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Betörend und unerhört: »Queen July« von Philipp Stadelmaier

Die älteste Geschichte der Welt

Wir befinden uns in Paris und es ist unerträglich heiß. July rekelt sich Tag für Tag im kühlen Badewasser und kippt den weißen Burgunder mehr als das sie an ihm nippt. Zu ihren Füßen sitzt Aziza, eine Freundin, die den Liebeskummer kultiviert und in Scheherazade-Manier ihre Lebensgeschichte erzählt. Was sie erzählt, ist eigentlich nichts weiter als das Grundnarrativ schlechthin, a story of boy meets girl, oder nicht ganz, vielmehr ist Aziza hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, zwei möglichen Leben.

Es ist ein Bro-Talk unter modernen Frauen mit leicht erotischen Zügen – frech, frei heraus, mal abgeklärt, mal verletzlich – und doch kommen die großen Fragen des Wie-leben auf den Plan. Die beiden weisen einen afrikanisch-arabischen ethnischen Hintergrund auf und haben zahlreiche Erfahrungen mit Entwicklungshilfe, Migration, Integration, Kolonialismus, Rassismus und Terrorismus gemacht.

Aziza, die Verwandtschaft in Dschibuti, Kamerun, Tel Aviv und Dakar hat, selbst aber in Paris großgeworden ist, hat nach ihrem Medizinstudium lange Zeit in einem Krankenhaus in Dschibuti gearbeitet. Dschibuti Stadt wurde zu ihrem Babel, zu ihrem Babylon, zum El Dorado – international, multikulturell, rauschhaft. Nun ist Aziza für zwei Wochen zurück in Paris und eine gemeinsame Freundin hat sie bei July untergebracht, die ebenfalls PoC ist mit einer Familie im Senegal. Durch Azizas Erzählung kommen sich die beiden Frauen schließlich näher.

Love and War

»Am nächsten Morgen wachte sie in einer Suite des Hotels auf, mit dem wohligen Gefühl, dass Menge, Identität und Geschlecht der nackten, um sie herumliegenden Körper noch einmal variiert hatten, insofern man solche Kategorien überhaupt anlegen konnte und diese nicht einfach in der Nacht verloren gegangen waren.« (56)

Sowohl July als auch Aziza genießen ein befreites, umtriebiges Leben. Beide sind sie gebildet mit angesehenem Beruf und jugendlich schön. So ergötzen sie sich an den Vorzügen von Partys, Drogen und lockeren erotischen Kontakten aus erlesenen Gesellschaftskreisen. Dabei lehnen sie nicht nur die Monogamie ab, sondern legen sich auch nicht auf eine sexuelle Orientierung fest oder beschränken sich auf eine Person beim Sex – »Typen, Frauen, Körper, whatever«. Diese lebensbejahenden, aufgeschlossenen, toleranten, modernen Frauen, die sich ausleben und ihr eigenes Begehren nach ganz oben stellen, sprühen vor Charme erzeugen eine flirrende Stimmung.

Während ihrer Zeit als Anästhesistin in Dschibutis Hauptstadt, beäugt Aziza auch die gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Lage des ostafrikanischen Landes kritisch, die einem Spielball gleich von allerleih Weltmächten geprägt ist: der Kampf deutscher, italienischer und spanischer Soldaten gegen die Piraten, der chinesisch-amerikanische Wirtschaftskrieg, die Bedeutung als Freihandelszone und wichtigstem Hafen Ostafrikas. Von hier aus fliegen die USA ihre Drohnen und China baut Eisenbahnen und Erdgas-Verflüssigungsanlangen – alle denken sie an ihren eigenen Profit und beuten die Vorzüge des Landes aus, nutzen die strategisch glückliche Lege Dschibutis für Militärstützpunkte, wobei Frankreich seine Basis noch aus Kolonialzeiten hat. Und schließlich hat der Bürgerkrieg im Jemen viele Flüchtlinge und Hilfsorganisationen nach Dschibuti gebracht.

 

 

Am Anfang steht ein großer Verlust

Azizas Geschichte beginnt aber viel früher, und zwar zu ihrer Abizeit in Paris, als ihre Jugendliebe Anselm Strehler sie aus heiterem Himmel verlässt. Noch Jahrzehnte später prägt dieser Verlust ihr Leben. Wie ein Phantom geistert Strehler – diese unerfüllte, zur größten Liebe schlechthin hochstilisierte Sehnsucht – durch Azizas Welt und lässt sie einfach nicht los.

