Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gegenwartsliteratur

I.J. Kay träumt sich »Nördlich der Mondberge«

Ein schneidend kalter Wind bahnt sich durch die Wohnung. Technobässe kommen von unten und lassen die frisch gestrichene Wand erzittern, auf der das Wort »Fotze« immer noch erkennbar ist. In der erschwindelten Resozialisierungswohnung fehlt jegliche Einrichtung und Strom gibt es auch keinen, da das Sozialhilfegeld auf sich warten lässt. Hier versucht Louise nach ihrer zehnjährigen Haftstrafe einen Neuanfang. Sie hat einen miesen Job in einer Donutfabrik bekommen, mit dem sie sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, um sich ein normales Leben aufzubauen. Doch schon bald wird sie feststellen müssen, dass sich im Leben nicht Tabula rasa machen lässt und dass ihre Vergangenheit sie immer wieder einholen wird. Das ist die Rahmengeschichte in »Nördlich der Mondberge«, dem Debutroman der zurückgezogen lebenden britischen Autorin I.J. Kay, über die der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. Nicht einmal ihr richtiger Name, denn I.J. Kay ist ein Pseudonym – frech dem Alphabet entnommen und genauso aussagekräftig wie ASDF oder XYZ. Louise, als Kind noch Lulu, hatte es nicht leicht. Ihre narzisstisch-neurotische Mutter Joan, die sich als verhinderte Bühnen-Diva …

Juli Zeh »Neujahr«

Eine Reise in die eigene Vergangenheit »Neujahr« ist nun schon das dritte Buch in Folge, welches die enorm produktive Juristen-Schriftstellerin im Jahresrhythmus veröffentlicht. Diesmal legt sie einen recht schmalen Band vor, der in zwei Teile zerfällt: Was als Gesellschaftsanalyse beginnt, kippt auf der Hälfte zum Thriller-artigen Horrortrip. Wir verfolgen den Urlaub einer jungen Familie mit zwei kleinen Kindern zwischen den Jahren auf Lanzarote. Ein nicht ganz unschuldiger Familienurlaub, der sich plötzlich transformiert, verdoppelt und zum Albtraum schlechthin wird. Auf der Vulkaninsel verschieben sich Gewissheiten, während wohl gehütete Geheimnisse ans Licht kommen. In dieser rauen und faszinierenden Umgebung wird der junge Familienvater Henning auf sich selbst zurückgeworfen und sieht sich gezwungen, sich seiner Unvollkommenheit, seiner Vergangenheit und seinen Ängsten zu stellen. »Der Reiseführer sagt, dass manche Menschen Lanzarote hassen, während andere es abgöttisch lieben. Henning weiß noch nicht, zu welcher Sorte er gehört.« (S. 14)   »Sein Lieblingswort ist ›funktionieren‹.« (S. 25) Henning hat sich vorgenommen, am Neujahrstag mal wieder was für sich zu machen. Bei einer schweißtreibenden Fahrradtour bezwingt der junge Vater nicht nur einen …

»Ganz und garrr missraten« – Literaturkritik heute

Freunde der Literatur! Warum werden wir uns häufig nicht einig, wenn es um Bücher geht? Warum reißen uns einige Texte mit und andere berühren uns nicht? Und warum sieht der nächste das vielleicht schon wieder ganz anders? Es gibt das richtige Lesen und ein allgemeingültiges Urteil nicht, aber es gibt gute Gründe und überzeugende Argumente für bestimmte Lektüren. Warum Literaturkritik? Warum (kein) Wettbewerb? Weil wir ins Gespräch kommen müssen, über Bücher, brisante Themen und unsere Zeit. Die Literaturkritik kann helfen, sich auf dem Buchmarkt mit seinen rund 15.000 belletristischen Neuerscheinungen jährlich allein in Deutschland zu orientieren. Sie kann unseren Blick auf zu Unrecht Übersehenes lenken, Entdeckungen teilen, den Aufmerksamkeitsfokus der großen Medienhäuser korrigieren. Aber vor allem kann gute Literaturkritik die Lektüre auf eine höhere Ebene bringen, helfen, einen Text neu zu erschließen und besser zu verstehen. Und ganz nebenbei macht es einfach unverschämt viel Spaß, gemeinsam über gute Bücher zu diskutieren! Literaturkritik ist sinnvoll und wertvoll – auch oder gerade dann, wenn sie nicht von Berufskritikern geübt wird – in Räumen außerhalb des echolosen Feuilletons. …

