Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

Christoph Heins »Verwirrnis«

Nach »Glückskind mit Vater« und »Trutz« ist nun der neue Christoph Hein da! Der mit zahlreichen Preisen dekorierte große Gegenwartsautor wird einmal mehr zum eindrucksvollen Chronisten deutscher Geschichte. »Verwirrnis« erzählt bewegend von der verbotenen Liebe zwischen zwei Jungen aus dem katholischen Heiligenstadt in Thüringen während der 1950er Jahre. Ein Gay-Roman, der Coming-of-Age-Geschichte, Zeitportrait der zwei deutschen Staaten und Milieustudie verbindet, der Fragen der Religiosität, Moral, der menschlichen Natur, Scham und der unentrinnbaren Folgen von Erziehung und Elternhaus in den Blick nimmt, aber der vor allem die Kraft und Ohnmacht der Liebe bebildert. Friedeward liebt Wolfgang Friedls Kindheit in den 30er und 40er Jahren wird überschattet von seinem strengen, konservativen Vater Pius, der körperliche Züchtigung für sowohl angemessen als auch notwendig in der Erziehung hält. Das Familienoberhaupt hat wenig übrig für Anerkennung oder Lob, seine Liebe lässt er seine Familie nicht spüren, sodass sie diese ganz in Frage stellen. Von seinen Kindern und sogar von seiner Frau Hedwig wird Oberlehrer Pius gefürchtet und schließlich auch gehasst. Der Siebenstriemer, eine mit Lederschlaufen versehene Peitsche, sorgt seit Generationen …

Wolf Wondratschek zeichnet ein »Selbstbild mit russischem Klavier«

»Suvorin spielte. Er war ein Spieler.« (S. 108) Was nach einem Gemäldetitel klingt und sofort entzückende Assoziationen hervorruft, Farben und Klänge in meinem Kopf entstehen lässt, ist die Geschichte des russischen Pianisten Suvorin. Oder zumindest das, woran er sich davon noch erinnern kann. Der Berufsmusiker, der seinen Lebensabend im Wiener Exil verbringt und schon lange nicht mehr spielt, erzählt einem fremden Zuhörer aus seinem Leben in Moskau und Leningrad, von Widerstand und Verzweiflung, seiner Liebe zur Kunst und dem Wesen der Zeit. »Ein alter Russe in Wien, ein trockener Trinker, ein, wie er sich selbst einmal genannt hatte, trockener Pianist, in Sicht das nicht mehr ferne Ende eines Erdenlebens. Es schien ihn diese Sache aber im Moment nicht zu beschäftigen. Noch war er am Leben, wenn auch nicht mehr ganz im Takt mit ihm, fühlte die Wärme in seine Knochen eindringen und bis in die Füße hinunter in seinen Körper.« (S. 99f.)   Zusammen mit einer Werk-Ausgabe seiner Gedichte erscheint der neue Roman von Kultautor Wolf Wondratschek, der allein schon durch die enorme Vielfalt seines …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»Der Platz an der Sonne« von Christian Torkler

Christian Torklers Romandebut »Der Platz an der Sonne« erweckt ein verblüffendes Gedankenexperiment zum Leben: Was wäre, wenn nicht wir die Privilegierten wären? Kurzerhand verkehrt der Roman die weltpolitischen Zustände ins Gegenteil und schreibt gleich eine komplett neue Historie. Josua Brenner ist 1978 in der Neuen Preußischen Republik geboren und entscheidet sich schweren Herzens aus dem von Korruption zerfressenen, wirtschaftlich und infrastrukturell am Boden liegenden Berlin ins reiche Afrika zu fliehen. Eine entbehrungsreiche und lebensgefährliche Odyssee, an deren Ende die Vertreibung aus dem Paradies steht, ein Mensch verurteilt zu einem Leben in der Illegalität. Diese so simple wie geniale Grundidee zwingt den Leser, die Opferperspektive des Flüchtlings für sich zu übernehmen, und das funktioniert glänzend, ist erschreckend und bringt eine ganz andere Form von Empathie hervor, als Geschichten von arabischen oder afrikanischen Flüchtlingen zu lesen, die sehr viel näher an der aktuellen Wirklichkeit sind. Dieser makabre Kommentar zur immer noch schreibend brisanten Flüchtlingsproblematik, soll nicht nur Mitleid erzeugen. Der Roman führt einem auf großartige Weise vor Augen, dass alles auch umgedreht sein könnte, dass nichts als …

