Alle Artikel mit dem Schlagwort: politischer Roman

Margaret Atwoods Frauen-Dystopie: »Der Report der Magd« und »Die Zeuginnen«

Gilead, eine theokratische Hölle Margaret Atwood hat sich mit ihrer Gilead-Dystopie von 1985 in eine Reihe mit den Klassikern Aldous Huxley und George Orwell gestellt. Die Grundregel ihrer Wahnutopie: „Es dürfen nur Geschehnisse vorkommen, die es in der Geschichte der Menschheit schon gegeben hat.“ (570, Nachwort) »Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.« (554) Im »Report der Magd« entwirft Atwood ein provokatives Gedankenexperiment, die düstere Vision eines totalitären Staates, »einer puritanischen Theokratie« (554) – ein an das Christentum erinnernder, ins Extremistische gesteigerter Glaube bestimmt in Gilead das Leben aller und schränkt besonders das der Frauen entscheidend ein. Es ist ein Staat, der – begründet mit der Bibel – von der Superiorität von Männern überzeugt ist und den Frauen ihre Menschenrechte abspricht. Sie dürfen weder arbeiten, noch lesen, schreiben oder eigenes Geld besitzen. Die Ehe und Fortpflanzung sind nicht nur zum unbedingten Ideal, sondern zur Pflicht erhoben, jedoch wird gleichzeitig die Körperlichkeit und Sexualität verachtet. Der männliche Körper wird regelrecht mit Angst, Ekel und Grauen belegt. Frauen müssen sich verschleiern und Sex findet einmal …

Theresa Lachner frönt dem »Lvstprinzip«

»Theresa Lachner hat eine entwaffnend offene Biografie ihres Begehrens geschrieben.« – Meredith Haaf In ihrer tagebuchartigen Sammlung von Blogeinträgen schreibt Theresa über sich. Über ihre Reisen als Bloggerin und Sexjournalistin, über private Erfahrungen mit Sex und Liebe, über Lust, Körperlichkeit, Selbstermächtigung und vor allem über Ehrlichkeit. Denn wenn wir es schaffen, sehr viel offener mit diesen Themen umzugehen, könnten wir alle freier, und vielleicht sogar glücklicher sein. Also fängt sie gleich mal damit an. »Freiheit ist das Recht, nicht zu lügen, hat Camus mal gesagt. Für mich ist Schreiben die beste Art, diese Freiheit auszuleben. Und deswegen liebe ich es auch, über Sex zu schreiben. Das ist nämlich ein Thema, das meiner Meinung nach noch extrem viel Wahrheit vertragen kann. (…) Genau das passiert nämlich, wenn man von seiner Freiheit, nicht zu lügen, Gebrauch macht: Ehrlichkeit multipliziert sich. Me too, me too, me too.« (9) »Ab jetzt bin ich offiziell gut genug. Und zwar aus Prinzip.« (202) Frauen scheinen irgendwie immer ›zu‹ oder ›nicht genug‹ irgendwas zu sein, aber wie fühlt man sich genau richtig? …

Karen Duve »Fräulein Nettes kurzer Sommer«

Ein Biopic der anderen Art Es wurde schon vieles gesagt über diesen preisgekrönten Historienroman, der beweist, dass Karen Duve wirklich jedes Genre beherrscht. Sie wagt sich an niemand geringeres als Annette von Droste-Hülshoff, flächendeckende Schullektüre seit Jahrzehnten. Im Mittelpunkt dieses Biopics der gerade einmal Anfang zwanzigjährigen Dichterin steht eine unerhörte Begebenheit, wie sie für Novellen konstitutiv sind, nur das sich diese zu einem 600 Seiten schweren Roman auswächst, der fünf Jahre aus dem Leben der Nette beleuchtet und bei dem jede einzelne Seite vom großen Spaß der Autorin am Schreiben kündet. Diese zentrale Tragödie, die am Ende niemanden unbeschadet hervorgehen lässt, ist eingebettet in ein detailreiches und gnadenlos enthüllendes Sittengemälde, eine historisch genaue Epochenschau. »Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln. Nur wenige Hinweise sind vorhanden.« (Vorwort, 7) Sehr gewissenhaft recherchiert Duve – sie vergleicht sich selbst mit einer Profilerin – aus einer schier unglaublichen Fülle an Archivmaterial, Briefen, Tagebüchern, Familienchroniken; im Anhang des Romans werden etwa 200 Referenztexte der Sekundärliteratur aufgelistet. Diese Recherche-Akkuratesse setzt sie gekonnt um, sodass …

Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios«

Nach seinem gefeierten Gedichtband »Nachthimmel mit Austrittswunden« erscheint nun das Romandebut des vietnamesisch-amerikanischen Dichters Ocean Vuong – ein Text, der genau wie sein Autor zwischen Prosa und Lyrik schwankt und eine kraftvolle Geschichte von Krieg und Gewalt, Flucht, Ausgrenzung, Liebe und Tod erzählt, und vom Versagen des ›Amerikanischen Traums‹. »Ich erzähle dir weniger eine Geschichte als ein Schiffswrack – die Teile dahintreibend, endlich lesbar.« (182) Dieser wohl autofiktionale Text nimmt die Gestalt eines Briefes an die Mutter an, eine Nagelstudioarbeiterin in Connecticut, die weder Englisch noch überhaupt Lesen kann. »Ich traue mich nur deshalb, dir zu erzählen, was jetzt kommt, weil die Chancen, dass dieser Brief dich findet, gering sind – nur der Umstand, dass es dir nicht möglich ist, all das zu lesen, macht es mir möglich, es zu erzählen.« (113) Seine Großmutter Lan, die damals vor ihrem ersten Mann weggelaufen war, hatte sich als Bauernmädchen in Vietnam während des Kriegs in einen US-Soldaten verliebt – die gesamte Familiengeschichte des Protagonisten wurzelt also im Krieg, ist die Saat der Gewalt. Aufgewachsen ist der Ich-Erzähler, …

Édouard Louis‘ Spurensuche: »Wer hat meinen Vater umgebracht«

Die Tragödie der sozial Abgehängten Das dritte Buch des jungen französischen Erfolgsschriftstellers Édouard Louis ist eine Art autobiografischer Essay. Wieder arbeitet er sich an der Figur seines Vaters ab, diesmal jedoch mit sehr viel wohlwollenderem Blick als in seinem Debut »Das Ende von Eddy«. Auf der Suche nach Schuldigen für das Elend im Leben seines Vaters, auf der Suche nach Gründen für die harte eigene Kindheit erzählt Louis Anekdoten wie aus dem Familienalbum gescheiterter Leben. Er scheint einer Antwort näher zu kommen, als er beginnt, in der persönlichen Tragödie die allgemeine zu suchen. »Die Welt war für das Elend verantwortlich, doch wie sollte man die Welt verurteilen, die Welt, die den Menschen um uns herum ein Leben auferlegte, das sie nur zu vergessen versuchen konnten – mit Alkohol, dank Alkohol. Es galt: vergessen oder sterben, oder vergessen und sterben.« (22) Der Titel erinnert derweil an Xavier Dolans Film »J’ai tué ma mère«, auf Deutsch »Ich habe meine Mutter getötet«, welchem Louis sein Buch auch widmet. Der frankokanadische Filmemacher und Louis sind etwa im selben Alter …

Virginie Despentes‘ »King Kong Theorie«

»Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss.« (10) Schon 2006 schrieb die französische Erfolgsschriftstellerin ihren autobiografischen Essay »King Kong Theorie«, eine provokante Streitschrift über Geschlechterrollen, Sexismus und die Freiheit der Unangepasstheit, durchdekliniert an den Erfahrungen der Autorin als Vergewaltigungsopfer, Prostituierte und Pornofilmerin. Nun wurde ihr wütendes Statement neu übersetzt und findet sich zwar in einer Zeit der #Me-too-Debatte wieder, in der Themen der Geschlechterungleichheit und der sexuellen Übergriffe zwar öffentlich Gehör finden, sich im Alltag und den sozialen Strukturen praktisch aber noch immer nicht viel verändert hat. »Ich habe eine Möse mitten in der Fresse« (119) »Und ich sage gleich, damit das klar ist: Ich entschuldige mich für nichts und ich werde nicht jammern. Ich würde meinen Platz gegen keinen anderen tauschen, denn Virginie Despentes zu sein, finde ich viel spannender als alles andere.« (9) Virginie Despentes ist in diesem schmalen Heft vor allem laut, mutig und wütend. Sie schreibt gegen Zwänge und Vorverurteilung an, und das auf ihre Art: direkt, schonungslos, vulgär, sich selbst als »Proletin der Weiblichkeit« (10) begreifend, als …

George Orwells »Farm der Tiere« zum Hören

Jürgen Liebing hat sich des Orwell’schen Klassikers angenommen und als Hörspiel adaptiert. Ein Gespenst geht um, es ist der Animalismus – Die Revolution der Tiere Aufstand auf dem Bauernhof. Nachdem die Tiere – allen voran Major, ein betagter Eber an seinem Lebensabend – erkannt haben, dass ihr Leben um einiges besser wäre, wenn sie nicht für Menschen schuften müssten, um sogleich wieder um die Früchte ihrer Arbeit betrogen zu werden, steht es fest: Der Farmbesitzer Jones muss weg. Die Zweibeiner sind der Feind. »Vorwärts, Kameraden!« Da die Schweine einfach die schlausten Tiere des Hofs sind, ist klar, dass sie die Organisation in die Hand nehmen. Revolution machen. Aber vorerst muss man sich eines gemeinsamen Ideals klar werden. Wie soll sie sein, die bessere Welt der Zukunft? Animalismus nennen sie ihre Ideologie, die alle Tiere gleichstellen soll. Frieden, Freiheit, Schutz der Schwachen stehen auf der Agenda, und vor allem: niemals so werden wie der Feind. Und dann ist der Tag der siegreichen Großen Schlacht am Kuhstall gekommen und die Vertreibung des Unterdrückers durch Bisse, Tritte und …