Witzig! Das Känguru ist zurück:
Marc-Uwe Kling »Die Känguru-Apokryphen«

»›Viele sagen, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist, aber ich finde, man soll lieber dahin gehen, wo’s am schönsten ist.‹ Das Känguru« (S. 7) Und wie schön ist es in der WG mit einem kommunistischen Känguru! Der vierte Band der beliebten Känguru-Reihe ist weniger eine Fortsetzung, als eher eine Zugabe für treue Fans. Statt die Handlung der Vorgänger wieder aufzunehmen, werden einfach weitere Anekdoten und ulkige Dialoge beigesteuert, es handelt sich um nicht verwendete Kapitel aus der sprichwörtlichen Schublade, um Geschichten aus Anthologien und Live-Programmen. Der Schabernack beginnt hier schon in sämtlichen Paratexten. Es werden falsche Zitate als Motti vorangestellt, gefolgt von einem überflüssigen »Was bisher geschah« in Veräppelung traditioneller Seriennarrative und einem Vorgespräch über Titel und Sinn einer Fortsetzung. Und was hat es nun mit diesem kryptischen Titel auf sich, den sich eh keiner merken kann? Apokryphen sind religiöse Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, weil sie zu widersprüchlich oder ketzerisch waren, erklärt Kling – nun also auch Bonusmaterial zu den heiligen Känguru-Schriften, in diesem Fall kurze, bisher …

Virginie Despentes »Das Leben des Vernon Subutex 1«

International gefeiert: die provokante Pro-Sex-Feministin und französische Skandalautorin bzw. -filmemacherin von »Baise-moi – Fick mich«, »Apokalypse, Baby« und »King Kong Theorie«. In Frankreich ist ihre Vernon-Subutex-Trilogie bereits ein Riesenbestseller und Filmvorlage. Despentes liefert einen vielstimmigen politischen Gesellschaftsroman, der moderner Gewalt, Elend und Sehnsucht ein Gesicht verleiht – oder besser viele Gesichter. Der Mann mit dem abgespacten Namen Vernon Subutex ist ein insolventer Ex-Plattenladenbesitzer in Paris, ein Anhänger der analogen alten Welt, »Überlebender einer untergegangenen Industrie«. Mit Fünfzig ist für ihn in der heutigen Zeit kein Neuanfang mehr möglich, der Sozialstaat versagt und Vernon ist arbeitslos, pleite und nun auch noch obdachlos. Sein rasanter sozialer Abstieg kommt dem Leser wie Vernon selbst zunächst unwirklich vor. Das Figur gewordene Relikt aus vergangenen Zeiten wollte sich sein Scheitern nicht eingestehen und hat sich so an den Abgrund manövriert. Schaurig und erschreckend zeigt seine Geschichte, wie das Prekariat unbemerkt von allen in einer Parallelgesellschaft lebt. »Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, …

Tom Rachman: »Die Gesichter« des Bear Bavinsky

»›Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das klarstelle, Charles, aber dein Vater ist ein wahres Ungeheuer‹, sagt Marsden anerkennend.« (S. 119) Der neue Roman des britischen Autors Tom Rachman ist ein Künstlerroman, stark geknüpft an eine Familiengeschichte. Es geht um die Beziehung von Charles zu seinem Vater Bear, einem gefeierten Maler von Aktportraits. Es geht um das Leben im Schatten eines berühmten Mannes, das Streben nach Anerkennung, um den täglichen Kampf eines Künstlers, das Vatersein, die Suche nach der eigenen Bestimmung und Begabung und ganz nebenbei wird ein ungemein spannender Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt gewährt. Sehr nachdenklich stimmen einen die tragischen Bemühungen von Charles (auch Pinch genannt), der ein Leben lang versucht, seinem exzentrischen Vater gefallen zu wollen. Dieser ist selbst, wenn er liebevoll ist, noch egozentrisch, unempathisch, rücksichtslos, manipulativ und launisch. Bear Bavinsky ist ein Mann, der für seine Arbeit lebt, ein charmanter und leidenschaftlicher Lebemann mit ausschweifendem Privatleben, der immer wieder seinen jungen Modellen verfällt und insgesamt 17 Kinder und zahlreiche Ehen, teilweise sogar parallel, ins Leben ruft. …

Christoph Heins »Verwirrnis«

Nach »Glückskind mit Vater« und »Trutz« ist nun der neue Christoph Hein da! Der mit zahlreichen Preisen dekorierte große Gegenwartsautor wird einmal mehr zum eindrucksvollen Chronisten deutscher Geschichte. »Verwirrnis« erzählt bewegend von der verbotenen Liebe zwischen zwei Jungen aus dem katholischen Heiligenstadt in Thüringen während der 1950er Jahre. Ein Gay-Roman, der Coming-of-Age-Geschichte, Zeitportrait der zwei deutschen Staaten und Milieustudie verbindet, der Fragen der Religiosität, Moral, der menschlichen Natur, Scham und der unentrinnbaren Folgen von Erziehung und Elternhaus in den Blick nimmt, aber der vor allem die Kraft und Ohnmacht der Liebe bebildert. Friedeward liebt Wolfgang Friedls Kindheit in den 30er und 40er Jahren wird überschattet von seinem strengen, konservativen Vater Pius, der körperliche Züchtigung für sowohl angemessen als auch notwendig in der Erziehung hält. Das Familienoberhaupt hat wenig übrig für Anerkennung oder Lob, seine Liebe lässt er seine Familie nicht spüren, sodass sie diese ganz in Frage stellen. Von seinen Kindern und sogar von seiner Frau Hedwig wird Oberlehrer Pius gefürchtet und schließlich auch gehasst. Der Siebenstriemer, eine mit Lederschlaufen versehene Peitsche, sorgt seit Generationen …

