Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

Valerie Fritsch »Herzklappen von Johnson & Johnson«

»Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Schmerzes.« (Nabokov) Valerie Fritsch wartet mit zarter Sprache im schmalen Büchlein auf, hier wird sehr dicht erzählt, glühend, rührend, sprachlich überwältigend. In »Herzklappen von Johnson & Johnson« werden schlaglichtartig das Leben von vier Generationen einer Familie beleuchtet, zusammengehalten durch ein transgeneratives Trauma, die Kriegsschuld, die in den Nachkommen auf unterschiedliche Weise fortwirkt. Der Großvater, der den Anstoß für diese Verkettung liefert, muss als junger, verängstigter Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen und kommt dann als Kriegsgefangener in ein russisches Kohleschacht-Arbeitslager, wo er Lebenshunger, Zeitgefühl, Glaube und Hoffnung verliert: »Der Krieg war kein guter Ort, Mensch zu sein und Mensch zu bleiben. Und ein unmöglicher für einen Gott.« (43) »Er stand da am Bahnsteig im Kreis der Spätheimkehrer, ein paar Toterklärte, die noch nichts wussten von ihrem Tod, wie Gespenster in ihrer Mitte, und verstand die Welt nicht mehr, an die sich der Rest bereits wieder gewöhnt hatte, an den Frieden und den neuen Staat. Er war ein Relikt aus einer Zeit, an die man sich mit dem …

Ein Leben in »Serpentinen« – Bov Bjergs Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte

Wie ein guter Vater sein, wenn die ganze Familiengeschichte voll mit schlechten ist? Es ist die begierig ersehnte Fortsetzung von »Auerhaus«. 30 Jahre sind vergangen seit den Abenteuern dieser schrägen Wohngemeinschaft und Friedas plötzlichem Tod und mittlerweile ist Protagonist Höppner Hühnerknecht, wenn auch reichlich spät, selbst Vater geworden. Er geht bereits auf die 50 zu und holt so seinen Vater ein, der noch vor Erreichen der Lebensmitte Suizid begangen hatte. Nun nimmt Höppner seinen noch recht jungen, namenlos bleibenden Sohn mit auf einen Ausflug in seine Heimat – irgendwo in Baden-Württemberg. »Ich hatte nicht gedacht, dass ich noch Vater werden würde. Ich entschied mich für ein Kind, weil ich glaubte, dass ich weiterleben wollte. Was war, wenn ich mich geirrt hatte?« (125) Es ist deprimierend: Der Hang zum Suizid liegt bereits in der Familie und beherrscht auch Höppners Gedanken und auch seinen besten Freund Frieder hatte damals eine Depression in den Tod getrieben. Nun, auf den Spuren seiner Vergangenheit wandelnd, ist der alkoholkranke Höppner besessen von dem Gedanken, seinen Sohn und dann sich selbst umzubringen, …

Cihan Acar »Hawaii«

»Willkommen in der Minderheit.« (9)   Vier Tage in Heilbronn. Der 21-jährige Ex-Fußballstar Kemal muss nach einem Unfall zurück in sein altes Leben im Problembezirk Hawaii, der mit dem Urlaubsparadies so gar nichts gemeinsam hat und wo die türkische Community mehr oder weniger unter sich bleibt. In ›Heilbronx‹ geht es rau zu, es handelt sich angeblich um die hässlichste Stadt Deutschlands – eine Kriegsversehrte, die neben der Fließbandarbeit bei Audi oder Knorr viel Betontristesse und Fremdenfeindlichkeit zu bieten hat. Kemal irrt vier Tage und Nächte durch die Straßen seiner Stadt und trifft auf alte Freunde und neue Feinde, steht auf Hochzeiten herum, geht ins Wettbüro und in den Stripclub, besucht seine Eltern und sucht nach einem Neuanfang, einer möglichen Zukunft – jetzt, wo es sich mit dem Fußball und dem Ruhm erledigt hat. Sein geliebter Jaguar steht kaputt in der Tiefgarage, Kemal kommt regelmäßig, um mit ihm zu reden und ihn zu besänftigen, aber er ist einfach zu pleite und kann die Reparatur nicht stemmen. Ist aber auch zu stolz, um Hilfe anzunehmen und für …

