Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

Steffen Schroeder »Mein Sommer mit Anja«

Eine herrliche, intensive, berührende Geschichte eines Sommers in den 80ern und einer besonderen ersten Liebe – Coming-of-Age vom Feinsten! Die Könige des Freibads Konni heißt eigentlich Konrad. Er ist vierzehn, lebt mit seiner Familie in München und ist der einzige Freund von Holger, der bei seiner Geburt mit zu wenig Sauerstoff versorgt wurde und deshalb eine leichte körperliche wie geistige Beeinträchtigung hat. Die anderen haben wahlweise Mitleid, Berührungsängste oder piesacken Holger. Dabei übersehen sie, dass Holger zwar eingeschränkt, aber nichts desto trotz die pure Lebensfreude und Ehrlichkeit ist und außerdem ein richtig guter Freund. Jetzt sind Sommerferien und die beiden verbringen ihre Tage im Freibad am Eisbach. Fürs Liederträllern als »Rentner-Jukebox« gibt es Pfandflaschen, die augenblicklich in Dolomiti-Eis umgewandelt werden. »Die Leute hatten eine gewisse Vorstellung von einem geistig Behinderten. Und Holger bot den Leuten bereitwillig genau das, was sie erwarteten. Er mochte vielleicht behindert sein, aber blöd war er nicht. Wenn wir über die Liegewiese liefen und ich ihm zuraunte: ›Spastblick!‹, zog er sofort den linken Mundwinkel eigenartig nach unten, rollte mit den Augen …

Büke Schwarz entscheidet sich für »Jein«

»Kunst hat mit Moral nichts zu tun. Kunst hat mit Demokratie nichts zu tun. Kunst ist Kunst!« (208) Die Graphic Novel »Jein« ist Büke Schwarz‘ Debüt, hier erzählt sie von einer jungen deutsch-türkischen Künstlerin in Berlin, die in ihren Gemälden Geschichten erzählen möchte und sich sicher ist, dass ihr Werk nichts zu tun hat mit dem Heimatland ihrer Eltern. Doch das ändert sich mit dem viel diskutierten Verfassungsreferendum am 16. April 2017, bei dem 51 % der Türk*innen für evet, für Ja zu der Präsidentschaftsreform von Erdoğan gestimmt haben und ihm damit die Macht verliehen, Stück für Stück die Demokratie in der Türkei auszuhöhlen.   Die Ausstellung, die zum Gewinn der vier Kunststipendiat*innen zählt, zu denen auch Elâ gehört, trägt ebenfalls den Titel »Jein« und will so die Stellungnahme verweigern, was in der heutigen Zeit einer Provokation gleichkommt. Und trotz dieser Verweigerungsstrategie versteht sich die Protagonistin Elâ hier zum ersten Mal als politische Künstlerin, selbst wenn sie den Begriff an sich problematisch findet. Nicht zuletzt die Medien zwingen sie, sich zu den Entwicklungen in der …

Kathrin Weßling »Nix passiert«

Wer bin ich ohne dich? Alex wurde von Jenny verlassen. Was sich in der akuten Liebeskummer-Phase anfühlt, wie ein Kettensägenmassaker an seinem Herzen, ist einfach der Anfang einer neuen Lebensphase. Wer kennt es nicht? Man aalt sich in Selbstmitleid, verloddert, verheult, Trash-TV, Stalking auf Social Media und man kann sich einfach nicht vorstellen, dass das Leben weitergehen wird. Jemals wieder Freude? Jemals wieder lieben? Alles ausgeschlossen. Man selbst der einzige Single auf der Welt, ein Freak, das Leben nicht im Griff. Alles, was man will, ist, dass NIX PASSIERT. Weil in einem gefühlsmäßig schon der dritte Weltkrieg tobt. Die Welt soll pausieren, damit man genug Zeit zum Leiden hat. Bis das irgendwann unerträglich wird, »bis man endlich kapiert: Es ist vorbei. Es ist nicht nur vorbei, sondern es wird auch vorbei sein, Futur zwei für immer« (211) und man alle Sachen seiner*s Ex wegschmeißt und endlich mal wieder duscht. »Du hast mir das Herz nicht gebrochen, nein, das wäre dir ja zu wenig, das ist ja nicht doll genug, nicht krass genug, da muss die …