Wolf Wondratschek zeichnet ein »Selbstbild mit russischem Klavier«

»Suvorin spielte. Er war ein Spieler.« (S. 108) Was nach einem Gemäldetitel klingt und sofort entzückende Assoziationen hervorruft, Farben und Klänge in meinem Kopf entstehen lässt, ist die Geschichte des russischen Pianisten Suvorin. Oder zumindest das, woran er sich davon noch erinnern kann. Der Berufsmusiker, der seinen Lebensabend im Wiener Exil verbringt und schon lange nicht mehr spielt, erzählt einem fremden Zuhörer aus seinem Leben in Moskau und Leningrad, von Widerstand und Verzweiflung, seiner Liebe zur Kunst und dem Wesen der Zeit. »Ein alter Russe in Wien, ein trockener Trinker, ein, wie er sich selbst einmal genannt hatte, trockener Pianist, in Sicht das nicht mehr ferne Ende eines Erdenlebens. Es schien ihn diese Sache aber im Moment nicht zu beschäftigen. Noch war er am Leben, wenn auch nicht mehr ganz im Takt mit ihm, fühlte die Wärme in seine Knochen eindringen und bis in die Füße hinunter in seinen Körper.« (S. 99f.)   Zusammen mit einer Werk-Ausgabe seiner Gedichte erscheint der neue Roman von Kultautor Wolf Wondratschek, der allein schon durch die enorme Vielfalt seines …

Lukas Rietzschel »Mit der Faust in die Welt schlagen«

»Ich meine, Sie halten einen wichtigen Roman in der Hand.« (Gunnar Cynybulk, Verleger Ullstein) Der gerade einmal 23-jährige Lukas Rietzschel hat den Roman der Stunde geschrieben: »Mit der Faust in die Welt schlagen« erzählt von der ostsächsischen Provinz, von der Perspektivlosigkeit einer Gegend, der Langeweile und der destruktiven Wut der Jugend und von dem Gefühl, zu kurz zu kommen. Die Milieustudie aus Dunkel-Sachsen beginnt im Millenniumsjahr und kann Erklärungsansätze für Phänomene wie Pegida-Aufmärsche, AfD-Erfolge und Attacken gegen Migranten liefern. Ein Thema, das durch die Vorkommnisse in Chemnitz heute nochmal brennendere Aktualität erhält. Der Roman nimmt die Brüder Philipp und Tobias in den Blick, die in Neschwitz in der Lausitz aufwachsen. Das Kleinstadtleben ist geprägt von der Tristesse aus Steinbruch, Tagebau und Wohnblock. Eine stete Landflucht führt zu Leerstand, Ruinen und Brachflächen. Der Alltag der Kinder in Ostsachsen ist durchdrungen von Langeweile und Unzufriedenheit. Am interessantesten sind die älteren Jugendlichen, die in ihren Autos herumlungern, zusammen Bier trinken und Böller werfen. Als die Ehe der Eltern beginnt zu zerfallen, ist das der Anfang eines umfassenderen Abstiegs. …

»Der Platz an der Sonne« von Christian Torkler

Christian Torklers Romandebut »Der Platz an der Sonne« erweckt ein verblüffendes Gedankenexperiment zum Leben: Was wäre, wenn nicht wir die Privilegierten wären? Kurzerhand verkehrt der Roman die weltpolitischen Zustände ins Gegenteil und schreibt gleich eine komplett neue Historie. Josua Brenner ist 1978 in der Neuen Preußischen Republik geboren und entscheidet sich schweren Herzens aus dem von Korruption zerfressenen, wirtschaftlich und infrastrukturell am Boden liegenden Berlin ins reiche Afrika zu fliehen. Eine entbehrungsreiche und lebensgefährliche Odyssee, an deren Ende die Vertreibung aus dem Paradies steht, ein Mensch verurteilt zu einem Leben in der Illegalität. Diese so simple wie geniale Grundidee zwingt den Leser, die Opferperspektive des Flüchtlings für sich zu übernehmen, und das funktioniert glänzend, ist erschreckend und bringt eine ganz andere Form von Empathie hervor, als Geschichten von arabischen oder afrikanischen Flüchtlingen zu lesen, die sehr viel näher an der aktuellen Wirklichkeit sind. Dieser makabre Kommentar zur immer noch schreibend brisanten Flüchtlingsproblematik, soll nicht nur Mitleid erzeugen. Der Roman führt einem auf großartige Weise vor Augen, dass alles auch umgedreht sein könnte, dass nichts als …