Alle Artikel mit dem Schlagwort: Gegenwartsliteratur

Julia von Lucadou »Die Hochhaus-springerin«

Alles nur zu unserem Besten?! »Die Hochhausspringerin«, Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018, ist ein psychologischer Roman und eine ergreifende, genau durchdachte Dystopie. Vorgeführt wird eine konsequente Tyrannei der Produktivität, eine Welt, in der sich alles um die Leistungserfüllung im Job dreht, und die gar nicht so weit entfernt scheint. Erzählt wird die Geschichte aus dem Observationsblick einer Psychologin, die ihre berühmte Patientin rund um die Uhr beschattet und in Echtzeit analysiert. Sie ist der Schatten hinter den Monitoren, die durch eingeweihte Mitspieler quasi-göttlich in das Leben der gefeierten Hochhausspringerin Riva eingreifen kann und diese wieder gefügig machen soll. Eine unkonventionelle, bahnbrechende Idee verspricht den Durchbruch in ihrem Therapiefall, doch dann droht ein Kontrollverlust nicht nur ein Leben in einer Abwärtsspirale aus den Fugen geraten zu lassen… Dancer of the Sky Nach einem ungewöhnlichen Einstieg in sehr filmischer Schreibweise, in dem wir Riva als Heroine des Himmels mit wehendem Cape in rasantem Sprung – der Star bei einem umjubelten Massenevent – kennenlernen, dann der krasse Bruch: Dieselbe Frau verlässt ihre Wohnung, die sie sich mit ihrem …

Hülle und Fülle: »Das Gedicht & sein Double«

Von Oberflächen und Innenwelten »Das Gedicht & sein Double« ist ein ganz besonderer Fund: Als Portraitfotoband und Gedichtanthologie in einem bildet dieses Formathybrid die Breite und Heterogenität der deutschsprachigen Gegenwartslyrik ab. Alte, Junge, Etablierte und noch eher Unbekannte kommen gleichermaßen zu Wort, erhalten ein Gesicht und verleihen zugleich der lyrischen Gattung ein solches. Prominenteste Namen dürften da Jan Wagner, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Lutz Seiler, Anne Dorn und Özlem Özgül Dündar sein. Ein Großteil der Gedichte entstand exklusiv für diesen Band. 100 Dichterinnen und Dichter werden durch Dirk Skibas sinnliche Schwarz-Weiß-Portraits als Charaktere ins Bild gesetzt – fotografiert mit Sinn für Details und Augenblicke, aber auch metaphorischer Bedeutungstiefe. Ein Großteil der Autoren lässt sich direkt in die Augen blicken, wobei man stets etwas anderes in ihnen zu erkennen glaubt, und schaut die Leser gleichzeitig unverwandt an. »ich / gerinne nicht zu text.« (Aus: Carolin Callies »kleine grammatologie«) Zu der fotografischen Portraitsammlung gesellt sich jeweils eine poetische Reaktion bzw. textuelle Selbsterkundung des abgebildeten Künstlers. Beide Spielarten des Portraits kokettieren so und stehen in Wechselwirkung miteinander. Beide …

Jennifer Clement »Gun Love«

»Wusstest du, dass für jeden Menschen auf der Welt zwei Kugeln existieren?« (S. 152) Der neue Roman der amerikanischen Schriftstellerin Jennifer Clement spürt einer besonderen Mutter-Tochter-Beziehung irgendwo im Hinterland von Florida nach, die durch einen Mann und seine Pistolen gefährdet wird. Das Setting erinnert sehr an Sean Bakers Kinofilm »The Florida Project«. »Ich? Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man in einem Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen.« Die kleine Pearl lebt seit der Geburt mit ihrer Mutter in einem Auto am Rande eines Trailerparks in einer Wohnwagensiedlung. Auch wenn sie in prekären Verhältnissen aufwächst, mit der ständigen Angst an das Jugendamt verraten zu werden, lebt sie mit ihrer Mutter doch im Hier und Jetzt einer zauberhaft verträumten, heilen Welt. Im Inneren des Ford Mercury wirken andere Kräfte als in der irrsinnigen Welt da draußen voller Waffennarren, Gefahr, Gewalt und Hass. Die Erzählung ist besonders geprägt durch den traumwandlerischen Blick der beiden, durchzogen von Passagen aus Lovesongs und in einer …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …

I.J. Kay träumt sich »Nördlich der Mondberge«

Ein schneidend kalter Wind bahnt sich durch die Wohnung. Technobässe kommen von unten und lassen die frisch gestrichene Wand erzittern, auf der das Wort »Fotze« immer noch erkennbar ist. In der erschwindelten Resozialisierungswohnung fehlt jegliche Einrichtung und Strom gibt es auch keinen, da das Sozialhilfegeld auf sich warten lässt. Hier versucht Louise nach ihrer zehnjährigen Haftstrafe einen Neuanfang. Sie hat einen miesen Job in einer Donutfabrik bekommen, mit dem sie sich mehr schlecht als recht über Wasser hält, um sich ein normales Leben aufzubauen. Doch schon bald wird sie feststellen müssen, dass sich im Leben nicht Tabula rasa machen lässt und dass ihre Vergangenheit sie immer wieder einholen wird. Das ist die Rahmengeschichte in »Nördlich der Mondberge«, dem Debutroman der zurückgezogen lebenden britischen Autorin I.J. Kay, über die der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. Nicht einmal ihr richtiger Name, denn I.J. Kay ist ein Pseudonym – frech dem Alphabet entnommen und genauso aussagekräftig wie ASDF oder XYZ. Louise, als Kind noch Lulu, hatte es nicht leicht. Ihre narzisstisch-neurotische Mutter Joan, die sich als verhinderte Bühnen-Diva …

Juli Zeh »Neujahr«

Eine Reise in die eigene Vergangenheit »Neujahr« ist nun schon das dritte Buch in Folge, welches die enorm produktive Juristen-Schriftstellerin im Jahresrhythmus veröffentlicht. Diesmal legt sie einen recht schmalen Band vor, der in zwei Teile zerfällt: Was als Gesellschaftsanalyse beginnt, kippt auf der Hälfte zum Thriller-artigen Horrortrip. Wir verfolgen den Urlaub einer jungen Familie mit zwei kleinen Kindern zwischen den Jahren auf Lanzarote. Ein nicht ganz unschuldiger Familienurlaub, der sich plötzlich transformiert, verdoppelt und zum Albtraum schlechthin wird. Auf der Vulkaninsel verschieben sich Gewissheiten, während wohl gehütete Geheimnisse ans Licht kommen. In dieser rauen und faszinierenden Umgebung wird der junge Familienvater Henning auf sich selbst zurückgeworfen und sieht sich gezwungen, sich seiner Unvollkommenheit, seiner Vergangenheit und seinen Ängsten zu stellen. »Der Reiseführer sagt, dass manche Menschen Lanzarote hassen, während andere es abgöttisch lieben. Henning weiß noch nicht, zu welcher Sorte er gehört.« (S. 14)   »Sein Lieblingswort ist ›funktionieren‹.« (S. 25) Henning hat sich vorgenommen, am Neujahrstag mal wieder was für sich zu machen. Bei einer schweißtreibenden Fahrradtour bezwingt der junge Vater nicht nur einen …

»Ganz und garrr missraten« – Literaturkritik heute

Freunde der Literatur! Warum werden wir uns häufig nicht einig, wenn es um Bücher geht? Warum reißen uns einige Texte mit und andere berühren uns nicht? Und warum sieht der nächste das vielleicht schon wieder ganz anders? Es gibt das richtige Lesen und ein allgemeingültiges Urteil nicht, aber es gibt gute Gründe und überzeugende Argumente für bestimmte Lektüren. Warum Literaturkritik? Warum (kein) Wettbewerb? Weil wir ins Gespräch kommen müssen, über Bücher, brisante Themen und unsere Zeit. Die Literaturkritik kann helfen, sich auf dem Buchmarkt mit seinen rund 15.000 belletristischen Neuerscheinungen jährlich allein in Deutschland zu orientieren. Sie kann unseren Blick auf zu Unrecht Übersehenes lenken, Entdeckungen teilen, den Aufmerksamkeitsfokus der großen Medienhäuser korrigieren. Aber vor allem kann gute Literaturkritik die Lektüre auf eine höhere Ebene bringen, helfen, einen Text neu zu erschließen und besser zu verstehen. Und ganz nebenbei macht es einfach unverschämt viel Spaß, gemeinsam über gute Bücher zu diskutieren! Literaturkritik ist sinnvoll und wertvoll – auch oder gerade dann, wenn sie nicht von Berufskritikern geübt wird – in Räumen außerhalb des echolosen Feuilletons. …