Leif Randts Hipsterepos »Allegro Pastell«

Randts vierter Roman war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 und hat ein starkes Medienecho ausgelöst. Was sein Verlag als »Germany‘s next Lovestory« bewirbt, ist im Grunde eher das kaum erträgliche, sehr traurige Bild einer beziehungsunfähigen, konsumgeilen Generation von Egomanen, gekleidet in streckenweise ziemlich ermüdende Sätze. Tanja Arnheim und Jerome Daimler führen eine Fernbeziehung – sie Berlin, er Maintal bei Frankfurt –, die dennoch makellos wirkt. Sie bleiben über eine permanente Social-Media-Kommunikation verbunden, erzählen sich aus ihren Leben – lässig, witzig, nachdenklich. An den meisten Wochenenden besuchen sie sich, gehen ins Kino, auf Hauspartys, Essen oder machen ihre obligatorische Schweige-Teezeremonie auf Tanjas Balkon. In diesen Momenten kultivieren sie das, was Tanja „vorauseilende Wehmut“ nennt. Wichtig ist ihnen eine enge, stabile Bindung, aber bloß existenziell darf es nicht werden. Abhängigkeit ist so unsexy. Bei beiden stehen regelmäßig sexpositive Clubnächte und kontrollierter Drogenkonsum auf dem Freizeitplan, dem richtigen Lifestyle zuliebe. Beide sind sie hip, jung, erfolgreich und extrem stilsicher. Tanja genießt als die Autorin von »PanoptikumNeu«, ein Buch über eine sinnstiftende Virtual­Reality­Erfahrung, Kultstatus. Im Moment …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

»Flexen. Flâneusen* schreiben Städte«

»Das Wort Flâneuserie gibt es nicht, in keinem Wörterbuch. Mich aber gibt es.« Diese Anthologie, herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Ronya Othmann, Mia Göhring und Lea Sauer, erzählt davon, was Frauen* erleben, wenn sie in Städten unterwegs sind. Oder warum sie es nicht sind. Neben denen der Herausgeberinnen versammelt der Band Beiträge von 26 weiteren Autor*innen, darunter etablierte Namen wie Bettina Wilpert, Svenja Gräfen und Anke Stelling. Flexen, das klingt nach Heimwerkern und schwerem Handwerk. Das klingt hart, nach Schweiß und brechendem Widerstand und das klingt vor allem männlich. Nun hat das Wort Flexen neben der landläufig bekanntesten noch eine Reihe weiterer Bedeutungen: biegen, Sex haben, das Variieren der Geschwindigkeit beim Rap, die Muskeln anspannen, seine Muskeln zur Schau stellen und die Flâneuserie. Und damit sind wir schon mittendrin. »Flexen« hat es sich zur Aufgabe gemacht, der starken literarischen Tradition des männlichen Flaneurs aus westlicher, weiß-männlicher Feder etwas entgegenzusetzen. Flexen, das ist aktiv. Ein neues Wort, ein nützliches. »Braucht es dafür ein neues Wort? Muss es wirklich das Flexen sein? Ja, muss es. Denn das, …

Katja Lewina »Sie hat Bock«!

»Überraschung! Frauen wollen auch ficken.« (35) Katja Lewina ist Sex-Bloggerin, bisexuell und lebt in offener Ehe – vor allem aber schreibt sie sehr unterhaltsam über das Patriarchat, Sexismus und mögliche Lösungen. Sie beschäftigt sich mit Themen wie dem weiblichen Genital, Lust und Orgasmus, Schönheitsansprüchen, Rollenzuschreibungen, Single-, Fat-, Victim- und Slut-Shaming, Rape Culture, Prostitution, Porno und Unterwerfung, dem Ideal der Monogamie oder wie Laurie Penny es nennt »Alles mit Einem für immer«, #metoo, »Ja heißt Ja« und der Deutungshoheit über die Geschlechter. Dabei beweist sie nicht nur einen wachen Blick und eine fundierte Kenntnis der feministischen Literatur, sondern trumpft vor allem mit einem sehr persönlichen, energiegeladenen, frechen Sound auf. Auf angenehme Art flechtet sie zu jedem Unterthema eine Anekdote aus ihrer Vergangenheit ein und verleiht dem essayistischen Manifest so auch eine erzählerische Qualität. Wovon reden wir eigentlich? Bei der Benennung fängt das Schlamassel ja schon an. Für das weibliche Genital gibt es kein Wort, mit dem wir uns wirklich wohl fühlen würden. Muschi, Pussy, Mumu, Möse? Alles Käse. Eine Scheide, die dadurch definiert ist, ein Behältnis …

