Autor: Lena

Liebeserklärung von Katja Oskamp: »Marzahn, mon amour«

»Heldinnen des Alltags« (91) Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an den oft belächelten Plattenbau-Kiez am östlichen Rand von Berlin, ein Buch über das Leben und Altern jenseits der Ringbahn; darüber, was unsere Füße über uns erzählen können – ein Buch, genauso lustig und tragisch und schräg wie das Leben. Erzählt wird von Katja Oskamp, einer Schriftstellerin, deren Erfolg und Elan mit Mitte Vierzig verebben – das Leben gerät ins Stocken, wird fad, die Enttäuschungen häufen sich und etwas Neues ist nicht mehr in Sicht. Der Mann ist schwer krank, die Kinder aus dem Haus, und was eine solide und banale Midlife-Crisis sein könnte, nimmt sie als Gelegenheit. Was von außen nach Scheitern aussieht, ist für Katja Oskamp ein neues Leben und Quelle der Inspiration: Sie wird Fußpflegerin in einem kleinen Studio in Berlin-Marzahn, ein Arbeiterkiez voller Rentner:innen aus der ehemaligen DDR.   »Vielleicht stammt aus jener Zeit die Einsicht, dass das Leben ein Verlustgeschäft ist.« (88) Hier kommen die Geschichten zu ihr, manchmal in Form von ritualisierten Gesprächen mit Stammkundinnen, die ihre Vergangenheiten mit sich …

Sophia Fritz lässt »Steine schmeißen«, um das letzte Jahr loszuwerden

»Silvester, sagt er, ist der einzige Glaube, den wir noch haben, das sind diese zehn Sekunden Ehrfurcht im Jahr, von denen alle immer träumen.« (161) Es ist Silvester und Anna unter ihren Freunden, sie sind um die Mitte 20, leben in Wien und das Leben könnte so leicht sein. Fede ist extra aus Frankfurt gekommen, früher mal Annas beste Freundin und jetzt ihr bester Freund, und Jara ist da, keinem anderen Menschen ist Anna emotional bisher so nah gekommen, denn sie hat Jara aufgefangen, als die sich für eine Abtreibung entschied, während Jaras Freund Lukas sich eine Auszeit genommen hat. Allerdings ist auch Samir da, mit dem Anna seit zwei Jahren eine Affäre hat. Und einer ist ganz offensichtlich nicht da, und das ist Alex, mit dem Anna seit der Schule zusammen ist, sieben Jahre schon. »Ich glaube, man bekommt immer, was man verdient, sage ich, aber man kann sich meistens heimlich mehr nehmen.« (60) Mit Alex ist Schluss, das weiß nur noch keiner und Anna möchte es am liebsten auch nicht wahrhaben. Also erscheint …

Katja Lewina begibt sich ins fremde Gehege – »Bock« erzählt Bettgeschichten aus Männersicht

Wann ist der Mann ein Mann? Nach »Sie hat Bock« jetzt schlicht und einfach »Bock«. Purer Animalismus. Was halten sie vom Sex und welchen haben sie, die Männers? Die Sexbloggerin ist zwar keiner, aber über Sex weiß sie eine ganze Menge, wie sie in ihrem ersten Buch bereits unter Beweis gestellt hat, besonders wenn es darum geht, wie Sex mit Macht, Patriarchat und Küchenarbeit zusammenhängt. Sie hat mit einigen Exemplaren gesprochen, mit Psychologen, Paartherapeuten, Urologen, Philosophen, trans-Männern, Orgasmus-Coaches und mit ganz durchschnittlichen Kerlen. Brauchen Männer Sex wirklich dringender und warum überhaupt diese Schwanzfixiertheit? Hat der Porno uns alle versaut? Und warum wird der Sex in einer Langzeitbeziehung unweigerlich weniger? Vom Baby bis zum Greis betrachtet Katja Lewina einen Prototyp-Mann und wirft einen kritischen – und manchmal auch versöhnlichen – Blick auf Männlichkeitsbilder. »Eine Sexualität, die dem:der Partner:in nicht gehört – von dieser Idee sind die meisten von uns so weit weg wie ein Leberwurstbrot vom Grill Royale.« (163)     Boys Don’t Cry Machismo, Kastrationsangst, toxische Männlichkeit, Alte Weiße Männer, Male Gaze, Homophobie, Misogynie, Rape …

Katharina Volckmer »Der Termin«

Ein Patientinnen-Monolog, der es in sich hat »Das ist jetzt vielleicht nicht der beste Moment, um davon anzufangen, Dr. Seligman, aber ich musste gerade daran denken, wie ich einmal geträumt habe, ich wäre Hitler.« (7) Schon der erste Satz dieses Debüts, das es auf die Hotlist 2021 geschafft hat, zielt mitten hinein ins Zentrum aus Tabu, Scham, Identität und Schuld einer Nation. »Der Termin« kommt stilistisch radikal als ein einziger Monolog daher. Der Redeschwall einer aus Deutschland ausgewanderten Patientin, die während einer Untenrum-Untersuchung ihrem englischen Arzt gegenüber alle Schutzwälle brechen lässt. Alle Scham und Ängste, der ganze Zorn, die Verunsicherung über ihren Körper und Geschlechtsidentität, intime Geschichten, Eskapaden und Fick-Abenteuer ergießen sich ungebremst über alle, die bereit sind, zuzuhören. Dabei legt die Ich-Erzählerin einen derben Witz an den Tag, sucht die Provokation geradezu und unterstreicht lakonisch mit einer klaren Bestimmtheit ihre gewonnenen Überzeugungen bis hin zu einer gestärkten Selbstbestimmtheit. »Es war immer ausgeschlossen, dass wir mit einer derart miserablen Landesküche ein Reich für tausend Jahre würden halten können, es gibt einfach Grenzen, was man den …

