Alle Artikel mit dem Schlagwort: Deutsche Literatur

»Die Wahrheit über das Lügen«
von Benedict Wells

Der umfeierte deutsche Autor Benedict Wells liefert nach seinem großen Erfolg mit »Vom Ende der Einsamkeit« endlich wieder neuen Lesestoff! Zehn Geschichten aus zehn Jahren erzählt er in seinem Buch »Die Wahrheit über das Lügen«, welches heute im Diogenes Verlag erscheint. Ein Sammelsurium von ausschweifenden Ideen, am Rande stehenden Einfällen, bisher noch unbeleuchtete Gassen im großen Labyrinth einer anderen Geschichte. Der Geschichtenband als Ort für alles Übriggebliebene. Die 10 Geschichten sind thematisch sehr vielfältig – von lebensverändernden Situationen wie einer mysteriösen Wanderung oder dem Kuss einer Muse, hin zu einem absurden Ping Pong Spiel auf Leben und Tod, endend bei autobiographischen Erinnerungen an die Zeit im Grundschulheim, liefert das Buch eine bunte Palette aus knalligen und skurrilen, aber auch dunkelfarbigen, traurigen Erzählungen. Überzeugen konnten jedoch nicht alle Geschichten: zu unoriginell, verkitscht oder abstrus kommen sie daher. Teilweise sind sie viel zu kurz, wodurch die Geschichte nicht rund und einfach unfertig wirken.   Zu den schöneren Geschichten gehören zwei, die dem Kosmos rund um Wells’ »Vom Ende der Einsamkeit« entspringen. »Die Nacht der Bücher« ist eine …

Maxim Biller öffnet »Sechs Koffer«

Familiengeheimnisse und Lebenslügen: großer Verrat im Hause Biller »Sechs Koffer«, der neue Roman des streitlustigen Polemikers und »Esra«-Skandalautors Maxim Biller, genießt bereits viel Aufmerksamkeit. Besprochen im »Literarischen Quartett« vom 10.08. und sogar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises hat es die Familiensaga geschafft, die vom Anfang der 60er Jahre bis in der Gegenwart reicht und trotzdem mit knapp 200 Seiten auskommt. Familie Biller ist gebeutelt von der Härte der Zeit, zerrissen und verstritten wegen einer folgenschweren Denunziation, drückendes Schweigen, halbe Wahrheiten und ganze Lügen prägen die zerrütteten Familienmitglieder. Die sich widersprechenden Behauptungen befeuern die Spekulationen des kleinen Ich-Erzählers, wer seinen Großvater Tate an den KGB verraten hat und so an seiner Hinrichtung Schuld trägt. Was nach Krimi klingt, ist eigentlich viel mehr eine tragische Familiengeschichte mit detektivischen Zügen, eingebettet in das grausige Portrait des Kalten Kriegs und der Zerrissenheit der Welt. Maxim Biller nimmt sich eines großen Stoffes an und umkreist einen historischen Verrat. Sechs Koffer, sechs Perspektiven Jedes Kapitel widmet der Autor einem anderen Familienmitglied, es werden mosaikartig einzelne Szenen und Erinnerungen verwoben, dabei …

Überraschend cool: Hilmar Klute »Was dann nachher so schön fliegt«

Wer hätte das gedacht? Das literarische Debut des SZ-Redakteurs Hilmar Klute (Streiflicht) ist ein unerwarteter Volltreffer: klug, witzig, frech, jugendlich! Kalter Krieg und das geteilte Deutschland bilden den historischen Hintergrund und Zeitcouleur für diesen Roman. »Das waren die Männer, die diese Republik am Laufen hielten. Kalter Krieg, kalte Schnauze, kalter Kaffee.« (S. 31) Bochum 1986: Volker Winterberg ist zwanzig und macht gerade seinen Zivildienst in einem Altenheim, doch eigentlich träumt er davon, vom Schreiben leben zu können, vielleicht sogar eines Tages einer der Großen zu werden – und schließlich macht der junge Möchtegern-Lyriker ernst. »Ich wollte es so machen wie die ganz Großen, für jeden Vers dreißig Fassungen schreiben und diese noch mit Querverweisen, französischen Flüchen und fünf Alternativwörtern versehen. Ich wollte ein richtiger Schwerstarbeiter der Literatur werden, so wie Peter Rühmkorf, der unter der Last seiner Verse fast zusammenbrach. Ja, Rühmkorf hatte recht: Was dann nachher so schön fliegt, wie lange ist darauf rumgebrütet worden! (S. 12) Während seines Zivis auf der Demenzstation prallt der junge, hoffnungsvolle und lebenshungrige Volker auf das sinnentleerte Siechtum …

