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Carmen Buttjer »Levi«

In Carmen Buttjers Debütroman »Levi« ist der Name Programm. Es ist Hochsommer in Berlin und eine brüllende, flirrende Hitze bildet den Grundton einer Geschichte, die zwischen hitziger und lähmender Stimmung schwankt.

Levi ist elf und auf der Flucht vor seinen Gefühlen. Er hat die Urne während der Beerdigung seiner Mutter – eine Pathologin, die anscheinend am Arbeitsplatz erstochen wurde – geklaut und versteckt sich nun vor seinem Vater in einem Zelt auf dem Dach ihres Wohnhochhauses. So weit, so aufregend. Nichtsdestotrotz ist »Levi« ein überwiegend leiser Roman. Eigenwillig erzählt, schnörkellos mit melancholischen, zarten Tönen und bizarr schönen Bildern entwickelt er eine erzählerische Energie, die beeindruckt.

 

»Es regnete in meinen Ohren.« (11)

»Da waren die Geräusche von Tieren: Vögel und Tiger und es war unmöglich zu unterscheiden, ob sie nur in meiner Vorstellung oder wirklich da waren. Ich rannte ihnen entgegen, draußen schien der Mond so hell, dass er ein Loch in mein T-Shirt gebrannt hätte, wenn ich stehen geblieben wäre. Ein Teil von mir blieb in der Pathologie sitzen. Ich wusste, ich würde ihn nicht zurückbekommen.« (92)

Levi ist kein gewöhnlicher Elfjähriger. Aus seiner Sicht erleben wir diesen Roman und die Welt sieht hier anders aus als gewohnt: Aus kindlich naiver Perspektive und deshalb irre klug, unverbraucht, poetisch und komisch blicken wir auf ein Berlin, dass man so noch nicht gesehen hat. Über Levis detailgenaue, neugierige Beobachtungen legt sich immer wieder eine magische Zwischenwelt: Ein phantastischer Großstadtdschungel, bevölkert von Tigern und allerlei weiteren Kreaturen, tut sich zwischen den Hochhausschluchten auf, ein sich stets transformierender Ort, der Tierschatten und leuchtende Augen hervorbringt, die Levi verfolgen und umkreisen, bis er sich schließlich auf die Jagd begibt…

»Früher hatte ich geglaubt, der Mond würde uns folgen, doch das tat er nicht, das wusste ich jetzt. Er folgte nicht uns, sondern nur mir.« (98)

Buttjer arbeitet konsequent stark mit visuellen Eindrücken, konzipiert ihre Szenen in erster Linie über Bilder und Atmosphären. Über ihre Arbeitsweise sagt sie, dass eine Graphic Novel in ihrem Kopf entstehe.

Eine auffällige Besonderheit: Die Geschichte stammt aus der Feder einer Autorin und das Hörbuch wird von einer Sprecherin eingelesen (Jasna Fritzi Bauer), und das obwohl ausschließlich männliche handelnde Figuren vorkommen. Frauen tauchen lediglich als verstorbene verflossene Geliebte auf, selbst der Geist der Mutter fühlt sich die ganze Zeit über sehr fern an.

 

Die dunkle Seite des Mondes

Obwohl Levi und sein Vater denselben Schmerz teilen, stoßen sie sich permanent voneinander ab. Auf seiner Flucht von zu Hause sucht Levi sich andere Verbündete, die ihn besser zu verstehen scheinen: Da ist sein Nachbar Vincent, mit dem er Spritztouren durch die Stadt unternimmt und über den niemand so wirklich etwas weiß, außer dass er dubiosen Geschäften nachgeht. Und außerdem ist da der lebensweise Kioskbesitzer Kolja, dem Levi im Laden hilft und der seinen Frieden mit der Welt in der Whiskeyflasche findet, da er immer noch verfolgt wird von Erinnerungen aus seiner Zeit als Kriegsfotograf. Beide Männer zeichnen sich dadurch aus, dass sie Levi wirklich ernst nehmen, sie wollen ihm mit seinem Schmerz helfen ohne auf abgedroschene Floskeln zurückzugreifen, sie sprechen ehrlich und aus eigener Erfahrung, denn beide hadern noch mit ihren eigenen dunklen Kapiteln.

»Mein Vater war anders. Je mehr Zeit ich mit ihm verbrachte, desto weniger wusste ich über ihn. Eigentlich nur drei Dinge: Er war Anwalt und stritt gerne und kam meistens erst nach Hause, wenn ich schon eingeschlafen war, wohingegen es morgens andersherum war. Da war er schon weg, obwohl er noch in der Küche stand. Dann kannte ich noch seine Adresse, es war dieselbe wie meine.« (7)

Levis Vater erscheint zunächst als typisches Arschloch: Ein mitleidsloser Anwalt und Workaholic, der Frau und Kind vernachlässigt hat und nun nicht viel mit Levi anfangen kann und ihn sich selbst überlässt. Sie beide wissen kaum etwas übereinander und können nicht miteinander reden. Doch nach und nach deutet sich an, dass die beiden nur ihre Verbindung verloren haben und auch Levis Vater droht, in seiner Trauer unterzugehen.

Die Männerfiguren in dieser Geschichte spiegeln sich gegenseitig, sie ziehen sich wegen ihrer Verlusterfahrungen immer wieder an, prallen aufeinander. Besonders der Vater und Levi sind sich viel zu ähnlich, um nicht ständig aneinanderzugeraten.

»Wir sahen uns an wie Tiger und Antilope, (…) und für eine Sekunde war es, als hätte selbst ich vergessen, wer von uns wer war.« (242)

 

»Niemand hatte mir gesagt, dass sich Trauer wie Wut anfühlt.« (243)

Denn Levi kann sich nicht ewig verstecken: Die Konfrontation mit seinem Vater und der Realität wird irgendwann unausweichlich, es folgt eine rasante Zuspitzung der Dinge. Der Text ein Taumeln am Rande einer Häuserschlucht.

Vieles bleibt in diesem Roman bis zum Schluss unscharf und man erfährt nicht viel Konkretes über die Figuren oder die Mordumstände. Das liegt unter anderem auch an Levis dominanter Perspektive: Er hält einen Tiger für den Mörder seiner Mutter.

Trotz dieser Leerstellen hat Carmen Buttjer ein sehr berührendes Buch geschrieben. Levis unkonventionelle Art, die Dinge zu sehen und zu benennen, ist entwaffnend, einnehmend und herzerwärmend. Es ist die Geschichte eines großen Verlustes, von Trauer, Wut, Ohnmacht und Familienbande wird erzählt und am Ende ist einem diese eindrückliche Kinderfigur, die viel zu schnell erwachsen werden musste, eng ans Herz gewachsen.

»Wenn jemand starb, dann war das nicht das Ende. Es war anders, als alle dachten, denn auch wenn meine Mutter nicht mehr da war, schlich sie dennoch durch meine Knochen und selbst wenn ich die Urne vom Dach geschmissen hätte, wäre das nicht das Ende gewesen. Da war kein Ende. Niemals.« (188)

 

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»Levi« von Carmen Buttjer umfasst 272 Seiten, erschien am 22.08.2019 bei Galiani Berlin und kostet als Hardcover 20,00 €.

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