Nina Kunz denkt »Ich denk, ich denk zu viel«

Habt ihr hier auch gleich den Song von Christian French im Ohr? So oder so spricht dieser Buchtitel wohl vielen aus der Seele. Alles nur in deinem Kopf »Mein Gehirn fühlt sich immer so an, als wären zehn Tabs gleichzeitig offen.« (57) Nina Kunz schreibt in »Ich denk, ich denk zu viel« aus der Perspektive einer mitteilungsbedürftigen, hypochondrischen Nerdin, dessen beste Freundin ihre Oma ist und mit der man sich augenblicklich gemein macht. Angenehm ist dabei, dass die Zürcherin nicht wie so viele vor ihr postwendend die nihilistische Generation, den neuen Zeitgeist der ausgebrannten Postmoderne ausruft. In kurzen, sehr persönlichen Anekdoten und Überlegungen interessiert sie sich neben gesellschaftlichen Phänomenen auch für Sprachfeinheiten.   Weltschmerz: Die drei großen S »Alles begann damit, dass ich anfing, über meine Alltagsängste nachzudenken. (…) Warum da diese Enge in meiner Brust ist und der Stress-Tinnitus in den Ohren pfeift, obwohl ich doch all diese Privilegien hab. Ich schrieb über die Angst, das Leben online zu vergeuden, über die absurde Überidentifizierung mit meinem Job, Identitätsfragen, die Suche nach meinem Vater, den …

Re:connected wollen wir leben: Frankfurter Buchmesse 2021, ein Rückblick

Dass die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr wieder vor Ort stattfinden würde, haben die meisten bis zum Schluss nicht so ganz glauben können. Umso schöner war es dann, tatsächlich wieder durch die Messehallen zu streifen und Podiumsgesprächen zu folgen, alles in allem die Literatur zu feiern und sich kräftig auf die neuen Programme zu freuen. In diesem Jahr mit dem Ehrengastland Kanada, das sich in kühlen Farben, ruhigen Klängen und weichen Wellenstrom-Formen präsentierte. Schmal und schmucklos waren die Stände zwar, doppelt so breit und ziemlich ausgestorben die Gänge dazwischen. Und dann auch noch überschattet von einem Boykott, der auf die rechten Verlage zielte, die auf dieser Messe präsent wie nie waren. Das zusammen hat die Euphorie etwas gedämpft, aber ich konzentriere mich lieber auf die klugen und inspirierenden Interviews, denen ich lauschen konnte und an denen ich euch in einer Auswahl gern im Folgenden teilhaben lasse.     Doris Knecht auf der Arte-Bühne über »Die Nachricht« Doris Knecht hat ein so beeindruckendes wie beklemmendes Buch über Internetstalking geschrieben und überzeugt auch auf der Bühne mit …

Vom Zähne-Ausbeißen am großen Unbekannten: Dilek Güngör »Vater und ich«

Er ist ihr Vater und er redet nicht. Und wer wäre er eigentlich, wenn er einfach nur ein Mann wäre? »Wann haben wir aufgehört, miteinander zu sprechen? (…) War ich eines Morgens in die Küche gekommen und hatte mich gewundert, warum du nichts sagst? (…) Wäre es so gewesen, wüsste ich das. Ich würde mich an den genauen Tag, an den Moment erinnern, daran, was es an dem Morgen zum Frühstück gab. Was du tatst, welches Hemd du trugst. Wohin du sahst und wohin ich sah, ob ich meinen Satz wiederholte oder nur dachte, ich hätte etwas falsch gemacht. Ich hatte nichts falsch gemacht, auch du hattest nichts falsch gemacht. Trotzdem war es vorbei.« (5)   Ich muss aufpassen, an unserem Schweigen nicht zu ersticken. (9) Ipek kommt für ein paar Tage nach Hause, in der Hoffnung, eine Annäherung in Gang bringen zu können. Ihre Mutter ist im Wellnessurlaub und sie versucht jede Gelegenheit zu nutzen, um ihren Vater in ein Gespräch zu manövrieren, dass über »Ja« und »Mhm« hinausgeht. Immerhin hat sie einen Journalistenpreis …

»Wie Dinge sind« will gg festhalten

Die kanadische Comiczeichnerin gg wird in ihrem Buch »Wie Dinge sind« zur stillen Beobachterin einer Welt, die sich minimalistisch schick präsentiert. Im Zentrum dieser Geschichte steht eine junge Frau, Hobby-Fotografin, die darauf aus ist, in ihren Bildern die Wirklichkeit zu fassen zu kriegen. Sie ist die Tochter einer Eingewanderten. Die Arbeit hat genagt am nun ausgelaugten, beschädigten Körper ihrer Mutter, die an die angesprochene Mutter in Ocean Vuongs »Auf Erden sind wir kurz grandios« erinnern kann. Eine bedrückende Stimmung herrscht in der Familie vor, Reue, Erschöpfung, Erwartungen.   Eines Tages fotografiert die Protagonistin zufällig eine fremde Frau, die ihr auffällt und auffällig ähnlich sieht. Aus Neugierde geht sie ihr nach und wird vor dessen Wohnung fälschlicherweise von der Nachbarin für die Fremde gehalten. Nun gleitet die Protagonistin immer weiter ab in ein fremdes Leben und in eine Sphäre zwischen Wachen und Träumen. Erinnerungen an ihre Kindheit werden mit all ihrer belastenden Schwere und Schuldgefühlen wieder wach.   Sie entscheidet sich schließlich, im Leben der anderen zu verweilen, die scheinbar mehr Eigenständigkeit und Freiheiten hat – …