Literatur
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Karen Duve »Fräulein Nettes kurzer Sommer«

Ein Biopic der anderen Art

Es wurde schon vieles gesagt über diesen preisgekrönten Historienroman, der beweist, dass Karen Duve wirklich jedes Genre beherrscht.

Sie wagt sich an niemand geringeres als Annette von Droste-Hülshoff, flächendeckende Schullektüre seit Jahrzehnten. Im Mittelpunkt dieses Biopics der gerade einmal Anfang zwanzigjährigen Dichterin steht eine unerhörte Begebenheit, wie sie für Novellen konstitutiv sind, nur das sich diese zu einem 600 Seiten schweren Roman auswächst, der fünf Jahre aus dem Leben der Nette beleuchtet und bei dem jede einzelne Seite vom großen Spaß der Autorin am Schreiben kündet. Diese zentrale Tragödie, die am Ende niemanden unbeschadet hervorgehen lässt, ist eingebettet in ein detailreiches und gnadenlos enthüllendes Sittengemälde, eine historisch genaue Epochenschau.

»Was tatsächlich im Sommer 1820 auf dem Bökerhof vorgefallen ist, liegt im Dunkeln. Nur wenige Hinweise sind vorhanden.« (Vorwort, 7)

Sehr gewissenhaft recherchiert Duve – sie vergleicht sich selbst mit einer Profilerin – aus einer schier unglaublichen Fülle an Archivmaterial, Briefen, Tagebüchern, Familienchroniken; im Anhang des Romans werden etwa 200 Referenztexte der Sekundärliteratur aufgelistet.

Diese Recherche-Akkuratesse setzt sie gekonnt um, sodass der Text einen tatsächlich mitten in die Zeit des idyllischen Biedermeiers hineinträgt. So werden in die Romanhandlung auch immer wieder historische Passagen montiert – extrahierte Zeitgeschichte wie das Attentat auf Kotzebue. Karen Duve lässt eine turbulente Zeit aufleben, die von Umbrüchen geprägt ist: Industrialisierung, Nationalismus, Säkularisierung, das Erstarken des Bürgertums bei gleichzeitiger Verarmung in der Nachkriegszeit – die Leser*innen können dabei zusehen, wie die alte Ordnung um die letzten Romantiker zerbricht, die sich krampfhaft damit beschäftigen, altdeutsches Kulturgut zu sammeln.

Ganz zentral ist außerdem die Frage nach der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Geradezu lakonisch entlarvt der Roman dazu die lebhafte Diskriminierung und alltägliche Herabwürdigung der Frauen, die von allen demütig hingenommen wird – eine Internalisierung, die wir bis heute nicht überwunden haben. Der Roman fungiert hier als mahnendes Aufrütteln und stößt Leser*innen darauf, wo auch heute noch Reste dieses alten Verständnisses überlebt haben.

Ein gefallenes Freifräulein

Alles läuft auf die novellenhafte Ungeheuerlichkeit, eine verhängnisvolle Liebesintrige, hinaus, von der nicht viel bekannt ist, ein blinder Fleck in der Hülshoff-Forschung, der darauf zurückzuführen ist, dass die Familie sich alle Mühe gegeben hat, sie zu vertuschen. Aber auch, wenn diese Episode aus dem Leben der weltberühmten Dichterin nicht zweifelsfrei überliefert ist, ist sie auch nicht frei erfunden – Karen Duve ist den vorhandenen Hinweisen gefolgt und hat aufgeschrieben, »was historisch möglich und psychologisch nicht unwahrscheinlich« ist.

Annette von Droste-Hülshoff ist insofern schon eine interessante Figur, als dass sie als altes Fräulein früh verstorben ist, woran besagte Intrige ihren Anteil haben dürfte. Das Thema Schuld taucht jedenfalls nach 1820 vermehrt in ihrem Werk auf.

Wenn man die Biedermeier-Dichterin nur aus der Schullektüre der »Judenbuche« kennt, dürfte man überrascht sein, wie klug, modern, quirlig, sympathisch und selbstbestimmt sie sich in diesem Text zeigt. Es ist schon erstaunlich, wie unglaublich lebendig und nahbar die Kanonautorin wird, was einen ganz neuen Zugang zu ihrem Werk ermöglicht.

