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Frankfurter Buchmesse 2019 – unsere Highlights

An alle Buchnerds, Büchermacher, Bücherliebhaber, Bücherkäufer, Leseratten und Buchvermittler.
Yes, we read.

Die Frankfurter Buchmesse ist schon wieder vorbei, vergangen wie ein kurzer Rausch, ein Ausnahmezustand an Freude und Erschöpfung, so wie jedes Jahr. Dieses Mal war Norwegen das Ehrengastland und hat bewiesen, dass es da mehr zu wissen gibt als die nordische Kühle, Stille und Zurückgenommenheit inmitten wunderschöner Landschaften.
The dream we carry.

Und es war viel los.
Es wurde getrunken, gefeiert, geschnackt, gelacht, gelesen, gestaunt, gelernt, gedrängelt, gestöbert, gehetzt, gewachsen und eins ist sicher: nächstes Jahr sind wir wieder dabei!

Hier nun ein kleiner Rückblick für euch mit einigen Impressionen zum Eintauchen oder Revue passieren lassen und unseren Lieblings-Veranstaltungen zum Nachlesen.

 

Literaturgala
Eine beeindruckende Prominenz bringt die erste Literaturgala der Frankfurter Buchmesse 2019 zusammen auf eine Bühne: Elif Shafak, Colson Whitehead, Maja Lunde, Ken Follett und die große Margaret Atwood.

Sie alle sprechen mit Thomas Böhm und Bärbel Schäfer über ihre jüngsten Bücher, Follett stößt an auf die Kunst der Übersetzung und den Wert einer weltoffenen Gesellschaft, Werte, die vom Brexit bedroht sind. Whitehead spricht über Praxen und Systematik von Rassismus, über den Fluch eines Lebens unterhalb des sozialen Radars. Auch Elif Shafak liegt viel daran, den Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft eine Stimme zu geben. In ihrem Buch »Unerhörte Stimmen« geht es um die letzten zehn Minuten, in denen das Gehirn einer ermordeten Sexarbeiterin noch denken kann. Genauso schreibt Maja Lunde getrieben von den Ängsten unserer Zeit, vom Klimawandel, aussterbenden Arten, der Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Und zu guter Letzt mahnt Margaret Atwood die global zu beobachtende konservative Rückwärtsentwicklung in Sachen Frauenrechten an, die Hand in Hand mit Terroranschlägen, Finanz- und Klimakrisen gehe.

Sie alle schauen kritisch und mit Sorge auf unsere Welt und feiern doch die Kraft der Literatur, denn eine Geschichte ist unendlich viel fruchtbarer als eine schlichte, rationale Warnung.
Vorgetragen werden diese eindringlichen literarischen Warnungen auf großartige Weise von Nina Petri und Bela B.

 

Feminismus is going on!
Auch das Thema Feminismus steht in diesem Jahr wieder auf der Agenda der Buchmesse. Dazu exemplarisch zwei Veranstaltungen:
Die norwegischen Aufklärungs-Kinderbücher »Alle haben einen Po« und »Wie macht man ein Baby« von Anna Fiske überzeugen durch ihre lapidaren und witzigen minimalistisch es Zeichnungen und die Botschaften, die fast ohne Worte transportiert werden: Body Positivity, Diversity und Empowerment durch einen nüchternen und ehrlichen Blick auf die Menschen. So unterschiedlich können Körper aussehen und das ist ok, unter unseren Kleidern sind wir alle nackt, jeder entscheidet selbst, wo er*sie von anderen berührt werden darf – simple und doch so weitreichende Botschaften für eine nächste Generation, die so hoffentlich früh ein gesundes Verhältnis zu Körper, Identität und Sexualität entwickeln kann.

