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Han Kang »Deine kalten Hände«

Nach »Menschenwerk« und »Die Vegetarierin« erscheint nun »Deine kalten Hände« von der international erfolgreichen südkoreanischen Autorin Han Kang – ein Künstlerroman über die Suche nach Wahrhaftigkeit, die fatalen gesellschaftlichen Folgen von Äußerlichkeiten und die grundsätzliche Einsamkeit der menschlichen Existenz.

»Warum ist die Mitte meines Lebens so absolut hohl?« (S. 27)

Der Bildhauer Jang Unhyong verschwindet eines Tages beinahe spurlos. Alles, was er zurücklässt, ist ein Tagebuch und eine Vielzahl von Gipsskulpturen, reale Abdrücke von Händen, Hüften, ganzen Körpern. Umrahmt werden diese Tagebuch-Notizen mit Szenen aus dem Leben der Schriftstellerin H., die die Aufzeichnungen des verschwundenen Künstlers für dessen kleine Schwester lesen soll, um bei der Suche und dem Verstehen zu helfen, doch eigentlich hat H. selber genug Probleme mit sich und ihrem Leben…

Jang Unhyong ist ein unbekannter Bildhauer, einzelgängerisch, sonderbar und schweigsam kann er sich Menschen nur durch seine Kunst nähern. Schnell entwickelt er eine obsessive Leidenschaft für Lifecasting-Skulpturen – er nimmt Gipsabdrücke von menschlichen Modellen, anfangs bevorzugt von Händen, später auch von anderen Körperteilen oder, besonders wertvoll, von vollständigen Körpern. Die so entstehenden Hüllen haben etwas Unheimliches an sich, sie kommen einer Häutung oder Entkernung gleich, entwickeln aber auch eine Art Eigenleben oder Ähnlichkeit mit einem Sarkophag. Lediglich zwei Frauen können Unhyong so nahekommen, dass sie einen nachhaltigen Einfluss auf sein Leben und Schaffen als Künstler haben. Im Grunde erzählt Han Kangs Roman von den Bemühungen dieser Drei, im Leben zu bestehen. Die Grundfrage, die ständig mitschwingt, ist die danach, warum der Bildhauer so besessen von Frauenkörpern ist – besonders den makelhaften.

»Ich weiß nicht, was ich von jetzt an schreiben werde. Aber eines weiß ich: Diese Dokumente sind keinesfalls die Antwort auf das Warum, vielmehr wird man das Gegenteil erfahren.« (S. 28)

Das gewählte Thema der Geschichte scheint erst einmal sehr speziell zu sein, nicht selten sogar bizarr – so schockt der Ich-Erzähler z. B. in Passagen, in denen er als seinen größten Wunsch festlegt, dass der Ganzkörper-Gipsabdruck seiner übergewichtigen Freundin sein Sarg werden soll. Auch spart die Autorin nicht mit Referenzen an Mary Shelleys »Frankenstein«. Doch stark wird der Roman, wenn er über diese Künstlerebene hinausreicht. Wenn es um die Einsamkeit, Verschlossenheit, das Misstrauen Unhyongs und seiner Freundinnen gegenüber anderen Menschen geht. Sie alle drei verbindet, dass sie ihren Glauben an die Wahrheit verloren haben, was bleibt, ist Verachtung für andere, die Selbstwahrnehmung in der Opposition.

»Ich war mir schon immer dessen bewusst, dass ich anders als andere begriff und dachte. Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an, und womit sich alle zufriedengaben, reichte mir nicht aus. Dafür entdeckte ich Schönheit, wo sonst niemand welche fand. Auf diese Weise versuchte ich zum Inneren der Dinge vorzudringen, (…).« (S. 86)

Hüllen, Mauern und Maskerade

»Vielleicht ist es ja so wie mit den Zwiebelhäuten. Nimmt man eine nach der anderen ab, bleibt zum Schluss nichts übrig.« (S. 289)

Was den Protagonisten am meisten verärgert, ja sogar anwidert, ist die Unechtheit der Leute, das Vortäuschen, künstliches Lächeln, nur um den Schein nach außen zu wahren. In einer Welt voller hübscher Fassaden und Masken hat der Bildhauer es sich zur Aufgabe gemacht, das Innere der Menschen zu durchschauen und eine Kunst der Wahrheit zu erschaffen, um der Künstlichkeit des Alltags zu entkommen. Die Suche nach Wahrhaftigkeit und Lebendigkeit, nach dem wahren Leben und aufrichtigen, nahen Bindungen bestimmt all sein Streben und künstlerisches Werk.

»In mir wuchs der Wunsch, ihr das beherrschte Gesicht wie eine Haut abzuziehen, um an ihr wahres Gesicht heranzukommen. Ich wollte ergründen, was sich hinter ihren undurchdringlichen Spiegelaugen verbarg.« (S. 207)

Wie groß der Einfluss des Äußerlichen auf ein Leben ist, macht ihm seine Freundin L. deutlich. Sie ist stark übergewichtig, was Unhyong als Einzigen eher fasziniert, anstatt ihn abzustoßen. Diese Umwertung gängiger Schönheitsideale ist sehr erfrischend, entspricht aber auch einem Tabubruch. Die Autorin spielt hier mit Explizität und Ekeleffekten, für die man sich sogleich schämt und die man neu zu reflektieren beginnt. Die Tragödie beginnt aber erst, als L. beschließt, um jeden Preis abnehmen zu wollen.