Denn Annette war gar nicht so Nette, sondern vielmehr das schwarze Schaf der Freiherrsfamilie, weil ihr das Sticken am Kamin im Gegensatz zu ihren zahlreichen Cousinen und Tanten zu langweilig war und sie sich lieber in die Gespräche der Männer einmischte oder mit einem kleinen Berghammer in die Mergelgruben gezogen ist, um nach Steinen und Mineralien zu suchen. Auch andere bedeutende historische Figuren der Literaturgeschichte wie die Familie Grimm und Heinrich Heine kommen einem so ganz nah.

»Der Unterricht von Mädchen bestand normalerweise darin, sie in sittsamer Langeweile aufwachsen zu lassen und durch möglichst stumpfsinnige Handarbeiten geistig zu verstümmeln. Schon Rousseau hatte das empfohlen. Frömmigkeit und Unschuld anstelle von Wissen, Sanftmut statt Algebra. Außerdem sollte man ihnen so viel wie möglich verbieten. So kamen die jungen Damen gar nicht erst auf dumme Ideen und entwickelten jene vollkommene Gefügigkeit und allduldende Schicksalsergebenheit, die sie ein Leben lang benötigen würden.« (19)

Schullektüre mal anders

»Annette von Droste-Hülshoff war eine Nervensäge.« (18)

Eine glotzäugige Nervensäge. Die Protagonistin bildet den schillernden Mittelpunkt dieses Textuniversums: eine auf der einen Seite schwache, kränkliche, willfährige, demütige, verschämte, streng gläubige, unattraktive junge Frau, auf der anderen Seite aber trotzdem anziehend, vorlaut, gebildet, enorm talentiert, neugierig, schlagfertig und unangepasst – alles Eigenschaften, die ihr immer wieder das Prädikat unweiblich einbringen. Und doch lässt sie sich immer wieder in die Schranken weisen und männliche Familienmitglieder demütigen sie zum Teil systematisch, um sie klein zu halten.

»›Werner sagte, Sie wären eitel und impertinent und man könnte Ihrer scharfen Zunge nur entgehen, wenn man Sie von Anfang an demütigt. Gleich bei der ersten Begegnung solle ich Sie beleidigen, hat er mir geraten, und dann, wann immer sich eine Möglichkeit bietet. Das sei die einzige Chance, mit Ihnen fertigzuwerden.‹« (14f.)

Schwungvoll, unterhaltsam und mit trockenem Humor, dabei realistisch und schonungslos erzählt Duve aus einem Leben voller endloser Kutschenausflüge, Kuraufenthalte, Handarbeitsstunden, Familienanwesenbesuche, Dinieren, noch mehr Handarbeiten, Spaziergänge und Jagdausflüge.

Nette ist von den Künstlerfreunden ihrer großen Adelsfamilie gefürchtet und verhasst, bis der bürgerliche Straube ein Auge auf sie wirft, er ist der beste Freund ihres Onkels August und vielgerühmtes Mitglied der Göttinger Poetengilde, der bereits als der neue Goethe gehandelt wird. Seine Annäherungsversuche auf dem Bökerhof finden Erwiderung, doch bleibt er nicht der Einzige, der dem vorlauten Fräulein Nette verfällt – eine Tatsache, die sich zur Katastrophe auswächst, in die die gesamte Familie involviert ist. Ein fanatischer Intrigant will angeblich Nettes Treue zu Straube auf die Probe stellen und bricht mit seiner Tat die quirlige junge Dichterin, zerstört Ruf, Ehrbarkeit, ihre Liebe und ihr fröhliches Gemüt, etwas das sie in ihren Texten zu verarbeiten versucht.

Wirklich tragisch empfindet man während der Lektüre, dass dieses unvergessliche, kanonisierte Urgestein deutscher Literaturgeschichte zu Lebzeiten so wenig geschätzt wurde.

Fazit: »Hätte, hätte, Epaulette!« (76)

Auch wenn der Roman ziemlich umfangreich und komplex ist – der Text wird flankiert von einem enormen Stammbaum und einer geografischen Karte –, liest er sich indes leichtfüßig, vergnüglich, und kurzweilig. Die historischen Figuren und der epochale Zeitgeist werden in spritzigen Dialogen, Anspielungen und Wortwitz lebendig.

Besonders für Germanist*innen-Nerds dürfte »Fräulein Nettes kurzer Sommer« ein heiteres Schmökern bedeuten.

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»Fräulein Nettes kurzer Sommer« Karen Duve umfasst 592 Seiten, erschienen am 07.09.2018 bei Galiani-Berlin und kostet fest gebunden 25,00 €.

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