Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

Friedemann Karig im »Dschungel« der Erinnerung

Zwei Teenager auf einer Klippe – den einen fasziniert der Abgrund und der Gedanke an den Sprung, der andere lernt das Fürchten vor diesem, seinem besten Freund. »›Es gibt keine Höhenangst, Herr Doktor‹, erklärt er mir. Seine Arme flattern wie zwei Flügel durch die Luft. ›Es gibt nur Fallsucht. Das ist keine Furcht. Sondern Lust! Der Sog der Tiefe. Der Reiz des letzten Schrittes.‹« (12) Was ihn daran reizt, ist der Mut. Zu wissen, dass man mutig genug für diesen letzten Schritt wäre. Der Mut, der dein Leben maximal zu vereinfachen vermag und Spaß erst möglich macht.   »›Eine Freundschaft wiegt nur so schwer wie die in ihr behüteten Geheimnisse.‹« (157) Felix ist der aller beste und einzige Freund des namenlosen Protagonisten. Jemand, zu dem er aufguckt, den er nicht enttäuschen will. Jemand, der seiner eigenen Existenz erst einen Sinn gibt. Eine Freundschaft, die über ein natürliches Maß an Abhängigkeit weit hinaus geht. Ins Pathologische hineinreicht. Mittlerweile sind die beiden erwachsen und unser Protagonist entscheidet sich zum ersten Mal gegen Felix, als dieser ihn bittet, …

Matthias Nawrat »Der traurige Gast«

Der Mann ohne Namen »Ich stand hier unten, die Türen des einfahrenden Zuges öffneten sich, ich stieg in die bunte Menge der nihilistischen Mörder und ihrer Opfer ein, ich setzte mich und dachte, dass es egal war – die Situation der Situationen wäre unumkehrbar.« (191) Der polnisch-deutsche Autor Matthias Nawrat führt in »Der traurige Gast« – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 – einen namenlosen Protagonisten vor, der bis zum Schluss eher eine Art Hülle bleibt, die mit den Geschichten anderer gefüllt wird. Er ist zu Gast in den Leben anderer, bleibt aber lediglich ein Flaneur, ein Beobachter, der die Angebote, aktiv und tatsächlich Teil ihrer Leben zu werden, immer wieder ausschlägt. Warum es sich bei ihm um einen traurigen Gast handelt, obwohl sein Leben gut, unauffällig zu sein scheint, ist wohl auch dem Ich-Erzähler selbst nicht klar. Der Protagonist bewegt sich in der polnischen Gemeinde Berlins und trifft im Laufe des Romans mehrere Fremde, die bereit sind, ihm ihre Geschichten anzuvertrauen. Dabei prägen ihn besonders die Gespräche mit der polnischen Architektin Dorota …

Yannic Han Biao Federer »Und alles wie aus Pappmaché«

»Aber so ist es nicht gekommen, weil es anders gekommen ist« (S. 10) Dieser Debutroman erzählt von dem Versuch mehrerer junger Menschen, sich und einen Platz in der Welt zu finden und will dabei einiges über die Zeit erzählen, in der wir leben. Der junge Autor macht dabei eine Zeitspanne von 15 Jahren auf. Beginnend im Jahr 2001 in der Badischen Provinz reicht die Erzählung fast bis in die aktuellste Gegenwart und springt immer wieder zwischen den Figuren und in der Zeit. Schlaglichtartig werden Blicke auf die Menschen einer lose zusammenhängenden Gruppe gewährt, wobei durch massenhaft Realitätspartikel ordentlich 00er-Jahre-Nostalgie aufkommt. Dabei ist schwer zu sagen, worum es eigentlich geht. Der Roman gleicht eher einem atemlosen Geplapper ohne wirklichen Plot, das inhaltlich an Telenovelen erinnert. Es geht um Bettgeschichten, Drogen, Wahnsinn und jede Menge Tratsch. Die ursprünglichen Klassenkameraden haben sich irgendwann alle aus den Augen verloren, doch Ich-Erzähler Jian arbeitet sich daran ab, was ihre gemeinsame Geschichte sein könnte. Bis alle Erzählstränge in ein unfreiwilliges Klassentreffen auf einer Beerdigung münden… Der Text kokettiert mit einer sehr zerstreuten …

