Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

Nina Kunz denkt »Ich denk, ich denk zu viel«

Habt ihr hier auch gleich den Song von Christian French im Ohr? So oder so spricht dieser Buchtitel wohl vielen aus der Seele. Alles nur in deinem Kopf »Mein Gehirn fühlt sich immer so an, als wären zehn Tabs gleichzeitig offen.« (57) Nina Kunz schreibt in »Ich denk, ich denk zu viel« aus der Perspektive einer mitteilungsbedürftigen, hypochondrischen Nerdin, dessen beste Freundin ihre Oma ist und mit der man sich augenblicklich gemein macht. Angenehm ist dabei, dass die Zürcherin nicht wie so viele vor ihr postwendend die nihilistische Generation, den neuen Zeitgeist der ausgebrannten Postmoderne ausruft. In kurzen, sehr persönlichen Anekdoten und Überlegungen interessiert sie sich neben gesellschaftlichen Phänomenen auch für Sprachfeinheiten.   Weltschmerz: Die drei großen S »Alles begann damit, dass ich anfing, über meine Alltagsängste nachzudenken. (…) Warum da diese Enge in meiner Brust ist und der Stress-Tinnitus in den Ohren pfeift, obwohl ich doch all diese Privilegien hab. Ich schrieb über die Angst, das Leben online zu vergeuden, über die absurde Überidentifizierung mit meinem Job, Identitätsfragen, die Suche nach meinem Vater, den …

Anne Weber »Annette, ein Heldinnenepos«

»Annette ist Pazifistin, bis sie mit fünfzehn / lieber Terroristin werden will.« (20) Träger des Deutschen Buchpreises 2020 Anne Weber hat die realhistorische Person Annette Beaumanoir tatsächlich kennengelernt und einige Gespräche mit ihr über ihr Leben geführt. Entstanden ist eine Geschichte über ein langes politisiertes Leben, über die Résistance und den Algerienkrieg, Gefängnis und Exil, über Gerechtigkeit und privates Glück, die richtigen Ziele und Gründe. Ist Annette Heldin oder Terroristin? Ein Niemand, eine Träumerin, eine Retterin? Nichts ist sicher. »Ja. So kann es sein. Die Wahrheit ist, dass wir / die Wahrheit gar nicht kennen, aber Grund haben / zu denken, dass sie einige Widersprüche und / mindestens zwei Fassungen umschließt.« (96)   »Einstweilen gilt leider: abwarten und radfahren.« (25) »Anne Beaumanoir ist einer ihrer Namen. / Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als auf / diesen Seiten, und zwar in Dieulefit, auf Deutsch / Gott-hats-gemacht, im Süden Frankreichs. / Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie. / Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.« (5) Annette (sprich …

Liebeserklärung von Katja Oskamp: »Marzahn, mon amour«

»Heldinnen des Alltags« (91) Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an den oft belächelten Plattenbau-Kiez am östlichen Rand von Berlin, ein Buch über das Leben und Altern jenseits der Ringbahn; darüber, was unsere Füße über uns erzählen können – ein Buch, genauso lustig und tragisch und schräg wie das Leben. Erzählt wird von Katja Oskamp, einer Schriftstellerin, deren Erfolg und Elan mit Mitte Vierzig verebben – das Leben gerät ins Stocken, wird fad, die Enttäuschungen häufen sich und etwas Neues ist nicht mehr in Sicht. Der Mann ist schwer krank, die Kinder aus dem Haus, und was eine solide und banale Midlife-Crisis sein könnte, nimmt sie als Gelegenheit. Was von außen nach Scheitern aussieht, ist für Katja Oskamp ein neues Leben und Quelle der Inspiration: Sie wird Fußpflegerin in einem kleinen Studio in Berlin-Marzahn, ein Arbeiterkiez voller Rentner:innen aus der ehemaligen DDR.   »Vielleicht stammt aus jener Zeit die Einsicht, dass das Leben ein Verlustgeschäft ist.« (88) Hier kommen die Geschichten zu ihr, manchmal in Form von ritualisierten Gesprächen mit Stammkundinnen, die ihre Vergangenheiten mit sich …

Ein Recherchejournal über das
Begehren: »Aus der Zuckerfabrik« von Dorothee Elmiger

Die europäische Lust auf das süße Leben »E. West, S. 67: ›2. Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.‹« (40) Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat es mit ihrem neuen Buch – ob es sich dabei in meinen Augen tatsächlich um einen Roman handelt, wird noch zu klären sein – auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft und war auch für den Schweizer Buchpreis nominiert, der an Anna Stern für »das alles hier, jetzt« ging. Stilistisch ist »Aus der Zuckerfabrik« hoch bemerkenswert: Hier wird ein Text bewusst am Rande aller Gattungen angelegt, als Grenzgänger und Gattungskreuzer zwischen Recherchebericht, Journal und hochkomplexem Roman, der durch Erzählsituationen und Modi springt, seine Poetologie vielfach metareflektiert und eine schwer greifbare Erzählerin einsetzt, die sich immer wieder ins Spiel bringt und gleichzeitig diskreditiert und entzieht. Zu allem Überfluss ein Text über ein Thema, das so sehr assoziativ ausfranst, dass es allen Beteiligten …

Helena Adler »Die Infantin trägt den Scheitel links« – nichts für Angsthasen und Faultiere!