»Das Licht, das Schatten leert« – eine Graphic Novel von Tina Brenneisen

»Es ist hart, ein Leben im Konjunktiv führen zu müssen.« (26) Fritzemann und Tina hatten eine Totgeburt. Lasse hätte ihr erstes Kind mit Ende Dreißig sein sollen, und alles schien in bester Ordnung; die Werte stimmen und das Paar freut sich wahnsinnig auf die Familiengründung. Doch dann bringt ein unentdeckter Schwangerschaftsdiabetes den kleinen Lasse kurz vor der Geburt um. Ein Schock. Kaum zu begreifen und erst recht nicht zu ertragen.     »Einer Paranoikerin wäre das nie passiert.« (86) Besonders Tina fällt es schwer, sich zu vergeben. Sie fühlt sich von ihrem Körper betrogen, schuldig und unwürdig. Hätte man Lasses Tod verhindern können? Hätte sie als Mutter etwas spüren müssen? Auf noch mehr ärztliche Kontrollen bestehen sollen? Auch ohne gläubig zu sein, stellt sich ihr nach einem solchen Trauma die Theodizee-Frage: Warum wir? Welcher Gott lässt das zu? War sie zu emanzipiert und undankbar? Es fällt schwer, ein solches Ereignis nicht als persönliche Bestrafung zu empfinden.   »Niemand hat den Tod gern in seiner Nähe. Uns begleitet er von nun an jeden Tag.« (11) Zunächst …

Mariana Leky erahnt, »Was man von hier aus sehen kann«

Selma ist Luises Großmutter und wenn sie von einem Okapi träumt – dem unwahrscheinlichsten Tier der Welt, bei dem wirklich nichts zusammenpasst –, dann wissen alle im Dorf: Jemand wird in den nächsten 24 Stunden sterben. Ihre Verzweiflung über die Ungewissheit, wen von ihnen es treffen wird, entlockt vielen von ihnen lange zurückgehaltene Wahrheiten – Geheimnisse, die nicht ohne Grund gehütet wurden –, die den gemächlichen Trott ganz schön durcheinander bringen. Doch diesmal fällt Martin dieser totbringenden Weissagung zum Opfer. Der beste Freund von Luise, der für sein Leben gern Gewichtheber imitiert, um zu vergessen, dass sein trinksüchtiger Vater missgelaunt zu Hause wartet, fällt auf dem Weg zur Schule – genau während ihres Lieblingsspiels „Ich sag dir, was du siehst, mit verschlossenen Augen“: Weide, Weide, Weide, Busch – einfach durch eine nicht richtig verschlossene Zugtür und bringt die Welt aller Dorfbewohner aus den Fugen. Nichts ist mehr wie es war. Luises Vater bricht auf eine Weltreise auf, die ihn nicht mehr loslassen wird. Die Mutter fängt eine Affäre mit dem Eisdienlenbesitzer an. Martins Vater gibt …

Matthias Brandt »Blackbird«

In einer namenlosen Kleinstadt in den 70ern, zu Zeiten von Wehrpflicht, David Bowie und dem weißen Album der Beatles, gerät das Leben des 15-jährigen Morten, genannt Motte, durch gleich mehrere große Erschütterungen aus den Fugen. Ernsthaft jetzt?! Egal. Mir reicht das hier jetzt auch. Bei Mottes bestem Freund Bogi – eigentlich Manfred Schnellstieg, das sagt aber keiner, nicht mal seine Eltern – wurde eine Krankheit entdeckt, die ganz unwirklich klingt: ein Non-Hodgkin-Lymphom, was soll das sein? Was Motte weiß, ist, dass Bogi jetzt für längere Zeit im Krankenhaus bleiben muss, dass er für alles, was Spaß macht, zu schwach ist und dass er plötzlich nicht mehr weiß, wie er mit seinem Freund reden soll. Ihr letztes richtiges Gespräch vor dem ganzen Krankenhaus-Behandlungs-Albtraum ging übers Fürze-Anzünden, ein Thema, über das Bogi eine Menge weiß, aber das jetzt kaum mehr angemessen scheint. »Jetzt hat sich gerade alles verändert, dachte ich. Ne, dachte ich nicht. Keine Ahnung, was ich wirklich dachte. Vielleicht fragte ich mich auch nur, ob auf dem Sitzsack immer noch mein Abdruck zu sehen war.« …