Sarah Kuttner kennt ‘nen »Kurt«

»Also habe ich jetzt ein Haus und zwei Kurts. Im Grunde wie Pippi Langstrumpf.« (S. 46) Sehr treffsicher legt die lässige TV-Moderatorin Sarah Kuttner mit »Kurt« eine tragische Familiengeschichte vor, die ins Herz trifft, ohne je Gefahr zu laufen, ins Feld des Kitsches abzurutschen. Zwar nimmt sie sich des schweren Themas der Trauerbewältigung nach dem plötzlichen Tod eines nahestehenden Familienmitglieds sehr einfühlsam an, dabei erzählt sie aber auch augenzwinkernd und leichtfüßig. Man verliebt sich während der Lektüre zwangsläufig in Kurt, den großen und den kleinen, und dann gleich in diese ganze Truppe aus coolen, albernen, herzenswarmen Oranienburgern, was die Tragödie umso schwerer macht. Überwältigend und entwaffnend schön erzählt die Autorin so viel auf so kleinem Raum und vermeidet dabei gekonnt Kitsch und Pathetisches.   Alles Kurt! »Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtags-Kurt. (…) Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen, vor allem wenn Kurt schon extra aufs Land zieht. Und so pendelt das Kind nun wochenweise zwischen seinen beiden Oranienburger Zuhauses hin und her (…): …

Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen? »›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹ ›Dein Vater ist tot?‹ ›Nicht der. Der andere.‹ ›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹ Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18) Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht. »Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede …

Anja Kampmann »Wie hoch die Wasser steigen«

»Das Meer spuckte aus, was es nicht mehr brauchte.« (S. 45) Waclaw arbeitet seit zwölf Jahren auf verschiedenen Ölbohrplattformen auf hoher See, weit draußen im Niemandsland zwischen den Kontinenten. Seit zwölf Jahren hat er die Festlandwelt und dessen Bewohner hinter sich gelassen, wird diese immer bedeutungsloser und blasser. Sogar seine Mutter in diesem furchtbaren Heim und seine große Liebe Milena sind nichts als entfernte Erinnerungen. Doch als plötzlich sein bester Freund und Vertrauter Mátyás bei der Arbeit verunglückt, beginnt für Waclaw alles an Sinn zu verlieren. Er kehrt seinem Job den Rücken und irrt durch Europa auf der Suche nach Halt – zu müde, um ein neues Leben zu beginnen, aber auch in das alte lässt sich nicht zurückkehren. »Einige schafften es, nach ein paar Jahren aufzuhören. Sie legten, was sie verdient hatten, beiseite. Bauten Häuser – kehrten zurück in diese Welten, die über Jahre die Innenwände ihrer Spinde ausgekleidet hatten (…) Andere trieben ab. Ohne zu wissen, wohin die Strömung sie trug. Ohne zu wissen. In all dem war Mátyás einer der wenigen, der …

