Autor: Lena

Betörend und unerhört: »Queen July« von Philipp Stadelmaier

Die älteste Geschichte der Welt Wir befinden uns in Paris und es ist unerträglich heiß. July rekelt sich Tag für Tag im kühlen Badewasser und kippt den weißen Burgunder mehr als das sie an ihm nippt. Zu ihren Füßen sitzt Aziza, eine Freundin, die den Liebeskummer kultiviert und in Scheherazade-Manier ihre Lebensgeschichte erzählt. Was sie erzählt, ist eigentlich nichts weiter als das Grundnarrativ schlechthin, a story of boy meets girl, oder nicht ganz, vielmehr ist Aziza hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, zwei möglichen Leben. Es ist ein Bro-Talk unter modernen Frauen mit leicht erotischen Zügen – frech, frei heraus, mal abgeklärt, mal verletzlich – und doch kommen die großen Fragen des Wie-leben auf den Plan. Die beiden weisen einen afrikanisch-arabischen ethnischen Hintergrund auf und haben zahlreiche Erfahrungen mit Entwicklungshilfe, Migration, Integration, Kolonialismus, Rassismus und Terrorismus gemacht. Aziza, die Verwandtschaft in Dschibuti, Kamerun, Tel Aviv und Dakar hat, selbst aber in Paris großgeworden ist, hat nach ihrem Medizinstudium lange Zeit in einem Krankenhaus in Dschibuti gearbeitet. Dschibuti Stadt wurde zu ihrem Babel, zu ihrem Babylon, …

Mit Tommy Orange »Dort dort«, wo die Indianer überlebt haben

»Die Menschen sind in der Geschichte gefangen, und die Geschichte in ihnen.« James Baldwin (157) In »Dort dort«, dem vielgelobten Debüt von Tommy Orange, kommt eine Vielzahl von Protagonist*innen zu Wort, die alle ein anderes Verhältnis zu ihren Native American-Wurzeln haben, alle jedoch mit dieser Identität hadern. »Und alles, was wir schon gesehen haben, ist voll von Klischees, die überhaupt erst der Grund dafür sind, dass sich keiner für die Geschichte der Natives interessiert, sie ist zu traurig, so traurig, dass sie nicht mal mehr unterhaltsam sein kann, aber vor allem sieht sie erbärmlich aus, wie sie bisher dargestellt wurde…« (46) Dagegen geht Orange, selbst Sohn einer weißen Mutter und eines Vaters vom Stamm der Cheyenne und Arapaho, in seinem Roman vor. Seine Geschichte meidet Klischees, indem er sie aufspaltet in zwölf sehr heterogene Stimmen. Sie ist nicht zu traurig und erstrecht nicht erbärmlich, sondern kraftvoll, klug, spannend und beklemmend. Es wird ein intensiver Kurzeinblick in zwölf vielfältige Leben gewährt, jedoch dominiert ein düsterer Grundton, der die Geschichten von Gewalt, Alkoholismus, Drogengeschäften und abwesenden Vätern …

»Das Licht, das Schatten leert« – eine Graphic Novel von Tina Brenneisen

»Es ist hart, ein Leben im Konjunktiv führen zu müssen.« (26) Fritzemann und Tina hatten eine Totgeburt. Lasse hätte ihr erstes Kind mit Ende Dreißig sein sollen, und alles schien in bester Ordnung; die Werte stimmen und das Paar freut sich wahnsinnig auf die Familiengründung. Doch dann bringt ein unentdeckter Schwangerschaftsdiabetes den kleinen Lasse kurz vor der Geburt um. Ein Schock. Kaum zu begreifen und erst recht nicht zu ertragen.     »Einer Paranoikerin wäre das nie passiert.« (86) Besonders Tina fällt es schwer, sich zu vergeben. Sie fühlt sich von ihrem Körper betrogen, schuldig und unwürdig. Hätte man Lasses Tod verhindern können? Hätte sie als Mutter etwas spüren müssen? Auf noch mehr ärztliche Kontrollen bestehen sollen? Auch ohne gläubig zu sein, stellt sich ihr nach einem solchen Trauma die Theodizee-Frage: Warum wir? Welcher Gott lässt das zu? War sie zu emanzipiert und undankbar? Es fällt schwer, ein solches Ereignis nicht als persönliche Bestrafung zu empfinden.   »Niemand hat den Tod gern in seiner Nähe. Uns begleitet er von nun an jeden Tag.« (11) Zunächst …