Steffen Schroeder »Mein Sommer mit Anja«

Eine herrliche, intensive, berührende Geschichte eines Sommers in den 80ern und einer besonderen ersten Liebe – Coming-of-Age vom Feinsten! Die Könige des Freibads Konni heißt eigentlich Konrad. Er ist vierzehn, lebt mit seiner Familie in München und ist der einzige Freund von Holger, der bei seiner Geburt mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde und deshalb eine leichte körperliche wie geistige Beeinträchtigung hat. Die anderen haben wahlweise Mitleid, Berührungsängste oder piesacken Holger. Dabei übersehen sie, dass Holger zwar eingeschränkt, aber nichts desto trotz die pure Lebensfreude und Ehrlichkeit ist und außerdem ein richtig guter Freund. Jetzt sind Sommerferien und die beiden verbringen ihre Tage im Freibad am Eisbach. Fürs Liederträllern als »Rentner-Jukebox« gibt es Pfandflaschen, die augenblicklich in Dolomiti-Eis umgewandelt werden. »Die Leute hatten eine gewisse Vorstellung von einem geistig Behinderten. Und Holger bot den Leuten bereitwillig genau das, was sie erwarteten. Er mochte vielleicht behindert sein, aber blöd war er nicht. Wenn wir über die Liegewiese liefen und ich ihm zuraunte: ›Spastblick!‹, zog er sofort den linken Mundwinkel eigenartig nach unten, rollte mit den Augen …

Büke Schwarz entscheidet sich für »Jein«

»Kunst hat mit Moral nichts zu tun. Kunst hat mit Demokratie nichts zu tun. Kunst ist Kunst!« (208) Die Graphic Novel »Jein« ist Büke Schwarz‘ Debüt, hier erzählt sie von einer jungen deutsch-türkischen Künstlerin in Berlin, die in ihren Gemälden Geschichten erzählen möchte und sich sicher ist, dass ihr Werk nichts zu tun hat mit dem Heimatland ihrer Eltern. Doch das ändert sich mit dem viel diskutierten Verfassungsreferendum am 16. April 2017, bei dem 51 % der Türk*innen für evet, für Ja zu der Präsidentschaftsreform von Erdoğan gestimmt haben und ihm damit die Macht verliehen, Stück für Stück die Demokratie in der Türkei auszuhöhlen.   Die Ausstellung, die zum Gewinn der vier Kunststipendiat*innen zählt, zu denen auch Elâ gehört, trägt ebenfalls den Titel »Jein« und will so die Stellungnahme verweigern, was in der heutigen Zeit einer Provokation gleichkommt. Und trotz dieser Verweigerungsstrategie versteht sich die Protagonistin Elâ hier zum ersten Mal als politische Künstlerin, selbst wenn sie den Begriff an sich problematisch findet. Nicht zuletzt die Medien zwingen sie, sich zu den Entwicklungen in der …

Kathrin Weßling »Nix passiert«

Wer bin ich ohne dich? Alex wurde von Jenny verlassen. Was sich in der akuten Liebeskummer-Phase anfühlt, wie ein Kettensägenmassaker an seinem Herzen, ist einfach der Anfang einer neuen Lebensphase. Wer kennt es nicht? Man aalt sich in Selbstmitleid, verloddert, verheult, Trash-TV, Stalking auf Social Media und man kann sich einfach nicht vorstellen, dass das Leben weitergehen wird. Jemals wieder Freude? Jemals wieder lieben? Alles ausgeschlossen. Man selbst der einzige Single auf der Welt, ein Freak, das Leben nicht im Griff. Alles, was man will, ist, dass NIX PASSIERT. Weil in einem gefühlsmäßig schon der dritte Weltkrieg tobt. Die Welt soll pausieren, damit man genug Zeit zum Leiden hat. Bis das irgendwann unerträglich wird, »bis man endlich kapiert: Es ist vorbei. Es ist nicht nur vorbei, sondern es wird auch vorbei sein, Futur zwei für immer« (211) und man alle Sachen seiner*s Ex wegschmeißt und endlich mal wieder duscht. »Du hast mir das Herz nicht gebrochen, nein, das wäre dir ja zu wenig, das ist ja nicht doll genug, nicht krass genug, da muss die …