Robert Seethaler »Der Trafikant«

Robert Seethaler erzählt in »Der Trafikant« auf sehr zarte und verdichtete Weise von dem jungen Franz Huchel, seiner Liebe zu der Tänzerin Anezka und seiner Freundschaft zu Siegmund Freud im Wien Ende der 1930er Jahre. Ein schmaler wie ehrlicher Bericht aus düsteren Zeiten Mittelpunkt, Keimzelle und pulsierendes Herz dieser Geschichte ist die Trafik von Otto Trsnjek, ein kleiner Zeitungs- und Tabakladen in Wien nahe des Praters und der Wohnung des mittlerweile 80-jährigen Professors Sigmund Freud. Der nicht einmal volljährige Franz Huchel verlässt im Spätsommer 1937 seine beschauliche Heimat, dem Salzkammergut am Attersee in Oberösterreich, um als Trafikanten-Lehrling in der Hauptstadt sein Glück zu suchen.   »Wer nichts weiß, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.« (S. 199) Durch das tägliche Zeitunglesen und den kritischen Geist des alten, einbeinigen Trafikanten Otto erlangt der ungebildete Provinzbub immer mehr Wissen, Klugheit und Meinung zum politischen Weltgeschehen und Fragen von Anstand und …

Zsuzsa Bánk »Schlafen werden wir später«

»Schlafen werden wir später« ist ein moderner Briefroman, also ein Emailroman, zwischen den beiden Freundinnen und Mitvierzigerinnen Márta und Johanna. Zsuzsa Bánk gelingt ein überwältigend herzerwärmender Roman, sie bietet einen unendlichen, minutiösen Detailreichtum und erschafft ganze Leben, was dazu führt, dass man den zwei Protagonistinnen so nah wie guten Freunden kommt und beglückt wird von deren bedingungsloser Liebe! Zsuzsa Bánk macht den Briefroman wieder salonfähig! Diese unzähligen kurzen Briefe, die eine Zeitspanne von drei Jahren erfassen und die jeder auch für sich stehen können, erzählen auf der einen Seite von den Existenzängsten einer Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln, der Belastung durch drei kleine Kinder, von Eheproblemen, dem Vermissen der besten Jugendfreundin, dem Sehnen nach einem besseren Leben, dem anklopfenden Tod, manchmal schleichend, manchmal sehr plötzlich, dem Leiden an zu erfüllenden Rollen und zu wenig Unterstützung. Auf der anderen Seite der Briefreihe steht die promovierende Deutschlehrerin Johanna, die an ihrem kinderlosen Singleleben leidet, die nicht über ihren Ex hinweg kommen kann, über ihre Markusmelancholie, die sich in die Provinz des Schwarzwaldes zurückgezogen hat, dort zwar ihren Krebs …

Michel Decar zieht durch »Tausend deutsche Diskotheken«

»das ist ja eine einzige Komödie.« (S. 236) »Tausend deutsche Diskotheken« ist der Debutroman des Dramatikers und Hörspielregisseurs Michel Decars und kann als Parodie einer Detektivgeschichte verstanden werden. Im Vordergrund dieser rasanten und abgefahrenen Geschichte stehen allerdings weniger kriminologische Plotwendungen als vielmehr eine ausgeprägte dichte Atmosphäre und Zeitkolorit. Der Autor ist ganz verliebt in das Jahrzehnt der 80er, die Hochzeit der Diskotheken, und lässt das wilde Lebensgefühl einer Generation wieder aufleben. »Die Maschine lief auf vollen Touren, lief wie geschmiert, war geil unterwegs. Überhaupt waren alle geil unterwegs, griffen scharf an, legten hart nach, so einige hier waren fett im Geschäft, waren sich der Sache sicher. Die Armbanduhren zeigten drei, vier, fünf Uhr. Nach Hause gehen war keine Option, nach Hause gingen jetzt nur die ganz schlappen Typen. Die Lichtanlage gewitterte über die Tanzfläche, zeigte Jäger und Beute, wies den Weg zueinander, Schlaglichter im Dunkeln. An Aufhören war gar nicht zu denken, an Lockerlassen auch nicht, jetzt wurden Konzepte umgesetzt, Erwartungshaltungen erfüllt, jetzt wurden die dicken Tränen vergossen, die dicken Träume beerdigt, hunderttausend Schwangerschaften abgebrochen. …

»Das Feld« von Robert Seethaler

»Als Lebender über den Tod nachdenken. Als Toter vom Leben reden. Was soll das? Die einen verstehen vom anderen nichts. Es gibt Ahnungen. Und es gibt Erinnerungen. Beide können täuschen.« (S. 234) Der Tod fasziniert und ängstigt uns, und gerade Friedhöfe, diese speziellen Anderorte, schaurig-schöne Gedächtnisräume, auf denen dicht an dicht die verschiedensten Epochen, Milieus und pralle Lebensgeschichten aneinandergereiht liegen, sich beinahe berühren, reizen die Vorstellungskraft. Wenn die Toten reden könnten, was hätten sie zu sagen? Das hat sich auch der mit zahlreichen Preisen dekorierte Wiener Gegenwartsautor Robert Seethaler gedacht, der nach Titeln wie »Der Trafikant« und »Ein ganzes Leben« nun seinen neuen Roman »Das Feld« nicht nur auf einem Friedhof ansiedelt, sondern regelrecht die Toten in kurzen Episoden zum Sprechen bringt. Der selbst stark gealterte Protagonist, dem Seethaler die beiden rahmenden Kapitel widmet, ist ein kauziger Friedhofgänger, der überzeugt ist, die Toten ebenso wie die Vögel sprechen zu hören und dem es Freude bereitet, sich Geschichten für diese erloschenen Leben auszudenken. Liebevoll redet er mit ‚seiner‘ Bank unter der krummen Eiche, die er regelmäßig …