»Die Wahrheit über das Lügen«
von Benedict Wells

Der umfeierte deutsche Autor Benedict Wells liefert nach seinem großen Erfolg mit »Vom Ende der Einsamkeit« endlich wieder neuen Lesestoff! Zehn Geschichten aus zehn Jahren erzählt er in seinem Buch »Die Wahrheit über das Lügen«, welches heute im Diogenes Verlag erscheint. Ein Sammelsurium von ausschweifenden Ideen, am Rande stehenden Einfällen, bisher noch unbeleuchtete Gassen im großen Labyrinth einer anderen Geschichte. Der Geschichtenband als Ort für alles Übriggebliebene. Die 10 Geschichten sind thematisch sehr vielfältig – von lebensverändernden Situationen wie einer mysteriösen Wanderung oder dem Kuss einer Muse, hin zu einem absurden Ping Pong Spiel auf Leben und Tod, endend bei autobiographischen Erinnerungen an die Zeit im Grundschulheim, liefert das Buch eine bunte Palette aus knalligen und skurrilen, aber auch dunkelfarbigen, traurigen Erzählungen. Überzeugen konnten jedoch nicht alle Geschichten: zu unoriginell, verkitscht oder abstrus kommen sie daher. Teilweise sind sie viel zu kurz, wodurch die Geschichte nicht rund und einfach unfertig wirken.   Zu den schöneren Geschichten gehören zwei, die dem Kosmos rund um Wells’ »Vom Ende der Einsamkeit« entspringen. »Die Nacht der Bücher« ist eine …

Maxim Biller öffnet »Sechs Koffer«

Familiengeheimnisse und Lebenslügen: großer Verrat im Hause Biller »Sechs Koffer«, der neue Roman des streitlustigen Polemikers und »Esra«-Skandalautors Maxim Biller, genießt bereits viel Aufmerksamkeit. Besprochen im »Literarischen Quartett« vom 10.08. und sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat es die Familiensaga geschafft, die vom Anfang der 60er Jahre bis in der Gegenwart reicht und trotzdem mit knapp 200 Seiten auskommt. Familie Biller ist gebeutelt von der Härte der Zeit, zerrissen und verstritten wegen einer folgenschweren Denunziation, drückendes Schweigen, halbe Wahrheiten und ganze Lügen prägen die zerrütteten Familienmitglieder. Die sich widersprechenden Behauptungen befeuern die Spekulationen des kleinen Ich-Erzählers, wer seinen Großvater Tate an den KGB verraten hat und so an seiner Hinrichtung Schuld trägt. Was nach Krimi klingt, ist eigentlich viel mehr eine tragische Familiengeschichte mit detektivischen Zügen, eingebettet in das grausige Portrait des Kalten Kriegs und der Zerrissenheit der Welt. Maxim Biller nimmt sich eines großen Stoffes an und umkreist einen historischen Verrat. Sechs Koffer, sechs Perspektiven Jedes Kapitel widmet der Autor einem anderen Familienmitglied, es werden mosaikartig einzelne Szenen und Erinnerungen verwoben, dabei …