»›Ich habe dann das Gefühl, dass nicht ich das Essen esse, sondern das Essen mich.‹« (S. 152)

Das ist wohl der gelungenste Teil dieses Künstlerromans und dient vorzüglich als eine mit allerlei Wissenswertem gespickte Abschreckung zum Thema Essstörungen. Sehr einfühlsam und beklemmend wird der gesellschaftliche Druck auf Frauen, ästhetischen Idealen zu entsprechen, verhandelt. Körperliche Makel werden bei L. zu Traumata.

»›Ich lebte ja so, als gäbe es mich selbst gar nicht, sondern nur das Bild, das die anderen von mir hatten. (…)‹« (S. 254)

Doch dann macht der Roman einen ziemlich harten Cut, und L. wird durch E. ersetzt. Diese ist im Gegensatz zu L. äußerlich absolut perfekt, aber auch sehr aufgesetzt und beherrscht, was Unhyong eigentlich abstößt, trotzdem will er der Innenarchitektin E. nahe sein, ohne sich das recht erklären zu können. Leider zerfällt der Roman so in zwei schlecht verbundene Teile, in zwei Frauen – zwei Teile, die gleichberechtigt nebeneinander stehen, durch ihr Sich-nicht-ineinander-Fügen aber auch gegeneinander ankämpfen. Beide Teile werden erkennbar parallel geführt, auch wenn sich die beiden Frauenfiguren so sehr unterscheiden, haben sie doch mit sehr ähnlichen Problemen zu kämpfen. Die titelgebenden kalten Hände verbinden unterdessen alle drei Hauptfiguren, den Bildhauer und seine zwei Geliebten L. und E., sie scheinen mir für Künstlichkeit und Verstellung zu stehen und halten den Plot motivisch zusammen.

An dieser Stelle sei eine Zwischenfrage erlaubt: Warum bitte gönnt uns die Autorin keine vollen Namen? Diese Initialen lesen sich nicht schön und halten gerade die Figuren auf Distanz, die die Geschichte ausmachen. Die Distanziertheit trifft nämlich auch und in besonderem Maße auf den Protagonisten zu. Der Bildhauer kommt einem nicht wirklich nah, er lässt sich bis zum Schluss nicht in die Karten gucken, was wohl auch daran liegt, dass er sich selbst häufig nicht versteht. Unhyong lässt sich erstaunlich viel gefallen, tritt inkonsequent oder wenig nachvollziehbar auf, bleibt der blinde Fleck im Zentrum dieser Geschichte. Die beiden Frauen in seinem Leben treten dagegen dominant und entscheidungsstark auf, aber auch egoistisch, zerstörerisch und sprung- bzw. launenhaft. Die beiden Geliebten werden mit einer Geschichte versehen, im Gegensatz zum Protagonisten erhalten wir einen berührenden Einblick in ihr Innenleben. Auch die beiden Frauenfiguren kämpfen mit ihrer jeweiligen Obsession, sie allerdings ergreifen einen in ihrem Ringen, was dem Künstler im Mittelpunkt der Geschichte nicht gelingt.

Stilistisch gestaltet sich Han Kangs Roman eher pragmatisch. Mit wenigen Ausnahmen ist die Sprache schlicht, wenig kunstvoll oder atmosphärisch und eher auf den Plot und das literarische Konzept fokussiert. Wobei die Rahmung mit Szenen aus dem Leben der Schriftstellerin H. für mich nicht so gut funktioniert hat, da sie eher ablenkt und etwas unnötig erscheint, wie ein weiterer Fremdkörper in dem Roman.

 

Fazit: »Ich muss mit mir leben, ich kann nicht aus meinem Körper fliehen.« (S. 172)

»Deine kalten Hände« bietet einem enorm wichtigen Thema eine emotionale Bühne und verändert den Blick seiner LeserInnen auf andere Menschen: Aussehen, Künstlichkeit, Maskerade und der Druck der Gesellschaft werden in ihren zerstörerischen Konsequenzen offengelegt und der Wert des Wahrhaften und Unverstellten eindrücklich nahegelegt. So interessant und relevant dieses Metathema eigentlich ist, hat es trotzdem gelegentlich wenig Spaß gemacht, diesen Roman zu lesen.

Der Kern dieses Künstlerromans kann dennoch überzeugen. Der Text wird besiedelt von in sich gefangenen, entrückten Figuren, die häufig verbittert, bissig und misanthropisch auftreten – so schwankt der Roman über die Liebe eines unverstandenen Künstlers zwischen Brutalität und Poesie.

»Ich hatte die unklare Ahnung, dass diese Ruhe in seinen Augen kein friedliches Inneres widerspiegelte, sondern sich wie ein dünnes Häutchen über etwas Unheimlichem spannte.« (S. 20)

 

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»Deine kalten Hände« von Han Kang, aus dem Koreanischen übersetzt von Kyong-Hae Flügel, umfasst 312 Seiten, erschien am 15.02.2019 beim Aufbau Verlag und kostet als Hardcover 22,00 €.

 

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