Reni Eddo-Lodge »Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche«

»Dieses Buch ist ein Versuch zu sprechen.« (S. 18) 3 Jahre nachdem die britische Journalistin Reni Eddo-Lodge ihre Absage zum Gesprächsthema Rassismus via Blogeintrag gab, erschien 2017 ihr Buch »Why I’m no longer talking to white people about race«. Konträr zu ihrem eigentlichen Vorhaben, nicht mehr mit Weißen über Hautfarbe und Rassismus diskutieren zu wollen, entwickelt sich ihr Buch zu einer Gesprächseinladung. Eine Lektüre über die frustrierende Erfahrung mit Colour-Blindness, White Privilege und einem strukturellen Rassismus, eine Lektüre, die die weiße Welt neu beleuchtet und vor allem eines ist: schmerzhaft. In Zeiten von Trump, Brexit und europaweitem Rechtsruck ist ein Austausch zu diesem Thema dringender denn je. Also sprechen wir! »Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Rassismus nicht aus dem Nichts entsteht, sondern dass er vielmehr in der britischen Gesellschaft verankert ist. Er steckt im Kern unserer staatlichen Strukturen. Er ist nichts Externes. Er ist Teil des Systems.« (S. 69) Renis Basis ist ein Exkurs zur Geschichte der Schwarzen bzw. People of Colour* in Großbritannien, um aufzuzeigen, dass Probleme von Migration, Integration und …

Marie Darrieussecq »Unser Leben in den Wäldern«

»Das ist alles nicht gut. Überhaupt nicht gut.« (S. 7) Die französische Autorin Marie Darrieussecq entwirft in »Unser Leben in den Wäldern« eine eindrucksvolle Zukunftsdystopie, auch wenn ihre Motive und Einfälle sehr genretypisch und nicht besonders innovativ sind, kann sie stilistisch mit einer düsteren Atmosphäre und bedrückender Dringlichkeit überzeugen. Wir befinden uns in einer vielleicht gar nicht allzu fernen Zukunft, in der Roboter die meiste Arbeit übernehmen und dem Menschen existenziell Konkurrenz machen, in der Klone als Ersatzteillager im Dornröschenschlaf gehalten werden und es total normal ist, durch technische Implantate und smarte Vernetzungen ständig online zu sein. Mit diesen entscheidenden Schritten in Richtung Digitalisierung wird allerdings auch eine in der Drastik nie dagewesene, umfassende Überwachungspraxis ermöglicht und die Unterscheidung von Mensch und Maschine wird zunehmend schwieriger und letztendlich obsolet. Es ist eine Zukunft des Turbo-Kapitalismus, in der ohne Ausnahme alles nutzbar gemacht und ausgebeutet wird, in der die soziale Ungleichheit immer weiter wächst und Rückgang und Vergiftung der Natur bei gleichzeitigem Wuchern des Urbanen die Gesundheit alles Lebendigen bedroht. Das autoritäre politische System schreckt nach …

Julia von Lucadou »Die Hochhaus-springerin«

Alles nur zu unserem Besten?! »Die Hochhausspringerin«, Shortlist des Schweizer Buchpreises 2018, ist ein psychologischer Roman und eine ergreifende, genau durchdachte Dystopie. Vorgeführt wird eine konsequente Tyrannei der Produktivität, eine Welt, in der sich alles um die Leistungserfüllung im Job dreht, und die gar nicht so weit entfernt scheint. Erzählt wird die Geschichte aus dem Observationsblick einer Psychologin, die ihre berühmte Patientin rund um die Uhr beschattet und in Echtzeit analysiert. Sie ist der Schatten hinter den Monitoren, die durch eingeweihte Mitspieler quasi-göttlich in das Leben der gefeierten Hochhausspringerin Riva eingreifen kann und diese wieder gefügig machen soll. Eine unkonventionelle, bahnbrechende Idee verspricht den Durchbruch in ihrem Therapiefall, doch dann droht ein Kontrollverlust nicht nur ein Leben in einer Abwärtsspirale aus den Fugen geraten zu lassen… Dancer of the Sky Nach einem ungewöhnlichen Einstieg in sehr filmischer Schreibweise, in dem wir Riva als Heroine des Himmels mit wehendem Cape in rasantem Sprung – der Star bei einem umjubelten Massenevent – kennenlernen, dann der krasse Bruch: Dieselbe Frau verlässt ihre Wohnung, die sie sich mit ihrem …