Alle Artikel mit dem Schlagwort: feministisch

Liv Strömquist »Ich fühl’s nicht«

Die Liebe in Zeiten von Leistungsgesellschaft, Marktwert und Selbstoptimierung Wir Disney-Geschädigten Tinder-User*innen mit Angst vor Schmerz, Enttäuschung, Langeweile, vor WAS FESTEM, haben das DiCaprio-Syndrom, meint Liv Strömquist. Der gute Leo wechselt seine Freundinnen, allesamt Anfang 20-jährige Bikini-Models, wie seine Socken. Er fühlt nichts. »Leonardo DiCaprio ist irgendwie wie eine lauwarme Herdplatte, die das Wasser nie richtig zum Kochen bringt.« (10) An sich kann man natürlich kaum etwas dagegen einwenden, dass Autonomie, Freiheit und Wahlmöglichkeit gerade für Frauen seit den letzten hundert Jahren stark zugenommen haben. Niemand muss in der Regel mehr heiraten, um versorgt zu sein, niemand muss ungewollt schwanger werden und der Sozialstaat unterstützt Alleinerziehende. Aber wollen wir deshalb gleich ganz aufhören zu lieben?   »Wir sind alle DiCaprio« (12) Das Gefühl sich zu verlieben ist laut Soziolog*innen und Philosoph*innen in der heutigen Zeit sehr selten geworden. Warum ist das so? Strömquist bietet eine Reihe von Erklärungsversuchen. #1 – Der Spätkapitalismus hat uns zu gierigen, selbstbezogenen Narzisst*innen gemacht, die Menschen konsumieren, aber keine festen Bindungen mit Verantwortung eingehen wollen. Abwechslung, Abenteuer, Action ohne Gefühle …

Brotjob essen Seele auf: »Fehlstart« von Marion Messina

»Ein Nullpunkt des Leidens, die B-Seite des Lebens« (76) »Fehlstart« erinnert von Thema und Anliegen an Despentes‘ »Subutex«, eine gnadenlose Milieustudie im heutigen Frankreich, ein illusionsloser Blick auf die Verlierer des Systems, dabei wählen die beiden Autorinnen interessanterweise aber zwei komplett unterschiedliche Wege. Von vielen wurde sie auch mit Houellebecq verglichen – nur dass Messina keine Midlife-kriselnden, sexistischen Macho-Depressiven erschafft, sondern eine kluge, aufrichtige, zur großen Liebe fähige Feministin. Messinas Debüt führt einem vor Augen, wie die untere Mittelschicht ins Prekariat abrutscht, wie die Provinzmäuse auf der Suche nach Arbeit in Paris stranden und überrollt werden, sie erzählt von den Steinen, die Migranten in den Weg gelegt werden, und bietet einen hellsichtigen Blick auf ihre Generation der totalen Flexibilität in einer Zeit nach der Vollbeschäftigung. »Als Garant für sofortige Befriedigung und als sozialer Marker war Sex zum Lebensmotto geworden. Ich ficke, also bin ich.« (125) Ihre aufmerksamen Schilderungen von Paris lassen sich auf die meisten Großstädte übertragen und machen einen allgemeinen Trend sichtbar. Sie zeigt, was ein neoliberaler, globalisierter Kapitalismus mit unserer Umgebung, den Strukturen, …

Moa Romanova erschafft ein »Identikid«

Die Graphic Novel »Identikid« ist Moa Romanovas autobiografisch geprägtes Debüt. Im augenfällig eigenwilligen Look präsentiert sie uns Moa, eine junge schwedische Künstlerin mitten im Leben, umsorgt, sozialisiert, talentiert und doch zerfressen von Panikattacken. Techno = Ecstasy = Psychose = uncool. Mit ihren Freundinnen geht sie auf Techno-Partys, drogenumnebelt lässt sich das Leben feiern. Doch jetzt versucht Moa sich in Abstinenz, straight edge, oder zumindest crooked edge, denn sie vermutet, dass das Spice schuld ist an ihren psychischen Problemen. Das rät ihr auch die Therapeutin. Aber leicht wird das nicht. Lethargisch lässt Moa ihre Wohnung vermüllen, das Geld wird knapp, ereignislose Tage drücken auf das Gemüt, genau wie die Sinnlosigkeit, die sie plötzlich von überall anstarrt. Wegen ihrer Wut- und Angstanfälle ist Moa seit Monaten krankgeschrieben, bekommt Medikamente – nimmt sie widerwillig – und verliert zunehmend die Geduld: Wie lange soll das noch so weitergehen? Was ist mit ihr? Und wann wird es endlich besser? Normalerweise telefoniert sie mit ihrer Mutter, wenn es ganz schlimm ist. Doch neulich hat Moa einen TV-Promi auf Tinder kennengelernt, der …