»Hier ist es schön« weiß Annika Scheffel

»Hier ist es schön« ist Annika Scheffels dritter Roman und eine Verheißung auf ein Leben in einer intergalaktischen Anderswelt, die mal unerreichbar mal unentrinnbar erschient. »Das Mars One Projekt war die ursprüngliche Inspiration zu diesem Roman.« (Annika Scheffel) Die Welt ist nicht genug Irma Lewyn ist noch ein Teenager, als sie beschließt eine Heldin zu werden und die apokalyptische Züge tragende Erde inklusive aller Menschen, die bisher ihr Leben bestimmt haben, hinter sich zu lassen. Auf einem weit entfernten Planeten soll sie zusammen mit einem zweiten Auserwählten die Menschheit neu auferstehen lassen und so deren Fortbestand sichern. Denn die Welt hierzulande hat sich bereits in einen lebensfeindlichen Ort verwandelt, in karges, unfruchtbares Land, Verfall und Dunkelheit. Doch das ist es nicht, was Irma forttreibt, sie will das Außergewöhnliche, weit weg von durchschnittlichen Lebensentwürfen, von ganz irdischer Langeweile. Eine zynische, zum Massenspektakel inszenierte Casting-Show, die an Gladiatorenkämpe, an Big Brother auf Leben und Tod, an The Hunger Games erinnert, soll die Auserwählten, die zukünftigen Adam und Eva 2.0, für die gleichermaßen waghalsige wie feige Mission einer …

Sascha Marianna Salzmann gerät
»Außer sich«

In Selbst-Auflösung begriffen »Außer sich« ist der Debutroman der Dramatikerin und Redakteurin Sascha Marianna Salzmann, der es gleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2017 geschafft hat. Die Familiengeschichte führt uns aus dem postsowjetischen Russland, in ein Asylantenheim in Westdeutschland und schließlich in das durch politische Unruhen geprägte, gegenwärtige Istanbul, das die Antwort auf eine Frage, das Ziel einer langen Suche sein könnte… This is what it’s all about: Identität Inwiefern nimmt die Geschichte unserer Vorfahren auf unser eigenes Leben Einfluss? Gibt es einen Ort, an den man gehör? Wer ist man, wenn Geschlechtergrenzen durchlässig werden? »Mein Name fängt mit dem ersten Buchstaben des Alphabets an und ist ein Schrei, ein Stocken, ein Fallen, ein Versprechen auf ein B und ein C, die es nicht geben kann in der Kausalitätslosigkeit der Geschichte.« (S. 274) Ali (Alissa) und Anton sind Zwillinge und bauen sich um sich herum ihre eigene Welt auf. So ertragen sie das Geschrei ihrer Eltern und die angsteinflößende Ausreise aus dem Land, dass ihre Heimat war. Es ist eine ungewöhnlich enge, ja intime, …

»Olga« von Bernhard Schlink

In seinem neusten Roman erzählt Bernhard Schlink die Lebensgeschichte von Olga Rinke – einer Frau, die im Leben kämpfen muss. Sie wächst um 1850 in ärmlichen Verhältnissen auf, muss sich ihre Rechte als Frau und ihren Traum als Lehrerin zu arbeiten hart erkämpfen und doch ein Leben lang die Beziehung zu ihrem geliebten Herbert verheimlichen, da dieser als Erbe eines reichen Gutsherrn sich nicht mit einem Mädchen aus dem Dorf abgeben soll. Ihr Leben ist gezeichnet von etlichen Schicksalsschlägen, Verlusten und Entbehrungen. Trotz alledem gibt sie nicht auf, hofft, liebt, leidet und führt doch immer das selbstbestimmte, unabhängige und freie Leben einer starken Frau. Der Roman verhandelt große deutsche Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. Neben Olgas Schicksal, dass eng mit Herberts verwoben ist, wird von der Bildung der Kolonie Deutsch-Südwestafrika berichtet, in der Herbert als Soldat Teil war, vom ersten und zweiten Weltkrieg, von Kamtschatka u.a. fernen Ländern in die Herbert Reisen unternimmt, von seiner Expedition in die Arktis, vom Leben nach dem 2. Weltkrieg, von Studentenunruhen in den 50ern… und immer mittendrin – Olga. Dieses …