Alle Artikel mit dem Schlagwort: Literaturbetrieb

Re:connected wollen wir leben: Frankfurter Buchmesse 2021, ein Rückblick

Dass die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr wieder vor Ort stattfinden würde, haben die meisten bis zum Schluss nicht so ganz glauben können. Umso schöner war es dann, tatsächlich wieder durch die Messehallen zu streifen und Podiumsgesprächen zu folgen, alles in allem die Literatur zu feiern und sich kräftig auf die neuen Programme zu freuen. In diesem Jahr mit dem Ehrengastland Kanada, das sich in kühlen Farben, ruhigen Klängen und weichen Wellenstrom-Formen präsentierte. Schmal und schmucklos waren die Stände zwar, doppelt so breit und ziemlich ausgestorben die Gänge dazwischen. Und dann auch noch überschattet von einem Boykott, der auf die rechten Verlage zielte, die auf dieser Messe präsent wie nie waren. Das zusammen hat die Euphorie etwas gedämpft, aber ich konzentriere mich lieber auf die klugen und inspirierenden Interviews, denen ich lauschen konnte und an denen ich euch in einer Auswahl gern im Folgenden teilhaben lasse.     Doris Knecht auf der Arte-Bühne über »Die Nachricht« Doris Knecht hat ein so beeindruckendes wie beklemmendes Buch über Internetstalking geschrieben und überzeugt auch auf der Bühne mit …

Frankfurter Buchmesse 2019 – unsere Highlights

An alle Buchnerds, Büchermacher, Bücherliebhaber, Bücherkäufer, Leseratten und Buchvermittler. Yes, we read. Die Frankfurter Buchmesse ist schon wieder vorbei, vergangen wie ein kurzer Rausch, ein Ausnahmezustand an Freude und Erschöpfung, so wie jedes Jahr. Dieses Mal war Norwegen das Ehrengastland und hat bewiesen, dass es da mehr zu wissen gibt als die nordische Kühle, Stille und Zurückgenommenheit inmitten wunderschöner Landschaften. The dream we carry. Und es war viel los. Es wurde getrunken, gefeiert, geschnackt, gelacht, gelesen, gestaunt, gelernt, gedrängelt, gestöbert, gehetzt, gewachsen und eins ist sicher: nächstes Jahr sind wir wieder dabei! Hier nun ein kleiner Rückblick für euch mit einigen Impressionen zum Eintauchen oder Revue passieren lassen und unseren Lieblings-Veranstaltungen zum Nachlesen.   Literaturgala Eine beeindruckende Prominenz bringt die erste Literaturgala der Frankfurter Buchmesse 2019 zusammen auf eine Bühne: Elif Shafak, Colson Whitehead, Maja Lunde, Ken Follett und die große Margaret Atwood. Sie alle sprechen mit Thomas Böhm und Bärbel Schäfer über ihre jüngsten Bücher, Follett stößt an auf die Kunst der Ãœbersetzung und den Wert einer weltoffenen Gesellschaft, Werte, die vom Brexit bedroht sind. Whitehead …

Rückblick zum 19. ilb – 11. bis 21.09.19

Ich war in diesem Spätsommer auf verschiedenen Veranstaltungen des internationalen Literaturfestivals in Berlin unterwegs und möchte euch gern einige Einblicke in die Momente gewähren, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden. Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios« Mit seinem Prosa-Debüt hat der in Vietnam geborene US-amerikanische Lyriker Ocean Vuong für Furore gesorgt. Sehr einfühlsam und poetisch, ja geradezu gattungsübergreifend, schreibt Vuong über Gewalt, Migration und eine erste Liebe, die alles verändert. Seine Lesung auf dem ilb ist außergewöhnlich gut besucht. Wie ein Popstar wird der recht kleingewachsene Literat von zierlicher Gestalt gefeiert. Sein überraschend hohes, wackeliges Stimmchen steht gegen seine enorm starken Statements mit Marmor schwerem Pathos. Der lyrische Prosaist weiß sein Publikum in den Bann zu ziehen und lässt eine zu Tränen gerührte Menge zurück. Viel wird über Vuongs biografischen Hintergrund gesprochen. Aus einer Arbeiter- und Migrantenfamilie ist er mit zwei Jahren nach Amerika gekommen. Von seiner zwar nur gering gebildeten Familie von Reisbauern habe er die Kunst des Geschichtenerzählens erlernt, erzählt er. Der Körper sei eine begrenzte Bibliothek. Wenn man …

»Ganz und garrr missraten« – Literaturkritik heute

Freunde der Literatur! Warum werden wir uns häufig nicht einig, wenn es um Bücher geht? Warum reißen uns einige Texte mit und andere berühren uns nicht? Und warum sieht der nächste das vielleicht schon wieder ganz anders? Es gibt das richtige Lesen und ein allgemeingültiges Urteil nicht, aber es gibt gute Gründe und überzeugende Argumente für bestimmte Lektüren. Warum Literaturkritik? Warum (kein) Wettbewerb? Weil wir ins Gespräch kommen müssen, über Bücher, brisante Themen und unsere Zeit. Die Literaturkritik kann helfen, sich auf dem Buchmarkt mit seinen rund 15.000 belletristischen Neuerscheinungen jährlich allein in Deutschland zu orientieren. Sie kann unseren Blick auf zu Unrecht Ãœbersehenes lenken, Entdeckungen teilen, den Aufmerksamkeitsfokus der großen Medienhäuser korrigieren. Aber vor allem kann gute Literaturkritik die Lektüre auf eine höhere Ebene bringen, helfen, einen Text neu zu erschließen und besser zu verstehen. Und ganz nebenbei macht es einfach unverschämt viel Spaß, gemeinsam über gute Bücher zu diskutieren! Literaturkritik ist sinnvoll und wertvoll – auch oder gerade dann, wenn sie nicht von Berufskritikern geübt wird – in Räumen außerhalb des echolosen Feuilletons. …