Literatur
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Mercedes Spannagel »Das Palais muss brennen« – vom uralten Kampf
Gut gegen Nazi

Krieg den Palästen!

Dieser schmale Band, Spannagels Debüt, ist eine kurzweilige, sehr unterhaltsame Erzählung, die man mit Freude in einem Rutsch schmökert. Die Cover-Schönheit steht außerdem auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2020.

Mit bitterbösem Humor schießt diese Pointen-Kanone wild um sich und verschont dabei niemanden. Satirisch überhöht und mit einem guten, groovigen Sound legt die Wienerin eine dicht gestrickte Story vor, die in ihrem Spiel mit Klischees eingebettet in pamphletistische politische Statements vom Schlag der Kling’schen Känguru-Reihe ist.

Die linke intellektualistische Brut dreht als Nachwuchs der rechtskonservativen morallosen Elite völlig frei. Ein riesiger, abgründiger Spaß!

»Unsere Herzen waren dicke Kinder, die auf dünnem Boden sprangen. Alles bebte.« (79)

 

Party im Palais: Ein Mopsbaby sorgt für reichlich Wirbel

Jurastudentin Luise besorgt sich einen Mops, er heißt Marx und ist eine Trotzreaktion auf den neunten Windhund der Frau Bundespräsidentin, ihrer rechtskonservativen Mutter.

»Wie kann man als Kind dieser Mutter nicht dramatisch werden oder selbstmordgefährdet?« (33)

Genau wie ihre Schwester Yara und umgeben von einem bunten Haufen Pseudo-Künstler*innen begehrt Luise gegen ihre Mutter als Stellvertreterin des Feindbilds auf und treiben diese in den Wahnsinn. Die Rebellion: ein leistungsfeindliches Hedonistinnenleben im elterlichen Palais. Lu hat ständig einen sitzen und verbringt ihre Zeit mit Feiern und Vögeln – eine Marie-Antoinette, die manchmal Lust hat, Robin Hood zu spielen. Im Grunde aber eine egomane, apathisch gelangweilte Göre in Markenklamotten.

»Ich hatte früh eine Abscheu in mir. Ich hatte früh Revolution in mir. Ich war antiautoritär und verwahrlost. Ich war verwöhnt. Ich war schwierig, von Anfang an.« (68)

Mit ihrer besten Freundin Lili aka »Die Proletin« geht Lu sowohl den besseren wie dümmeren Einfällen nach, allen die ihnen so kommen. Ganz oben im Kurs: das Teezimmer tapezieren mit Zeitungsartikeln über die Verbrechen der chinesischen Regierung.

Burschenschaftler, Jagdtrophäen und Korruption im Palais

Dabei ist der Familie der Klassenkampf eingebrannt. Vom Plattenbau zum Palais hat sich die Mutter hochgearbeitet, sozialer Aufstieg durch die Politikerinnenkarriere inklusive erfundener Ahnengalerie, denn Assimilierung und Integration in den alten Geldadel ist Überlebensstrategie. Mittlerweile ist die Mutter genauso korrupt, rassistisch und egoistisch wie alle anderen.

»Mein Vater würde jetzt sagen: Nichts ist dir heilig.
An den aktuellen Ereignissen könne man ja ganz gut sehen, was seinem Vater oder meiner Mutter wirklich heilig sei, sagte ich, diese ganzen Scheinheiligen, die sich mit der römisch-katholischen Kirche identifizierten, allerdings mit der Kirche vor der Reformation, also mit Dekadenz und Macht- und Geldgier.« (163f.)

Zusammen mit Lili, ihrem Ex Jo, ihrer Schwester, der Tätowiererin Yara und ihren neue*n Lover*in Fechtschüler TT und die Muslima Sef muss Lu etwas unternehmen gegen »die weitverbreitete Zweiter-Weltkrieg-Nostalgie« (58) – sprich: die Regierung stürzen und die Welt retten. Das fühlen besonders TT als Sohn eines schlagenden Burschenschaftlers und Luise als Tochter einer Spitzenpolitikerin der Superrechten. Der Parteinachwuchs muss aufstehen gegen die Eltern und toxisch-dysfunktionalen Familienbanden, sie müssen ihre Antihaltung kanalisieren – das Palais muss brennen!

»Lili, auf ihrer Chaiselongue ausgestreckt, sagte: Es geht hier also um mehr als einen Mutter-Tochter-Konflikt.
Und ich sagte: Es geht hier ganz einfach um Gut gegen Böse.« (58)

Die Idee: eine Guerilla-Protestaktion in Form aufrüttelnder Videokunst, die sie in auf den Wiener Opernball einschmuggeln wollen. Die Politikverdrossenen begehren auf! Die Kunstaktion ist der moderne Gang auf die Barrikaden.

Lus Kopf ist ohnehin voll mit Einfällen für dadaistische Kunstinstallationen von politischer, gesellschaftskritischer und feministischer Schlagkraft und mit dem erklärten Ziel, öffentliches Ärgernis zu sein. Bisher hat sie die meisten dieser Einfälle nur unrealisiert belassen. Doch der Sabotageakt soll nun ihren stillen Protest ablösen.

»Ich sagte ihm, dass man etwas Antiantiabtreibung machen müsse, ein Kunstprojekt etwa, eine grenzüberschreitende Installation, ein monumentales Monument.« (53)
»Und Jo berichtete von einem Erstklässler, der im Kunstunterricht eine Prinzessin gezeichnet hatte, als es darum gegangen war, was die Kinder später werden wollten, und dass jetzt natürlich die einen sagen würden, er sei ein Junge und könne keine Prinzessin sein,  und die anderen sagen würden, er könne alles werden, was er wolle, und dass beide Positionen falsch seien, dass er diesem Jungen gesagt habe, er werde ihm jetzt etwas über die Monarchie erzählen, diesem kleinen reaktionären Scheißer.« (76)

 

Politik wie Reality-TV

»Wir hatten nicht die besten Plätze, als wir dem Sturz der Regierung beiwohnten, aber wir waren mittendrin und hatten noch Sekt.« (131)

Schließlich kommt es dann doch anders als gedacht. Denn alles eskaliert bereits im türkisfarbenen Salon des Palais: erst taucht ein Sexvideo auf, dann ein Enthüllungsvideo, der Beweis für krumme Geschäfte – und die Kunstinstallationen sind erstmal vergessen. Stattdessen überall Paparazzi und eine brüchige Familie, die sich nun endgültig in ihre Einzelteile zerlegt.

»Meine Mutter sei schon immer angefeindet worden in der Partei, weil sie keinen Mann habe. Man müsse schon einiges aushalten können als Frau in einer rechten Partei.« (80)

»Das Palais muss brennen« ist pointenreich, urkomisch und sauklug. Ein Spektakel der Ideale, der Klischees und Parolen, eine flotte Nummer mit einem Mops. Großartig.

 

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»Das Palais muss brennen« von Mercedes Spannagel umfasst 192 Seiten, erschein am 10.09.2020 bei Kiepenheuer&Witsch und kostet als gebundene Ausgabe 18,00 €.

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