Leif Randts Hipsterepos »Allegro Pastell«

Randts vierter Roman war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 und hat ein starkes Medienecho ausgelöst. Was sein Verlag als »Germany‘s next Lovestory« bewirbt, ist im Grunde eher das kaum erträgliche, sehr traurige Bild einer beziehungsunfähigen, konsumgeilen Generation von Egomanen, gekleidet in streckenweise ziemlich ermüdende Sätze. Tanja Arnheim und Jerome Daimler führen eine Fernbeziehung – sie Berlin, er Maintal bei Frankfurt –, die dennoch makellos wirkt. Sie bleiben über eine permanente Social-Media-Kommunikation verbunden, erzählen sich aus ihren Leben – lässig, witzig, nachdenklich. An den meisten Wochenenden besuchen sie sich, gehen ins Kino, auf Hauspartys, Essen oder machen ihre obligatorische Schweige-Teezeremonie auf Tanjas Balkon. In diesen Momenten kultivieren sie das, was Tanja „vorauseilende Wehmut“ nennt. Wichtig ist ihnen eine enge, stabile Bindung, aber bloß existenziell darf es nicht werden. Abhängigkeit ist so unsexy. Bei beiden stehen regelmäßig sexpositive Clubnächte und kontrollierter Drogenkonsum auf dem Freizeitplan, dem richtigen Lifestyle zuliebe. Beide sind sie hip, jung, erfolgreich und extrem stilsicher. Tanja genießt als die Autorin von »PanoptikumNeu«, ein Buch über eine sinnstiftende Virtual­Reality­Erfahrung, Kultstatus. Im Moment …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

»Flexen. Flâneusen* schreiben Städte«

»Das Wort Flâneuserie gibt es nicht, in keinem Wörterbuch. Mich aber gibt es.« Diese Anthologie, herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Ronya Othmann, Mia Göhring und Lea Sauer, erzählt davon, was Frauen* erleben, wenn sie in Städten unterwegs sind. Oder warum sie es nicht sind. Neben denen der Herausgeberinnen versammelt der Band Beiträge von 26 weiteren Autor*innen, darunter etablierte Namen wie Bettina Wilpert, Svenja Gräfen und Anke Stelling. Flexen, das klingt nach Heimwerkern und schwerem Handwerk. Das klingt hart, nach Schweiß und brechendem Widerstand und das klingt vor allem männlich. Nun hat das Wort Flexen neben der landläufig bekanntesten noch eine Reihe weiterer Bedeutungen: biegen, Sex haben, das Variieren der Geschwindigkeit beim Rap, die Muskeln anspannen, seine Muskeln zur Schau stellen und die Flâneuserie. Und damit sind wir schon mittendrin. »Flexen« hat es sich zur Aufgabe gemacht, der starken literarischen Tradition des männlichen Flaneurs aus westlicher, weiß-männlicher Feder etwas entgegenzusetzen. Flexen, das ist aktiv. Ein neues Wort, ein nützliches. »Braucht es dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, …

Katja Lewina »Sie hat Bock«!

»Überraschung! Frauen wollen auch ficken.« (35) Katja Lewina ist Sex-Bloggerin, bisexuell und lebt in offener Ehe – vor allem aber schreibt sie sehr unterhaltsam über das Patriarchat, Sexismus und mögliche Lösungen. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem weiblichen Genital, Lust und Orgasmus, Schönheitsansprüchen, Rollenzuschreibungen, Single-, Fat-, Victim- und Slut-Shaming, Rape Culture, Prostitution, Porno und Unterwerfung, dem Ideal der Monogamie oder wie Laurie Penny es nennt »Alles mit Einem für immer«, #metoo, »Ja heißt Ja« und der Deutungshoheit über die Geschlechter. Dabei beweist sie nicht nur einen wachen Blick und eine fundierte Kenntnis der feministischen Literatur, sondern trumpft vor allem mit einem sehr persönlichen, energiegeladenen, frechen Sound auf. Auf angenehme Art flechtet sie zu jedem Unterthema eine Anekdote aus ihrer Vergangenheit ein und verleiht dem essayistischen Manifest so auch eine erzählerische Qualität. Wovon reden wir eigentlich? Bei der Benennung fängt das Schlamassel ja schon an. Für das weibliche Genital gibt es kein Wort, mit dem wir uns wirklich wohl fühlen würden. Muschi, Pussy, Mumu, Möse? Alles Käse. Eine Scheide, die dadurch definiert ist, ein Behältnis …