Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gegenwartsliteratur

André Aciman »Fünf Lieben lang«

Der in Ägypten geborene Weltbürger André Aciman hat seit dem Welterfolg der großartig verfilmten und Oscar-prämierten Coming-of-Age-Geschichte »Call me by your name« eine riesige Fangemeinde. Sein neuer Roman »Fünf Lieben lang« ist eine Feier der Begierde. Lust und Leidenschaft, unabhängig von Alter oder geschlechtlicher Identität, die Unbeständigkeit und Illoyalität von Verlangen und die Rätselhaftigkeit des eigenen Ichs betrachtet Aciman hier episodisch und hält die Spannung der unerfüllten Sinnlichkeit für den Leser bis zum Schluss aufrecht. »Wie der Donner nach dem Blitz ist mein wahres Ich oft meilenweit entfernt. Bisweilen donnert es nicht einmal. Es blitzt, und dann ist es still. Wenn ich dich sehe, blitzt es, und dann ist es still.« (175) Jedoch führt der deutsche Buchtitel etwas in die Irre, da es sich weniger um einen Roman über fünf Liebesgeschichten im Leben des Protagonisten Paul handelt, sondern eher um fünf Leidenschaften, fünf Geschichten des Begehrens und Verzehrens. Diese erzählt Aciman als begabter Sensualist ohne dabei je einem machohaften Ton nachzugeben, sondern im Gegenteil über die Maßen zärtlich, sensibel und verunsichert. »Wir lieben nur einmal …

Rückblick zum 19. ilb – 11. bis 21.09.19

Ich war in diesem Spätsommer auf verschiedenen Veranstaltungen des internationalen Literaturfestivals in Berlin unterwegs und möchte euch gern einige Einblicke in die Momente gewähren, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden. Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios« Mit seinem Prosa-Debüt hat der in Vietnam geborene US-amerikanische Lyriker Ocean Vuong für Furore gesorgt. Sehr einfühlsam und poetisch, ja geradezu gattungsübergreifend, schreibt Vuong über Gewalt, Migration und eine erste Liebe, die alles verändert. Seine Lesung auf dem ilb ist außergewöhnlich gut besucht. Wie ein Popstar wird der recht kleingewachsene Literat von zierlicher Gestalt gefeiert. Sein überraschend hohes, wackeliges Stimmchen steht gegen seine enorm starken Statements mit Marmor schwerem Pathos. Der lyrische Prosaist weiß sein Publikum in den Bann zu ziehen und lässt eine zu Tränen gerührte Menge zurück. Viel wird über Vuongs biografischen Hintergrund gesprochen. Aus einer Arbeiter- und Migrantenfamilie ist er mit zwei Jahren nach Amerika gekommen. Von seiner zwar nur gering gebildeten Familie von Reisbauern habe er die Kunst des Geschichtenerzählens erlernt, erzählt er. Der Körper sei eine begrenzte Bibliothek. Wenn man …

Theresa Lachner frönt dem »Lvstprinzip«

»Theresa Lachner hat eine entwaffnend offene Biografie ihres Begehrens geschrieben.« – Meredith Haaf In ihrer tagebuchartigen Sammlung von Blogeinträgen schreibt Theresa über sich. Über ihre Reisen als Bloggerin und Sexjournalistin, über private Erfahrungen mit Sex und Liebe, über Lust, Körperlichkeit, Selbstermächtigung und vor allem über Ehrlichkeit. Denn wenn wir es schaffen, sehr viel offener mit diesen Themen umzugehen, könnten wir alle freier, und vielleicht sogar glücklicher sein. Also fängt sie gleich mal damit an. »Freiheit ist das Recht, nicht zu lügen, hat Camus mal gesagt. Für mich ist Schreiben die beste Art, diese Freiheit auszuleben. Und deswegen liebe ich es auch, über Sex zu schreiben. Das ist nämlich ein Thema, das meiner Meinung nach noch extrem viel Wahrheit vertragen kann. (…) Genau das passiert nämlich, wenn man von seiner Freiheit, nicht zu lügen, Gebrauch macht: Ehrlichkeit multipliziert sich. Me too, me too, me too.« (9) »Ab jetzt bin ich offiziell gut genug. Und zwar aus Prinzip.« (202) Frauen scheinen irgendwie immer ›zu‹ oder ›nicht genug‹ irgendwas zu sein, aber wie fühlt man sich genau richtig? …