Mariana Leky erahnt, »Was man von hier aus sehen kann«

Selma ist Luises Großmutter und wenn sie von einem Okapi träumt – dem unwahrscheinlichsten Tier der Welt, bei dem wirklich nichts zusammenpasst –, dann wissen alle im Dorf: Jemand wird in den nächsten 24 Stunden sterben. Ihre Verzweiflung über die Ungewissheit, wen von ihnen es treffen wird, entlockt vielen von ihnen lange zurückgehaltene Wahrheiten – Geheimnisse, die nicht ohne Grund gehütet wurden –, die den gemächlichen Trott ganz schön durcheinander bringen. Doch diesmal fällt Martin dieser totbringenden Weissagung zum Opfer. Der beste Freund von Luise, der für sein Leben gern Gewichtheber imitiert, um zu vergessen, dass sein trinksüchtiger Vater missgelaunt zu Hause wartet, fällt auf dem Weg zur Schule – genau während ihres Lieblingsspiels „Ich sag dir, was du siehst, mit verschlossenen Augen“: Weide, Weide, Weide, Busch – einfach durch eine nicht richtig verschlossene Zugtür und bringt die Welt aller Dorfbewohner aus den Fugen. Nichts ist mehr wie es war. Luises Vater bricht auf eine Weltreise auf, die ihn nicht mehr loslassen wird. Die Mutter fängt eine Affäre mit dem Eisdienlenbesitzer an. Martins Vater gibt …

Andrew Ridker »Die Altruisten«

Der Tod von Francine Alter nach einer Brustkrebserkrankung bringt das Leben ihrer Familie ziemlich ins Wanken. Immerhin war sie es gewesen, die die exzentrischen Persönlichkeiten zusammengehalten und den Hausfrieden gewahrt hatte. Tochter Maggie verrennt sich zusehends in ihre idealistischen Vorsätze, bricht ihr Studium ab, arbeitet gemeinnützig und unterbezahlt und versagt sich übermäßigen Konsum, was sie bis in eine Essstörung gepaart mit ironischerweise kleptomanischen Zügen treibt. Ihr älterer Bruder Ethan kündigt kurzerhand seinen Job als Unternehmensberater und badet in seiner aufkeimenden Depression, nachdem er sein gesamtes Geld verprasst und sich den Alkohol zum Vertrauten gemacht hat. »Francine hatte selbstlos ihr berufliches Weiterkommen für die Erhaltung ihrer Familie geopfert – für die sie als Vermittlerin, Schlichterin und Friedenswahrerin fungiert hatte. Sie war für Maggie zugleich Vorbild und abschreckendes Beispiel. Eine Fallstudie darüber, was von Frauen erwartet wurde und was sie aufgeben mussten, um dem gerecht zu werden.« (72) »Zwischen Selbstverachtung und Selbstsucht war es nur ein schmaler Grat.« (51) Doch besonders hart trifft es Francines Ehemann Arthur. Ein Versager wie er im Buche steht. Jahr für Jahr …

Matthias Brandt »Blackbird«

In einer namenlosen Kleinstadt in den 70ern, zu Zeiten von Wehrpflicht, David Bowie und dem weißen Album der Beatles, gerät das Leben des 15-jährigen Morten, genannt Motte, durch gleich mehrere große Erschütterungen aus den Fugen. Ernsthaft jetzt?! Egal. Mir reicht das hier jetzt auch. Bei Mottes bestem Freund Bogi – eigentlich Manfred Schnellstieg, das sagt aber keiner, nicht mal seine Eltern – wurde eine Krankheit entdeckt, die ganz unwirklich klingt: ein Non-Hodgkin-Lymphom, was soll das sein? Was Motte weiß, ist, dass Bogi jetzt für längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss, dass er für alles, was Spaß macht, zu schwach ist und dass er plötzlich nicht mehr weiß, wie er mit seinem Freund reden soll. Ihr letztes richtiges Gespräch vor dem ganzen Krankenhaus-Behandlungs-Albtraum ging übers Fürze-Anzünden, ein Thema, über das Bogi eine Menge weiß, aber das jetzt kaum mehr angemessen scheint. »Jetzt hat sich gerade alles verändert, dachte ich. Ne, dachte ich nicht. Keine Ahnung, was ich wirklich dachte. Vielleicht fragte ich mich auch nur, ob auf dem Sitzsack immer noch mein Abdruck zu sehen war.« …

Angela Lehner »Vater unser«

»Die Irrenanstalt als Naherholungsgebiet« (36) »Ich muss sagen, das ist gar nicht so schlecht: Den ganzen Tag in Gummizug-Hosen flanieren und zu den Fütterungszeiten im Aufenthaltsraum abhängen. Urlaub in Lignano ist auch nicht viel anders.« (25) Was hat Eva Gruber angestellt, dass sie von der Polizei in die Irrenanstalt gebracht wird? Angela Lehners Debüt, das den Österreichischen Buchpreis 2019 gewinnt, erzählt vom Irrweg einer Familie aus der Sicht der Tochter – eine Geistesgestörte, die man in sein Herz schließt und der man bis zum Schluss nicht ganz trauen kann. »Womit könnte man besser ausdrücken, dass man am Boden der Tatsachen angekommen ist, als mit Plastikboden?« (25) Hat Eva tatsächlich, wie sie sagt, eine ganze Kindergartenklasse erschossen? Der Gedanke drängt sich auf, dass sie ihre Krankengeschichte frisiert, um in das Wiener Spital für psychisch Kranke aufgenommen zu werden, in dem auch ihr kleiner Bruder Bernhard wegen seiner Essstörung und Angstzustände lebt. Und was ist zwischen den beiden Geschwistern vorgefallen, dass Bernhard ihre Fürsorge und Nähe als Bedrohung betrachtet? »Bernhard ist der einzige Mensch, dessen Furcht für …