STRETER*INNEN ist eine Diskussionsreihe mit feministischen Autor*innen und Journalist*innen. Ich habe an Messe-Sonntag das Gespräch zwischen Lady Bitch Ray (»Yalla Feminismus«), Julia Korbik (»Stand Up, Feminismus für alle«) und Alice Hasters (»Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten«) mitverfolgt.
Ist der Feminismus in Deutschland so weit gekommen, dass man sich nicht länger darüber streiten muss, ob das überhaupt ein relevantes Thema ist, und endlich dazu übergehen kann, Details zu verhandeln? Ja und nein.
Zwar ist das Problem und seine diversen Oper sichtbarer geworden durch Hashtag-Kampagnen und den enormen Resonanzraum im Netz und doch sind die realen Fortschritte so unverhältnismäßig marginal verglichen mit der Debattenstärke. Die mittlerweile vierte Feminismuswelle nutzt die Online-Vernetzung wie die Aneignung von Popkultur. Verglichen mit der zweiten Welle der 60er und 70er, die noch sehr weiß dominiert war, hat sich die Debatte dank des demokratisierenden Internets diversifiziert und dem Thema Intersektionalität geöffnet. Diese Mehrfachdiskriminierung, in der Rassismus und Sexismus aufeinandertreffen, wurde viel zu lange kaum beachtet. Deutlich wird im intersektionalen Blick, dass es unterschiedliche Perspektiven auf und Bedürfnisse vom Feminismus gibt und viel zu lange weiße Frauen die Ziele gesteckt haben. Denn am Ende des Emanzipationskampfes sollen nicht alle wie alte weiße Männer leben – nicht die heute Marginalisierten sollen sich in die patriarchalen Strukturen pressen, sondern das System muss sich zugunsten der Benachteiligten ändern.

Feminismus ist für die drei Autorinnen, dass alle die gleichen Rechte und Freiheiten haben, aber der Feminismus ist dabei nichts Angenehmes, sondern ein zermürbender Kampf gegen das patriarchale System und die weiße Vorherrschaft. Eine undankbare Aufgabe, der ein weichgespülter, kommerzialisierter Mainstream-Feminismus auch keinen Gefallen tut. Die Abwehrmechanismen der Privilegierten sind immer dieselben: die Umkehrung von Opfern und Tätern und die Marginalisierung des Problems als eines des rechten Rands, anstatt die Systematik eines gesellschaftlichen Grundproblems anzuerkennen. Zu oft werde das Setzen von Themen mit realem Fortschritt verwechselt, denn die Einladung, die der feministische Diskurs sein will – „Lasst uns zusammen für mehr Gerechtigkeit kämpfen!“ – wird von der privilegierten Mehrheit ignoriert, der Fortschritt blockiert, sich des Themas müde erklärt.
Auch innerhalb des feministischen Diskurses herrschen noch Tabus wie die europäische Kolonialgeschichte und die unzureichende Entnazifizierung. Dabei sei es nur zu spät, seine Geschichte aufzuarbeiten und nie eine gute Idee, sich dessen entziehen zu wollen.
„Rassismus ist kein Phantom!“ Geschwiegen wird dennoch, aus Angst, Unwissenheit oder Mittäterschaft. Denn sicherlich ist es nicht angenehm zu erkennen, dass man selbst Teil des Problems ist.
Aber Feminismus ist auch nicht angenehm.
Was wir aus der Geschichte des Feminismus lernen können, ist, dass es sich lohnt einen laaangen Atem zu haben.

 

Buchpreis-Gespräch: Saša Stanišić über »Herkunft«
Ein unerwarteter Gänsehautmoment auf der Frankfurter Buchmesse 19: Der frisch gebackene Träger des Deutschen Buchpreises Saša Stanišić zeigt sich entwaffnend sympathisch und humorvoll – „Ich bin so gut drauf, weil das mein letzter Auftritt hier ist“, witzelt er gleich zu Beginn – und erntet für seine Ausführungen zu Herkunft, Familie und Migration minutenlangen Applaus und Standing Ovations, die spontan den ganzen Frankfurt Pavillon ergreift.
HERKUNFT heißt auch sein nun ausgezeichneter Roman, ein Begriff, den Stanišić nicht als Geburtsort (oder gar den der Eltern) verstehen möchte, sondern vielmehr als offenes System, als Summe von Begegnungen und Erlebnissen mit Wohlgesonnten, die uns zu uns gemacht haben. Ein Herkunftsbegriff, der auf Teilhabe statt Teilung setzt.



So erzählt der Autor von seiner Familie und ihrem Flüchtlingsleben in Deutschland, ein Leben, in dem alles temporär und nichts einfach ist. Von dem Bedürfnis etwas geben zu können, vom Geschenk der Zweisprachigkeit, dem Ringen mit seiner Lektorin und zuletzt auch von der AfD, die in seinen Augen denselben Weg geht, wie die Diktatur seines Geburtslands. Bei all der Schwere dieser Themen gibt Stanišić trotzdem Kostproben des schrägen und köstlichen Humors ohne jegliche Bitterkeit, der auch seinen aktuellen Roman ausmacht.

Die Buchpreisträger-Rede, für mich eine eher dröge Pflichtveranstaltung, wird dieses Jahr zu einem besonders eindrucksvollen und berührenden Moment.

 

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