Carmen Buttjer »Levi«

In Carmen Buttjers Debütroman »Levi« ist der Name Programm. Es ist Hochsommer in Berlin und eine brüllende, flirrende Hitze bildet den Grundton einer Geschichte, die zwischen hitziger und lähmender Stimmung schwankt. Levi ist elf und auf der Flucht vor seinen Gefühlen. Er hat die Urne während der Beerdigung seiner Mutter – eine Pathologin, die anscheinend am Arbeitsplatz erstochen wurde – geklaut und versteckt sich nun vor seinem Vater in einem Zelt auf dem Dach ihres Wohnhochhauses. So weit, so aufregend. Nichtsdestotrotz ist »Levi« ein überwiegend leiser Roman. Eigenwillig erzählt, schnörkellos mit melancholischen, zarten Tönen und bizarr schönen Bildern entwickelt er eine erzählerische Energie, die beeindruckt.   »Es regnete in meinen Ohren.« (11) »Da waren die Geräusche von Tieren: Vögel und Tiger und es war unmöglich zu unterscheiden, ob sie nur in meiner Vorstellung oder wirklich da waren. Ich rannte ihnen entgegen, draußen schien der Mond so hell, dass er ein Loch in mein T-Shirt gebrannt hätte, wenn ich stehen geblieben wäre. Ein Teil von mir blieb in der Pathologie sitzen. Ich wusste, ich würde ihn …

Julia Bernhard »Wie gut, dass wir
darüber geredet haben«

»Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären.« – Peter Licht, Das Ende der Beschwerde Das vorangestellte Motto fasst gut zusammen, worum es in Julia Bernhards Debüt geht: »all die Leute« setzen der namenlosen Protagonistin und Illustrationsstudentin (»Frollein« genannt) ganz schön zu… Der Comic liefert eine lose Sammlung von kurzen Moment- und Bestandsaufnahmen. Lakonisch erzählte Episoden, alltägliche und aberwitzige Anekdoten aus einem chaotischen Leben und am Ende sitzt das Frollein immer allein auf ihrem Sofa, bis sie schließlich hineinkriecht und eins wird mit diesem besten Begleiter unter den Einrichtungsgegenständen. – Eine Hymne des Schlendrians und der gescheiterten Kommunikation, über die gnadenlosen Kommentator*innen eines Lebens und einen noch gnadenloseren diarrhöischen Mops. »Eigentlich sucht man doch nur jemanden, der nicht aus Mitleid weint, wenn man sich vor ihm auszieht.« (78)   Vom ganz alltäglichen Wahnsinn Julia Bernhard erzählt aus einem Leben, in dem es Allerlei gibt, womit sich eine (Single-) Frau, eine Almostthirty so herumschlagen muss: mit einer Oma, die wissen will, wann es mit der Familiengründung endlich losgeht (»Die Eier werden ja auch nicht …

»Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon« von Martin Simons

Was wenn es heute zu Ende wär? »An Krieg und Frieden musste ich denken, als ich, umgeben von Junkies und Prostituierten, in den Abgasen einer der meistbefahrenen Straßen Deutschlands stand und wusste, etwas war mit mir nicht in Ordnung. Auch meine Beine konnten jeden Moment wegknicken, und worüber wäre ich dann glücklich? Darüber, in den grauen, niedrigen, versmogten Himmel über Berlin starren zu können, während Passanten, die mich in dieser Gegend für ein Drogenopfer halten mussten, achtlos an mir vorbeiliefen?« (13) Martin Simons‘ autobiografische Erzählung hat als Ausgangspunkt eine plötzliche Hirnblutung, die zu Lähmungserscheinungen an der rechten Körperseite führt und ihn für zehn Tage ins Krankenhaus bringt. Zehn Tage mit einer abstrakten, nicht greifbaren Krankheit, zehn Tage bestehend aus Warten, Ungewissheit und Familienbesuchen, mit ungewollten Einblicken in die Leben anderer Patienten und der Unmöglichkeit, genug zu fühlen, angemessen zu fühlen, das richtige zu sagen. In einem heruntergekommenen Krankenhaus, das wirklich ein schrecklich unpassender Ort für pathetische Momente ist. »Ich spürte meinen Blutdruck steigen. Unwillkürlich bewegte ich die Finger meiner rechten Hand, um vor einer weiteren …

Kristin Höller – Hier ist es »Schöner als überall«

Dieses Autorinnendebut ist die Coming-of-Age-Geschichte zweier Anfang Zwanziger, deren Lebensentwürfe und Freundschaft in eine Krise geraten und die nach Antworten suchen in ihrem Heimatort. »Es ist eine komische Gegend hier. Wir sind nicht auf dem Land, dafür ist zu viel Beton überall, wir sind nicht in der Stadt, denn hier ist ja nichts, wir sind irgendwo dazwischen, wo man nirgends hinkommt ohne Auto, eine Zwischengegend. Hier wohnen Menschen, die in der Stadt arbeiten und im Grünen leben wollen, aber weit genug rausgetraut haben sie sich nicht. So grün ist es nämlich gar nicht, dafür alles verkehrsberuhigt und flach, und man kann von überall aus sehr weit sehen.« (23) Auslöser ist ein Speer, genauer gesagt der bronzene Speer der Athene-Statue vom Münchner Königsplatz, der zur Trophäe einer übermütigen Partynacht wird, zum Beweis ihrer Jugend, Wildheit und Lebendigkeit. Doch allzu schnell merken die beiden Freunde Martin und Noah, dass das keine gute Idee war. Dass das Diebesgut verschwinden muss. Ohne Plan sitzen die zwei auf der Flucht in einem Miettransporter und finden sich schließlich an dem Ort …

