bewohnern, die von den Ur-Berlinern argwöhnisch beäugt werden. Als die Amis eines Tages nach Friedrichshain ziehen, kommen sie in der Geschichte einfach nicht wieder vor.

»Besetzer wurde ihre Herkunft, ihre Abstammung, ihre Hautfarbe, diese Leute waren nichts als Besetzer, von Anfang an, und niemand wusste irgendetwas über sie.« (60)

Eine diffuse Amerika-Faszination unter den Jugendlichen bleibt aber, sie übernehmen deren Popkultur unhinterfragt und hypen die dazugehörigen Marken, auf der Suche nach Identitätssiftung.

»Unser Amerika, dem wir mit Basketball, zu groß gekaufter Kleidung und Musik näher zu kommen versuchten, war eher der Modus, den wir uns erwählt hatten, um wir selbst zu bleiben.« (173)


»Das Land der Dachpappe« (154)

Als Kids werden Bandenquartiere gebaut und Hinterhöfe mit Autoruinen zu Spielplätzen gemacht, Comics und Lego pflastern ihre Tage und Haustiere werden konsequent vernachlässigt. Als Boys steht Basketball auf der Tagesordnung und das verzweifelte Spiel, zu den Coolen zu gehören. Wir werden Zeugen oberflächlicher Freundschaften und muffelig schweigsamer Teenager, denen nichts einfällt, um ihre endlosen Tage zu füllen. Als Kinder spucken sie auf Passanten herunter, werfen Wasserbomben oder pinkeln vom Dach, als Jugendliche beginnen Andrej und Simon schließlich, in Dachbodenwohnungen einzubrechen. Sie steigen durch die Dachluken ein wie durch den Hasenbau ins Wunderland – »Es war unendlich viel aufregender, als irgendwer sein zu wollen« (197) – auf den Dächern dieser Kapitale fühlen sie sich einflussreich.

»Wir kamen jetzt öfter her, nicht mehr, um im Höhentaumel begeistert herumzuklettern, meistens kamen wir, um abzuhängen, abzulästern, stundenlang herumzuwitzeln, manchmal ruhten wir einfach aus, wurden still und starrten in den Himmel. Es war wie an einem Strand hier oben, ein schwarzer, windstiller Strand, und das Meer war die Tiefe der Straße, sein Rauschen erreichte uns vom Asphalt her geradeso.« (153)

Make Love, not War

Auch, wenn der Krieg schon lange vorbei ist, gehört er zum Alltag der Kids. Zunächst denkt Andrej sich Geschichten zu den Einschlaglöchern an den Häuserfassaden seines Viertels aus. Geschürt von gewaltverherrlichender Popkultur und Spielen wächst sich seine Faszination zu einer regelrechten Kriegseuphorie aus, von Gewaltausübung und Morden auf offener Straße tagträumt Andrej, begeistert sich für ein Messer aus einem Waffenladen, bis er dann tatsächlichen zu einer Softair-Pistole kommt, die sie sich vom polnischen Schwarzmarkt besorgen – von nun an wird Krieg gespielt.

Die Dekade, auf die sich die Erzählung konzentriert, spiegelt auch den Beginn der Rennovierungsorgien in Berlin wider, das Aufkaufen durch Immobilienhaie und Gentrifizierung in ihren Kinderschuhen.

 

Das Pubertier knabbert an deinen Nerven

Zwar wartet der Roman immer wieder mit ganz netten Einfällen unter den Ausstattungsdetails und sprachlichen Bonmots auf, das reicht aber bei weitem nicht aus, um entspannt über die 268 Seiten zu tragen. Eigentlich ist der Text nicht schlecht geraten, in dieser Mittelmäßigkeit aber doch deprimierend.

Was erzählt wird, ist eine sehr durchschnittliche Kindheit, ein eher unauffälliger Junge, der sich für nichts wirklich interessiert, vor allem nicht für die Menschen um ihn herum, und sich schleichend immer weiter von seiner Familie entfernt – zwar authentisch, aber eben nicht unbedingt jemand, mit dem man gerne Zeit verbringt. Dialoge gekleidet in jugendhaftes Gelaber, imitiert von einem Erwachsenen oder auch mal ein über mehrere Seiten nacherzähltes Spiel mit Legosteinen. Der Versuch eines Kindheits-Großstadtromans strandet schließlich in einem sang- und klanglosen Ende.

»Wir erzählten dann sicherlich noch viel Mist, jugendliches Blabla, an das ich mich nicht erinnern will, peinliches, dummes Zeug, das jedoch nur die Oberfläche war, über die wir zueinander in Kontakt standen. (…) Eine Sprache, die ich nicht nacherfinden könnte, und sollte ich es dennoch versuchen, bliebe es bei Imitaten, Platzhaltern, Lückenfüllern. (…) Alles, was uns beschäftigte, und auch alles, was da so an Gefühl durch die Körper wehte, Hass, Zorn, Ärger, Traurigkeit, Angst, Liebe, verblieb gut abgeschottet im ironischen Geplänkel (…): Wir waren stur und voller Vorurteile, fanden alles und jeden scheiße, konnten uns für nichts interessieren, alles war immer schon zu doof. Und jeder Ausbruch aus dieser krampfhaften Haltung der Coolness wurde sofort mit Sprüchen und Spitzen bestraft. So hatte ich im Grunde keine Ahnung, was im Leben der anderen vor sich ging, schon im eigenen Leben hatte ich ja, wenn überhaupt, nur eine extrem vage Vorstellung.« (214ff.)

 

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»Am Rand der Dächer« von Lorenz Just umfasst 272 Seiten, erschien am 21.07.2020 bei DuMont und kostet als Hardcover 22,00 €.

1 Kommentare

  1. Hallo,

    ich finde immer wieder hochinteressant, wie das gleiche Buch bei verschiedenen Lesern ankommt! Vor ein paar Tagen habe ich “Am Rand der Dächer” in meiner Rezension noch zu einem Jahreshighlight erklärt…

    Irgendwie habe ich das Gefühl, das mein Eindruck allzu leicht hätte kippen können, da ist nur ein schmaler Grat zwischen authentischem Portät einer Jugend und Langeweile. Ich persönlich fand diese Gratwanderung sehr gelungen, aber ich verstehe natürlich, dass das ein sehr subjektiver Eindruck ist!

    LG,
    Mikka

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