Überraschend cool: Hilmar Klute »Was dann nachher so schön fliegt«

Wer hätte das gedacht? Das literarische Debut des SZ-Redakteurs Hilmar Klute (Streiflicht) ist ein unerwarteter Volltreffer: klug, witzig, frech, jugendlich! Kalter Krieg und das geteilte Deutschland bilden den historischen Hintergrund und Zeitcouleur für diesen Roman. »Das waren die Männer, die diese Republik am Laufen hielten. Kalter Krieg, kalte Schnauze, kalter Kaffee.« (S. 31) Bochum 1986: Volker Winterberg ist zwanzig und macht gerade seinen Zivildienst in einem Altenheim, doch eigentlich träumt er davon, vom Schreiben leben zu können, vielleicht sogar eines Tages einer der Großen zu werden – und schließlich macht der junge Möchtegern-Lyriker ernst. »Ich wollte es so machen wie die ganz Großen, für jeden Vers dreißig Fassungen schreiben und diese noch mit Querverweisen, französischen Flüchen und fünf Alternativwörtern versehen. Ich wollte ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf, der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach. Ja, Rühmkorf hatte recht: Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden! (S. 12) Während seines Zivis auf der Demenzstation prallt der junge, hoffnungsvolle und lebenshungrige Volker auf das sinnentleerte Siechtum …

Robert Seethaler »Der Trafikant«

Robert Seethaler erzählt in »Der Trafikant« auf sehr zarte und verdichtete Weise von dem jungen Franz Huchel, seiner Liebe zu der Tänzerin Anezka und seiner Freundschaft zu Siegmund Freud im Wien Ende der 1930er Jahre. Ein schmaler wie ehrlicher Bericht aus düsteren Zeiten Mittelpunkt, Keimzelle und pulsierendes Herz dieser Geschichte ist die Trafik von Otto Trsnjek, ein kleiner Zeitungs- und Tabakladen in Wien nahe des Praters und der Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Professors Sigmund Freud. Der nicht einmal volljährige Franz Huchel verlässt im Spätsommer 1937 seine beschauliche Heimat, dem Salzkammergut am Attersee in Oberösterreich, um als Trafikanten-Lehrling in der Hauptstadt sein Glück zu suchen.   »Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.« (S. 199) Durch das tägliche Zeitunglesen und den kritischen Geist des alten, einbeinigen Trafikanten Otto erlangt der ungebildete Provinzbub immer mehr Wissen, Klugheit und Meinung zum politischen Weltgeschehen und Fragen von Anstand und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

Michel Decar zieht durch »Tausend deutsche Diskotheken«

»das ist ja eine einzige Komödie.« (S. 236) »Tausend deutsche Diskotheken« ist der Debutroman des Dramatikers und Hörspielregisseurs Michel Decars und kann als Parodie einer Detektivgeschichte verstanden werden. Im Vordergrund dieser rasanten und abgefahrenen Geschichte stehen allerdings weniger kriminologische Plotwendungen als vielmehr eine ausgeprägte dichte Atmosphäre und Zeitkolorit. Der Autor ist ganz verliebt in das Jahrzehnt der 80er, die Hochzeit der Diskotheken, und lässt das wilde Lebensgefühl einer Generation wieder aufleben. »Die Maschine lief auf vollen Touren, lief wie geschmiert, war geil unterwegs. Überhaupt waren alle geil unterwegs, griffen scharf an, legten hart nach, so einige hier waren fett im Geschäft, waren sich der Sache sicher. Die Armbanduhren zeigten drei, vier, fünf Uhr. Nach Hause gehen war keine Option, nach Hause gingen jetzt nur die ganz schlappen Typen. Die Lichtanlage gewitterte über die Tanzfläche, zeigte Jäger und Beute, wies den Weg zueinander, Schlaglichter im Dunkeln. An Aufhören war gar nicht zu denken, an Lockerlassen auch nicht, jetzt wurden Konzepte umgesetzt, Erwartungshaltungen erfüllt, jetzt wurden die dicken Tränen vergossen, die dicken Träume beerdigt, hunderttausend Schwangerschaften abgebrochen. …