Karen Duve »Fräulein Nettes kurzer Sommer«

Ein Biopic der anderen Art Es wurde schon vieles gesagt über diesen preisgekrönten Historienroman, der beweist, dass Karen Duve wirklich jedes Genre beherrscht. Sie wagt sich an niemand geringeres als Annette von Droste-Hülshoff, flächendeckende Schullektüre seit Jahrzehnten. Im Mittelpunkt dieses Biopics der gerade einmal Anfang zwanzigjährigen Dichterin steht eine unerhörte Begebenheit, wie sie für Novellen konstitutiv sind, nur das sich diese zu einem 600 Seiten schweren Roman auswächst, der fünf Jahre aus dem Leben der Nette beleuchtet und bei dem jede einzelne Seite vom großen Spaß der Autorin am Schreiben kündet. Diese zentrale Tragödie, die am Ende niemanden unbeschadet hervorgehen lässt, ist eingebettet in ein detailreiches und gnadenlos enthüllendes Sittengemälde, eine historisch genaue Epochenschau. »Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln. Nur wenige Hinweise sind vorhanden.« (Vorwort, 7) Sehr gewissenhaft recherchiert Duve – sie vergleicht sich selbst mit einer Profilerin – aus einer schier unglaublichen Fülle an Archivmaterial, Briefen, Tagebüchern, Familienchroniken; im Anhang des Romans werden etwa 200 Referenztexte der Sekundärliteratur aufgelistet. Diese Recherche-Akkuratesse setzt sie gekonnt um, sodass …

Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios«

Nach seinem gefeierten Gedichtband »Nachthimmel mit Austrittswunden« erscheint nun das Romandebut des vietnamesisch-amerikanischen Dichters Ocean Vuong – ein Text, der genau wie sein Autor zwischen Prosa und Lyrik schwankt und eine kraftvolle Geschichte von Krieg und Gewalt, Flucht, Ausgrenzung, Liebe und Tod erzählt, und vom Versagen des ›Amerikanischen Traums‹. »Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.« (182) Dieser wohl autofiktionale Text nimmt die Gestalt eines Briefes an die Mutter an, eine Nagelstudioarbeiterin in Connecticut, die weder Englisch noch überhaupt Lesen kann. »Ich traue mich nur deshalb, dir zu erzählen, was jetzt kommt, weil die Chancen, dass dieser Brief dich findet, gering sind – nur der Umstand, dass es dir nicht möglich ist, all das zu lesen, macht es mir möglich, es zu erzählen.« (113) Seine Großmutter Lan, die damals vor ihrem ersten Mann weggelaufen war, hatte sich als Bauernmädchen in Vietnam während des Kriegs in einen US-Soldaten verliebt – die gesamte Familiengeschichte des Protagonisten wurzelt also im Krieg, ist die Saat der Gewalt. Aufgewachsen ist der Ich-Erzähler, …

Friedemann Karig im »Dschungel« der Erinnerung

Zwei Teenager auf einer Klippe – den einen fasziniert der Abgrund und der Gedanke an den Sprung, der andere lernt das Fürchten vor diesem, seinem besten Freund. »›Es gibt keine Höhenangst, Herr Doktor‹, erklärt er mir. Seine Arme flattern wie zwei Flügel durch die Luft. ›Es gibt nur Fallsucht. Das ist keine Furcht. Sondern Lust! Der Sog der Tiefe. Der Reiz des letzten Schrittes.‹« (12) Was ihn daran reizt, ist der Mut. Zu wissen, dass man mutig genug für diesen letzten Schritt wäre. Der Mut, der dein Leben maximal zu vereinfachen vermag und Spaß erst möglich macht.   »›Eine Freundschaft wiegt nur so schwer wie die in ihr behüteten Geheimnisse.‹« (157) Felix ist der aller beste und einzige Freund des namenlosen Protagonisten. Jemand, zu dem er aufguckt, den er nicht enttäuschen will. Jemand, der seiner eigenen Existenz erst einen Sinn gibt. Eine Freundschaft, die über ein natürliches Maß an Abhängigkeit weit hinaus geht. Ins Pathologische hineinreicht. Mittlerweile sind die beiden erwachsen und unser Protagonist entscheidet sich zum ersten Mal gegen Felix, als dieser ihn bittet, …