Sippe und Dorf – (k)ein Anti-Heimatroman Räubertochter, Höllenbrut, Satansbraut – so nennt man sie im Dorf. Sie selbst bevorzugt den Adelstitel »Infantin«. Und sie fackelt nicht lang: Schon im ersten Kapitel brennt die Sechsjährige das halbe Gut der Eltern nieder. Als Sprössling einer Familie, die seit Generationen Bauern sind, hält die österreichische Provinz wenig Idylle für die Protagonistin dieser morbiden und derben Erzählung bereit. Von den tyrannischen Zwillingsschwestern, dem Trinker-Vater und unter der strengen Regentschaft der Hofdrachen-Mutter fühlt sie sich unverstanden und nicht zugehörig, bevorzugt die Gesellschaft der Hoftiere. Vor den Augen der Infantin verwandeln sich die eigenen Familienmitglieder zu einem Rudel aus fleischfressenden Bestien. »Meine Mutter rastet nicht, habe ich immer geprahlt. Und wenn sie rastet, dann rastet sie aus.« (24) Mit erzählerischer Sprengkraft und satirisch überhöht schreibt Helena Adler von einer Familie, die so gar nicht alltäglich oder harmonisch ist und schickt ihre Figuren auf eine geradezu absurde Abwärtsspirale. Die Autorin setzt stets noch einen drauf, was in ihrer verqueren Logik bedeutet, dass es für alle steil abwärts geht. Eskapaden, Zerstörungswut, Psychiatrie, Gefängnis. …

Mercedes Spannagel »Das Palais muss brennen« – vom uralten Kampf
Gut gegen Nazi

Krieg den Palästen! Dieser schmale Band, Spannagels Debüt, ist eine kurzweilige, sehr unterhaltsame Erzählung, die man mit Freude in einem Rutsch schmökert. Die Cover-Schönheit steht außerdem auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2020. Mit bitterbösem Humor schießt diese Pointen-Kanone wild um sich und verschont dabei niemanden. Satirisch überhöht und mit einem guten, groovigen Sound legt die Wienerin eine dicht gestrickte Story vor, die in ihrem Spiel mit Klischees eingebettet in pamphletistische politische Statements vom Schlag der Kling’schen Känguru-Reihe ist. Die linke intellektualistische Brut dreht als Nachwuchs der rechtskonservativen morallosen Elite völlig frei. Ein riesiger, abgründiger Spaß! »Unsere Herzen waren dicke Kinder, die auf dünnem Boden sprangen. Alles bebte.« (79)   Party im Palais: Ein Mopsbaby sorgt für reichlich Wirbel Jurastudentin Luise besorgt sich einen Mops, er heißt Marx und ist eine Trotzreaktion auf den neunten Windhund der Frau Bundespräsidentin, ihrer rechtskonservativen Mutter. »Wie kann man als Kind dieser Mutter nicht dramatisch werden oder selbstmordgefährdet?« (33) Genau wie ihre Schwester Yara und umgeben von einem bunten Haufen Pseudo-Künstler*innen begehrt Luise gegen ihre Mutter als Stellvertreterin des …

Liebe und Terror in Paris: »Oberkampf« von Hilmar Klute

Ich sollte vorwegschicken, dass Klutes Romandebüt »Was dann nachher so schön fliegt« unter meinen schönsten Lektüren überhaupt rangiert und dementsprechend hab ich mich mit hoher Erwartung und hoher Meinung vom Autor an dieses Buch gewagt, an das ich so viel Vorfreude gehängt habe – so musste es vielleicht unvermeidlich eine Enttäuschung werden. »Je suis Charlie« »In Paris wird die Welt nicht untergehen, dachte Jonas und musste über den Satz lachen, weil er wie eine Verheißung klang.« (9) Jonas, Mitvierziger, Germanist und selbsternannter »Experte für verpasste Chancen« (15), ein Zögerling und Zyniker, der eine gewisse Faszination für eitle Männer hegt und es sich in der Bequemlichkeit des bürgerlichen Alltags kuschelig gemacht hat, will jetzt nur noch eins: nichts wie weg. Seinem mittelmäßigen, lauwarmen, von Langeweile und Desinteresse geprägten Leben entkommen, das er sowohl beruflich in der selbstgegründeten Vermittlungsagentur wie privat mit Ehefrau inklusive Mini-Rosenkrieg vor die Wand gefahren hat. Er ergreift die erstbeste Gelegenheit, sich in ein neues Leben nach Paris zu flüchten. Oder besser gesagt in ein anderes Leben, denn in Frankreich ist er in …