Witzig! Das Känguru ist zurück:
Marc-Uwe Kling »Die Känguru-Apokryphen«

»›Viele sagen, man soll dann gehen, wenn es am schönsten ist, aber ich finde, man soll lieber dahin gehen, wo’s am schönsten ist.‹ Das Känguru« (S. 7) Und wie schön ist es in der WG mit einem kommunistischen Känguru! Der vierte Band der beliebten Känguru-Reihe ist weniger eine Fortsetzung, als eher eine Zugabe für treue Fans. Statt die Handlung der Vorgänger wieder aufzunehmen, werden einfach weitere Anekdoten und ulkige Dialoge beigesteuert, es handelt sich um nicht verwendete Kapitel aus der sprichwörtlichen Schublade, um Geschichten aus Anthologien und Live-Programmen. Der Schabernack beginnt hier schon in sämtlichen Paratexten. Es werden falsche Zitate als Motti vorangestellt, gefolgt von einem überflüssigen »Was bisher geschah« in Veräppelung traditioneller Seriennarrative und einem Vorgespräch über Titel und Sinn einer Fortsetzung. Und was hat es nun mit diesem kryptischen Titel auf sich, den sich eh keiner merken kann? Apokryphen sind religiöse Schriften, die es nicht in die Bibel geschafft haben, weil sie zu widersprüchlich oder ketzerisch waren, erklärt Kling – nun also auch Bonusmaterial zu den heiligen Känguru-Schriften, in diesem Fall kurze, bisher …

Virginie Despentes »Das Leben des Vernon Subutex 1«

International gefeiert: die provokante Pro-Sex-Feministin und französische Skandalautorin bzw. -filmemacherin von »Baise-moi – Fick mich«, »Apokalypse, Baby« und »King Kong Theorie«. In Frankreich ist ihre Vernon-Subutex-Trilogie bereits ein Riesenbestseller und Filmvorlage. Despentes liefert einen vielstimmigen politischen Gesellschaftsroman, der moderner Gewalt, Elend und Sehnsucht ein Gesicht verleiht – oder besser viele Gesichter. Der Mann mit dem abgespacten Namen Vernon Subutex ist ein insolventer Ex-Plattenladenbesitzer in Paris, ein Anhänger der analogen alten Welt, »Überlebender einer untergegangenen Industrie«. Mit Fünfzig ist für ihn in der heutigen Zeit kein Neuanfang mehr möglich, der Sozialstaat versagt und Vernon ist arbeitslos, pleite und nun auch noch obdachlos. Sein rasanter sozialer Abstieg kommt dem Leser wie Vernon selbst zunächst unwirklich vor. Das Figur gewordene Relikt aus vergangenen Zeiten wollte sich sein Scheitern nicht eingestehen und hat sich so an den Abgrund manövriert. Schaurig und erschreckend zeigt seine Geschichte, wie das Prekariat unbemerkt von allen in einer Parallelgesellschaft lebt. »Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, …

Tom Rachman: »Die Gesichter« des Bear Bavinsky

»›Ich hoffe, es macht dir nichts aus, wenn ich das klarstelle, Charles, aber dein Vater ist ein wahres Ungeheuer‹, sagt Marsden anerkennend.« (S. 119) Der neue Roman des britischen Autors Tom Rachman ist ein Künstlerroman, stark geknüpft an eine Familiengeschichte. Es geht um die Beziehung von Charles zu seinem Vater Bear, einem gefeierten Maler von Aktportraits. Es geht um das Leben im Schatten eines berühmten Mannes, das Streben nach Anerkennung, um den täglichen Kampf eines Künstlers, das Vatersein, die Suche nach der eigenen Bestimmung und Begabung und ganz nebenbei wird ein ungemein spannender Blick hinter die Kulissen der Kunstwelt gewährt. Sehr nachdenklich stimmen einen die tragischen Bemühungen von Charles (auch Pinch genannt), der ein Leben lang versucht, seinem exzentrischen Vater gefallen zu wollen. Dieser ist selbst, wenn er liebevoll ist, noch egozentrisch, unempathisch, rücksichtslos, manipulativ und launisch. Bear Bavinsky ist ein Mann, der für seine Arbeit lebt, ein charmanter und leidenschaftlicher Lebemann mit ausschweifendem Privatleben, der immer wieder seinen jungen Modellen verfällt und insgesamt 17 Kinder und zahlreiche Ehen, teilweise sogar parallel, ins Leben ruft. …