Hörbuch, Literatur
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Lucy Fricke schafft ein Monument für uns »Töchter«

Kann man seine Vergangenheit ablegen und hinter sich lassen?

»›Ich wollte zum Grab meines Vaters.‹
›Dein Vater ist tot?‹
›Nicht der. Der andere.‹
›Du hast so viele Väter, dass ich nie weiß, von welchem du sprichst.‹

Martha übertrieb. Es gab im Wesentlichen nur drei. Den guten, auch genannt Der Posaunist, den bösen, auch genannt Das Schwein, und den leiblichen, genannt Der Jochen.« (S. 18)

Betty ist 40 und in ihrem Leben in eine Sackgasse geraten. Enttäuscht von den Männern ist sie, seit ihre zahlreichen Väter alle immer nach kurzer Zeit wieder verschwunden sind. Auch als Schriftstellerin ist sie in eine Schaffenskrise geraten und verdient sich im teuren, hippen Berlin-Friedrichshain durch Untermieter etwas Geld dazu, während sie in Auslandsreisen vor ihrer Lebensmisere davonzulaufen versucht.

»Wir wohnten durcheinander, wohnten unten und oben bei den Nachbarn, schliefen auf den Sofas, während in unserer eigenen Wohnung die Partytouristen aufs Parkett pinkelten. / Ich finanzierte mich, indem ich aus der Stadt verschwand. Brauchte ich Geld, fuhr ich weg, in Gegenden, die billiger waren als diese, und davon gab es jede Menge.« (S. 13f.)

»Mir war nicht ganz klar, wer hier wen wohin fuhr. Zu wessen Abschieden und Erinnerungen wir auf dem Weg waren.« (S. 87)

»Ich frage mich die ganze Zeit, wieso er mit dem Geld nicht mehr auskommt. Dachte, er säuft einfach zu viel, stattdessen hat er mit meinem Geld seinen Abgang finanziert. Wenn das nicht pervers ist. Erst lässt er seine Tochter für seinen Tod bezahlen, und dann soll sie ihn auch noch hinfahren.‹« (S. 21)

Die zwei Freundinnen Betty und Martha brechen auf zu einer letzten Reise in die Schweiz mit einem totkranken Vater im Gepäck. Doch genau wie das Leben ist auch das Sterben immer für eine Überraschung gut.

»›Ich meine, will er nicht noch irgendwas Schönes erleben, was Bleibendes sagen? Er muss doch irgendwas wollen. Letzte Dinge, Champagner, Rinderfilet, Meer, Berggipfel. Aber doch kein Bier von der Tankstelle. Irgendwo in Deutschland, unter grauem Himmel.‹« (S. 42)

Was zunächst wie eine Autofahrt in die Schweiz zur aktiven Sterbehilfe für Marthas Vater Kurt aussieht, wird plötzlich zu einer Letzter-Wille-Verkupplungstour nach Italien an der Lago Maggiore. Hier ist der doch nicht so totkranke Schwindler auf der Suche nach seiner ersten großen Liebe und bereitet sich statt auf das Ende auf einen Neuanfang vor. Und weil man schon mal unterwegs ist, fahren die beiden Freundinnen gleich weiter in den kleinen Ort Bellegra in der Nähe von Rom, wo Bettys Lieblingsvater Ernesto begraben liegen soll. Doch statt endlich Frieden mit der Vergangenheit und ihren Vaterfiguren schließen zu können, warten dort jede Menge neue Fragen und furchtbare Gerüchte über die Schlechtigkeit Ernestos auf die beiden Frauen. Betty nimmt die Spurensuche auf, die sie bis zu einer kleinen griechischen Insel führt, wo die Ereignisse ihren Höhepunkt finden, während Betty in wohlgehüteten Geheimnissen herumstochert….

»›Was soll das eigentlich werden?‹, fragte ich. ›Thelma und Louise?‹

›Die waren jung, sexy und unterdrückt‹, sagte Martha. ›Guck uns an, wir sind nicht mal unterdrückt.‹«

Das heilsame Unterwegssein

So wird diese Roadnovel zur Odyssee und zur Auseinandersetzung mit den ganz großen Themen Familie, Liebe, Tod, Schuld und Trauer. Die beiden Frauen nahe ihrer Lebenshälfte sehen sich konfrontiert mit spirituellen und existenziellen Fragen: Was will ich mit meinem Leben? Was hat mich zu der gemacht, die ich heute bin? Und was ist mir möglicherweise entgangen? Sind wir wirklich alle selbst verantwortlich für unser Leben oder Produkte frühester Beziehungen und Erfahrungen?

»›Damit hat man mit zehn ja schon angefangen. Immer über Jungs reden. Immer unglücklich sein. Das ist so nahtlos. Erst redet man drei, vier Jahrzehnte über Männer, und dann redet man über Krankheiten. Wenn das kein vergeudetes Leben ist.‹« (S. 39)

Lucy Fricke bedient sich zwar sehr genretypischer Motive und Themen, schafft es mit ihren erfrischend verschrobenen Figuren aber, einen immer wieder zu überraschen.

»›Du immer mit deinem gesund! Ich will nicht gesund. Ich finde gesund scheiße. Gesund, aufgeräumt, durchtherapiert. Damit will ich nichts zu tun haben.‹« (S. 117)

 

»Die Bereitschaft ist in uns angelegt, manche verbringen ihr Leben damit, sie kleinzuhalten, diese Sehnsucht nach dem Aufgeben.« (S. 72)

Die Reise Richtung Süden führt in die Schweiz, durch Italien und schließlich bis auf eine kleine griechische Insel, doch immer begegnen die Figuren auch sich selbst, der eigenen Vergangenheit und den Abgründen und Wunden ihrer Seelen. Die Frage ist nicht ›Wer bin ich?‹, sondern ›Wie kann ich mich ändern? Wie kommt man da raus?‹. Auf ihrer Reise überdenken sie die Wege und Routen, die ihre Leben bestimmt haben: »›Ist nie nicht doch besser als spät?‹«

Unterwegs entdecken sie die südeuropäischen Metropolen und Urlaubsziele aus ungewohnter Perspektive: von der Autobahn aus, über ihre Ränder und Schattenseiten.

»Man verstand kein Land anhand seiner Sehenswürdigkeiten. Ein Land verstand man in den Kneipen, im Herumsitzen in einer fernen Landschaft oder in den Außenbezirken. Ein Land verstand man dort, wo es nichts zu sehen gab. Und Italien verstand man vielleicht am besten auf einer illegalen Giftmülldeponie oder im Containerhafen von Neapel. Aber dafür waren wir nicht angetreten, wir fuhren hier bloß durch, wir suchten die Autobahn.« (S. 107)

Witzig, lakonisch und abgedreht geht es bei den beiden verqueren, kaputten und eigensinnigen Sympathinnen zu, mit spritzigen Dialogen, temporeich und tragikomisch erzählt.

»›Alle paar Jahre denke ich, es könnte helfen, religiös zu sein. Dann setze ich mich einen Tag lang in jede Kirche, die mir unterkommt, und stelle mir vor, wie viel besser es wäre, könnte ich an Gott glauben.« (S. 17)

Auf Schatten folgt mehr Schatten

»Sie habe sich die Strecke schon angesehen, und wenn man sich so eine Strecke ansah, mit der Frage, wo man seine letzte Nacht verbringen könnte, dann fiel einem auf, dass dieses ganze Land für letzte Nächte nicht taugte. Deutschland war zu trostlos für eine letzte Nacht.« (S. 26)

Idealisierte Vorstellungen von beliebten Urlaubsregionen, aber auch von Liebe, Heimat, Familie und Freundschaft, werden brutal ehrlich, klug und durchaus witzig auf das Level der ernüchternden, unschönen Realität geholt.

»›Im Notfall‹, sagte Kurt, ›brauchst du keine Freunde. Im Notfall brauchst du einen guten Arzt oder einen Anwalt. Freunde brauchst du für die guten Zeiten, die schlechten schaffst du auch allein. Für das Glück brauchst du Freunde. Wer kann denn allein feiern? Das Glück kannst du teilen, aber nicht das Leid. Das Leid wird immer nur verdoppelt.‹« (S. 34)

Auch das Auto selbst, als Inbegriff für Freiheit und Freundschaft, wird durch seine Schattenseite komplettiert, denn Martha ist noch heute traumatisiert von jenem Unfall, der die damalige Clique zerstörte. Ebenso werden die beiden zentralen Vaterfiguren von ihren Schuld- und Schattenseiten aus gedacht und in diesem Zuge parallel geführt oder gegeneinander kontrastiert – unterm Strich sind sie vom Leben und der Liebe enttäuschte Alkoholiker.

»Er säuft sich weg, hatte Martha früher zu mir gesagt. Er löst sich auf. Bei einem Trinker verflüssigt sich alles. Kopf, Herz und zuletzt der Körper. Alles zerrinnt, ist nicht mehr greifbar.« (S. 40)

Dennoch erleben die beiden Protagonistinnen wider Willen immer wieder auch Momente der Schönheit und Klarheit. Die von Dialogen dominerte, Drehbuch-reife Geschichte bietet unzählige starke und lebenshaltige Sätze, die man immer wieder lesen, sich notieren will; und über die man sich gezwungen sieht, nachzudenken, die einen auf sich selbst zurückwerfen.

»Mütter waren seltsam, besonders für uns, die wir sie ständig auch als Exfrauen erlebten, in einer endlos scheiternden Beziehung mit unseren Vätern. Wir hatten zwei Menschen aneinandergekettet, die ohne uns seit über dreißig Jahren kein Wort miteinander gewechselt hätten, und das zu Recht. Wir hatten sie nicht darum gebeten, den Kontakt zu wahren, trotzdem beschämte es uns mit jedem Jahr mehr. Wer wollte schon ein Leben als Bindeglied verbringen. Manche traf es noch härter, die wurden gleich als Kitt geboren.« (S. 99)

 

Fazit: Von ›Oho‹ zu ›Soso‹…

Die Geschichte ist gut gemacht und birgt viel Potenzial, da sie allerdings immer wieder mit den klassischen Roadnovel-Erwartungen bricht, verliert sie auf der zweiten Hälfte ihren Drive und verzettelt sich in einer kleinen, deplatziert wirkenden Gangster-Geschichte mit detektivischen Krimi-Zügen. Das will sich nicht wirklich ins Bild fügen und trübt den Eindruck, den die enorm starke erste Hälfte hinterlassen wollte.

Die Figuren bleiben einem seltsam fremd. Obwohl man nicht wenig über sie erfährt, entsteht kein stimmiges Bild von ihnen und man stolpert jedes Mal über die Stellen, die die beiden Frauen als in ihren 40er Jahren einordnen. Das Ende kriegt einen emotional dann aber doch wieder und sorgt für eine späte Versöhnung mit dem Roman.

 

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»Töchter« von Lucy Fricke, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Buchpreis 2018, umfasst 240 Seiten und am ist 20.02.2018 bei Rowohlt erschienen. Das Buch kostet als Hardcover 20,00 € und lässt sich als Taschenbuch für 12,00 € bereits vorbestellen.

Vertont wurde Lucy Frickes Roadnovel »Töchter« von Lübbe Audio (ungekürzte Lesung, 6 h 34 min). Besetzt mit der Schauspielerin und Sprecherin Sabine Arnhold, was eine semi-stimmige Entscheidung war. Arnhold haucht den zwei Freundinnen und ihren spritzigen Dialogen gekonnt Leben ein und bringt die tragische Seite des Romans gut zur Geltung. Ihre angenehme, tiefe, reife Frauenstimme kann das Schwermütige und Verbitterte der Figuren hervorragend zum Klingen bringen, doch die leichtfüßige, sarkastische, freche Seite des Romans, die seine Ganzheit ausmacht und einen wichtigen und unterhaltsamen Gegenpol bildet, bringt sie nicht so überzeugend rüber. Arnhold verleiht der Roadnovel den Klang eines Epos-Dramas, auch wenn sie ab und zu überartikuliert und die Männerstimmen etwas belegt brummt. Unterm Strich liefert sie aber eine gelungene und unterhaltende Adaption, die bei Audible für 16,95 € erhältlich ist.

 

2 Kommentare

  1. Was für eine tolle Rezension. Ich habe das Buch letztes Jahr gelesen und es hat mir sehr gut gefallen, besonders der Roadtrip am Anfang. Deine Rezension hat mein Lesegefühl von damals nochmal aufgefrischt, dank der toll ausgewählten Zitate.
    Liebe Grüße
    Lisa

    • Lena sagt

      Liebe Lisa, das freut mich sehr zu hören!
      In dem Roman stecken aber auch echt viele unglaublich tolle Zitate drin, ich habe mir gleich einige davon rausgeschrieben… 🙂
      Liebe Grüße
      Lena

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