Lorenz Just steht »Am Rand der Dächer«

Auf den Straßen der Kindheit Dieser Kindheitsroman spielt im Berlin der 90er Jahre bis zur 2000er-Wende und kippt dann in ein Pubertätstagebuch der Langeweile. Sein größtes Manko ist ein atmosphärisches Zeitkolorit, auf das man vergeblich wartet. So ist es nur eine im luftleeren Raum schwebende kleine Geschichte, die sich gar nicht erst um Handlung bemüht. Doch auch den Figuren kommt man nicht nahe genug, da der Autor gebührlich Abstand hält und sich hinter einer Erzählerfigur aus der Zukunft versteckt, die sich nicht recht erinnern und auch nicht mehr nachfühlen kann, wie es war, klein zu sein. »Wahrscheinlich, dachte ich, sollten wir mehr miteinander sprechen. Mit Sicherheit haben wir ja auch viel mehr miteinander gesprochen, waren in Wahrheit doch ununterbrochen miteinander ins Gespräch verwickelt. Anders kann ich es mir gar nicht vorstellen. Aber wer kann schon Gespräche in Erinnerung behalten? Deswegen schweigen wir heute so viel, wenn ich über uns schreibe. Wortkarge Kinder, die sich wie in einem Wildwestfilm durch ihr kaputtes Viertel bewegen.« (168)   Kids in the City Andrej hat einen Bruder Anton und …

Eine »Doppelte Spur« führt
Ilija Trojanow in die Widersprüche von Politik, Geheimdiensten und OK

Der investigative Journalist, der vom Namen dem Autor Trojanow gleicht, wird gleichzeitig von zwei anonymen Whistleblowern kontaktiert – eine doppelte Spur aus dem russischen und amerikanischen Geheimdienstlager. Ein ganz großes Ding. Eine Manipulation? Ein gefährliches Spiel! Aber warum gerade er? Und wie verpackt man hunderte komplizierter Dokumente hochkomplexen Inhaltes in eine plausible Erzählung, die die Welt angeht? Wie bekommt man das Chaos des politischen Alltags zu greifen? »›Ich möchte hören, wie Sie die Lage einschätzen.‹ ›Schlimmer noch.‹ ›Schlimmer als Notstand?‹ ›Kurz vor der Katastrophe.‹ ›Welcher?‹« (24)   »Mir schwante Sisyphus.« (22) Zusammen mit seinem russischstämmigen amerikanischen Journalistenkollegen Boris und der umwerfenden Dokumentarfilmerin Emi macht sich Ilija an diese unmögliche Aufgabe. Gemeinsam gehen sie den unzähligen, teilweise widersprüchlichen Spuren nach und landen mitten drin im tiefsten Sumpf aus Korruption, Unterschlagung und Veruntreuung, Schmier- und Schutzgeldbergen, Steuer- und Aktienbetrug, Geldwäsche, Kreditwucher und unzähligen anderen kreativen Wegen der Gier, wo es von Fake News, Wahlmanipulation, Waffen-, Menschen- und Drogenhandel, illegalem Glücksspiel, Kindesmissbrauch und Auftragsmorden nur so wimmelt – den vielfältigen Auswüchsen der Organisierten Kriminalität (OK). Die drei verheddern …

»Unfog Your Mind« empfiehlt Leander Greitemann gegen Mindfuck, Mindfog und Co.

Als Wolkenfänger gegen den Nebel vorgehen Ratgeber kommen uns äußerst selten in die Tüte… Dieses herrlich gestaltete Sachbuch vom selbsternannten „Live-Philosophen“ Leander Greitemann dagegen, hat uns neugierig gemacht. Wie umgehen mit dem Nebel in unseren Köpfen, der uns die Gedanken und Tage verhagelt? Achtsamkeit, Mindfulness – das ist was für Yoga-Tanten? Weit gefehlt. Denn in »Unfog Your Mind« erzählt Greitemann nicht nur äußerst humorig und zum Bersten – fast schon manisch – gefüllt mit Wortwitz und Sprachspielen von den Tiefschlägen, Sackgassen und Arschlochtagen im Leben, sondern gibt auch eine Menge Tipps, Life-Hacks, Lektüreanregungen und simpler Experimente zum Nachmachen und Besserwerden. »Haben oder Sein?«, das ist hier die Frage In 20 Kapiteln geht er verschiedenen Aspekten typischer Alltagsprobleme mit sich selbst und anderen nach, umkreist dabei aber immer wieder dieselben Kernaussagen seiner Philosophie: »Unfog Your Mind« ist ein Aufruf, in Zukunft etwas mutiger zu sein und Sachen anders, neu zu machen. Dabei gibt er gute Tipps an die Hand, wie man Angst, Zweifel und Wut, die einen daran hindern, überwinden kann. Oder wie er selbst es …