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Leif Randts Hipsterepos »Allegro Pastell«

Randts vierter Roman war nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 und hat ein starkes Medienecho ausgelöst. Was sein Verlag als »Germany‘s next Lovestory« bewirbt, ist im Grunde eher das kaum erträgliche, sehr traurige Bild einer beziehungsunfähigen, konsumgeilen Generation von Egomanen, gekleidet in streckenweise ziemlich ermüdende Sätze.

Tanja Arnheim und Jerome Daimler führen eine Fernbeziehung – sie Berlin, er Maintal bei Frankfurt –, die dennoch makellos wirkt. Sie bleiben über eine permanente Social-Media-Kommunikation verbunden, erzählen sich aus ihren Leben – lässig, witzig, nachdenklich. An den meisten Wochenenden besuchen sie sich, gehen ins Kino, auf Hauspartys, Essen oder machen ihre obligatorische Schweige-Teezeremonie auf Tanjas Balkon. In diesen Momenten kultivieren sie das, was Tanja „vorauseilende Wehmut“ nennt. Wichtig ist ihnen eine enge, stabile Bindung, aber bloß existenziell darf es nicht werden. Abhängigkeit ist so unsexy. Bei beiden stehen regelmäßig sexpositive Clubnächte und kontrollierter Drogenkonsum auf dem Freizeitplan, dem richtigen Lifestyle zuliebe. Beide sind sie hip, jung, erfolgreich und extrem stilsicher. Tanja genießt als die Autorin von »PanoptikumNeu«, ein Buch über eine sinnstiftende Virtual­Reality­Erfahrung, Kultstatus. Im Moment wartet sie mit Blick auf die Berliner Hasenheide auf Inspiration für den nächsten großen Wurf. Jerome ist anerkannter Webdesigner, Lebemann, Mitte Dreißig. Mit etwas Ironie ist er zurück in sein Elternhaus gezogen, in die Provinz. Nun ist Frühling 2018 und Tanjas dreißigster Geburtstag steht an.

Und Jerome hat ein ganz besonderes Geschenk in petto: Er hat hinter ihrem Rücken an einer Autorinnenwebsite für Tanja gearbeitet – ihre Onlinepräsenz ist natürlich eine heikle, sehr intime Angelegenheit, die Webseite spiegelt, wie Jerome sie sieht. Irgendwie scheint diese Überraschung eine Nummer zu forsch gewesen zu sein und sich für Tanja übergriffig anzufühlen. Auch wenn sie sich bedankt, die Seite gefällt ihr im Grunde gut, beginnt die perfekte Beziehung der beiden nun zu straucheln. Tanja kommt es vor wie ein Blackout. Von einem Tag auf den nächsten erträgt sie die Nähe zu Jerome nicht mehr, braucht dringend Abstand, ohne das erklären zu können. Auch ein Gespräch mit ihrer Therapeutinnen-Mutter Ulla kann nicht wirklich zur Klärung des Falls beitragen. Die fünf-monatige Beziehungspause führt beide in die Arme anderer Liebhaber*innen. Tanja bändelt mit Janis an, der eigentlich der große ›Crush‹ ihrer besten Freundin Amelie ist – das gibt Stress. Und Jerome treibt es nun doch zu seiner Grundschulliebe Marlene – das sieht nach was Ernstem aus. Und dann im Herbst treffen sich Tanja und Jerome zum ersten Mal ausgerechnet auf einer Hochzeit wieder – das wird einiges an Gefühlschaos bereithalten…

 

Der Roman unserer Zeit

Literaturkritiker*innen meinen, in »Allegro Pastell« schon wieder den nächsten »Roman unserer Generation« gefunden zu haben – einer gutsituierten Generation, die keine wahren Krisen kennt, nie scheitern oder kämpfen musste, die im Prinzip keine wirklichen Sorgen kennt und deshalb ein Leiden an der Zeit, Burnout oder ähnliche Zivilisationskrankheiten kultiviert. Menschen, die im Grunde ständig um sich selbst kreisen, sich optimieren, inszenieren, austherapieren, Stichwort Achtsamkeit und Psychohygiene. Jerome bringt es zynisch auf den Punkt, wenn er anmerkt, dass ein schöner Bildschirmschoner eigentlich alles sei, was ihm fehle.

Wir haben es hier mit zwei Protagonist*innen zu tun, die sich ständig von außen beobachten. Unglaublich selbstfixiert und selbstgefällig kuratieren sie ihre Leben möglichst publikumswirksam, trennen dabei eine sogenannte innere von der äußeren Persönlichkeit, stets auf den richtigen Effekt bedacht, als wäre ihr ganzes Leben ein Film, der die bestmögliche Version ihrer Selbst vorführt – und zwar bis ins kleinste und scheinbar unbedeutendste Detail.

»Er wünschte, er hätte sich nach vorn gesetzt, dann hätte er den Spiegel in der Sonnenblende verwenden können, was sich auf eine gute Weise filmisch angefühlt hätte.« (204)

Leif Randt mutet uns die Aussagen und das Leben zweier Hipster zu, die kaum etwas anderes tun als zu kommunizieren. Sie debattieren über die absurdesten Banalitäten und können nicht anders als ALLES STÄNDIG zu bewerten, denn diese sensiblen, hyperreflektierten Akademiker durchschauen einfach alles und jeden, dabei verstricken sie sich auch schonmal in die Beobachtung der Beobachtung, kreisen aber eigentlich immer nur um sich selbst. Jedes Detail muss zu ihrem Selbstbild, ihrer angestrebten Performance passen, vom Sneaker bis zum Pastrami-Sandwich, vom Gang bis zum Sprachnachrichtenstil, vom Job bis zur Freundin. Dabei bewegen sie sich auf einer Skala von charmant bis nervig – schlimmstmögliches Urteil ist, wenn etwas oder jemand sie langweilt.

Wie bei einem*r Kurator*in oder Szenenbildner*in geht es ihnen immer darum, dass alles ins Gesamtbild passen muss, zu der Persönlichkeit, die sie verkörpern wollen. Die Ich AG muss von vorne bis hinten, von innen und außen stimmig sein. Dabei folgen sie zahlreichen selbstauferlegten Regeln, sind sich selbst genauso kritisch wie anderen gegenüber und legen dabei doch eine schier unerträgliche Selbstverliebtheit an den Tag. Besonders Tanja macht sich in ihren abkanzelnden Urteilen nicht gerade sympathisch.

»Es kam Tanja vor, als wollte er jetzt mehr richtig machen, als würde er stärker performen als früher, was ihn auf eine merkwürdige Weise weniger attraktiv machte.« (231)

In ihren bewertenden Beobachtungen zeigen die beiden sich deep und oberflächlich zugleich, tappen selbstreflektiert in ihre eigenen Vorurteile. Dabei frönen sie dem größten Wert schlechthin: der Jugend.

»Im Gegensatz zu Tanja sah Caro eindeutig wie über dreißig aus, und obwohl Tanja sich fest vorgenommen hatte, das Älterwerden auch bei Frauen zu akzeptieren, ihnen vor allem auch ihre Lust zuzugestehen, dachte sie, dass sie es Caro mit ihrer Kurzhaarfrisur nur bedingt gönnen würde, mit ihr rumzumachen. Wie entsetzlich eitel und lebensfeindlich dieser Gedanke war, gestand Tanja sich sofort ein, als sie, nachdem sie die Klospülung betätigt hatte, vor dem Waschbecken stand und sich im Spiegel anschaute.« (240)

Leif Randt wählt einen sehr sachlichen, gleichförmigen Sound, dabei bedient er sich ununterbrochen an Worthülsen, umständlichen, auktorial anmutenden Floskelformulierungen à la »Jerome war der Meinung«, »Tanja ging davon aus«, »Jerome hatte die Theorie«, »Es kam Tanja so vor« und dergleichen mehr. Hölzerne Formulierungen, die Leser*innen nach einer Weile zur Weißglut treiben können, aber natürlich wohlüberlegt eingesetzt werden. Sie verunmöglichen ein Eintauchen in die Szenen und Gefühle der Protagonist*innen. Bewusst und brutal wird das Miterleben unterbunden, Sätze wie »Dann fuhren sie mit einem Taxi zu seiner Einzimmerwohnung an der Gneisenaustraße und hatten Sex.« schließen die Leserschaft mutwillig aus dem Erleben der Figuren aus.

Zwar kommen einem Tanja und Jerome wie die größten Hipster-Klischees vor, sie sind eindeutig Stellvertreter, Repräsentanten ihrer Zeit und Altersgenossen, und doch überzeugen sie mit einer Portion Ambivalenz und sind vielschichtiger als sie auf den ersten Blick vermuten lassen. Mit einem gewissen Spaß am Bruch mit Erwartungen werden hier zwei präsentiert, die beide Pole besetzen: Sie sind empathisch, aber auch unterkühlt, spießig und vernünftig bis zur Lächerlichkeit, aber auch Hedonisten auf Keta und Emma. Einerseits identifizieren sich Jerome und Tanja mit Konsumprodukten, im selben Atemzug zeigen sie sich aber auch kritisch reflektiert dem Kapitalismus gegenüber.

 

»Wir hätten punktuell die beste Zeit erlebt. Konsequente Verbundenheit bei groß er Entfernung – ich glaube, das hätte uns entsprochen.« (278)

Es geht in »Allegro Pastell« gar nicht so sehr um eine Liebesgeschichte, auch nicht nur um das Portrait einer Generation in ihrer gutsituierten Blase. Leif Randt stopft seinen Roman bis obenhin voll mit steilen Thesen und Behauptungen zu Gesellschaft, Politik, Psychologie und Popkultur. Da kommt unvermittelt ein Satz wie folgender:

»Sex hatte nun, mit Mitte dreißig, vielleicht jedes Geheimnis verloren, und war deshalb endlich ungebrochen angenehm und entspannt, teils erlösend und schön, aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal.« (212)

Oder so einer:

»Eine Midlife­Crisis fing vermutlich damit an, dass sich alles so anfühlte, als wäre es schon mehrfach da gewesen, bei gleichzeitig sinkender Intensität. Als würde man zwar nicht die Kontrolle verlieren, aber die Begeisterung. Jerome konnte nicht behaupten, dass er schon so weit war.« (247)

Schließlich scheinen beide die meiste Zeit immun gegen Leid in ihrem perfekt eingerichteten Leben zu sein. Die größte Herausforderung: ihre Beziehung zu konservieren, ohne dass es spießig oder existenziell wird. Zwar bringt das von Tanja angestoßene Gefühlschaos eine Portion Drama mit sich, aber eigentlich sind die Leben der beiden unverändert aufgeräumt. Und darum geht es. Sich emotional abzusichern für die Trennung, die statistisch gesehen ja doch immer kommt, in diesem Fall eher früher als später.

»Mir selbst zu sagen, dass ich es unbewusst wohl nie anders gewollt habe, hat nur bedingt geholfen. Ich habe Vorwurfsmonologe an dich mit mir herumgetragen. Immer wieder derselbe Text. Das hat mich irgendwann schrecklich genervt … Ich möchte dir keine Vorwürfe machen. Viel lieber möchte ich dir danken. In gewisser Weise haben wir alles erlebt. Hard feelings, mediocre feelings, revival feelings – und wie auch immer der Stand gerade war, verliebt war ich letztlich die ganze Zeit. Ein bisschen anstrengend war das auch.« (276)

 

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»Allegro Pastell« von Leif Randt umfasst 288 Seiten, erschien am 05.03.2020 bei KiWi und kostet im Leinen-Einband 22,00 €.

 Beitragsbild: © Kiepenheuer&Witsch

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