Margaret Atwoods Frauen-Dystopie: »Der Report der Magd« und »Die Zeuginnen«

Gilead, eine theokratische Hölle Margaret Atwood hat sich mit ihrer Gilead-Dystopie von 1985 in eine Reihe mit den Klassikern Aldous Huxley und George Orwell gestellt. Die Grundregel ihrer Wahnutopie: „Es dürfen nur Geschehnisse vorkommen, die es in der Geschichte der Menschheit schon gegeben hat.“ (570, Nachwort) »Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.« (554) Im »Report der Magd« entwirft Atwood ein provokatives Gedankenexperiment, die düstere Vision eines totalitären Staates, »einer puritanischen Theokratie« (554) – ein an das Christentum erinnernder, ins Extremistische gesteigerter Glaube bestimmt in Gilead das Leben aller und schränkt besonders das der Frauen entscheidend ein. Es ist ein Staat, der – begründet mit der Bibel – von der Superiorität von Männern überzeugt ist und den Frauen ihre Menschenrechte abspricht. Sie dürfen weder arbeiten, noch lesen, schreiben oder eigenes Geld besitzen. Die Ehe und Fortpflanzung sind nicht nur zum unbedingten Ideal, sondern zur Pflicht erhoben, jedoch wird gleichzeitig die Körperlichkeit und Sexualität verachtet. Der männliche Körper wird regelrecht mit Angst, Ekel und Grauen belegt. Frauen müssen sich verschleiern und Sex findet einmal …

Anika Decker & Katja Riemann »Wir von der anderen Seite«

Als Rahel, selbstständige Drehbuchautorin, auf der Intensivstation erwacht, hat sich alles geändert – sie sieht aus wie Mister Burns von »Den Simpsons«, abgemagert, mit gelblicher Haut, gebeugt und schwach – doch zum Glück hat sie ihren Humor nicht verloren. Und trotzdem lässt sich dieses Erlebnis nicht einfach vergessen. Wie soll man weitermachen, wenn Körper und Geist nur langsam gesunden und das alte Leben erschreckend weit weg scheint? Kann eine Liebe dieser Belastung standhalten? Anika Decker ist erfolgreiche Drehbuchautorin, bekannt geworden ist sie gleich mit ihrem Drehbuchdebüt »Keinohrhasen«. Ihr erster Roman umkreist nun in autobiografischer Anlehnung das Schicksal der jungen Rahel, deren Nierenstein an Weihnachten zu einer Blutvergiftung mit anschließendem Mulitorganversagen führte. Der einzige medizinische Ausweg: künstliches Koma. Drei Monate wird sie im Krankenhaus bleiben müssen, so stark geschwächt, dass Klo- und Spaziergänge zu epochalen Anstrengungen werden. Doch auch in der anschließenden Reha und der Rückkehr nach Hause wird es nicht einfacher. »Wir von der anderen Seite« erzählt von ihrem Versuch ins alte Leben zurückzukehren. Anika Decker schreibt schreiend komisch und herzzerreißend traurig vom schweren Weg …

Jackie Thomaes »Brüder« auf der Shortlist

Von Wahlbrüdern, Halbbrüdern und Stammesbrüdern, Brüdern im Geiste oder auf dem Papier, Bros, Komplizen und Vorbildern Ein ernsthafter Anwärter auf den Deutschen Buchpreis war Jackie Thomaes Roman wohl eher nicht. Die Geschichte um die zwei Halbbrüder Mick und Gabriel kommt ganz sympathisch daher, eine mal mehr mal weniger unterhaltsame Familiengeschichte, zwei große Lieben, unterm Strich keine phänomenale Idee. Der Text bringt uns zwei sehr unterschiedliche Brüder näher, gewährt flüchtige Blicke auf das (post-)geteilte Deutschland, thematisiert ein Leben als ‘gemischtrassige‘ Person of Colour ohne Kenntnis des eigenen senegalesischen Vaters und dessen Kultur, beleuchtet dabei verschiedene Facetten das Themas Hautfarbe – doch auch darum geht es nicht primär. Thomaes Roman entwirft recht detailreich zwei Individualeben, nicht einmal Schicksale, und lässt diese zwei dramaturgischen Fäden sich dann nicht einmal kreuzen. »Ja, die Jahre flossen ineinander. Doch das hieß nicht, dass dieses Fließen nicht auch seine Schönheit hatte. Eine irrlichternde, nichtkonservierbare Schönheit der Kategorie: Muss man dabei gewesen sein.« (7) »Brüder« kommt sehr plauderig daher, ist stellenweise auch komisch – darauf setzt die Autorin bei Lesungen auch klar ihren …