Alle Artikel mit dem Schlagwort: Berlin

Büke Schwarz entscheidet sich für »Jein«

»Kunst hat mit Moral nichts zu tun. Kunst hat mit Demokratie nichts zu tun. Kunst ist Kunst!« (208) Die Graphic Novel »Jein« ist Büke Schwarz‘ Debüt, hier erzählt sie von einer jungen deutsch-türkischen Künstlerin in Berlin, die in ihren Gemälden Geschichten erzählen möchte und sich sicher ist, dass ihr Werk nichts zu tun hat mit dem Heimatland ihrer Eltern. Doch das ändert sich mit dem viel diskutierten Verfassungsreferendum am 16. April 2017, bei dem 51 % der Türk*innen für evet, für Ja zu der Präsidentschaftsreform von Erdoğan gestimmt haben und ihm damit die Macht verliehen, Stück für Stück die Demokratie in der Türkei auszuhöhlen.   Die Ausstellung, die zum Gewinn der vier Kunststipendiat*innen zählt, zu denen auch Elâ gehört, trägt ebenfalls den Titel »Jein« und will so die Stellungnahme verweigern, was in der heutigen Zeit einer Provokation gleichkommt. Und trotz dieser Verweigerungsstrategie versteht sich die Protagonistin Elâ hier zum ersten Mal als politische Künstlerin, selbst wenn sie den Begriff an sich problematisch findet. Nicht zuletzt die Medien zwingen sie, sich zu den Entwicklungen in der …

Kathrin Weßling »Nix passiert«

Wer bin ich ohne dich? Alex wurde von Jenny verlassen. Was sich in der akuten Liebeskummer-Phase anfühlt, wie ein Kettensägenmassaker an seinem Herzen, ist einfach der Anfang einer neuen Lebensphase. Wer kennt es nicht? Man aalt sich in Selbstmitleid, verloddert, verheult, Trash-TV, Stalking auf Social Media und man kann sich einfach nicht vorstellen, dass das Leben weitergehen wird. Jemals wieder Freude? Jemals wieder lieben? Alles ausgeschlossen. Man selbst der einzige Single auf der Welt, ein Freak, das Leben nicht im Griff. Alles, was man will, ist, dass NIX PASSIERT. Weil in einem gefühlsmäßig schon der dritte Weltkrieg tobt. Die Welt soll pausieren, damit man genug Zeit zum Leiden hat. Bis das irgendwann unerträglich wird, »bis man endlich kapiert: Es ist vorbei. Es ist nicht nur vorbei, sondern es wird auch vorbei sein, Futur zwei für immer« (211) und man alle Sachen seiner*s Ex wegschmeißt und endlich mal wieder duscht. »Du hast mir das Herz nicht gebrochen, nein, das wäre dir ja zu wenig, das ist ja nicht doll genug, nicht krass genug, da muss die …

Leif Randts Hipsterepos »Allegro Pastell«

Randts vierter Roman war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 und hat ein starkes Medienecho ausgelöst. Was sein Verlag als »Germany‘s next Lovestory« bewirbt, ist im Grunde eher das kaum erträgliche, sehr traurige Bild einer beziehungsunfähigen, konsumgeilen Generation von Egomanen, gekleidet in streckenweise ziemlich ermüdende Sätze. Tanja Arnheim und Jerome Daimler führen eine Fernbeziehung – sie Berlin, er Maintal bei Frankfurt –, die dennoch makellos wirkt. Sie bleiben über eine permanente Social-Media-Kommunikation verbunden, erzählen sich aus ihren Leben – lässig, witzig, nachdenklich. An den meisten Wochenenden besuchen sie sich, gehen ins Kino, auf Hauspartys, Essen oder machen ihre obligatorische Schweige-Teezeremonie auf Tanjas Balkon. In diesen Momenten kultivieren sie das, was Tanja „vorauseilende Wehmut“ nennt. Wichtig ist ihnen eine enge, stabile Bindung, aber bloß existenziell darf es nicht werden. Abhängigkeit ist so unsexy. Bei beiden stehen regelmäßig sexpositive Clubnächte und kontrollierter Drogenkonsum auf dem Freizeitplan, dem richtigen Lifestyle zuliebe. Beide sind sie hip, jung, erfolgreich und extrem stilsicher. Tanja genießt als die Autorin von »PanoptikumNeu«, ein Buch über eine sinnstiftende Virtual­Reality­Erfahrung, Kultstatus. Im Moment …

Mit Olivia Wenzel »1000 Serpentinen Angst« durchqueren

»Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. (…) Ich hätte durch die Scheibe nach draußen schauen und die Menschen auf dem Bahnsteig beobachten können. Ich hätte Grimassen schneiden und pathetische Lieder singen, hätte die Gespräche der Leute live synchronisieren können. Den Menschen, dir zu mir gekommen, wären, um sich einen Snack zu holen, hätte ich eindringliche Fragen stellen können. Oder Antworten geben. Ich hätte mich verlieben können. Ich hätte meine bisherigen Berufe, mein bisheriges Leben einfach so vergessen können.« (11) Es ist die Urszene ihrer Angst, die plötzlich alles zu beherrschen scheint. Der Bahnsteig, an dem sie sich immer wieder stehen sieht, ganz allein zwischen Fremden. Derselbe Bahnsteig, an dem ihr Zwillingsbruder sich mit 17 umgebracht hat. Und sie sich selbst überlassen hat, in einem Leben, das wirklich alles andere als einfach ist. Wer würde sich da nicht im Snackautomaten …

Rückblick zum 19. ilb – 11. bis 21.09.19

Ich war in diesem Spätsommer auf verschiedenen Veranstaltungen des internationalen Literaturfestivals in Berlin unterwegs und möchte euch gern einige Einblicke in die Momente gewähren, die mir am meisten in Erinnerung bleiben werden. Ocean Vuong »Auf Erden sind wir kurz grandios« Mit seinem Prosa-Debüt hat der in Vietnam geborene US-amerikanische Lyriker Ocean Vuong für Furore gesorgt. Sehr einfühlsam und poetisch, ja geradezu gattungsübergreifend, schreibt Vuong über Gewalt, Migration und eine erste Liebe, die alles verändert. Seine Lesung auf dem ilb ist außergewöhnlich gut besucht. Wie ein Popstar wird der recht kleingewachsene Literat von zierlicher Gestalt gefeiert. Sein überraschend hohes, wackeliges Stimmchen steht gegen seine enorm starken Statements mit Marmor schwerem Pathos. Der lyrische Prosaist weiß sein Publikum in den Bann zu ziehen und lässt eine zu Tränen gerührte Menge zurück. Viel wird über Vuongs biografischen Hintergrund gesprochen. Aus einer Arbeiter- und Migrantenfamilie ist er mit zwei Jahren nach Amerika gekommen. Von seiner zwar nur gering gebildeten Familie von Reisbauern habe er die Kunst des Geschichtenerzählens erlernt, erzählt er. Der Körper sei eine begrenzte Bibliothek. Wenn man …

Carmen Buttjer »Levi«

In Carmen Buttjers Debütroman »Levi« ist der Name Programm. Es ist Hochsommer in Berlin und eine brüllende, flirrende Hitze bildet den Grundton einer Geschichte, die zwischen hitziger und lähmender Stimmung schwankt. Levi ist elf und auf der Flucht vor seinen Gefühlen. Er hat die Urne während der Beerdigung seiner Mutter – eine Pathologin, die anscheinend am Arbeitsplatz erstochen wurde – geklaut und versteckt sich nun vor seinem Vater in einem Zelt auf dem Dach ihres Wohnhochhauses. So weit, so aufregend. Nichtsdestotrotz ist »Levi« ein überwiegend leiser Roman. Eigenwillig erzählt, schnörkellos mit melancholischen, zarten Tönen und bizarr schönen Bildern entwickelt er eine erzählerische Energie, die beeindruckt.   »Es regnete in meinen Ohren.« (11) »Da waren die Geräusche von Tieren: Vögel und Tiger und es war unmöglich zu unterscheiden, ob sie nur in meiner Vorstellung oder wirklich da waren. Ich rannte ihnen entgegen, draußen schien der Mond so hell, dass er ein Loch in mein T-Shirt gebrannt hätte, wenn ich stehen geblieben wäre. Ein Teil von mir blieb in der Pathologie sitzen. Ich wusste, ich würde ihn …

Matthias Nawrat »Der traurige Gast«

Der Mann ohne Namen »Ich stand hier unten, die Türen des einfahrenden Zuges öffneten sich, ich stieg in die bunte Menge der nihilistischen Mörder und ihrer Opfer ein, ich setzte mich und dachte, dass es egal war – die Situation der Situationen wäre unumkehrbar.« (191) Der polnisch-deutsche Autor Matthias Nawrat führt in »Der traurige Gast« – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 – einen namenlosen Protagonisten vor, der bis zum Schluss eher eine Art Hülle bleibt, die mit den Geschichten anderer gefüllt wird. Er ist zu Gast in den Leben anderer, bleibt aber lediglich ein Flaneur, ein Beobachter, der die Angebote, aktiv und tatsächlich Teil ihrer Leben zu werden, immer wieder ausschlägt. Warum es sich bei ihm um einen traurigen Gast handelt, obwohl sein Leben gut, unauffällig zu sein scheint, ist wohl auch dem Ich-Erzähler selbst nicht klar. Der Protagonist bewegt sich in der polnischen Gemeinde Berlins und trifft im Laufe des Romans mehrere Fremde, die bereit sind, ihm ihre Geschichten anzuvertrauen. Dabei prägen ihn besonders die Gespräche mit der polnischen Architektin Dorota …

Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen? »›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹ ›Dein Vater ist tot?‹ ›Nicht der. Der andere.‹ ›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹ Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18) Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht. »Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede …

Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162) Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen. »Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13) In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes …

»Ganz und garrr missraten« – Literaturkritik heute

Freunde der Literatur! Warum werden wir uns häufig nicht einig, wenn es um Bücher geht? Warum reißen uns einige Texte mit und andere berühren uns nicht? Und warum sieht der nächste das vielleicht schon wieder ganz anders? Es gibt das richtige Lesen und ein allgemeingültiges Urteil nicht, aber es gibt gute Gründe und überzeugende Argumente für bestimmte Lektüren. Warum Literaturkritik? Warum (kein) Wettbewerb? Weil wir ins Gespräch kommen müssen, über Bücher, brisante Themen und unsere Zeit. Die Literaturkritik kann helfen, sich auf dem Buchmarkt mit seinen rund 15.000 belletristischen Neuerscheinungen jährlich allein in Deutschland zu orientieren. Sie kann unseren Blick auf zu Unrecht Übersehenes lenken, Entdeckungen teilen, den Aufmerksamkeitsfokus der großen Medienhäuser korrigieren. Aber vor allem kann gute Literaturkritik die Lektüre auf eine höhere Ebene bringen, helfen, einen Text neu zu erschließen und besser zu verstehen. Und ganz nebenbei macht es einfach unverschämt viel Spaß, gemeinsam über gute Bücher zu diskutieren! Literaturkritik ist sinnvoll und wertvoll – auch oder gerade dann, wenn sie nicht von Berufskritikern geübt wird – in Räumen außerhalb des echolosen Feuilletons. …