Lotta Elstad »Mittwoch also«

»Vielen Dank, aber ich bin eigentlich hier, um kurzen Prozess zu machen. « (7) Hedda ist Anfang dreißig und ungewollt schwanger. Eine schnelle Lösung muss her, sie will kurzen Prozess, doch sie hat ihre Rechnung nicht mit dem norwegischen Gesundheitssystem gemacht, dass eine Bedenkzeit von mehreren Tagen vor einer Abtreibung vorschreibt. Und die gehen ihr wirklich an die Nieren… Odyssee durch Europa Eigentlich wollte sie vor ihren Problemen fliehen. Weg von Lukas, ihrer Langzeitaffäre Slash großen Liebe, der dieses Mal seinen Standardsatz »Das ist das letzte Mal, dass wir das machen« tatsächlich ernst gemeint und sie verlassen hat. Obwohl – »Wie kann man etwas beenden, das gar nicht angefangen hat«? Und auch der Job als feste freie Journalistin ist von heute auf morgen futsch. Warum sie nicht erstmal mit ihrer besten Freundin Kika spricht, weiß Hedda selbst nicht so genau. Jedenfalls will Hedda nichts wie weg und bucht sich einen Last-Minute-Flug nach Griechenland, der in einem Beinaheabsturz in Sarajewo endet, ihre Koffer sind derweil schon in Athen angekommen. »Ein dubioser Billigflieger auf dem Weg von …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

»Flexen. Flâneusen* schreiben Städte«

»Das Wort Flâneuserie gibt es nicht, in keinem Wörterbuch. Mich aber gibt es.« Diese Anthologie, herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Ronya Othmann, Mia Göhring und Lea Sauer, erzählt davon, was Frauen* erleben, wenn sie in Städten unterwegs sind. Oder warum sie es nicht sind. Neben denen der Herausgeberinnen versammelt der Band Beiträge von 26 weiteren Autor*innen, darunter etablierte Namen wie Bettina Wilpert, Svenja Gräfen und Anke Stelling. Flexen, das klingt nach Heimwerkern und schwerem Handwerk. Das klingt hart, nach Schweiß und brechendem Widerstand und das klingt vor allem männlich. Nun hat das Wort Flexen neben der landläufig bekanntesten noch eine Reihe weiterer Bedeutungen: biegen, Sex haben, das Variieren der Geschwindigkeit beim Rap, die Muskeln anspannen, seine Muskeln zur Schau stellen und die Flâneuserie. Und damit sind wir schon mittendrin. »Flexen« hat es sich zur Aufgabe gemacht, der starken literarischen Tradition des männlichen Flaneurs aus westlicher, weiß-männlicher Feder etwas entgegenzusetzen. Flexen, das ist aktiv. Ein neues Wort, ein nützliches. »Braucht es dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, …

Katja Lewina »Sie hat Bock«!

»Überraschung! Frauen wollen auch ficken.« (35) Katja Lewina ist Sex-Bloggerin, bisexuell und lebt in offener Ehe – vor allem aber schreibt sie sehr unterhaltsam über das Patriarchat, Sexismus und mögliche Lösungen. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem weiblichen Genital, Lust und Orgasmus, Schönheitsansprüchen, Rollenzuschreibungen, Single-, Fat-, Victim- und Slut-Shaming, Rape Culture, Prostitution, Porno und Unterwerfung, dem Ideal der Monogamie oder wie Laurie Penny es nennt »Alles mit Einem für immer«, #metoo, »Ja heißt Ja« und der Deutungshoheit über die Geschlechter. Dabei beweist sie nicht nur einen wachen Blick und eine fundierte Kenntnis der feministischen Literatur, sondern trumpft vor allem mit einem sehr persönlichen, energiegeladenen, frechen Sound auf. Auf angenehme Art flechtet sie zu jedem Unterthema eine Anekdote aus ihrer Vergangenheit ein und verleiht dem essayistischen Manifest so auch eine erzählerische Qualität. Wovon reden wir eigentlich? Bei der Benennung fängt das Schlamassel ja schon an. Für das weibliche Genital gibt es kein Wort, mit dem wir uns wirklich wohl fühlen würden. Muschi, Pussy, Mumu, Möse? Alles Käse. Eine Scheide, die dadurch definiert ist, ein Behältnis …