»Sie war süchtig gewesen nach allem, was sie mit Strehler geteilt hatte, und was sie mit ihm geteilt hatte, war alles, woraus ihre Welt damals bestand. Davon weg zu kommen, war die Hölle. (…) Aziza begann, Strehler zu hassen, vor allem aber hasste sie sich selbst dafür, dass sie ihn hasste und hassen musste, dafür, dass sie das Allerschlimmste nicht von sich hatte abwenden können. Sie hatte es zugelassen, dass er für sie zum Geheimnis geworden war (…). Denn Strehler hatte nicht einfach ihren Glauben an Strehler oder an die Liebe zerstört, sondern die Wirklichkeit selbst hatte gebebt und war bebend in sich zusammengefallen.« (21f.)

Ein Sedativum für die Liebe

Auf dieses einschneidende Erlebnis, dem Verlust eines Urvertrauens, folgen Phasen des Trübsals, die immer wieder von Phasen der Leichtigkeit abgelöst werden.
Als Anästhesistin ist Aziza Spezialistin für Narkotika. Ihr Leben lang ist sie bemüht, das Phantom, die Liebe zu Strehler – einem Strehler ihrer Vorstellung – schlafend zu halten. Denn getrieben ist sie nicht nur von der verpassten Liebe, sondern auch von ihrem Unverständnis für den Grund der Trennung. Eine Obsession, die sie mit flüchtigen Affären von sich fernzuhalten versucht.

Und dann ist da Tafari, ein Arbeitskollege im Krankenhaus von Dschibuti, eine Affäre, die dann doch außer Kontrolle zu geraten scheint. Aber kann Aziza sich auf eine neue Liebe, eine ernsthafte Beziehung einlassen? Noch bevor sie darauf für sich eine Antwort finden kann, muss Tafari aus dem Land fliehen, weil er die Opposition unterstützt hat, und es brenzlich zu werden droht. Von nun an arbeitet er in verschiedenen Hilfsprojekten der Nachbarstaaten und entscheidet sich schließlich für ein Leben auf der experimentell-utopischen Insel Aylan, die ein Schwerreicher gekauft hat, und auf der nun Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit Wirklichkeit werden soll. Aziza ist hin- und hergerissen zwischen zwei möglichen Leben: Strehler, der für ihre Pariser Seite steht, oder Tarafi, der ihr Leben und Engagement in Ostafrika symbolisiert.
Doch dann trifft sie nach siebzehn Jahren plötzlich wieder auf Strehler, der ihre gefestigt geglaubte Welt ordentlich ins Wanken bringt, und alles kommt anders als gedacht.

»›Du hättest ihn einfach ficken sollen‹, warf July ein. ›Unverbindlicherweise, versteht sich. Phantome brauchen Körper, damit sie von dannen ziehen können.‹« (94)

 

Take it or leave it

Die Rahmenhandlung nimmt immer wieder Bezug auf die Binnengeschichte. July hat den nötigen Durchblick, den Draufblick auf Azizas Leben, der ihr selbst fehlt, und schafft es, ihre Verwicklungen in Schwärmereien zu entwirren und ihr über eine bittere Erkenntnis hinweg zu helfen. Immer wieder plädiert July leidenschaftlich und augenzwinkernd für das Leben in Leichtigkeit. Und wenn alles nicht gegen die Schwermut hilft:

»›Well, Madame. Dann steig vielleicht einfach mal in die verdammte Badewanne.‹
›Scheint aber belegt zu sein.‹
›Kann man so sehen. Kann man auch anders sehen. Kann ja auch nur zur Hälfte belegt sein.‹« (133)

 

Philipp Stadelmaier gelingt der Spagat zwischen einer emotionalen Liebesgeschichte und klugen politischen und philosophischen Beobachtungen, zwischen Erotik, Witz und Schmerz. Azizas Geschichte entfaltet sich nach den klassischen Spannungsregeln – Kliffhanger, Vorgriffe, eingeschobene Backstorys und immer wieder schließen sich narrative Schleifen (ähnlich wie in dem Film MEMENTO). Kunstvoll verflechtet er seine dramaturgischen Bögen und erzeugt eine heftige Binnenspannung.

Erzählt wird eine Geschichte, die von Anfang an unterhält und berührt, die einen so starken Sog entwickelt, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Dabei werden komplexe Themen aufgegriffen und unsere Zeit in einer nachdenklichen Melancholie portraitiert. Tempo, Sound, Stil, haben mich vollkommen für dieses Buch eingenommen. Stadelmaier entwickelt eine Sprache, die flirrt, und betört, die frech und modern ist, verspielt und direkt, die mit dem Vulgären und einfältigem Slang kokettiert und dann wieder sehr tief blickt und eine klare Klugheit gebiert. Ein kraftvolles und leichtfüßiges Buch, das mich entzückt und verführt hat und das ich verschlungen habe an einem Tag, der so gar nicht nach Paris und Hitzeperiode war.

 

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»Queen July« von Philipp Stadelmaier umfasst 144 Seiten, erschien am 21.08.2019 im Verbrecher Verlag und kostet im Hardcover 19,00 €.

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