Alle Artikel in: Titel

»Wie Dinge sind« will gg festhalten

Die kanadische Comiczeichnerin gg wird in ihrem Buch »Wie Dinge sind« zur stillen Beobachterin einer Welt, die sich minimalistisch schick präsentiert. Im Zentrum dieser Geschichte steht eine junge Frau, Hobby-Fotografin, die darauf aus ist, in ihren Bildern die Wirklichkeit zu fassen zu kriegen. Sie ist die Tochter einer Eingewanderten. Die Arbeit hat genagt am nun ausgelaugten, beschädigten Körper ihrer Mutter, die an die angesprochene Mutter in Ocean Vuongs »Auf Erden sind wir kurz grandios« erinnern kann. Eine bedrückende Stimmung herrscht in der Familie vor, Reue, Erschöpfung, Erwartungen.   Eines Tages fotografiert die Protagonistin zufällig eine fremde Frau, die ihr auffällt und auffällig ähnlich sieht. Aus Neugierde geht sie ihr nach und wird vor dessen Wohnung fälschlicherweise von der Nachbarin für die Fremde gehalten. Nun gleitet die Protagonistin immer weiter ab in ein fremdes Leben und in eine Sphäre zwischen Wachen und Träumen. Erinnerungen an ihre Kindheit werden mit all ihrer belastenden Schwere und Schuldgefühlen wieder wach.   Sie entscheidet sich schließlich, im Leben der anderen zu verweilen, die scheinbar mehr Eigenständigkeit und Freiheiten hat – …

Anne Weber »Annette, ein Heldinnenepos«

»Annette ist Pazifistin, bis sie mit fünfzehn / lieber Terroristin werden will.« (20) Träger des Deutschen Buchpreises 2020 Anne Weber hat die realhistorische Person Annette Beaumanoir tatsächlich kennengelernt und einige Gespräche mit ihr über ihr Leben geführt. Entstanden ist eine Geschichte über ein langes politisiertes Leben, über die Résistance und den Algerienkrieg, Gefängnis und Exil, über Gerechtigkeit und privates Glück, die richtigen Ziele und Gründe. Ist Annette Heldin oder Terroristin? Ein Niemand, eine Träumerin, eine Retterin? Nichts ist sicher. »Ja. So kann es sein. Die Wahrheit ist, dass wir / die Wahrheit gar nicht kennen, aber Grund haben / zu denken, dass sie einige Widersprüche und / mindestens zwei Fassungen umschließt.« (96)   »Einstweilen gilt leider: abwarten und radfahren.« (25) »Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. / Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf / diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch / Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs. / Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. / Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.« (5) Annette (sprich …

Liebeserklärung von Katja Oskamp: »Marzahn, mon amour«

»Heldinnen des Alltags« (91) Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an den oft belächelten Plattenbau-Kiez am östlichen Rand von Berlin, ein Buch über das Leben und Altern jenseits der Ringbahn; darüber, was unsere Füße über uns erzählen können – ein Buch, genauso lustig und tragisch und schräg wie das Leben. Erzählt wird von Katja Oskamp, einer Schriftstellerin, deren Erfolg und Elan mit Mitte Vierzig verebben – das Leben gerät ins Stocken, wird fad, die Enttäuschungen häufen sich und etwas Neues ist nicht mehr in Sicht. Der Mann ist schwer krank, die Kinder aus dem Haus, und was eine solide und banale Midlife-Crisis sein könnte, nimmt sie als Gelegenheit. Was von außen nach Scheitern aussieht, ist für Katja Oskamp ein neues Leben und Quelle der Inspiration: Sie wird Fußpflegerin in einem kleinen Studio in Berlin-Marzahn, ein Arbeiterkiez voller Rentner:innen aus der ehemaligen DDR.   »Vielleicht stammt aus jener Zeit die Einsicht, dass das Leben ein Verlustgeschäft ist.« (88) Hier kommen die Geschichten zu ihr, manchmal in Form von ritualisierten Gesprächen mit Stammkundinnen, die ihre Vergangenheiten mit sich …

Ein Recherchejournal über das
Begehren: »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger

Die europäische Lust auf das süße Leben »E. West, S. 67: ›2. Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.‹« (40) Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat es mit ihrem neuen Buch – ob es sich dabei in meinen Augen tatsächlich um einen Roman handelt, wird noch zu klären sein – auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft und war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der an Anna Stern für »das alles hier, jetzt« ging. Stilistisch ist »Aus der Zuckerfabrik« hoch bemerkenswert: Hier wird ein Text bewusst am Rande aller Gattungen angelegt, als Grenzgänger und Gattungskreuzer zwischen Recherchebericht, Journal und hochkomplexem Roman, der durch Erzählsituationen und Modi springt, seine Poetologie vielfach metareflektiert und eine schwer greifbare Erzählerin einsetzt, die sich immer wieder ins Spiel bringt und gleichzeitig diskreditiert und entzieht. Zu allem Überfluss ein Text über ein Thema, das so sehr assoziativ ausfranst, dass es allen Beteiligten …