Betörend und unerhört: »Queen July« von Philipp Stadelmaier

Die älteste Geschichte der Welt Wir befinden uns in Paris und es ist unerträglich heiß. July rekelt sich Tag für Tag im kühlen Badewasser und kippt den weißen Burgunder mehr als das sie an ihm nippt. Zu ihren Füßen sitzt Aziza, eine Freundin, die den Liebeskummer kultiviert und in Scheherazade-Manier ihre Lebensgeschichte erzählt. Was sie erzählt, ist eigentlich nichts weiter als das Grundnarrativ schlechthin, a story of boy meets girl, oder nicht ganz, vielmehr ist Aziza hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, zwei möglichen Leben. Es ist ein Bro-Talk unter modernen Frauen mit leicht erotischen Zügen – frech, frei heraus, mal abgeklärt, mal verletzlich – und doch kommen die großen Fragen des Wie-leben auf den Plan. Die beiden weisen einen afrikanisch-arabischen ethnischen Hintergrund auf und haben zahlreiche Erfahrungen mit Entwicklungshilfe, Migration, Integration, Kolonialismus, Rassismus und Terrorismus gemacht. Aziza, die Verwandtschaft in Dschibuti, Kamerun, Tel Aviv und Dakar hat, selbst aber in Paris großgeworden ist, hat nach ihrem Medizinstudium lange Zeit in einem Krankenhaus in Dschibuti gearbeitet. Dschibuti Stadt wurde zu ihrem Babel, zu ihrem Babylon, …

»Das Licht, das Schatten leert« – eine Graphic Novel von Tina Brenneisen

»Es ist hart, ein Leben im Konjunktiv führen zu müssen.« (26) Fritzemann und Tina hatten eine Totgeburt. Lasse hätte ihr erstes Kind mit Ende Dreißig sein sollen, und alles schien in bester Ordnung; die Werte stimmen und das Paar freut sich wahnsinnig auf die Familiengründung. Doch dann bringt ein unentdeckter Schwangerschaftsdiabetes den kleinen Lasse kurz vor der Geburt um. Ein Schock. Kaum zu begreifen und erst recht nicht zu ertragen.     »Einer Paranoikerin wäre das nie passiert.« (86) Besonders Tina fällt es schwer, sich zu vergeben. Sie fühlt sich von ihrem Körper betrogen, schuldig und unwürdig. Hätte man Lasses Tod verhindern können? Hätte sie als Mutter etwas spüren müssen? Auf noch mehr ärztliche Kontrollen bestehen sollen? Auch ohne gläubig zu sein, stellt sich ihr nach einem solchen Trauma die Theodizee-Frage: Warum wir? Welcher Gott lässt das zu? War sie zu emanzipiert und undankbar? Es fällt schwer, ein solches Ereignis nicht als persönliche Bestrafung zu empfinden.   »Niemand hat den Tod gern in seiner Nähe. Uns begleitet er von nun an jeden Tag.« (11) Zunächst …

Margaret Atwoods Frauen-Dystopie: »Der Report der Magd« und »Die Zeuginnen«

Gilead, eine theokratische Hölle Margaret Atwood hat sich mit ihrer Gilead-Dystopie von 1985 in eine Reihe mit den Klassikern Aldous Huxley und George Orwell gestellt. Die Grundregel ihrer Wahnutopie: „Es dürfen nur Geschehnisse vorkommen, die es in der Geschichte der Menschheit schon gegeben hat.“ (570, Nachwort) »Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.« (554) Im »Report der Magd« entwirft Atwood ein provokatives Gedankenexperiment, die düstere Vision eines totalitären Staates, »einer puritanischen Theokratie« (554) – ein an das Christentum erinnernder, ins Extremistische gesteigerter Glaube bestimmt in Gilead das Leben aller und schränkt besonders das der Frauen entscheidend ein. Es ist ein Staat, der – begründet mit der Bibel – von der Superiorität von Männern überzeugt ist und den Frauen ihre Menschenrechte abspricht. Sie dürfen weder arbeiten, noch lesen, schreiben oder eigenes Geld besitzen. Die Ehe und Fortpflanzung sind nicht nur zum unbedingten Ideal, sondern zur Pflicht erhoben, jedoch wird gleichzeitig die Körperlichkeit und Sexualität verachtet. Der männliche Körper wird regelrecht mit Angst, Ekel und Grauen belegt. Frauen müssen sich verschleiern und Sex findet einmal …