Helene Hegemann schaut auf Bungalows

»›Die Welt existiert nur dann, wenn sie auf der Kippe steht.‹« (S. 44) In »Bungalow« beschreibt Helene Hegemann die radikalen Selbstfindungsversuche der jungen Charlie, die zwangsläufig mit Selbstzerstörung und -verlust Hand in Hand gehen. Der Roman berührt durch seine beinahe zerstörerische Kraft, erzählt pessimistisch, schonungslos und bitterböse aus der Sicht der 17-jährigen Charlie von ihrer gestörten Kindheit. Denn ihr Leben als gebrandmarktes Kind durch die psychisch kranke, alkoholsüchtige Mutter ist geprägt von Angst und Scham gegenüber der überforderten Erziehungsberechtigten. Außerdem strotzt es vor Zerstörungswut, Panikattacken, voyeuristischen Streifzügen, Sexfantasien und Eskapaden bei einem nach Identifikation suchenden Schwanken zwischen den Extremen. Charlie wächst in einer tristen, immer apokalyptischer werdenden Welt auf und kämpft mit der Vernachlässigung und Gefährdung, die von ihrer unberechenbaren Mutter ausgeht. Verwahrlosung, Hungerleiden und Gewaltattacken – zu ihren ganz konkreten Ängsten fantasiert Charlie sich noch eine Hand voll fiktiver dazu. »Ich erkannte meine Mutter auch nicht wieder. Die Intensität meiner Ängste stieg proportional zur Abnahme ihrer Zurechnungsfähigkeit. Jede Nacht wurde zu einem Zustand ungezügelter Panik, ich halluzinierte Asteroideneinschläge und mit vergifteten Dolchen bewaffnete Einbrecher.« …

Julia von Lucadou »Die Hochhaus-springerin«

Alles nur zu unserem Besten?! »Die Hochhausspringerin«, Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018, ist ein psychologischer Roman und eine ergreifende, genau durchdachte Dystopie. Vorgeführt wird eine konsequente Tyrannei der Produktivität, eine Welt, in der sich alles um die Leistungserfüllung im Job dreht, und die gar nicht so weit entfernt scheint. Erzählt wird die Geschichte aus dem Observationsblick einer Psychologin, die ihre berühmte Patientin rund um die Uhr beschattet und in Echtzeit analysiert. Sie ist der Schatten hinter den Monitoren, die durch eingeweihte Mitspieler quasi-göttlich in das Leben der gefeierten Hochhausspringerin Riva eingreifen kann und diese wieder gefügig machen soll. Eine unkonventionelle, bahnbrechende Idee verspricht den Durchbruch in ihrem Therapiefall, doch dann droht ein Kontrollverlust nicht nur ein Leben in einer Abwärtsspirale aus den Fugen geraten zu lassen… Dancer of the Sky Nach einem ungewöhnlichen Einstieg in sehr filmischer Schreibweise, in dem wir Riva als Heroine des Himmels mit wehendem Cape in rasantem Sprung – der Star bei einem umjubelten Massenevent – kennenlernen, dann der krasse Bruch: Dieselbe Frau verlässt ihre Wohnung, die sie sich mit ihrem …

Hülle und Fülle: »Das Gedicht & sein Double«

Von Oberflächen und Innenwelten »Das Gedicht & sein Double« ist ein ganz besonderer Fund: Als Portraitfotoband und Gedichtanthologie in einem bildet dieses Formathybrid die Breite und Heterogenität der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ab. Alte, Junge, Etablierte und noch eher Unbekannte kommen gleichermaßen zu Wort, erhalten ein Gesicht und verleihen zugleich der lyrischen Gattung ein solches. Prominenteste Namen dürften da Jan Wagner, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Lutz Seiler, Anne Dorn und Özlem Özgül Dündar sein. Ein Großteil der Gedichte entstand exklusiv für diesen Band. 100 Dichterinnen und Dichter werden durch Dirk Skibas sinnliche Schwarz-Weiß-Portraits als Charaktere ins Bild gesetzt – fotografiert mit Sinn für Details und Augenblicke, aber auch metaphorischer Bedeutungstiefe. Ein Großteil der Autoren lässt sich direkt in die Augen blicken, wobei man stets etwas anderes in ihnen zu erkennen glaubt, und schaut die Leser gleichzeitig unverwandt an. »ich / gerinne nicht zu text.« (Aus: Carolin Callies »kleine grammatologie«) Zu der fotografischen Portraitsammlung gesellt sich jeweils eine poetische Reaktion bzw. textuelle Selbsterkundung des abgebildeten Künstlers. Beide Spielarten des Portraits kokettieren so und stehen in Wechselwirkung miteinander. Beide …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …