Literatur
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Takis Würger »Stella«

»›In diesem Land sind nur noch die schönen Geschichten Gerüchte. Die hässlichen sind alle wahr.‹« (S. 162)

Berlin 1942. Stimmt es, was gemunkelt wird? Holen die großen Transporter nachts auf den Berliner Hinterhöfen tatsächlich jüdische Familien ab? Fritz, der aus einer wohlbehüteten Familie vom Genfer See kommt, zieht es aus Neugierde und gegen den Wunsch seiner Eltern nach Berlin. Der stille junge Mann, in mancher Hinsicht noch recht kindlich und naiv, zieht aus, um »die Gerüchte von der Wirklichkeit zu trennen«. Er ist einer der Wenigen, die nicht nur nicht wegschauen wollen, sondern explizit nach der Wahrheit suchen.

»Vater hatte mir gesagt, die Wahrheit sei ein Zeichen von Liebe. Die Wahrheit sei ein Geschenk. Damals war ich mir sicher, dass das stimmte. / Ich war ein Kind. Ich mochte Geschenke. Was Liebe war, wusste ich nicht. Ich machte einen Schritt.« (S. 13)

In der Kunstschule lernt der unerfahrene Zeichner das Aktmodell Kristin kennen, die ihm den Atem raubt. Sie zeigt ihm das Berliner Nachtleben, schenkt ihm seinen ersten Kuss. Durch sie, ihr leichtsinniges, forsches, lebensfrohes Wesen, lernt er eine Welt kennen, in der sich der Krieg weit weg anfühlt. Im Adlon schlemmen die beiden und leben in den Tag hinein. Doch eines Morgens klopft Kristin verletzt, zugerichtet, an die Tür und gesteht: »Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt«.

Ihr wahrer Name ist Stella, eine von der Gestapo enttarnte Jüdin, die, um sich und ihre Eltern vor der Deportation zu retten, untergetauchte Juden aufspürt und denunziert. Dieses Geständnis stellt Fritz vor eine unmögliche Wahl…

In »Stella« geht es um die Suche nach der Wahrheit und das Verhandeln von Schuld in einer so komplexen wie grausamen Welt, in der keine einfachen Antworten Bestand haben. Immer wieder liegen Leichtigkeit und Krieg, Kultur und Barbarei schmerzlich dicht beieinander.

Takis Würger haucht in seinem zweiten Roman realhistorischen Personen neues Leben ein. Die Geschichte um die Greiferin Stella Goldschlag beruht auf wahren Begebenheiten und der Roman fußt auf fundierten Recherchen in den Gerichtsakten zu ihrem Fall. Diese Dimension und Tragweite verleiht dem Erzählten eine Wucht und Dringlichkeit und schlägt sich auf die formale Gestaltung des Romans nieder. Die Geschichte entfaltet sich auf drei Ebenen: Der fiktive Plot wird von zeitgenössischen politischen Schlagzeilen, die an Florian Illies »1913« erinnern, und von Zitaten aus den realen Gerichtsakten umspielt.

»Vielleicht ist es Schwäche, die dazu führt, dass wir anderen wehtun.« (S. 194)

Der Autor präsentiert diese dramatische Geschichte in einem filigranen Sprachstil. Bis aufs Äußerste schlicht, verknappt und pointiert, dabei klang- und gehaltvoll, mit einer Vorliebe für das Szenische und Dialoge. Nicht eine überflüssige oder zähe Passage bleibt in diesem Roman übrig. Eigentlich werden hier ein Thema, ein Setting, ein Stil aufgefahren, die einen umhauen müssten. Eigentlich.

 

Ein Schweiger und Tourist

»›Weißt du, dass Schweigen manchmal schlimmer ist als Lügen?‹, fragte er. (…) Ich verstand, was er meinte und dass es leichter sein würde zu schweigen. Schweigen wurde meine Art zu weinen.« (S. 18)

Doch Fritz, der große Schweiger mit ausgeprägtem Hang zum Pathetisch-Kitschigen, glänzt das gesamte Buch über durch seine leidende Passivität, die nur schwer zu ertragen ist. Sobald unser Protagonist in Berlin angekommen ist, macht er nämlich rein gar nichts, außer Stella durchzufüttern und die grausigen Verhältnisse und Fügungen zu ertragen. Ein Aushalter, der sein Nichtstun, seine Unfähigkeit zu Reaktion und Handlung als Entscheidung deklariert. Er macht sich durch diese Passivität schuldig. Als Kind noch rettete Fritz einen alten, blinden Ziegenbock vor dem Gewitter – eine absurde Tat, die noch abwegiger erscheint, wo er doch als Erwachsener vollkommen handlungsunfähig ist, wenn es tatsächlich um mehrere Hundert Menschenleben geht.

»Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist. Ich wollte nicht, dass Kristin für ein Ministerium arbeitet. Ich wollte, dass wir drei weiter tanzen.« (S. 102)

Die begründende Motivation, der kausale Motor, der im Zentrum des Ganzen steht, ist die große, naive, blind machende Liebe zu Stella, die für Fritz ausschließlich aus Premieren zu bestehen scheint. Denn sobald der erklärte Wahrheitsfinder emotional in die Geschichte mit den Judendeportationen verwickelt ist, will er plötzlich nichts mehr sehen oder wahrhaben. An sich eine tragische Konstellation, die dem Thema nicht schlecht zu Gesicht steht und der heiligen Gutmenschattitude abschwört. Problematisch ist daran allerdings, dass diese epische Liebe zu Stella in keinster Weise glaubhaft oder wenigstens berührend dargestellt wird. Eine Schnulze geradezu.

»Manchmal schafften wir es, Stellas Eltern zu vergessen. Wir machten uns schuldig, jeder auf seine Art.« (S. 176)

Würger wartet bei diesem sensiblen Thema mit problematischen Figuren auf. Denn eine jüdische Judenjägerin ist schon beklemmend schlimm, ganz besonders, da Stella Gefallen an der Aufgabe zu finden scheint. Ein Elendstourist, wie man Fritz bezeichnen könnte, ist aber fast noch anstößiger. 1942 nach Berlin zu kommen, um sich das Elend um die jüdische Bevölkerung aus dem schicken und dekadenten Adlon mal anzusehen, lässt ein ziemlich ungutes Gefühl zurück. Während Fritz regelmäßig großzügige Finanzspritzen seines Vaters erhält, um weiterhin im teuersten Hotel der Stadt residieren und sich und seine Angebetete mit Speck und Champagner bewirten lassen zu können, leiden die restlichen Berliner unter den strikten Lebensmittelrationierungen Hunger. Und dann auch noch durch seinen Schweizer Pass absolut unantastbar und von einem hoheitlichen Glanz gekrönt zu sein, während man sich mit Fragen des fanatischen Rassismus und der Schuldigkeit eines jeden einzelnen zu beschäftigen, ist gelinde gesagt geschmacklos.

»Ich weiß nicht, ob es falsch ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten. Ich weiß nicht, ob es richtig ist, einen Menschen zu verraten, um einen anderen zu retten.« (S. 196)

Stella, ein Amalgam aus literarischer bzw. literarisch referenzieller Figur und historisch verbürgter und recherchierbarer Persönlichkeit, erinnert sehr an einen Typus von Frauenfiguren, wie er auch in Seethalers »Der Trafikant« in der Anezka vorkommt. Eine Femme fatale – weiblich, sexuell, selbstbestimmt, aufgeklärt und lebensfroh –, die Männer nicht nur verführt und Köpfe verdreht, sondern auch mutig-tollkühn, dominant, manipulativ und sogar eine notorische Lügnerin ist, die sich hinter Rollen versteckt und unergründbar bleibt. Bei der man aber richtig liegt, wenn man Abgründe vermutet und die mit einem Wimpernschlag eine Schneise des Chaos in ihrem Umfeld hinterlassen kann. Eine Kategorie Frau, die ebenso interessant wie ambivalent ist. Stella, eine gebildete, eigentlich nicht praktizierende Jüdin, ist Aktmodell und Sängerin und will eigentlich unpolitisch sein, einfach nur leben und ihre Jugend genießen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit, wo auch viele Menschen egozentrisch und unpolitisch sind, ist das 1942 in Deutschland aber schlicht und ergreifend nicht möglich. Die Ereignisse haben damals ausnahmslos jeden betroffen und entweder zum Opfer oder Täter gemacht. Stella macht sich schließlich auf besondere Weise schuldig. Wenn die Kollaborateurin ihre Spitzeltätigkeit für die Gestapo anfangs noch damit rechtfertigt, dass sie sich und ihre Eltern nur so vor Auschwitz bewahren kann, so geht diese Argumentation zusammen mit ihrer Familie in der Gaskammer unter. Als Stella dann aber weiter ihrem Gewerbe im Ledermantel nachgeht, wird offensichtlich, dass sie Gefallen an der Judenjagt findet, daran Menschen zu umgarnen, Vertrauen zu erschleichen und ihr Netz auszuwerfen.

»Sie spielt keine Rolle, dass begriff ich, als ich an der Tapete lehnte und Tristan und sie beobachtete, wie sie durch den Saal gingen. So ist sie nicht wirklich, hatte ich gedacht, als sie mit ihrem Ledermantel in die Stadt gegangen war. Nun verstand ich, dass sie auch so war.« (S. 204)

Und doch haben wir kein gesichertes Wissen über sie, Stella bleibt ein Schatten, unverständlich, widersprüchlich. Glaubt sie tatsächlich an die Minderwertigkeit von Juden oder sieht sie die freundschaftliche Verbindung zur SS als einzige Chance für ihre Bühnenkariere? Da man sie mangels Introspektive nicht verstehen kann – nie bekommt der Leser Einblick in ihre Gedanken und lernt schnell, ihren Worten nicht zu trauen –, kann sich auch keine Empathie, Nachsicht oder Mitgefühl einstellen. Die vom Hanser Verlag in ihrer Marketing-Offensive gesetzte Frage »Hätten Sie zu Stella gehalten?« stellt sich einem so gar nicht erst. Der ganze tragische Konflikt der Hauptfiguren berührt nicht so sehr, wie er es eigentlich müsste. Zwar möchte man, dass Stella einem sympathisch ist, um den moralischen Konflikt, auf den die Geschichte angelegt ist, zu durchleben, aber dafür bleiben die Figuren zu blass, die zerstörerische Liebe unglaubhaft, sie schafft es nicht bis zum Leser durchzudringen. So fällt auch der Schluss eher schwach aus und bleibt einem kaum im Gedächtnis.

Ein strukturelles Problem weist der Roman außerdem auf: Man gewinnt mit der Zeit den Eindruck, dass die verschiedenen Erzählfäden nicht ausreichend miteinander verwoben wurden. Und das, bei einer sehr verknappten, ausgewählten Erzählweise. So ist es z.B. mit der Farbenblindheit des Protagonisten, die anfangs eine nicht marginale Rolle spielt. Das Farben riechen, der Zugang zur Welt als malender Synästhetiker, ist dann aber spätestens auf der Hälfte des Buches komplett vergessen. Fallengelassene Dramaturgiefäden verschenkten Potenzial und ergeben eine unrunde Geschichte, teilweise sogar Logikfehler. In diese Kategorie fällt auch der Epilog, der Blockbuster-ähnlich verkündet, was aus allen beteiligten Figuren geworden ist. Eine Überflüssigkeit, die die Geschichte zum Ende hin unelegant ausfransen lässt und besser in die Geschichte integriert oder verschwiegen hätte werden sollen.

 

»›Schuld gibt es gar nicht‹« (S. 15)

»›So ist die Wahrheit, Junge, wie Hibiskus. (…) Und der Hibiskus blüht in tausend verschiedenen Arten.‹« (S. 25)

Der Roman verschreibt sich der Ambivalenz, um jegliche Schwarz-Weiß-Darstellung zu vermeiden. Kaum eine Figur, lässt sich klar auf der Seite der ‚Guten‘ verorten, auch in Fritz ist ein Dualismus eingeschrieben – indem seine Mutter mit nationalsozialistischen Ideen sympathisiert, sein Vater dagegen erklärter Philosemit ist. Tristan, meines Erachtens die interessanteste und detailreichste Figur, ist eine Art Bonvivant mit gutbürgerlich-spießigen Eigenheiten – eine Vorliebe für Eichhörnchen, Käse und Porzellaneulen. Seine Enthüllung als SS-Offizier voller Rassenüberzeugungen ist nicht nur überraschend, sondern kaum überzeugend.

»›Heil Hitlerchen‹, sagte Tristan, als ein Schutzpolizist vorbeiging. Wir lachten dieses Volk und diesen Krieg aus.« (S. 92)

Wie kann jemand, der »Heil Hitlerchen« sagt, sich plötzlich als ein schon klischeehaft überzeugter Nazi herausstellen? Oder ist seine Hingebung in Punkto Rassenfrage auch nur Show, eine weitere »weiße Lüge«? Ein möglicherwiese Homophiler, der den treuen SS-Mann nur spielt, um von den politischen Wellen nicht überrollt zu werden? Man weiß es nicht.

Das Protagonistentrio Stella, Friedrich, Tristan bleibt nicht wirklich greifbar und unverständlich, alle drei kippen ziemlich plötzlich ins Unmoralische. Allerdings wird aus Ambivalenz hier Beliebigkeit und Indifferenz, wenn die Existenz von Schuld und Wahrheit negiert wird: »Das Leben formt uns zu Lügnern« (S. 208). So wird in letzter Konsequenz alles relativ und verliert damit an Bedeutung, eine kritische Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung wird obsolet.

»Ich wollte das Richtige tun. Ich hatte das Gefühl, das Richtige war verloren.« (S. 129)

 

Fazit: »Wie konnte ich so naiv sein?« (S. 88)

»Stella« ist eine Suchbewegung nach Wahrheit und Schuldigkeit im Berlin 1942. Extrem verknappt, schlicht, kühl und klar, so präzise wie möglich schreibt Takis Würger, »als hättest du keine Gefühle« (S. 217). Der Roman – blendet man den historischen Stoff einer dramatischen Lebensgeschichte aus – ist allerdings nicht viel mehr als eine kitschige, prüde erzählte Liebesgeschichte, die dazu noch unglaubwürdig bleibt und kaum berührt. Die Passivität und das ewige Leiden des naiven Elendstouristen Fritz fängt schnell an zu nerven. Die Geschichte bleibt im Ganzen zu flüchtig und hinter ihrem Potenzial zurück.

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»Stella« von Takis Würger erschien am 11.01.2019 beim Carl Hanser Verlag, umfasst 219 Seiten und kostet gebunden 22,00 €.

4 Kommentare

  1. Sehr gut dargelegt, ich kann jeden Satz (dick!) unterstreichen! Ich hätte mir gewünscht, Sympathie mit Stella zu empfinden und dadurch irgendwie in einen moralischen Konflikt zu geraten – aber alle Protagonisten waren mir bis zum Ende hin so herzlich egal, dass es wirklich traurig ist.

    • Lena sagt

      Danke für das liebe Feedback, Fräulein Julia, das ging mir leider genauso. Es macht einen schon fast wütend, dass dieser – wohl beabsichtigte – Konflikt sich so gar nicht einstellen mag…

  2. Andrea/Luxusleserin sagt

    Ich finde deine Besprechung ausserordentlich gut! Deine Meinung deckelt sich mit meiner aber ich hätte es nie so treffend ausdrücken können.

    • Lena sagt

      Liebe Andrea, das freut mich sehr, dass dir meine Besprechung zusagt und du ganz ähnliche Leseeindrücke hattest. Danke für deinen netten Kommentar!

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